Beam Shop

Welt in Wehen.

Wien im November 1918: Die Monarchie ist zerfallen, der Krieg verloren, eine neue Zeit kündigt sich an – doch niemand weiß, wohin sie führt. In Welt in Wehen schildert F. C. Weiskopf mit scharfem Blick und literarischer Präzision eine Gesellschaft im Übergang, gefangen zwischen Untergang und Aufbruch. Aus wechselnden Perspektiven entfaltet sich ein eindringliches Panorama der letzten Tage des alten Österreichs: Heimkehrer, Arbeiter, Offiziere, Journalisten und Intellektuelle ringen um Orientierung, Macht und Sinn. Weiskopfs Romanfragment ist zugleich Zeitdiagnose und literarisches Dokument – ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie... alles anzeigen expand_more

Wien im November 1918: Die Monarchie ist zerfallen, der Krieg verloren, eine neue Zeit kündigt sich an – doch niemand weiß, wohin sie führt. In Welt in Wehen schildert F. C. Weiskopf mit scharfem Blick und literarischer Präzision eine Gesellschaft im Übergang, gefangen zwischen Untergang und Aufbruch.

Aus wechselnden Perspektiven entfaltet sich ein eindringliches Panorama der letzten Tage des alten Österreichs: Heimkehrer, Arbeiter, Offiziere, Journalisten und Intellektuelle ringen um Orientierung, Macht und Sinn. Weiskopfs Romanfragment ist zugleich Zeitdiagnose und literarisches Dokument – ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Geschichte sich anfühlt, wenn sie noch nicht entschieden ist.



Wally hatte es sich unter Irenes gespielt strenger Aufsicht in einer Sofaecke bequem gemacht. Nun sah sie erstaunt zu, wie Irene mit geübten, energischen Griffen die Flasche entkorkte, zwei bauchige Gläser füllte, eines ihr zuschob, das andere gegen die Lampe hielt und daran roch – die Zungenspitze zwischen den geöffneten Lippen, die immer noch in einem schwesterlichen Gegensatz zueinander standen, wenn auch die obere etwas fraulicher geworden war und die untere weniger kindlich erschien als früher. Zum zweiten Mal bei dieser Begegnung fiel es Wally auf, um wie viel selbstständiger Irene jetzt auftrat als an der Seite Alexanders. Wahrscheinlich war sie auch härter, tüchtiger. Ob aber auch mehr ausgeglichen? Oder zumindest ebenso gelöst, so in sich ruhend wie damals?

Über diesen Betrachtungen vergaß Wally das Trinken. Verloren drehte sie das Glas zwischen den Fingern.

Irene legte ihr die Hand auf die Schulter. „Wally, darling, dein Armagnac! An was hast du nur gedacht?“

„Ich? Gedacht? Ach nur daran, wo wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Weißt du’s vielleicht noch?“

„Nein. Aber das ist einerlei. Come on!“ Irene hatte sich nochmals eingeschenkt. „Auf unser unverhofftes Wiedersehen!“

Sie ließen ihre Gläser gegeneinander klingen. Irene kuschelte sich in die andere Sofaecke. „Sag mal, wie hast du mich so schnell aufgestöbert? Wir sind doch erst gestern angekommen.“

„Zufall, Irenchen. Ich wohne hier im Hotel, und wie ich vorhin in die Halle komme, steht dort dein Mann.“

„Und ihr habt euch erkannt?“, wunderte sich Irene. „Das ist ja …“

„Warte!“, unterbrach Wally sie. „So toll, wie du glaubst, war es nicht. Dein Mann hat gar keine Zeit gehabt, mich zu erkennen, und ich bin erst darauf gekommen, wer er ist, wie ich seinen Namen auf einem Briefcouvert gelesen habe. Aber dass ich ihn kenne, ist mir auf den ersten Blick klar gewesen.“

