Im letzten Winkel der Erde

Im letzten Winkel der Erde
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Im letzten Winkel der Erde gibt es kein Entkommen vor sich selbst. In einer staubigen Hafenstadt Nordchiles, zwischen Salpeterwüste und Pazifik, strandet ein Mann, der glaubt, hier neu beginnen zu können. Doch statt Freiheit findet er Ausbeutung, soziale Kälte und eine Welt, in der menschliche Würde täglich neu erkämpft werden muss. Theodor Plievier zeichnet mit großer Wucht das Leben der Entrechteten, der Gestrandeten und der Suchenden nach: Seeleute, Minenarbeiter, Frauen zwischen Stolz und Hoffnung, Menschen, die am Rand der Zivilisation um Liebe, Anerkennung und Überleben ringen. Ein intensiver Roman über koloniale... alles anzeigen expand_more

Im letzten Winkel der Erde gibt es kein Entkommen vor sich selbst.

In einer staubigen Hafenstadt Nordchiles, zwischen Salpeterwüste und Pazifik, strandet ein Mann, der glaubt, hier neu beginnen zu können. Doch statt Freiheit findet er Ausbeutung, soziale Kälte und eine Welt, in der menschliche Würde täglich neu erkämpft werden muss. Theodor Plievier zeichnet mit großer Wucht das Leben der Entrechteten, der Gestrandeten und der Suchenden nach: Seeleute, Minenarbeiter, Frauen zwischen Stolz und Hoffnung, Menschen, die am Rand der Zivilisation um Liebe, Anerkennung und Überleben ringen. Ein intensiver Roman über koloniale Machtverhältnisse, über das Zerbrechen von Illusionen und über den unbeugsamen Willen, Mensch zu bleiben – selbst dort, wo die Welt am härtesten ist.



„Du musst doch eigentlich Geld haben!“, meinte Wenzel.

„Die Hälfte für das Boot hat der Moro gekriegt, und die andere Hälfte hat die Cachapoja in Verwahrung“, sagte Pejesapo und fügte hinzu: „Du willst doch, dass ich mit dir auf den Fang fahren soll!“

Das wollte Wenzel, fürs erste jedenfalls, denn dieser Pejesapo war nicht immer ein Klippenspringer gewesen und kannte von Tarapaca bis Caleta Colosso und weit darüber hinaus alle ergiebigen Fischplätze.

„Das will ich!“, sagte er. „Aber ich will auch das Netz und die Grundangeln kaufen!“

„Das Zeug ist billig, und ich gebe dir mein Wort, dass wir ohne Fanggerät nicht nach Caleta Colosso zurückkommen!“

Pejesapo erhielt den Zwanziger und wunderte sich darüber, wie schnell seine Dame das teure Bier in sich hineingießen konnte. Sie hieß Marguerita und war aus dem schönen Arequipa. Aber das erzählte sie Wenzel, und sie wollte wissen, von welchem Schiff er sei. Wenzel antwortete, er sei aus Caleta Colosso, und im Übrigen sei er müde und wolle schlafen. Marguerita glaubte ihm weder das eine noch das andere, sagte aber, schlafen könne er nirgends besser als in ihrem Bett, es sei breit und so weich wie das Nest einer Chinchillamaus. Die nächste Flasche Bier für Marguerita zahlte Wenzel. Und bei der nächsten Zambaeueca wählte der Pejesapo sich eine der Trommlerinnen aus, eine stattliche Erscheinung mit hohem Busen und einem Gesicht wie der volle Mond. Sie hieß Olympia, und der Pejesapo war mit dem Tausch zufrieden. Bei der Zambaeueca umwarb er sie wie der Mops eine mächtige Fleischerhündin.

