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Gabeln und Gewissen

Körperdisziplin, höfische Scham und der lange Weg europäischer Tischkultur zur bürgerlichen Norm

Gabeln und Gewissen
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Wer im mittelalterlichen Europa mit einer Gabel aß, riskierte mehr als schräge Blicke. Klerikale Stimmen erhoben sich gegen das Instrument als Zeichen von Eitelkeit und Gottlosigkeit — denn Gott hatte dem Menschen Finger gegeben, und diese durch Metall zu ersetzen, galt als Anmaßung. Doch die Geschichte der Gabel ist keine reine Kirchengeschichte. Sie ist eine Geschichte des Körpers, der Scham und der gesellschaftlichen Grenzziehung. Höfische Benimmbücher des Mittelalters — von Thomasin von Zerklaere bis zu späteren humanistischen Traktaten — regelten das Verhalten am Tisch bis in kleinste Details: Wie man saß, wie man... alles anzeigen expand_more

Wer im mittelalterlichen Europa mit einer Gabel aß, riskierte mehr als schräge Blicke. Klerikale Stimmen erhoben sich gegen das Instrument als Zeichen von Eitelkeit und Gottlosigkeit — denn Gott hatte dem Menschen Finger gegeben, und diese durch Metall zu ersetzen, galt als Anmaßung. Doch die Geschichte der Gabel ist keine reine Kirchengeschichte. Sie ist eine Geschichte des Körpers, der Scham und der gesellschaftlichen Grenzziehung.



Höfische Benimmbücher des Mittelalters — von Thomasin von Zerklaere bis zu späteren humanistischen Traktaten — regelten das Verhalten am Tisch bis in kleinste Details: Wie man saß, wie man schluckte, wie man die Hände hielt. In dieser Ordnung hatte die Gabel keinen Platz, weil sie weder notwendig noch neutral war. Sie galt als feminines Accessoire, zierlich und fremd, assoziiert mit dem venezianischen und florentinischen Patriziat, dessen Reichtum ohnehin mit Misstrauen betrachtet wurde. Als Bona Sforza 1518 mit Silbergabeln an den polnischen Hof kam, brachte sie nicht nur Besteck mit — sie brachte eine fremde Körpersprache.



Was die Gabel schließlich aus der Sphäre des Verdächtigen befreite, war nicht höfische Mode, sondern Angst. Seuchenzeit und wachsendes Körperbewusstsein veränderten die Bedeutung des gemeinsamen Essens. Berühren wurde gefährlich; Abstand wurde tugendhaft. In dieser Verschiebung — von der Theologie zur Hygiene, vom Sündhaften zum Sauberen — vollzog sich eine tiefgreifende Neuordnung des europäischen Körpergefühls, deren Konsequenzen weit über den Esstisch hinausreichen.



Eine Autorin für lange Sachtexte mit Fokus auf Geschichte, Business-Mindset und Selbstentwicklung für Leser, die Klarheit und Tiefe schätzen.

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  • Artikelnummer SW9783565604333110164
  • Autor find_in_page Elena Nordhagen
  • Autoreninformationen Eine Autorin für lange Sachtexte mit Fokus auf Geschichte,… open_in_new Mehr erfahren
  • Verlag find_in_page epubli
  • Seitenzahl 152
  • Barrierefreiheit
    Aktuell liegen noch keine Informationen vor
  • ISBN 9783565604333

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