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Vor einem neuen Tag
Im zerrissenen Europa der NS-Besatzung kämpft ein kleines slowakisches Bergdorf um Würde, Menschlichkeit und Überleben.
Der wandernde Hausierer Ivan Schipko und der aus dem Konzentrationslager entlassene Student Peter Novomesky begegnen sich zufällig – eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird. Während die Besatzer mit Gewalt, Hunger und Repression herrschen, wächst in den Wäldern eine andere Kraft: Menschen, die nicht länger erdulden wollen, sondern Widerstand leisten.
Weiskopf erzählt in dichten, atmosphärischen Bildern von einem Land zwischen Unterdrückung und Aufbruch, von Mut und Verrat, von der Sehnsucht nach Freiheit und von jener Saat der Hoffnung, die selbst in den finstersten Zeiten aufgeht.
„Vor einem neuen Tag“ ist ein großer Roman über Menschlichkeit im Angesicht des Grauens – und über die Frage, wie viel ein Einzelner bewirken kann.
ERSTER TEIL
Erstes Kapitel: Begegnung unter der Zigeunersonne
Zweites Kapitel: Saatkorn im Ackerboden
Drittes Kapitel: Das Haus mit dem Storchennest
ZWEITER TEIL
Viertes Kapitel: Sechs Knoten im Tuch
Fünftes Kapitel: Ahornbaum, Ahornbaum
Sechstes Kapitel: Ein Spielgefährte
Siebentes Kapitel: Machorka
Achtes Kapitel: Unter der Erde
Neuntes Kapitel: Aufgerafft wie die Heuschrecken, verscheuchet wie die Käfer
VIERTER TEIL
Zehntes Kapitel: Keine Zeit für Liebe
Elftes Kapitel: Püppchen
Zwölftes Kapitel: Das andere Brot
FÜNFTER TEIL
Dreizehntes Kapitel: Furcht und Hass
Vierzehntes Kapitel: Parole: Hej, Partisan
Fünfzehntes Kapitel: Vor einem neuen Tag
Sie waren, im lebhaften Gespräch begriffen, immer weiter hinter den Bauernwagen zurückgeblieben. Jetzt, da das letzte Gefährt in der Ferne zwischen den Bäumen des Gemeindeforstes verschwand, standen sie allein vor der Wegkreuzung, wo es links bergan zu den Kohlenmeilern ging und rechts über den sanft rollenden Hang zum Gutshof der Barone Alpary.
„Ich muss mich beeilen“, sagte Anna mit einem Blick zur Sonne hinauf, die wie ein trübes Windlicht durch die dunstigen Wolken schimmerte, „besprochen haben wir ohnehin alles?“ Sie blickte Ivan Schipko fragend an.
Mit dem Stopfen seiner Pfeife beschäftigt, antwortete er nur durch ein Neigen der Stirn.
Anna fuhr fort: „Also dann kann ich mich darauf verlassen, dass alles klappen wird? Du gehst jetzt zu den Kohlenbrennern und unterrichtest Marek Ligat und Joschko über die Sache mit der D-Einheit? Und nachher suchst du die zwei Weiber auf und verständigst auch sie? … Und morgen bist du bei diesem Mann Karl in der Fabriksiedlung?“
Der Drahtenbinder hatte zu jeder ihrer Fragen genickt. Jetzt nahm er die Pfeife aus dem Mund. „Wird alles erledigt, Anna. Du kennst mich ja.“
„Sehr gut. Hast du die Anlaufadresse und das Kennwort für morgen fest im Kopf?“
„Ja.“
„Na, dann auf Wiedersehn, Ivan.“
„Auf Wiedersehn, Anna.“
„Warte!“ Sie hielt ihn zurück. „Vielleicht kannst du morgen, auf dem Rückweg, den Kurzwellenempfänger mitnehmen, den sie uns versprochen haben … Wenn er schon bereit ist und wenn’s sonst keine Schwierigkeiten macht, natürlich.“
„Klar.“
Sie trennten sich. Ivan Schipko stieg zum Wald empor, während Anna sich in die entgegengesetzte Richtung wandte, wo in einiger Entfernung die Dächer des Gutsvorwerkes über einer wilden Weißdornhecke emporwuchsen.
Das Vorwerk bestand aus zwei lang gestreckten, niedrigen Stallgebäuden und einem Hirtenhaus. Die Ställe wurden nicht mehr benützt; ihre Dächer waren eingesunken, Türen und Fenster gähnten nur mehr als dunkle Höhlen: Aber noch wehte aus ihnen der fad-herbe Geruch von Schafmist hervor.