„Etwas Stolzes, was anderes als die Cachapoja-Nichte und auch als diese Chinchillamaus!“, erklärte er Wenzel, als er schwitzend und mit rotem Kopf sich wieder neben ihm niederließ. „Aber einen Zehner musst du schon noch rausrücken, weil ich doch nun noch eine Dame zu traktieren habe!“

Er bekam noch einen Fünfer, und Wenzel hielt es für besser, sich sobald als möglich zurückzuziehen. Er einigte sich mit Marguerita; sie zögerte auch nicht länger und stand auf. Die Hausmutter, die herankam und wenigstens eine letzte Bestellung entgegennehmen wollte, musste herunterschlucken, dass Marguerita gar nichts weiter wünsche. Sie führte Wenzel auf den Gang hinaus und zündete eine Kerze an. Einige Stufen ging es hinauf, dann waren sie in ihrem Zimmer angelangt. Wenzel fasste das Bett an, sie hatte nicht übertrieben. Sie hatte das beste Bett im Haus, sie war die erste Kraft, und auch nur deshalb hatte sie die Hausmutter brüskieren und ihren Gast wegführen können, ohne ihn zu weiteren Getränken animiert zu haben; dass sie das von sich aus unterlassen hatte, gefiel ihm an ihr. Als sie sich an dem Lager gegenüberstanden, blickte er sie an. „Wirklich ein schönes Bett“, sagte er, „aber ich habe vorher die Wahrheit gesagt, ich will nichts als schlafen. Du kannst also, wenn du willst, wieder hinuntergehen!“

„Nein, ich will nicht, und ich kann dir auch nur ein halbes Bett abtreten!“, sagte sie.

„Also auch gut!“, erwiderte er.

Draußen sprang die Musik wieder auf, und die von der Gitarre und den knöchernen Rhythmen begleitete heisere Frauenstimme tönte jetzt wirklich wie die sich durch leere Weiten ziehende Klage der Wüste. Marguerita knöpfte ihr Kleid auf und zog es über den Kopf. Sie war kleiner als Wenzel, doch in den Strümpfen, die ihr wie eine zweite Haut bis zu den sanft gespannten Schenkeln gingen und mit den unter dem leichten Seidenhemd verschwindenden Bändern, sah er sie gefährlich aufwachsen, der aus dem Kleid herausschlüpfende Arm hatte einen hellen Goldton. Wenzel dachte plötzlich an ein sich hochmütig verschleierndes Gesicht, und er hatte eine Vorstellung von Glas, das so hauchfein ist, dass man nicht hört, wenn es zwischen den Händen zerbricht. Er wollte Marguerita beim Ausziehen nicht länger zusehen. Er drehte sich im Zimmer herum und betrachtete die Gegenstände. Ein Stuhl war da, über den er seine Kleider hängen konnte. In der Ecke stand ein Tisch mit einer Waschschüssel. Auf einer mit Wachstuch bezogenen Kiste stand ein Spirituskocher und ein Wasserkessel. An der leeren Wand hing ein sauberes Handtuch. Und da hing noch an einem Nagel eine Mütze, ein windverzogenes und schrecklich speckiges Ding. Eine solche Mütze hatte er schon gesehen, hatte er auf einem Kopf gesehen. Man sagt, dass ein menschliches Antlitz nicht zweimal in der gleichen Prägung vorkommt, und das an einem Menschen alt und besonders gewordene Kleidungsstück kann auch kaum zum zweiten Mal in genau derselben Physiognomie auftreten. Es musste also nicht nur eine gleiche, sondern genau dieselbe Mütze sein! Wenzel vergaß fast die Anwesenheit Margueritas. Er nahm die Mütze vom Nagel und betrachtete sie von außen und von innen, und am Innenfutter entzifferte er den verwischten Firmenstempel. Eine Stetsonmütze war es, er las: Kingstreet, Newcastle, New South Wales. Es gab keinen Zweifel mehr, und zum Überfluss stülpte er sich die Mütze auf seinen eigenen Kopf. Sie rutschte ihm tatsächlich über Ohren und Nase bis fast auf sein Kinn. Er drehte sich um und hielt die Mütze in der Hand. Marguerita lag schon unter der Decke.

„Was ist das?“, fragte er sie.

„Eine Mütze!“ Sie blickte ihn verwundert an.

„Aber wie kommt sie hierher, wer hat sie getragen?“

Marguerita lachte belustigt.

