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Abschied vom Frieden
Europa taumelt dem Abgrund entgegen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs blickt F. C. Weiskopf in seinem Roman Abschied vom Frieden auf eine Gesellschaft, die zwischen Glanz und Dekadenz verharrt, während schon die Schatten von Militarisierung und Kriegsbegeisterung heraufziehen. Im Zentrum steht Alexander Reither, ein wohlhabender Prager Verleger, der zwischen Familienintrigen, gesellschaftlichem Zerfall und politischen Umbrüchen nach Orientierung sucht.
Weiskopf erzählt von einer Epoche, die in erschreckender Weise an aktuelle Debatten erinnert: Wenn heute von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede ist, dann schwingt darin dieselbe Mischung aus Verdrängung und Fatalismus wie 1913. Der Roman ist damit nicht nur ein eindringliches Zeitdokument, sondern auch eine Warnung – und eine Einladung, über Verantwortung, Frieden und die Gefährdung der Demokratie nachzudenken.
Auf dem Marienplatz, vor dem massigen Bau des Clementinums, verabschiedeten sich die Mädchen von Poldi. Es war dunkel. Eine Vorahnung von Schnee hing in der Luft. Das Licht der Gaslaternen reichte nur bis zur mittleren Fensterreihe der ehemaligen Jesuitenuniversität; darüber schien die Barockfassade schwarz und ungegliedert in den Himmel hinaufzuwachsen.
Die Mädchen warteten imTor bogen, bis die Silhouette des Hauptmanns am andern Ende des Platzes verschwunden war; dann nahmen sie ihren Weg wieder auf.
Sie hatten nicht weit zu gehen. Vor einem der schmalen Häuser des Seminargässchens blieb Wally stehen. Sie vergewisserte sich noch durch einen schnellen Rundblick, dass kein Mensch in der Nähe war, und klopfte dann in einer besonderen Art, dreimal kurz hintereinander, an ein Fenster im Erdgeschoss. Von innen her wurde auf die gleiche Weise geantwortet. Kurz danach öffnete sich das Haustor.
Eine Frauenstimme mit ausländischem Akzent fragte leise: „Wally?“
Wally zog ihre Cousine hinter sich in das tiefe Dunkel des Hausflurs. „Ja, das bin ich, mit Adrienne“, flüsterte sie, „aber wo stehst du eigentlich, Manja? Ah, hier. Lass nur, ich schließe die Tür. Adrienne, das ist Manja. Kinder, trifft es sich nicht wunderbar, dass ihr euch im Finstern kennenlernt? Ich finde es hinreißend … Nun, was ist? Habt ihr euch schon begrüßt?“
„Wir tun es eben“, entgegnete die Frauenstimme ganz nahe an Adriennes Ohr, „willkommen!“
Adrienne spürte die leichte Berührung von Lippen auf ihrer linken Schläfe und zuckte erschreckt zurück. Sie wollte diese Bewegung der Abkehr sofort gutmachen, tappte jedoch bei dem Versuch, den Kuss zu erwidern, ins Leere. „Ach Gott, ich bin so ungeschickt“, klagte sie, „aber ich sehe keinen Finger breit vor Augen; ich bin wie geblendet von der Dunkelheit.“
„Ja, das kann einem hier passieren“, meinte die Polin, „und wir hätten natürlich eine Kerze vorbereiten sollen, aber wir dachten, ihr würdet vor Torschluss kommen.“
„Wir auch“, sagte Wally, „aber es war nicht zu machen, wir mussten erst unsere Begleitung loswerden.“
„Nun, es tut nichts. Ihr seid nicht die letzten. Wir erwarten noch jemand, einen Neuen, weißt du, Wally, einen von denen, die gegen die Anarchie sind und für Organisation. Wir wollen sehn, ob mit ihm was zu machen ist. Aber, was dabei auch herauskommt, es wird auf jeden Fall interessant werden.“
„Oje, und ich kann gerade heute nicht lang bleiben. Ich muss gleich wieder weg, etwas Wichtiges erledigen.“
„Was denn, Wally! Du kannst doch nicht fehlen, wenn wir den Bericht vom Prozess lesen … ach so, das weißt du noch gar nicht: Es ist gestern ein Brief von Paris gekommen, ein ganz langer. Da musst du schon bleiben.“
„Bedaure …“
„Aber Wally, ist denn das, was du zu tun hast, wichtiger?“
„Leider ja, Manja, sonst hätte ich es doch aufgeschoben. Ich kann vielleicht nachher nochmals hierherkommen. Bestimmt, ich komme nachher wieder.“
Indem ging eine Tür auf. Flackernder Lichtschein fiel in den Hausflur. Der niedrige Aufgang zu einer Wohnung wurde sichtbar und im Türviereck der Schattenriss eines Mannes.
Gedämpft rief er hinunter: „Wo bleibt ihr nur so lange? Manja, chère, du weißt doch, dass man jedes Wort hier draußen im ganzen Stiegenhaus hören kann!“ Seine Stimme hatte dieselbe fremdländische Färbung wie die Manjas. Er kam die wenigen Stufen herab und begrüßte die Mädchen.
„Ah, Wally, Salut! Und das ist die Cousine Adrienne, wie? Salut!“ Er streckte Adrienne seine Hand entgegen; sie rührte sich seltsam weich an, wie eine Kinderhand. „Ich bin Sascha. Wir nennen uns alle nur beim Vornamen, das hat Ihnen Wally wohl schon erzählt. Es ist einfacher so, und es scheint auch geboten. Aber bitte, bleiben wir nicht länger hier stehen. Leise, bitte! Los, Wally, mach den Anfang!“
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
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- Artikel-Nr.: SW9783689125646458270
- Artikelnummer SW9783689125646458270
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Autor
F. C. Weiskopf
- Verlag EDITION digital
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- ISBN 9783689125646
- Verlag EDITION digital