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Ruhrgemüse, polnisch

roman

Eine Familiengeschichte im Ruhrgebiet, die vom Ankommen in der Fremde, von Zusammenhalt, Kampf gegen Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Armut erzählt – am Ende des 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. Adam und Zuzanna erleben als polnische Zuwanderer ein Dortmund im Pulsschlag der enormen industriellen Entwicklung. Durch einen Arbeitsunfall verliert Adam ein Auge und wenig später seine Stelle. Er tritt einem Spar- und Bauverein bei, engagiert sich in der Gewerkschaft, bei den Socialdemokraten und für die neue Arbeiter-Zeitung. Um die Familie zu unterstützen, nimmt Zuzanna Kostgänger auf und verdingt sich als Näherin. Die Familie wächst,... alles anzeigen expand_more

Eine Familiengeschichte im Ruhrgebiet, die vom Ankommen in der Fremde, von Zusammenhalt, Kampf gegen Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Armut erzählt – am Ende des 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. Adam und Zuzanna erleben als polnische Zuwanderer ein Dortmund im Pulsschlag der enormen industriellen Entwicklung. Durch einen Arbeitsunfall verliert Adam ein Auge und wenig später seine Stelle. Er tritt einem Spar- und Bauverein bei, engagiert sich in der Gewerkschaft, bei den Socialdemokraten und für die neue Arbeiter-Zeitung. Um die Familie zu unterstützen, nimmt Zuzanna Kostgänger auf und verdingt sich als Näherin. Die Familie wächst, kämpft um ihre Identität und die neue Heimat. Birgitta M. Schulte spürt in "Ruhrgemüse, polnisch" den familiären Wurzeln nach. Wie es den Urgroßeltern ergeht, die als Westpreußen und Polen in stürmischen Zeiten im Ruhrgebiet gegen Widerstände von verschiedenen Seiten – Kirche, Nationalverbände, politsche Positionen, Arbeitshierarchien – zu kämpfen haben. Wie sie gezwungen werden, ihren Familiennamen zu ändern – aus Koszyński wird Kosshofer. Wie sie aber dennoch oder auch gerade deswegen ihren Platz finden.



Birgitta M. Schulte wurde 1951 in den Bochum geboren. Sie hat als Redakteurin bei pädagogischen Zeitschriften angefangen, war lange Autorin für den Hörfunk der ARD mit den Schwerpunkten Bildung, Frauen, Kultur und arbeitet seit 2015 belletristisch. Nach vielen Veröffentlichungen und vier Sachbüchern ist "Ruhrgemüse, polnisch" ihr erster Roman.



Vor gut zehn Monaten erschien der Roman "Ruhrgemüse, polnisch". Und so war es kein Wunder, dass die Autorin Birgitta M. Schulte am Gründonnerstagabend in der Buchhandlung Litfass ihre Zuhörer:innen mit den Worten begrüßte: "Ich habe mich so gefreut, dass ich endlich in Dortmund lesen darf. Denn das Buch spielt genau hier." Genauer gesagt: in der Nordstadt. Und das ist keine Idee der Verfasserin. Ihre Urgroßeltern waren 1890 aus dem Kreis Löbau ganz im Osten von Westpreußen ins Ruhrgebiet gekommen und hatten in der Nordstadt Arbeit und Wohnung gefunden.



Mit ihrer Familiengeschichte, in die sich Schulte seit 2015 vertieft, wollte sie zudem klar machen, "dass die deutsche Gesellschaft über Jahrzehnte verleugnet hat, eine Migrationsgesellschaft zu sein". Und das ist ihr gut gelungen.



Nach acht Jahren Recherche und weiteren Monaten des Schreibens ist es somit ein "persönliches Buch" geworden, sagte sie. Die Zahl der Familienmitglieder stimmt, die Namen hat sie abgewandelt, die wahren Lebenswege als Grundlage für die Geschicke der Romanfiguren genommen.



Gleich auf der ersten Seite sind die Leser:innen mittendrin in der Nordstadt, auf einer Schicht in der Maschinenfabrik Deutschland.