„Unser Schlepper!“

„Ach so, ein Schlepper, euer Schlepper also?“

„Ja, der ist schon eine ganze Weile bei uns, bringt die Matrosen ins Haus. Ich hatte ihm vorher einen Schnaps spendiert!“

„Das ist wirklich eine Begegnung“, murmelte Wenzel.

Er löschte die Kerze, zog sich aus und legte sich ins Bett. Marguerita lag lang ausgestreckt da. Es war ein wunderliches Gefühl, das sie beschlich, und sie wusste nicht, ob sie sich ärgern sollte. Aber sie rührte kein Glied, und als sie nach einer Weile die langen und gleichmäßigen Atemzüge ihres Gastes vernahm, schlief sie ebenfalls ein.

Ihr Fenster war schon hell, und in der Nähe brüllte das Maultier des Wasserholers, als sie wieder erwachte. Sie betrachtete den Schläfer neben sich, und als der sich zu rühren begann, schloss sie die Augen wieder und stellte sich schlafend. Sie hatte ihr Gesicht ihm zugekehrt und fühlte, dass seine Augen jetzt auf ihr ruhten. Sie dehnte ihren Leib wie im Erwachen, hielt ihre Augen aber geschlossen und wartete. Nachdem eine Weile vergangen war, blickte sie auf und sah seinen Rücken. Er saß auf der Bettkante und griff zum Stuhl hinüber nach seinen Kleidern. Das ausgeschnittene Trikothemd ließ seinen Nacken und kräftige breite Schultern sehen, und lange muskulöse Arme hatte er. Er zog seine Hosen an, und jetzt erst wusste sie, dass sie sich wirklich ärgerte, und dass sie diesen Kerl bei der Olympia oder bei der Zoraida hätte schlafen lassen sollen. Aber sie stand auf, warf sich einen Kimono über, ging hinaus und brachte ihm eine Kanne warmes Wasser. Sie tat noch mehr, in dem Teekessel hatte sie heißes Wasser mitgebracht, das auf ihrem Spirituskocher sofort aufkochte. Die blaue Spiritusflamme, das Surren des Wassers im Kessel, das Aufbrühen des Kaffees und der kräftige Kaffeegeruch, der das Zimmer erfüllte, waren eine ganze Zeremonie. Aber dieser Büffel, der sich mit ihrem warmen Wasser den Oberkörper abgewaschen hatte, frottierte sich Brust und Rücken und Arme, streifte seine Bluse über, setzte die Mütze auf den Kopf, goss die Tasse Kaffee (als ob man hier im Hause überhaupt mit Kaffee bewirtet würde) stehend hinunter, blickte sie aus hellen Augen an, drückte ihr die Hand und sagte: „Vielen Dank, Marguerita!“

‚Vielen Dank, Marguerita!‘, hatte er gesagt und war verschwunden. Marguerita lachte über sich, aber sie riss das Laken vom Bett ab, als ob sie darauf geschändet worden wäre. ‚Vielen Dank, Marguerita!‘ ,Vielen Dank, mein Herr!’, hätte sie diesem wilden Tier antworten sollen und ihm sein Geld zurückerstatten, ja, das hätte sie tun sollen!



Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete – Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten.

Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman „Des Kaisers Kulis“ gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: „Stalingrad“. Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen.

Mit „Moskau“ (1952) und „Berlin“ (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft – ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht.

Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden.

Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen – geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.

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  • Artikelnummer SW9783689126391458270
  • Autor find_in_page Theodor Plievier
  • Verlag find_in_page EDITION digital
  • Veröffentlichung 12.01.2026
  • Barrierefreiheit
    • Barrierefrei nach: EPUB Accessibility Spec 1.1
    • Aussehen von Textinhalten kann angepasst werden
    • Enthält ausführliche Alternativtexte
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    • Kommentar vom Verlag: Dieses E-Book ist barrierefrei nach EPUB Accessibility 1.1. Es enthält strukturierte Navigation, maschinenlesbare Spracheinstellungen, Alternativtexte für alle Bilder und keine bekannten Zugangshindernisse. Geeignet für Screenreader und barrierefreie Lesesysteme.
  • ISBN 9783689126391

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