Die Hexen

Daliborka. Das Geheimnis der Freiheit

Berlin-Wedding, 1885: Während der Beratung zur Auffindung der gestohlenen Urkunde erkrankt Sir Elliot of Waterford tödlich. Er wurde bei der Explosion der drei Steine unwissentlich schwer verstrahlt. Nicht einmal Frau Daliborkas medizinisches Wissen kann ihn retten. Sein letzter Wunsch ist, noch einmal mit der Meerjungfrau Mariella zu sprechen, die er einst liebte. Weil sie ihn vor Jahren mit seinem besten Freund Julio betrog, hetzte er die Inquisition auf sie. Seitdem fehlt jede Spur von ihr. Auch Sahir kann sich nicht mehr an sein Leben als Graveur erinnern und verschwindet spurlos. Kurz darauf überfallen die Hexen die Dependance der Elben. Anscheinend haben sie... alles anzeigen expand_more

Berlin-Wedding, 1885: Während der Beratung zur Auffindung der gestohlenen Urkunde erkrankt Sir Elliot of Waterford tödlich. Er wurde bei der Explosion der drei Steine unwissentlich schwer verstrahlt. Nicht einmal Frau Daliborkas medizinisches Wissen kann ihn retten. Sein letzter Wunsch ist, noch einmal mit der Meerjungfrau Mariella zu sprechen, die er einst liebte. Weil sie ihn vor Jahren mit seinem besten Freund Julio betrog, hetzte er die Inquisition auf sie. Seitdem fehlt jede Spur von ihr.



Auch Sahir kann sich nicht mehr an sein Leben als Graveur erinnern und verschwindet spurlos. Kurz darauf überfallen die Hexen die Dependance der Elben. Anscheinend haben sie den Raub der Eigentumsurkunde veranlasst und holen nun zum letzten Schlag aus. Doch während der Verhandlung um Freiheit um Leben muss Frau Daliborka feststellen, dass es den Hexen um mehr geht als um die Vorherrschaft im Kiez.



Die Wirtinnen Barbara und Sibylle wurden indes in die Charité eingeliefert. Während Sibylle die Behandlungskosten im Krankenhaus abarbeiten muss, wird Barbara vom Oberarzt hofiert. Er findet Gefallen an ihr und ihrem Fall. Sie ahnt nicht, was er wirklich mit ihr vorhat ...



Teil 2 der Trilogie "Das Geheimnis der Freiheit"



In der Charité



»Sibylle …«

Nur mühsam bekam die Gerufene die Augen auf, erst das eine, dann das andere. Dunkelheit herrschte im Frauensaal der Charité. Leises Schnarchen und gleichmäßiges Atmen verwirrten sich zu einer maroden Melodie aus Schmerz und Siechtum.

»Sibylle!«

Langsam wandte sie den Kopf. Gegen die hellen Laken konnte sie die unförmigen Umrisse ihrer ehemaligen Geschäftspartnerin Barbara erkennen. Wäre Tag gewesen, hätte sie gewusst, welche Ausbuchtung der Kopf und welche ihre lädierte Schulter waren. So flehte ein unförmiger Klumpen zu ihr, sie zu erhören.

»Sibylle.«

»Was denn?« Ihr Kopf schmerzte von dem Deckenbalken, der beim Einsturz des Hauses auf ihr gelandet war. Auch der Nacken schien in Mitleidenschaft gezogen, er war steif wie ein Brett.

»Ich muss kotzen«, blubberte Barbara, da war es schon geschehen.

»Schockschwerenot.« Erschöpft schloss Sibylle die Augen. »Barbara. Kannst du dich nicht endlich ein wenig zusammenreißen?« Mit einem Ruck hob sie den Kopf, knurrte: »Vor all den Leuten!«, und ließ sich wieder ins Kissen fallen. Der Schmerz war zu heftig.

»Wer hat gerufen?«, fragte die ärgerliche Stimme der Nachtschwester.