Dort arbeitet 1893 der gelernte Handwerker Adam Koszynski als Meister. Einige Jahre später, die Familie Koszynski heißt mittlerweile Kosshofer, wird er gekündigt. Grund ist unter anderem, dass er sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzt.



An der Bedeutung der katholischen Gemeinden hatten die Polen großen Anteil



"Ruhrgemüse, polnisch" ist ein Heimatkundebuch für die Nordstadt – aber nicht nur.

Birgitta M.Schulte beschreibt das Leben von Eltern und immer mehr werdenden Kindern – und Kostgängern – auf engem Raum in einem Häuschen an der Stahlwerkstraße, die Anfänge der Wohnungsgenossenschaft Spar- und Bauverein, die Bedeutung der Sozialdemokraten und der Gewerkschaften für die Arbeiter und deren Angehörige und vor allem die Bedeutung der Religion für polnischstämmige Menschen.



In der Kirche St. Joseph wurden Gottesdienste in polnischer Sprache gefeiert, die Kirche Heilige Dreifaltigkeit entstand mit viel Geld und Einsatz der polnischen Gläubigen.



Auch dass nicht Friede, Freude, Einigkeit unter diesen Familien herrschte, spricht Schulte an, genauso wie den geschichtlichen Hintergrund der Herabwürdigung von Pol:innen, der mit Friedrich II. im 18. Jahrhundert begann und sich fortgesetzt hat. Auch die Namensänderungen änderten nichts daran. Denn das -hof oder –hofer, das den eingedeutschten Namen angehängt wurde, ließ die Herkunft gleich erkennen.



Um diese Einschübe im Buch schreiben zu können, hat die Autorin viel in Dortmund und der Nordstadt recherchiert. Vieles erfuhr sie aus Büchern, wie aus den Quellenangaben zu erfahren ist, und aus der Nordstadtblogger-Serie Nordstadt-Geschichte(n) von Klaus Winter.



Besonders bedankt sie sich unter anderen für die Unterstützung bei Ute Pradler vom Stadtarchiv Dortmund für den Hinweis auf die Maschinenfabrik Deutschland und bei der Borsigplatz-Verführerin Annette Kritzler "für die kenntnisreiche Führung".



Ende des 19. Jahrhunderts kehren die polnischen Zuwanderer Adam und Zuzanna Koszynski ihrer Heimat in Westpreußen den Rücken und siedeln sich in Dortmund an. Im Ruhrgebiet wollen sie sich ein neues Leben aufbauen. Hier ist der Bedarf an Arbeitskräften groß. Industrie und Bergbau boomen. Doch der Aufstieg bleibt zunächst nur ein Traum. Der Lohn ist knapp, die Arbeitsbedingungen sind hart. Ein Arbeitsunfall wirft Adam zurück. Doch er und seine Frau geben nie auf.



In ihrem Roman "Ruhrgemüse, polnisch" nimmt uns Autorin Brigitta M. Schulte mit in eine Epoche großer gesellschaftlicher Veränderungen. Es ist die Zeit der erwachenden Arbeiterbewegung, die Geburtsstunde der Gewerkschaften, aber auch die Zeit großer politischer Umwälzungen und des Ersten Weltkrieges.



Ins Zentrum ihres Erzählens stellt sie exemplarisch das Paar Adam und Zuzanna. Exzellent recherchiert zeichnet sie das Alltagsleben der Menschen nach und serviert uns dabei immer wieder wissenswerte Details. So werden wir beispielsweise sogar ganz nebenbei Zeugen der Geburtsstunde des BVB Dortmund. Schulte gelingt es hervorragend die verschiedenen Lebensbereiche einzubeziehen und deren gesellschaftliche Relevanz sichtbar zu machen. Doch trotz der großen Ereignisse, in deren Schatten sich die Familie bewegt, bleibt Schultes Fokus immer auf die persönliche Geschichte ihrer Protagonisten gerichtet.



Der Traum vom wirtschaftlichen Aufstieg, von sozialer Gerechtigkeit und besseren Lebensbedingungen sind ebenso Thema wie die innere Zerissenheit und die Suche nach neuer nationaler Identität. Trotz aller Bemühungen "deutsch" zu sein, erleben Adam und Zuzanna Diskriminierung und Benachteiligung wegen ihrer Herkunft.



