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Das Slawenlied
Roman aus den letzten Tagen Österreichs und den ersten Tagen der Tschechoslowakei
Das Slawenlied ist ein großer Roman über das Ende einer alten Welt und den Aufbruch in eine neue. F. C. Weiskopf erzählt aus der Perspektive junger Menschen, die den Ersten Weltkrieg nicht nur als militärische Katastrophe erleben, sondern auch als Zusammenbruch eines Reiches, das ihnen nie wirklich Heimat war.
Zwischen Klassenzimmer und Kaserne, zwischen Propaganda und wachsendem Zweifel, erkennen sie, dass die Zukunft anders aussehen muss – freier, gerechter, menschlicher.
Der Roman folgt einem jungen Schüler, der in den Mahlstrom der Ereignisse gerät: Einberufung, Ausbildung, Fronteinsatz – und schließlich der entscheidende Moment, in dem tschechische Soldaten sich weigern, weiter für die Donaumonarchie zu kämpfen. Der Ruf nach nationaler Selbstbestimmung und sozialer Erneuerung wird stärker als die Angst vor Strafe. Der Zusammenbruch des alten Österreich ist für sie nicht nur ein historisches Ereignis, sondern eine Befreiung – und eine Chance, eine neue Gesellschaft aufzubauen.
Mit feinem psychologischem Gespür zeigt Weiskopf, wie sich ein ganzes Volk aus der Umklammerung von Militarismus, Unterdrückung und sozialer Ungleichheit löst. Das Slawenlied ist viel mehr als ein Antikriegsroman: Es ist die literarische Hymne auf eine Generation, die den Mut hatte, sich von einem sterbenden Imperium zu befreien und eine neue Zukunft zu wagen.
Ein kraftvolles, politisches und zugleich zutiefst menschliches Buch – von überraschender Aktualität.
ERSTER TEIL: DAS LETZTE JAHR
ERSTES KAPIEL: Der gelbe Zettel
ZWEITES KAPITEL: Jeannette
DRITTES KAPITEL: Die verwandelte Stadt
VIERTES KAPITEL: Die Pyramiden von Ägypten
FÜNFTES KAPITEL: „Jeder zu den Seinen“
SECHSTES KAPITEL: Der Umsturz
ZWEITER TEIL: DER TOTE PUNKT
SIEBENTES KAPITEL: Alles wird anders
ACHTES KAPITEL: Das Wachsfigurenkabinett
NEUNTES KSAPITEL: Fliege, fliege, unsre Standarte
ZEHNTES KAPITEL: Entschwundene Illusionen
DRITTER TEIL: DAS NEUE LIED
ELFTES KAPITEL: Erkennen und …?
ZWÖLFTES KAPITEL: Einerseits – Andrerseits
DREIZEHNTES KAPITEL: Dezember
Seit dem fünfzehnten März sind einige Wochen vergangen.
Vor zwei Monaten haben wir noch deutsche Aufsätze geschrieben und lateinische Verse übersetzt, und heute lernen wir, wie die „Putzrequisiten“ zu gebrauchen sind, und zerlegen das „Mannlicher-Repetier-Gewehr, Modell 98 mit Geradezug-Kolbenverschluss“.
Vor zwei Monaten durften wir nur außerhalb des Weichbildes der Stadt rauchen – und heute ist es uns erlaubt, einen Menschen niederzuschießen, wenn er auf dreimaliges „Halt! Wer da?“ nicht stehenbleibt.
Vor zwei Monaten war es uns nicht gestattet, ohne Erlaubnis der Schulbehörden eine Tanzstunde zu besuchen, – und heute unterrichtet man uns, wie man nach dem Geschlechtsverkehr eine prophylaktische Einspritzung vornimmt.
Es ist viel geschehen in diesen wenigen Wochen. Die Zeit läuft. Alles verändert sich. Und doch ist eigentlich nur wenig geschehen. Die Zeit steht still, und alles bleibt unverändert.
Man spricht nicht davon, dass die Deutschen wieder eine Riesenoffensive begonnen haben; man spricht von der gekürzten Brotration.
Man denkt nicht daran, dass unsere Abteilung vielleicht schon in einem Monat in die Etappe kommen wird; man denkt daran, dass die Kappenrosette immer genau über der Nase sitzen muss und dass der oberste Mantelknopf, die dattelförmige „Olive“, senkrecht in der Schlinge des Mantelkragens zu stecken hat.
Wir üben uns schon täglich im Werfen von scharfen Handgranaten, – und meine Mutter schreibt mir noch: „Gib nur recht acht auf Dich, mein Junge, besonders auf den Hals. Jetzt kann man sich so leicht erkälten!“
Wir fahren nach Hause. Zu zweit. Der Zweite ist nicht Hans – der hat heute Nacht Wachtdienst –, sondern Boruvka.
Boruvka, Karl Maria Anton Boruvka ist der Älteste in unserer Kompanie, aber man sieht ihm seine fünfunddreißig oder sechsunddreißig Jahre nicht an, sondern hält ihn für höchstens zwanzig.
Er ist klein, rund, wabbelig, bringt es trotz allen Bemühungen zu keinem richtigen Schnurrbart und spricht in hohen Fisteltönen. Sein rosiges, pralles Gesicht verliert nicht einmal durch die Augengläser etwas von seiner Kindlichkeit; die Brille sieht vielmehr aus wie „von Vater geborgt“.
Man nennt ihn allgemein das Rabenschaf. Diesen Spitznamen hat er selbst erfunden, wie er überhaupt die meisten Anekdoten und Witze, die ihn lächerlich machen, selbst erfindet und in Umlauf setzt.
Von Beruf ist er eigentlich Lehrer. „Aber durchgegangener, bitteeeh“, wie er niemals vergisst, hinzuzufügen, „weil mir die Kinder leid getan haben, auf die ich losgelassen wurde, bitteeeh!“
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126179458270.1
- Artikelnummer SW9783689126179458270.1
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Autor
F. C. Weiskopf
- Verlag EDITION digital
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- Kommentar vom Verlag: Dieses E-Book ist barrierefrei nach EPUB Accessibility 1.1. Es enthält strukturierte Navigation, maschinenlesbare Spracheinstellungen, Alternativtexte für alle Bilder und keine bekannten Zugangshindernisse. Geeignet für Screenreader und barrierefreie Lesesysteme.
- ISBN 9783689126179
- Verlag EDITION digital