Eine deutsche Novelle
Ein Mann klingelt an einer Berliner Wohnungstür – und bringt eine Geschichte mit, die fünfzehn Jahre lang verschüttet war. Im Zentrum dieser eindringlichen Novelle steht ein ehemaliger Matrose, der an den Novembertagen von 1918 beteiligt war und nun, im Schatten des nationalsozialistischen Machtantritts, mit seiner Schuld konfrontiert wird.
Theodor Plievier erzählt von individueller Verantwortung im Strudel der Geschichte, von Verdrängung, Mitläufertum und der tödlichen Konsequenz blinden Gehorsams. Mit großer psychologischer Genauigkeit verbindet diese Novelle die Erfahrungen der Novemberrevolution mit den Anfängen des „Dritten Reiches“ – und zeigt, wie Gewalt, einmal entfesselt, fortwirkt. Ein literarisch dichtes, erschütternd aktuelles Dokument gegen das Vergessen.
Und da kam ein alter Obermaat auf mich zu.
„Junge, schmeiß das weg!“, sagte er zu mir. Wie ein Vater sagte er das. Ich griff nach dem Koppelschloss, es sprang auf und fiel samt Seitengewehr und Patronentaschen in den Rinnstein. Die Pistole warf ich hinterher. Jetzt erst dachte ich an meine Kameraden. Dabei fiel mir der Bremer ein, und dass ich sah, wie eine Eisenstange auf ihn eingeschlagen hat. Im gleichen Moment, in dem ich mich von dem niedergetretenen Leutnant abwandte, muss das geschehen sein. Aber das mit dem Bremer war ebenfalls sonderbar, auch so ein zusammenhangloses und selbstständiges Bild in meinem Kopf, dabei so genau, dass ich es heute noch aufzeichnen könnte, sogar, dass die Stange so ein schmiedeeisernes Zierstück von einem Gartenzaun war, wusste ich. Jetzt aber sah ich mich nach dem Bremer um. Er war nicht mehr da. Auch alle andern waren weggelaufen. Ganz allein stand ich unter den vielen Menschen auf dem Platz. Einen Verwundeten sah ich, der seine Arme über die Schultern von zwei Matrosen gelegt hatte und mit nachschleifenden Beinen weggeschleppt wurde. Andere trugen einen Toten vorbei. Mir war, als müsse ich helfen oder wenigstens hinter dem Zug hergehen.
Dann erfasste mich die Angst.
Vorher hatte ich gar keine Zeit, Angst zu haben. Jetzt fing ich zu laufen an, nur weg von dem Platz. Bis ich plötzlich vor einem Offizier stehe, vor unserm dicken Hauptmann, und ich reiße die Knochen zusammen. Und da sehe ich, dass er vor mir, ich muss wohl wild ausgesehen haben, einen wahren Schrecken bekommt. Er starrt mich an, mein aufgelöstes Halstuch, meinen offenen Überzieher, die Stelle, wo das Koppelzeug fehlt. Und ich bin wie umgewandelt und brülle ihn an: „Leutnant Steinhäuser ist totgeschlagen worden, von den Matrosen, 5000 oder 10 000 Mann, ich weiß nicht …“ Ich denke, jetzt wird er die in Reserve liegende Kompanie, die „alten Leute“, die er tags zuvor auf dem Kasernenhof noch geschliffen hat, alarmieren. Aber er sagte nur: „Kommen Sie“, läuft neben mir her und legt gar keinen Wert mehr darauf, dass ich die vorschriftsmäßigen fünf Schritte hinter ihm bleibe. Ich fange recht zu laufen an, damit er noch mehr außer Atem kommt. Er kann vor Angst gar nicht rasch genug zur Kaserne kommen.
„Totgeschlagen?“, keucht er neben mir.
Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete – Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten.
Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman „Des Kaisers Kulis“ gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: „Stalingrad“. Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen.
Mit „Moskau“ (1952) und „Berlin“ (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft – ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht.
Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden.
Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen – geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126377458270
- Artikelnummer SW9783689126377458270
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Autor
Theodor Plievier
- Verlag EDITION digital
- Veröffentlichung 12.01.2026
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- ISBN 9783689126377
- Verlag EDITION digital