Das Hirtenhaus diente seit langem Ausgedinglern als Obdach, doch fand Anna beim Herankommen das Gebäude verlassen und ausgeräumt. Vor dem Tor luden drei verweinte Frauen Hausrat auf einen Karren.
„Was ist geschehen?“, rief Anna ihnen zu. „Warum zieht ihr aus?“
„Das Haus wird gebraucht“, antwortete eine der drei, „es wird eine Militärwache.“
Sie brach erschreckt ab. In dem Gässchen zwischen den Ställen erschien der Gutsadjunkt, ein stämmiger junger Mann in hohen Reitstiefeln, karierten Hosen und braunem Gardistenrock. Er fuchtelte mit einem Reitstöckchen und schrie herüber:
„Was trödelt ihr so lange herum? Seid ihr noch nicht fertig? Ich werde euch Beine machen!“ Er bemerkte Anna und wandte sich an sie: „Ja, und Sie? Was suchen Sie hier?“ Er kam dabei näher, wippend wie ein junger Hahn. Die Reitgerte klatschte bei jedem Schritt gegen die glänzenden Stiefelschäfte. Seine Augen waren mit einem hochfahrenden Ausdruck auf Anna gerichtet, als wollten sie sagen: „Mach dich nur hübsch klein, du!“
Anna spürte, wie sich ihr Mund in Ekel zusammenzog. Das Verlangen, auszuspucken, dem Adjunkten vor die Füße zu spucken, wurde so stark, dass sie ihm kaum zu widerstehen vermochte. Mühsam schluckte sie den bitteren Speichel hinunter und antwortete, ohne den Adjunkten anzusehen: „Ich habe im Herrenhaus zu tun.“
„Ach so“, meinte er gedehnt; Annas Auskunft hatte ihn sichtlich enttäuscht. „Das sind Sie … richtig … Ich glaube sogar, man hat schon nach Ihnen geschickt. Sie werden gebraucht.“ Er hob mit einer nachlässigen Bewegung die Reitgerte an den Schild seiner Gardistenmütze. Dann kehrte er sich wieder den drei Weibern zu, die mittlerweile mit dem Aufladen fertig geworden waren und nun die armseligen Habseligkeiten auf dem Karren festschnürten. „Nun, macht schon, macht schon!“, trieb er sie an, doch war sein Ton gemäßigter als vorher. „Wir müssen das Haus vor Abend in Ordnung haben.“
Er verschwand, wippend und mit der Peitsche gegen die Stiefel klatschend. Beim Weitergehen sah Anna ihn hinter den Stallgebäuden auf einen ruppigen, falben Gaul klettern. Neben ihm hielt, auf einem viel besseren Pferd, einem blanken Fuchs, ein Mann in der Offiziersuniform des slowakischen Heeres. Er erschien Anna bekannt. Doch sie hatte nur Zeit zu einem flüchtigen Blick. Der Offizier war auf sie aufmerksam geworden, hatte sich stramm zurechtgesetzt und starrte herüber. Anna kehrte das Gesicht schnell ab und schritt weiter. Der Wind trug ihr einige Worte zu, die der Offizier dem Adjunkten zurief: „… diese dort auf dem Weg …?“
Auch die Stimme klang bekannt. Mit einem Mal wusste Anna, wer der Offizier war: Laco, der pausbäckige Laco Vydra, ein Pastorensohn aus einem der Nachbardörfer. Als Kinder hatten sie oft zusammen gespielt. Später war er ihr auch eine Weile „nachgestiegen“. Und jetzt diente er in der Armee, als Offizier, sieh mal an!
Das Herrenhaus – ein ockerfarbener Rokokobau –, auf einer kleinen Anhöhe inmitten eines etwas verwilderten Parkes gelegen, kam in Sicht. Knapp vor dem Parktor hörte Anna den Hufschlag zweier Pferde hinter sich. Gleich darauf preschten die Reiter in scharfem Trabe vorüber.
Anna sah, dass sie sich nicht geirrt hatte: Der Offizier war ihr einstiger Spielgefährte. Eigentlich hatte er sich fast nicht verändert, war auch heute der gleiche stämmige Junge mit dem prallen rotwangigen Apfelgesicht wie damals. Ob er noch immer so gerne schwarze Lakritzen naschte, sogenannten Bärendreck?
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126193458270.1
- Artikelnummer SW9783689126193458270.1
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Autor
F. C. Weiskopf
- Verlag EDITION digital
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- ISBN 9783689126193
- Verlag EDITION digital