Schulte zeigt uns ein sehr komplexes, spannungsreiches Bild. Diese Bevölkerungsgruppe war alles andere als homogen. Während Familie Koszynski alles daran setzt, um in Deutschland anzukommen und als Deutsche wahrgenommen zu werden, man ändert sogar den Nachnamen zu Kosshofer, halten andere verstärkt an ihrer polnischen Identität fest.



Die Autorin fängt den Zeitgeist mit all seinen unterschiedlichen Strömungen sehr gelungen ein und stellt den persönlichen Verdienst von Menschen wie Adam und Zuzanna Koszynski, die ihr gewerkschaftliches Engagement zum Lebensmittelpunkt machten, deutlich heraus. Der Begriff Arbeitskampf erhält hier eine besondere Würdigung. Die Bedeutung einer Errungenschaft wie z.B. dem Acht-Stunden-Tag wird hervorgehoben. Schultes Roman ist Geschichtsstunde zum Anfassen und setzt der Arbeiterbewegung ein verdientes Denkmal.



Mit nur ca. 180 Seiten Umfang ist "Ruhrgemüse, polnisch" schnell zu lesen, ohne Tiefe oder historische Details vermissen zu lassen. Schultes Sprache ist klar, die Erzählstruktur ist immer übersichtlich. Empathisch bindet sie ihre Leser:innen an ihre Figuren. Nur gegen Ende des Romans verliert der Text etwas von dieser Nahbarkeit. Der Übergang in eine neue Epoche deutet sich schmerzlich an.



Fazit: "Ruhrgemüse, polnisch" ist ein Familien-Roman zwischen Ankunft und Herkunft vor dem ereignisreichen Hintergrund enormer gesellschaftlicher Umwälzungen. Schulte stellt komplexe historische Zusammenhänge empathisch und übersichtlich dar. Der Roman steht aktuell auf der Longlist der Hotlist 2025. Eine Nominierung für die Shortlist wäre absolut verdient.



Birgitta Schulte gelingt es, die politischen Entwicklungen in ihrer unmittelbaren Auswirkung auf die Familie darzustellen. Eine wichtige Etappe ist Einführung des 1. Mai als Tag der Arbeit durch die II. Sozialistische Internationale im Jahr 1897. Nach dem 1. Weltkrieg sind es die Einführung der allgemeinbildenden Volksschule für alle Kinder und die Errichtung von Aufbaugymnasien, die begabten Kindern aus der Arbeiterschaft eine höhere Schulbildung erlauben. Damit gibt es die Möglichkeit für den Aufstieg aus der Arbeiterklasse.



Der Riss zwischen dem Klassenbewusstsein der Arbeiter und der aufstrebenden jüngeren Generation zieht sich auch durch die Familie. Eine der Töchter arbeitet als Buchhalterin bei der Arbeiterzeitung, ihr Mann, der keine polnischen Wurzeln hat, ist dort Redakteur. In dieser Position tritt er für die sozialdemokratische Bewegung ein. Während die älteren Söhne als ungelernte Arbeiter "auf Schicht" gehen, macht der zweitjüngste Sohn eine Lehre, um später "Richtmeister" am Bau zu werden. Das führt zu Konflikten, weil die Älteren dem Jüngeren den Hang zum Höheren vorwerfen. Von seinem Schwager, dem Redakteur leiht er sich Bücher, liest u.a. "Krieg und Frieden" von Tolstoi.



Ihn wird die Autorin schließlich als "Einwanderer in ein neues Milieu" bezeichnen. Er wird mit seiner Familie im Reihenhäuschen wohnen. Schon als Jugendlicher wehrt er sich gegen die von der Mutter noch hochgehaltene polnische Identität. Er spricht Deutsch, er will kein Pole und kein Russe sein. Er ist Deutscher. Mit seiner Figur ist die Assimilation vollzogen.



Adams Enkel wird dann Abitur machen und studieren. Ironischerweise wird er als Volksschüler von polnischen Jugendbanden verfolgt und verprügelt, weil er wohl etwas Besseres darstellt.