„Ich muss schon sagen: Auch das ist allerhand. Nach soviel Jahren! Und wo ihr euch im Ganzen nur zwei- oder dreimal gesehen habt!“

„Es sind eben Begegnungen von sehr nachhaltigem Eindruck gewesen“, scherzte Wally. Irene lachte. Klang in dem Lachen nicht ein Unterton von Unruhe, von Misstrauen mit? Oder redete Wally sich das nur ein? Alles in Irenes Gehaben sprach für die zweite Annahme. Trotzdem versuchte Wally, ihrem Scherz auch den Schein eines Doppelsinns zu nehmen, indem sie fortfuhr: „Besonders die erste, in Tabor, bei den Kaisermanövern im letzten Jahr vor dem Krieg.“

„Richtig!“, rief Irene. „Du warst dabei.“

„Ja, ich war dabei, wie ihr euch zum ersten Mal begegnet seid. Und weißt du“, Wally rückte nahe an Irene heran, „ich habe schon damals eine Ahnung gehabt, dass sich zwischen dir und ihm etwas anspinnen wird.“

„Aber das ist doch nonsense!“ Eine rote Welle lief über Irenes Wangen, und die Hand, mit der sie das beim heftigen Kopfschütteln in Verwirrung gebrachte Haar zurechtstrich, zitterte leicht. Doch im nächsten Augenblick war diese Unsicherheit weggeblasen. „Nein, Wally, das hast du dir nur eingebildet. Oder du bildest es dir im Nachhinein ein, weil du weißt, dass wir verheiratet sind. Wir sind es übrigens erst seit anderthalb Jahren.“

„Unmöglich!“, entfuhr es Wally. Sie klapste sich auf den Mund. „Verzeih, ich bin unmöglich.“

„Das finde ich gar nicht. Du musst natürlich geglaubt haben, dass ich schon seit zwei Jahren Georges Frau bin, weil ich ja gleich nach der Trennung von deinem Großva… von Alexander hinübergefahren bin. Und dass George mir dabei behilflich gewesen ist, habt ihr doch damals erfahren. Es war sicher monatelang das beliebteste Stück gossip bei den Familienabenden.“

„Irene! Du weißt, ich habe mit dem Familiendschungel nie …“

Irene fiel ihr in die Rede: „Ich weiß, Liebling. Aber dass ich mit George nach Amerika gefahren bin, hast du damals doch gehört? … Na, siehst du! Und da hast du eben angenommen, dass wir gleich geheiratet haben.“

Wally nickte. „Und warum hättet ihr es eigentlich nicht tun dürfen? Du hast doch ein Recht auf deine Freiheit gehabt. Und G.P. – du erinnerst dich, ich habe ihn immer so genannt –, also er wäre der Letzte gewesen, das nicht zu verstehen.“



Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.

Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.

Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.

weniger anzeigen expand_less
Weiterführende Links zu "Welt in Wehen."

Versandkostenfreie Lieferung! (eBook-Download)

Als Sofort-Download verfügbar

eBook
7,99 €

  • SW9783689126230458270.1

Ein Blick ins Buch

Book2Look-Leseprobe
  • Artikelnummer SW9783689126230458270.1
  • Autor find_in_page F. C. Weiskopf
  • Verlag find_in_page EDITION digital
  • Barrierefreiheit
    • Barrierefrei nach: EPUB Accessibility Spec 1.1
    • Aussehen von Textinhalten kann angepasst werden
    • Enthält ausführliche Alternativtexte
    • Navigation über Inhaltsverzeichnis
    • Für TTS-Nutzung optimiert
    • Kommentar vom Verlag: Dieses E-Book ist barrierefrei nach EPUB Accessibility 1.1. Es enthält strukturierte Navigation, maschinenlesbare Spracheinstellungen, Alternativtexte für alle Bilder und keine bekannten Zugangshindernisse. Geeignet für Screenreader und barrierefreie Lesesysteme.
  • ISBN 9783689126230

Andere kauften auch

Andere sahen sich auch an

info