Kraftlos deutete Sibylle zu Barbara hinüber, wo der saure Geruch sich einmal mehr anschickte, zügig den Schlafsaal zu erfüllen. Leise schimpfend trat die Nachtschwester an das Bett der mit Übelkeit Geschlagenen. »Wo nimmst du all die Kuddelei her? In dir kann ja nichts mehr drin sein. Liegenbleiben, ich hole frische Wäsche!«

Sie rauschte davon.

»Mir ist so schlecht«, flüsterte Barbara erstickt. »Ich glaube, ich muss sterben.«

»Stell dich nicht so an«, kam es schwach von der anderen Seite. Dort lag Rosi, Arbeiterin in der Kammgarnspinnerei. Sie trug wie Sibylle einen dicken Verband um den Kopf. »Das wird von dem Feuer kommen, aus dem sie dich gerettet haben!« Sie röchelte wie eine alte Katze. Wenn man sich konzentrierte, konnte man darin ein leises Lachen erkennen. »Meinen Alten haben sie auch aus einer brennenden Halle geholt. Der hat sich danach schier die Gedärme ausgekotzt. Wie du!«

»Wie lang hat es gedauert«, stieß Barbara hervor, »bis es ihm wieder besserging?«

»Drei Tage«, röchelte Rosi schwach. »Dann war er tot.« In ihrer Schicht vor zwei Tagen hatte etwas Weiches zwischen den Zahnrädern der Spinnereimaschine die ganze Produktionsstraße zum Anhalten gebracht. Als die eilig herbei gerufenen Schlosser neben einem blutigen Hautlappen einen von Rosis langen schwarzen Zopf herauszogen, war die Ohnmächtige längst in einer Rot-Kreuz-Kutsche unterwegs zur Charité.

»Und ich bin auch bald dran«, flüsterte sie und begann vor Schmerz zu schreien.

Wie der Blitz war die Nachtschwester wieder da. Sie hatte sogar die Wäsche für Barbara mitgebracht. Aber Rosis Schmerzensschreie raubten allen den Schlaf, und so musste sich die Nachtschwester erst um die Arbeiterin kümmern. Sibylle ahnte, dass die Morphiumspritze, die Rosi in den Arm bekam, eine der letzten für die arme Frau sein würde.

Barbara würgte.

»Reiß dich endlich zusammen!«, herrschte die Nachtschwester sie an, noch mit der Spritze in Rosis Arm.

Doch auch Barbara schien alle Contenance verloren zu haben. Erneut erbrach sie sich, wie sie es schon den ganzen Tag über getan hatte. Sibylle hätte ihr helfen mögen, wenn ihr nicht so schwindelig gewesen wäre. So blieb ihr nur, Barbaras anhaltendes Würgen zu ertragen und zu hoffen, dass sie nicht auch ihr Herz ausspuckte.

»Sie da! Sie hat doch mit dieser Person eine Bierstube in Kooperation betrieben, oder?«

Verwundert blinzelte Sibylle in die Dunkelheit. Ihr Kopfverband saß immer noch recht stramm. »So ist es«, antwortete sie, bevor sie überhaupt wusste, wer die Frage gestellt hatte.

Neben ihrem Bett ragte eine kleine, dunkle Frau auf. Der teuren Fellstola nach zu urteilen, die um ihren Hals lag, gehörte sie keinesfalls zu den Pflegerinnen. Sibylle hätte fragen müssen, was die fremde Dame um diese Zeit hier tat. Aber sie traute sich nicht.

Die Frau trat näher an Sibylles Bett heran, als müsste sie trotz des Lärms neugierigen Ohren im Saal zuvorzukommen. »Dann muss Sie mir sagen, was aus der Küchenhilfe geworden ist!« Drohend schob sie das Gesicht ganz nah an Sibylles heran.

