Das gefrorene Herz
Erzählungen
In Das gefrorene Herz hält Theodor Plievier dem deutschen Russlandfeldzug im Zweiten Weltkrieg ein schonungsloses literarisches Protokoll entgegen. Anhand authentischer Briefe, erschütternder Einzelschicksale und präzise beobachteter Frontsituationen zeigt er den Krieg im Osten als das, was er war: ein Feldzug der Entmenschlichung, des Hungers, der Kälte und der moralischen Verwüstung.
Plievier erzählt von Soldaten, die im Schnee erfrieren, aus Hunger töten, an Befehlen zerbrechen oder in blindem Gehorsam zu Tätern werden – und von jenen, die zu spät erkennen, dass sie Teil eines verbrecherischen Krieges sind. Seine Erzählungen entlarven die Lügen der Propaganda und machen sichtbar, wie der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion nicht nur Millionen Leben kostete, sondern auch das Gewissen der Beteiligten zerstörte. Das gefrorene Herz ist ein eindringliches Mahnmal gegen Krieg, Ideologie und Wegsehen – und ein literarisches Zeugnis von bedrückender Aktualität.
Ein deutsches Weihnachtsmärchen
Zwei Wölfe
Auch Schädelgrundbruch hat nicht geholfen
Da liegt der Schreihals
Das Grab bei der Schaffarm Sejmspolje
Worin die Schuld des Peinbaur-Franz besteht
Der Knopf des Alois Materober
Der Igel
Die bittere Wahrheit … und die ist kein Trost
Alwine musste sterben
Das Land des Grauens
Die Frau aus Gshatsk
Zwei Kubikzentimeter Luft
Der flaamsche Leu im Bunker
Der Duft von Heliotrop, und der ist süß und der ist herb…
Das gefrorene Herz
Das Land des Grauens
Heute kam Dein lieber, trauriger Brief vom 4. Januar. Was Du schreibst, hat auch mich traurig gemacht. Es ist das erste Mal, dass Du klagst, mit Deinem Los nicht zufrieden bist. Ich kann Dich gut verstehen. Die Kämpfe im Osten dauern so lange, sind so hart. Niemand wünscht sehnlicher als ich, dass Du endlich fortkommen möchtest aus diesem Land des Grauens. Nein, Sommer kann es nicht noch einmal werden. In dieser Umgebung geht Ihr ja seelisch zugrunde. Wie es um Euch steht, lese ich zwischen Deinen lieben Zeilen. Du hättest sonst nicht so traurig geschrieben. Alles Schwere trage ich mit Dir, merkst Du das nicht! Mein Junge, der immer zufrieden war, wie es auch kam, ist auf einmal so verzagt. Kopf hoch, liebes Herz …
„Dein Brief vom 4. Januar“, schreibt sie … Wann war das, und was war da? Eine Hütte war da, eine Hütte am Wege, und endlich Schlaf, nach langem Marschieren endlich einmal Schlaf. Aber das stimmt nicht, die Worte stimmen nicht. Eine Hütte ist keine Hütte, und Marschieren ist nicht Marschieren, und Schlaf ist nicht Schlaf. Die Hütte war nur ein erschüttertes und unter der Schneelast zusammengesunkenes Gefüge. Und Marschieren war Laufen und Sichhinwerfen und Feuern, was die Rohre hergaben, und wieder Laufen und wieder Im-Schnee-Liegen, und wieder … doch auch Laufen (aber wo kommt man da hin!) – nein, auch Laufen war das nicht, Taumeln war es und Weitermüssen, trotz allem. Und Wilhelm Fiß bekommt einen Kopfschuss und fällt und gibt keinen Laut mehr von sich. Und Mirs fällt mit einem Lungenschuss und bleibt ebenfalls liegen. Und Gundelsperger hat einen Beinschuss und setzt sich hin. Und der Himmel ist in Bewegung und wirft Schnee über die marschierende Gruppe, und Fiß und Mirs und auch Gundelsperger bleiben für immer zurück. Dann ist es Bublitz, der erfriert im Marschieren und fällt aus der Reihe heraus, und der treibende Schnee deckt ihn sofort zu. Das Letzte von Bublitz hat er, der am Ende der in langer Reihe marschierenden Kompanie ging, genau gesehen. Durch die von der Kälte beschlagenen Brillengläser, hat er ihn neben den Fußstapfen der anderen liegen sehen. Auf das Gesicht war er gefallen, ein grauer Strich und auf dem Rücken das Kochgeschirr, so ragte er aus dem Schnee auf, Schlafdecke und Kochgeschirr, mehr hatte er nicht besessen. Tornister und Schnürschuhe und alles andere war auf dem Rückmarsch verbrannt worden, so war es befohlen. Fiß und