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Himmelfahrtskommando

Ein deutscher Soldat, verwundet und in Gefangenschaft, ringt um die Wahrheit seiner eigenen Vergangenheit. Zwischen Tagebuchfragmenten, Erinnerungen und Begegnungen entfaltet sich die schonungslose Beichte eines Mannes, der begreift, wie Schuld, Verblendung und Schweigen ihn und Millionen andere an die „Hitlerstange“ ketteten. F. C. Weiskopfs Himmelfahrtskommando ist kein Heldengesang, sondern ein eindringliches Zeugnis über Schuld und Verantwortung im Krieg. Mit literarischer Kraft zeigt der Roman, wie schwer es ist, aus der Verstrickung von Mitläufertum, Angst und Gewissenlosigkeit auszubrechen – und wie notwendig der schmerzhafte Prozess der... alles anzeigen expand_more

Ein deutscher Soldat, verwundet und in Gefangenschaft, ringt um die Wahrheit seiner eigenen Vergangenheit. Zwischen Tagebuchfragmenten, Erinnerungen und Begegnungen entfaltet sich die schonungslose Beichte eines Mannes, der begreift, wie Schuld, Verblendung und Schweigen ihn und Millionen andere an die „Hitlerstange“ ketteten.

F. C. Weiskopfs Himmelfahrtskommando ist kein Heldengesang, sondern ein eindringliches Zeugnis über Schuld und Verantwortung im Krieg. Mit literarischer Kraft zeigt der Roman, wie schwer es ist, aus der Verstrickung von Mitläufertum, Angst und Gewissenlosigkeit auszubrechen – und wie notwendig der schmerzhafte Prozess der Selbsterkenntnis bleibt. Ein Werk von bedrückender Aktualität, das die Frage nach moralischem Handeln im Angesicht von Gewalt auch heute stellt.



Ich gehörte nicht zu den dreien, die von Unteroffizier Klahde auf jenen Patrouillengang mitgenommen wurden, in dessen Verlauf es zur Erschießung der tschechischen Bergarbeiterfrau und ihres halbwüchsigen Enkels kam. Ich weiß nicht, ob dabei ein unglücklicher Zufall mit im Spiele war; oder ob Klahde aus Nervosität und Überstrammheit den Befehl zum Feuern erteilte; oder ob Dietz losknallte, weil ihn schon den ganzen Tag lang „der Finger am Abzug juckte“; oder ob Seelke und Klobocznik wild wurden, als der Bursche ihnen den Zutritt zum Kaninchenstall mit Steinwürfen verwehren wollte. Ich weiß nicht, wie sich das alles zutrug. Ich war nicht dabei. Als Dietz, Klobocznik und Seelke damals nach der Schießerei ins Quartier zurückkehrten und von dem Vorfall erzählten, schlief ich schon halb. Nachher vermied ich es, sie darüber auszufragen. Und wenn sie in der Folge selber davon zu sprechen anfingen – zuerst prahlerisch, später kleinlaut und in wachsender Furcht –, hörte ich weg.

Weghören. Nichts davon wissen wollen. Nichts damit zu tun haben. Das schien mir das beste und klügste. Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß. Aber beginnt nicht so jedes Sichabfinden? Und wie weit ist es vom Sichabfinden zur Gewöhnung? Wie weit von der Gewöhnung zum Mittun?



Wir waren lange vor dem üblichen „Wecken“ aus den Betten gepfiffen, mit scharfer Munition beteilt und auf Lastwagen verladen worden. Die Kompanie stieß zum übrigen Bataillon. Das Bataillon vereinigte sich mit anderen Truppenteilen. Die halbe Garnison von Prag war auf der Fahrt nach dem benachbarten Kohlengebiet. Zuerst munkelte man von einem Aufstandsversuch der Bergarbeiter; dann hieß es, wir würden gegen englische Fallschirmspringer eingesetzt; schließlich wurde bekannt, dass es sich um eine besonders groß angelegte Suchaktion nach den Heydrich-Attentätern handle, die noch immer nicht gefasst worden waren. Und während eines kurzen Aufenthaltes, den er dazu benutzte, „mal höheren Orts herumzuhorchen“, kam Dietz mit der Neuigkeit, dass die Geheime Staatspolizei diesmal in den Besitz ganz präziser Angaben über den Aufenthaltsort der zwei flüchtigen Haupttäter gelangt sei und dass alle an dem Fang beteiligten Truppen bei der Verteilung des Kopfpreises von zwanzig Millionen berücksichtigt würden.