»Aus Anna?« Sibylle wurde mulmig zumute. Hatte Anna etwas ausgefressen, bevor sie zu Sibylle und Barbara in den Dienst gekommen war? Forderte diese Dame nun mitten in der Nacht Genugtuung und Wiedergutmachung von etwas, auf das Sibylle keinen Einfluss hatte? Trotz der Dunkelheit funkelten die Augen dieser Frau irgendwie gemein. Unterirdisch. Dämonisch …

Sibylle musste die Augenlider zusammenpressen, um überhaupt nachdenken zu können. »Das weiß ich leider nicht. Sie hat das Haus verlassen, bevor der Dachstuhl einstürzte. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.«

»Und die da?« Die Frau deutete mit dem Daumen über die Schulter zu Barbara. Die würgte immer noch. »Weiß sie etwas?«

»Keine Ahnung.« Zur Bekräftigung zog Sibylle die Schultern hoch und bereute es sofort. Brennender Schmerz rannte durch ihren Nacken und ließ sie die Augen wieder öffnen.

Das Gesicht der Dame schien noch näher herangekommen zu sein. Unzählige Falten gruben sich zwischen ihren dichten Augenbrauen in die Stirn. Die Nase wölbte sich vor wie ein Rammbock, bereit zum Angriff. Die Hände schienen nach einer imaginären Axt zu greifen, um unter schaurigem Gelächter Sibylles Schädel zu spalten …

»Ist Sie ganz sicher?«. Jedes Wort der Dame grollte wie eine Felslawine zu Tal.

»Ja«, piepste Sibylle verwirrt. Was war das schon wieder? Eine weitere Nachwirkung der Séance mit dem schönen Monsieur Orell?

Langsam wich die Dame zurück und richtete sich stolz auf. Es änderte nichts an ihrer Kleinheit. »Gut«, sagte sie, als hätte sie nicht gerade wie ein zorniger Berggeist gesprochen. »Dann möge Sie bald genesen.«

Obwohl ihr Kopf schwerer zu werden schien, konnte Sibylle den Blick nicht von dem fliehenden Schemen abwenden, bis es den Saal verlassen hatte. Und wären die Grillen in ihrem Kopf so groß gewesen wie die in Barbaras, hätte Sibylle jeden Eid geschworen, gerade einer wütenden Zwergin begegnet zu sein.



*



Beschwörung der Toten



Die Kontaktaufnahme mit dem Jenseits war ein interessanter, aber auch gefährlicher Zeitvertreib. Beschloss ein Lebender, dort die Antwort auf seine Fragen zu suchen, war er gut damit beraten, genug Zeit für die Séance einzuplanen. Bestenfalls geriet er an einen mitteilsamen Duhovior. Dieser kredenzte ihm mit größter Wahrscheinlichkeit nicht nur die passende Antwort, sondern auch seine Lebensgeschichte.

Tat man dagegen ein Fantom auf, war ein starkes Nervenkostüm unabdingbar. Zu Fantomen wurden Wesen der Zwischenwelt, wenn sie die Umstände ihres Todes nicht hatten verwinden können. Statt wie ein Duhovior den Beschwörenden mit einem melancholischen Rückblick auf bessere Zeiten zu langweilen, versetzte das Fantom ihn in Trance. Wie im Rausch durchlebte der Beschwörende jede Sekunde des Ablebens des Zwischenweltwesens bis zum Eintritt des Todes. Auch die Beisitzenden konnten von diesem Taumel mitgerissen werden. Nervöseren Gemütern riet man deshalb von der Teilnahme an Séancen ab. Denn eine spezielle Kur für Nervenzusammenbrüche nach dem Kontakt mit dem Jenseits gab es nicht.

Das waren nur zwei Gründe, warum Wesen wie Zwerge und Elben aus Prinzip alles mieden, was sich nicht mit den Händen bearbeiten oder eindeutig mit Worten definieren ließ. Nur in außerordentlich verzwickten Fällen erwog das Oberhaupt einer Sippe den Kontakt zur Geisterwelt.

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  • Autor find_in_page Michaela Stadelmann
  • Autoreninformationen Michaela Stadelmann wuchs in Wesel am Niederrhein auf. Seit 2007… open_in_new Mehr erfahren
  • Wasserzeichen ja
  • Verlag find_in_page Textflash
  • Seitenzahl 253
  • Veröffentlichung 19.09.2019
  • ISBN 9783940582928

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