Mirs und Gundelsperger und der Bublitz, das waren vier. Karl Knockenfuß, Andreas Niedermeier, Peter Lobes und er selbst, das sind die andern vier, die übrig blieben, die an die zusammengefallene Hütte gelangten, dort übereinander hinsanken und in einen tiefen Schlaf fielen. Aus diesem Schlaf, der nichts als Stürzen durch eine weiße Nacht war, aus diesem Schlaf war er aufgefahren, hatte nach einem Stück Papier gegriffen und an Monika geschrieben. Und weshalb hat er geschrieben – das Ausstrecken einer Hand war es, das Greifen nach einem Halt, dem einzigen, der geblieben war. Der noch geblieben war, so schien es damals. Doch auch diesen Halt gibt es nicht mehr. Schon der Butschkow und der Zenker und der Joris, die den Rückzug nicht mitgemacht haben und erst hier im Igel zu uns gekommen sind – wir sprechen täglich mit ihnen, lösen einander auf Posten ab, schlafen im selben Erdloch – aber sie sind uns Fremde geblieben. Den Weg durch den Schnee, und was auf dem Wege geschah, das haben sie nicht mitgemacht, das steht zwischen uns, und ihre Worte und unsere Worte bedeuten nicht dasselbe. Aber Monika, wie weit ist Monika! Und hat es einmal Monika gegeben, hat es solche Stille gegeben – auf dem sauber gedeckten Frühstückstisch die Morgensonne, helle Lichter auf dem Kaffeegeschirr, Hände, die Brote zurechtmachen, und wenn die Tasse leer ist, immer wieder einschenken, der Blick auf die Frau, und weiter durch das helle Fenster über grüne Baumkronen hinweg … haben Tage einmal so beginnen können! Alles war wirklich, und es ist nicht mehr. Der Butschkow und der Zenker und der Joris, als sie in das halb fertige Erdloch kamen, haben große Augen gemacht. Die Hälfte von uns erfroren, unsere Füße und Hände kaputt, wir alle fertig! Aber wie fertig wir waren, das wussten sie nicht, und das wissen sie heute noch nicht. „Land des Grauens“, schreibt Monika. „Dort geht Ihr seelisch zugrunde“, schreibt sie. Weiß sie, kann sie ahnen? … Kann ich jemals zurück, kann ich das Gesicht an ihre Schulter pressen, kann ich vergessen, was auch wirklich war? Erst wir, dann die Einwohner, hieß es bei uns. Ein Stück Brot, und wenn es das letzte in der Schublade war, war eben gut, um uns Kraft für noch einige Kilometer Marsch zu geben, und eine Hütte war eben gut, um sie in Feuer aufgehen zu lassen und uns daran zu erwärmen. Wie viele Menschen mussten sterben, damit vier Mann hundertzwanzig Kilometer zurücklegen konnten; wieviele Frauen und Kinder ließen wir, wenn wir weiter in die Schneenacht zogen, in dem Rauch, der hinter uns blieb, zurück … Kopf hoch, liebes Herz! Ach, Monika, Dein Robert, Robert Duff, erhebt seinen Kopf niemals mehr! Es liegt nicht hinter uns, in uns liegt das Land des Grauens!
Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete – Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten.
Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman „Des Kaisers Kulis“ gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: „Stalingrad“. Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen.
Mit „Moskau“ (1952) und „Berlin“ (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft – ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht.
Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden.
Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen – geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126353458270
- Artikelnummer SW9783689126353458270
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Autor
Theodor Plievier
- Verlag EDITION digital
- Veröffentlichung 09.01.2026
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- Kommentar vom Verlag: Dieses E-Book ist barrierefrei nach EPUB Accessibility 1.1. Es enthält strukturierte Navigation, maschinenlesbare Spracheinstellungen, Alternativtexte für alle Bilder und keine bekannten Zugangshindernisse. Geeignet für Screenreader und barrierefreie Lesesysteme.
- ISBN 9783689126353
- Verlag EDITION digital