Berlin
Der große Krieg im Osten, 3. Buch
Berlin, Frühjahr 1945.
In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wird die Reichshauptstadt zum Brennpunkt eines untergehenden Systems – zerrissen von Bomben, Flucht, Fanatismus und moralischem Zusammenbruch. Theodor Plievier folgt Offizieren, Soldaten und Zivilisten auf ihrem Weg durch die Trümmerlandschaft einer Stadt, in der Ideologie und Menschlichkeit unversöhnlich aufeinanderprallen.
Mit schonungsloser Klarheit zeigt Berlin, wie Krieg entmenschlicht: wie Schuld verdrängt, Leiden relativiert und Gewalt bis zuletzt gerechtfertigt wird – und wie dennoch, mitten im Inferno, Fragen nach Verantwortung, Wahrheit und Zukunft unausweichlich werden. Ein erschütterndes literarisches Dokument über das Ende eines verbrecherischen Krieges und den Preis, den Menschen dafür zahlen.
Hinter dem Alexanderplatz, in der Landsberger Straße, wo Oberst Zecke einmal im Keller gesessen hatte, war die gleiche Frau, die ihn damals betreut und ihm ein nasses Tuch gereicht hatte, zusammen mit den andern auf dem Weg zum Wasserhydranten. Gegen fünf Uhr morgens war es. Dicke Staub- und Brandwolken hingen über den Ruinen. Grünes Licht sickerte auf die Straße – giftgrün war die Spiegelung von dem zusammenfallenden Feuer auf einem Lagerplatz für ausländische Hölzer, und grün waren auch die Gesichter der Frauen. Mit den Eimern in der Hand drückten sie sich an der Häuserwand entlang. Die schauerliche Sirene ertönte nicht mehr, war verstummt – aus Stommangel. „So hat alles sein Gutes“, sagte jene Frau Riek zu ihrer Nachbarin. „Wir brauchen dieses scheußliche Heulen nicht mehr zu hören. Bei Gefahr soll dreimal geschossen werden. Zum Lachen, denn wer hört das schon bei dem ununterbrochenen Höllenlärm!“ Das Krachen und Bersten der Bomben war abgelöst worden von den Geräuschen der Front. Artilleriegeschosse fegten durch die Landsberger Straße. Manche Geschosse brummten nur, andere heulten, noch andere pfiffen, und nochmals andere rollten dumpf und lang anhaltend. Die Frauen aus dem Hause in der Landsberger Straße hatten ihre Eimer gefüllt und gingen zurück. Frau Riek stellte ihre Eimer ab und blickte auf. Vor ihrem Haus am Laternenpfahl hing ein armseliges Bündel Mensch. Ein Soldat war während der Nacht von einer Streife aus dem Keller geholt worden und hing nun hier mit einem Pappschild an der Brust. Auch die anderen Frauen machten halt und starrten entsetzt dieses unwirkliche Bild an.
Aus dem Hausflur heraus ließ sich eine Stimme vernehmen:
„Sehr richtig – so muss man es mit allen machen, die feige sind!“ Der Frau wurde es kalt, ihr Gesicht verfärbte sich, wurde blass unter der Schicht aus Staub und Ruß. Sie brachte das Gesehene und das darüber Ausgesagte nicht zusammen. Und sie konnte und wollte die Stimme nicht erkennen. Die scheppernde Stimme ihres Mannes. Dieser Jammerlappen stand unter dem Haustor und entblödete sich nicht, solche hämische Bemerkung zu machen, und fand vielleicht noch Zustimmung, nicht bei allen, aber bei manchen.
Auch Franz war da. „Quatsch doch nicht dämlich!“, sagte er zu Riek.
Es gab aber noch immer Dumme und Verblendete und Verführte genug. Frau Riek wollte über ihren Mann herfallen, doch sie verschluckte das Wort, das sich ihr auf die Lippen drängte. Sie fasste sich, der lauernde Ausdruck auf den Gesichtern der andern warnte sie. Noch nicht, noch nicht … wären doch bloß erst die Russen da! „Steh da nicht herum, trag lieber die Eimer“, schrie sie Riek an. Sie ließ die mit Wasser gefüllten Eimer stehen und ging voran in den Hausflur. Sie ging vorbei an den Toten, die dort an der Wand abgestellt waren. Von der Straße Hereingetragene waren es, aus dem Haus ein altes Ehepaar mit ihrer Tochter, die sich vor einer Stunde das Leben genommen hatten. Und der alte Veteran Willem lag in der Reihe; er war in der vergangenen Nacht an der vor einigen Wochen während eines Luftangriffs erhaltenen Splitterverwundung gestorben. Eine weitere Tote war die Hausbesitzerin, die, ohne Morphium geblieben, in sich zusammengefallen und ohne ein Wort der Klage gestorben war.
Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete – Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten.
Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman „Des Kaisers Kulis“ gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: „Stalingrad“. Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen.
Mit „Moskau“ (1952) und „Berlin“ (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft – ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht.
Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden.
Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen – geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126315458270.1
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Autor
Theodor Plievier
- Verlag EDITION digital
- Veröffentlichung 08.01.2026
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- ISBN 9783689126315
- Verlag EDITION digital