Der Kaiser ging, die Generäle blieben
Ein Reich taumelt seinem Ende entgegen – und niemand will die Verantwortung tragen.
In Der Kaiser ging, die Generäle blieben zeichnet Theodor Plievier ein erschütterndes Panorama der letzten Wochen des Ersten Weltkriegs: Frontsoldaten, die unter Panzern zermalmt werden. Generäle, die noch an „Soldatenglück“ glauben. Politiker, die zwischen Revolution, Hunger und Waffenstillstand lavieren. Und ein Kaiser, der zögert.
Mit dokumentarischer Wucht und literarischer Präzision zeigt Plievier das Zerbrechen eines Systems – von den Schützengräben, dem Aufstand der Kieler Matrosen bis in die Ministerien Berlins. Während an der Front das Massensterben weitergeht, ringen im Reichstag Militärs, Monarchisten und Sozialdemokraten um Macht, Schuld und Zukunft. Der Krieg ist verloren – doch wer hat den Mut, es auszusprechen?
Dieses 1932 erstmals erschienene Werk ist mehr als ein historischer Roman über die Novemberrevolution 1918: Es ist eine beklemmend aktuelle Analyse von Macht, Verantwortung und politischer Selbsttäuschung. Plieviers eindringliche Sprache macht Geschichte unmittelbar erfahrbar – roh, schonungslos und erschütternd menschlich.
Ein Klassiker der Antikriegsliteratur – neu zu entdecken für Leserinnen und Leser von heute.
Die Macht
Die andere Seite
Kiel
Die Meuterer fahren ins Land
Berlin marschiert
„Hier Groener …“
Aber die Nachricht springt bereits wie ein Funke durch das Schiff, durch die Kasematten und Gefechtstürme, durch die Kessel- und Maschinenräume: sie reißt die Matrosen hinter den Geschützen auf die Füße und setzt die Heizer in Bewegung.
Die Heizer meutern!
Die Matrosen auch!
Bonczyk hat Raumschuh geholt. Noch nie haben die beiden den Weg vom Heizraum durch die Schmiede und die eiserne Steigeleiter hoch so schnell zurückgelegt. Sie laufen durch die Kasematten und kommen in die Vorbatterie. Dort hat sich eine große Gruppe Matrosen angesammelt; auch die Heizer der Freiwache stehen dabei. Und alle schreien durcheinander, jede Vorsicht haben sie vergessen.
„Viereinhalb Jahre haben wir geschuftet, und jetzt, wo der Friede kommt …“ „Wo wir schon eine Volksregierung haben!“ „Und Prinz Max schon Wilson Waffenstillstand angeboten hat …“ „Jetzt, wo der Krieg verloren ist, noch ein Vorstoß!“
„Das ist wohl bloß wieder eine Scheißhausdepesche!“
„Wir sollen doch bloß zum Minenfischen rausfahren!“ Schorsch steht auf dem Kettenkasten:
„Was, Minen fischen? Du blinder Hund, kannst du nicht sehen, wo die Fahrt hingehen soll? Und die Farbe, die auf der Laufbrücke zum Schornsteinmalen klar steht, weißt du nicht, was das bedeutet? Und beim Navigationsoffizier liegen die Karten von der englischen Ostküste auf dem Tisch!“
„Nach England sollen wir!“
„Und alle versaufen!“
Das Getümmel von Gesichtern wird größer. Aus den Kasematten kommen noch mehr Matrosen, und aus den Kesselräumen noch mehr Heizer. Raumschuh hat sich nach vorn gedrängt und ist auf den Kettenkasten mit hinaufgestiegen. Er steht neben Schorsch, verschmiert und bis zum Gürtel nackt, nur um den Nacken hat er ein Schweißtuch hängen.
„Dieser Vorstoß ist Selbstmord – das ist doch ganz klar, den wollen unsere Offiziere machen, weil sie den Krieg verloren haben! Weil die Herren Angst vor der Zukunft haben und weil sie nachher arbeitslos sind! Und da sollen wir mit dabei sein! Dafür sollen wir unsere Knochen hinhalten!“
„Aha, hier spricht ‚Genosse Scheidemann‘!“
„Halt die Schnauze oder ich stopp sie dir!“
Raumschüh braucht von seinem Kasten nicht erst herunterzusteigen. Einer der Umstehenden hat dem Flunky aus der Offiziersmesse schon einen Stoß in die Rippen gegeben.
„Den Schädel soll man ihm einhauen!“
„Die Knochen kaputt schlagen!“
„Überhaupt Scheidemann – der hat ja keine Ahnung!“
Der Flunky zieht sich nach dem Ausgang zurück. Ein paar Mann verstellen ihm den Weg.
„Hiergeblieben, das könnte dir wohl so passen!“
„In die Messe gehen und uns verpfeifen, was?“
„Lasst ihn schon laufen, das ist doch alles egal! Das Versteckspielen hat ein Ende. Wir müssen es so machen wie die auf „König Albert“. Wir haben lange genug geheizt! Wir können auch mal anders!“
Draußen hört man laute Rufe. Ein paar Matrosen kommen in die Vorbatterie:
„Kommt an Deck, aber los, schnell!“
„An Deck, der „Markgraf“!“
„Was denn?“
„Was ist denn?“
„Die Heizer vom „Markgraf“!“
Der Ausgang aus der Vorbatterie und der enge Zugang zum Deck kann die Menge, die gleichzeitig hindurch will, kaum fassen. Es gibt Stöße und Hautabschürfungen. Und die an das freie Deck Gekommenen können im ersten Moment nicht sehen, was los ist.