„Was kann dabei schon für unsereins abfallen?“, meinte Klobocznik, „den Rahm schöpfen ja doch die Herren von der SS ab.“ Trotzdem begann er sofort auszurechnen, wie viel Flaschen Sliwowitz er unter der Hand beschaffen konnte, wenn unser Anteil auch nur drei Mark fünfundsiebzig pro Kopf und Nase ausmachte.

„Warum drei fünfundsiebzig?“, fragte Seelke.

„Das müsstest du als altgedienter Finanzgaul selber am besten wissen“, entgegnete Klobocznik, „wenn der Staat für unsereins was hergibt, dann knausert er mit den Märkern, aber dafür ist er mit den Pfennigen großzügig.“ Er lachte, dass ihm das Gebiss beinahe aus dem Munde rutschte und die Glatze ganz violett wurde.

„Was denn“, rief Dietz, halb gereizt und halb auftrumpfend, „in einem solchen Fall setzt es mindestens fünfundzwanzig Mark für jeden. Das ist doch klar. Und abgesehen davon, gibt es bei so ‘ner Gelegenheit natürlich Möglichkeiten … Möglichkeiten.“ Er zwinkerte mit jenem vielsagenden Ausdruck, den er immer hatte, wenn er auf seine glänzenden Beziehungen und Zukunftsaussichten anspielte.

Maurer bemerkte trocken: „Tja, dann glückt’s dir vielleicht diesmal, und du wirst direkt zu Himmler versetzt.“

„Lass nur gut sein“, gab Dietz von oben her zurück, „diesmal sind wir bei einer ganz großen Sache mit dabei. Und ich für meinen Teil bin schon zufrieden, wenn ich später meinen Kindern und Enkeln sagen kann: Ich habe mitgemacht, als die Nattern zertreten wurden, die ihr Gift gegen eine Führergestalt von reinster, rassischster Prägung geschleudert haben. Das ist Belohnung genug.“

„Na, heißt das jetzt, dass du auf deinen Anteil zu unseren Gunsten verzichtest?“, fragte Klobocznik erwartungsvoll.

„Mensch, so siehst du aus“, warf Maurer hin, „und überhaupt geht’s hier um lauter ungelegte Eier.“

Dietz bekam eine ganz weiße Nase. „Wenn du damit meinst, dass es schief ausgehen wird …“

„Ich meine gar nichts“, unterbrach ihn Maurer, „und übrigens gibt’s gar nichts auf der Welt, was nicht schiefgehen könnte.“

„Also diesmal jedenfalls klappt der Laden“, wurde er von Dietz belehrt. „Umsonst sind nicht solche Vorbereitungen getroffen worden. Verlass dich drauf. Diesmal klappt der Laden.“

Aber der Laden klappte nicht. Es wurde zwar jede Siedlung, jede ersäufte Grube, jedes andere mögliche Versteck eingekesselt und durchsucht, wobei wir stundenlang auf den heißen schwarzen Halden herumkrochen, aber als gegen Abend das Signal „Abgeblasen!“ gegeben wurde, stellte es sich heraus, dass in unserem Abschnitt die Suche erfolglos geblieben war …

Auf dem allgemeinen Sammelplatz erfuhren wir dann, dass die ganze Aktion ebenso ausgegangen war wie alle vorhergehenden. Man hatte die Attentäter nicht gefunden. Dafür war es in einigen Dörfern zu Zusammenstößen mit der tschechischen Bevölkerung gekommen, die ihre Schadenfreude nicht hatte unterdrücken können.



Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.

Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.

Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.

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  • Artikelnummer SW9783689125707458270
  • Autor find_in_page F. C. Weiskopf
  • Verlag find_in_page EDITION digital
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    • Aussehen von Textinhalten kann angepasst werden
    • Enthält ausführliche Alternativtexte
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  • ISBN 9783689125707

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