Der Roman ist sehr lesenswert, weil er die Situation der polnischen Arbeitsmigranten sehr anschaulich macht und dabei zeithistorische Ereignisse detailliert darstellt. Vieles ist uns heutigen Lesern gar nicht mehr so bekannt. Insofern ist die Erzählung gleichzeitig informativ und aufklärend. In den ersten Kapiteln fügt die Autorin Passagen ein, die sich unmittelbar auf die Geschichte ihrer eigenen Familie beziehen. Sie gibt damit Hinweise darauf, wie sie sich ihrem Thema angenähert hat und auf welche Quellen sie zurückgegriffen hat.



Und der Roman ist eine Hommage an die starken Frauen, die mit ihren Männern, nicht gegen ihre Männer kämpfen.



Es sind große Hoffnungen und genügsame Träume, die Zuzanna und Adam Koszyński Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat Westpreußen ins ferne Ruhrgebiet treiben. Hier, im Industrie-strotzenden Dortmund, wollen sie wie so viele ihrer Landsleute den Schritt in ein neues, ein besseres Leben wagen.



Adam findet rasch Arbeit in der Maschinenfabrik, Zuzanna kümmert sich um das Häuschen und die kleine Tochter Ania, die man flugs in Anja umbenennt – so klingt's doch gleich deutscher! –, desgleichen wird verräterische Nachname Koszyński alsbald in Kosshofer geändert. Denn: "Mit -ski ist's schon aus! Ja, mit -ski bist du der dumme, dreckige Pole, der noch in Erdhütten lebt." (S. 34)



Es könnte alles in allem ein vielversprechender Neuanfang werden, wenn – ja, wenn Adam nicht einen schweren Arbeitsunfall erlitte und das bescheidene Auskommen der kleinen Familie auf dem Spiel stünde. Wenn den "Ruhrpolen", so begehrt und benötigt ihre Arbeitskraft auch sein mochte, nicht allenthalben mit Vorurteilen, Herablassung, Ressentiments begegnet würde. Und wenn da nicht diese innere, seelische, inkurable Zerrissenheit wäre, die ein Abschließen mit der einen Identität und ein Ankommen in der Neuen so furchtbar schwierig machte … Doch Adam und Zuzanna lassen sich nicht unterkriegen. Mit einer ebenso bewunderns- wie liebenswerten Mischung aus Beharrlichkeit und Stoizismus trotzen sie den Widrigkeiten und Unbilden, erfreuen sich an der stetig wachsenden Nachkommenschaft und ergreifen beherzt Gelegenheiten beim Schopfe. Sie bahnen sich unbeirrt ihren Weg – und ebnen ihn für ihre Kinder und Enkel.



Mit "Ruhrgemüse, polnisch" spürt Birgitta M. Schulte den Wurzeln ihrer eigenen Familie nach und nimmt ihre Leserschaft mit in eine Zeit, die im Grunde genommen gar nicht so lange her ist – und doch in einer vollkommen anderen Welt zu spielen scheint. Über einen Zeitraum von knapp vierzig Jahren begleiten wir Zuzanna, Adam und ihre Nachkommen bei ihren alltäglichen Sorgen und Freuden, Herausforderungen und Chancen, die scheinbar so klein und privat, tatsächlich aber kultur- und epochenumspannend sind. Denn diese vier Jahrzehnte von 1893 bis 1931 sind eine Zeit größter Umwälzungen, sodass die Familiengeschichte der Koszyński/Kosshofers gleichzeitig ein Stück Industrie- und Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte widerspiegelt. "Ruhrgemüse, polnisch" ist ein besonderer Roman, den ich ganz besonders all jenen ans Herz legen möchte, die polnische Wurzeln haben und in der Erzählung ein kleines – oder auch größeres – bisschen ihre eigene Familie wiederfinden.

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  • Autor find_in_page Birgitta M. Schulte
  • Autoreninformationen Birgitta M. Schulte wurde 1951 in den Bochum geboren. Sie hat als… open_in_new Mehr erfahren
  • Verlag find_in_page STROUX edition
  • Seitenzahl 188
  • Barrierefreiheit
    Aktuell liegen noch keine Informationen vor
  • ISBN 9783948065454

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