Doch dann sehen sie, wie an den beiden mächtigen Schornsteinen des Linienschiffes „Markgraf“ die Rauchfahnen abreißen und wie statt des dunklen Kohlenrauchs weißer Wasserdampf in dichten Ballen an den Nachthimmel hochsteigt.
Sie löschen die Feuer!
Die Heizer meutern!
Und das Schiff sieht dabei gespenstisch ruhig und unheimlich leblos aus. Nur die dunkle Silhouette mit Schornsteinen und Geschütztürmen – aber kein Mensch ist zu sehen.
Die Leute vom „Kurfürst“ stehen an Deck, überwältigt von der Erscheinung und der sich darin bergenden Tatsache. Mit einem Mal brennt der Scheinwerfer des eigenen Schiffes auf. Der Lichtkegel sucht über das Deck hin und bleibt an dem Haufen hängen, der plötzlich in grellem Licht dasteht. Die Matrosen starren geblendet zur Kommandobrücke hoch. Sie können nichts sehen, sie hören nur die Stimme über sich.
Der Kommandant ruft herunter:
„Die Leute da – was stehen sie da rum!? Runter vom Deck – marsch, runter ins Schiff!“
Die Heizer und Matrosen verharren auf ihrem Platz. Mit hochgereckten Gesichtern, niemand bewegt sich, niemand spricht ein Wort. Sie stehen am Schornsteinsockel, ein Haufen ohne Sprache.
Der Heizer Raumschuh reckt sich plötzlich auf:
„Jawohl, Herr Kapitän, runter in den Bunker, aber anders als sonst! Wir können auch anders!“
Auch der Kohlenschlepper Bonczyk findet Worte:
„Die Schaufel umgedreht – und reinhauhn in die Fresse!“
„Wachoffizier! Wachtmeister! Stellen Sie den Mann fest! Stellen Sie die Leute fest!“
„Alle stehenbleiben!“, ruft der Wachoffizier herunter.
„Du kannst uns mal am Arsche lecken!“
„Los, alle runter in den Heizraum!“
Der ganze Trupp macht kehrt, läuft durch die Kasematten, in der Richtung zu den Heizraumzugängen, Heizer und Matrosen, in zufälligem Durcheinander. Sie klettern die Steigeleitern hinunter.
„Was kann uns schon passieren!“
„Verrecken müssen wir so oder so!“
„Wenn schon kaputtgehen, dann gleich! Aber dann kommen noch ein paar von den anderen mit!“
Die Heizer unten haben inzwischen die Feuer niedrig gehalten. Für mehr als 12 Meilen haben sie keinen Dampf gemacht. Raumschuh ist der erste unten im Kesselraum. Die andern drängen in Haufen hinter ihm her.
Der Obermaat steht, dem Trupp den Rücken zugekehrt.
Er brüllt einen der untengebliebenen Heizer an:
„Was fällt Ihnen ein? Sie kommen zum Rapport! Ich gebe Ihnen den direkten Befehl!“
Raumschuh hat schon eine Stange in der Hand. Er springt an seinen Kessel, reißt die Klappe auf und beginnt das Feuer herauszuholen. Er arbeitet wie gejagt; mit jedem Zug reißt er einen Haufen glühender Kohlen auf die Fliesen herunter.
„Brummschick – den Schlauch her!“
„Der Schlauch, wo ist der Schlauch?“
„Wasser her!“
Einer bringt den Schlauch. Bonczyk hält ihn in die Glut. Ein Dritter dreht das Ventil auf. Weiße Dämpfe kochen auf und quellen schnell bis unter die Decke. Die Menschen bewegen sich in den aufsteigenden Nebeln wie Schemen.
Die andern Heizer sind einen Moment lang starr.
Sie sind plötzlich von einer Meute Matrosen umgeben, die auf sie einreden. Und mitten in dem jähen Durcheinander wühlt dieser Raumschuh wie ein Besessener. Daneben steht Bonczyk mit dem Schlauch wie ein grinsender Teufel. Und der aufkochende Dampf wird immer dicker.
Der Obermaat gewinnt seine Fassung wieder:
„Seid ihr denn alle wahnsinnig geworden? Raumschuh, Heizer Raumschuh!“
Der dreht die Stange um; seine Augen flackern. Der Obermaat prallt vor dem Gesicht zurück und flüchtet vor dem rot glühenden Eisen. Raumschuh immer hinter ihm her. Und nur der Umstand, dass der Heizer Holzpantinen und der Obermaat Stiefel trägt und dass zufällig die Schotttüren durch alle Heizräume offen stehen, rettet den Obermaat davor, niedergeschlagen zu werden.
Die andern kommen hinter den beiden hergelaufen.
Heizraum II, III, IV werden in das Durcheinander mit hineingerissen. Ein Vorstoß, das ist jetzt ganz klar! Darüber braucht kein Wort mehr gesprochen zu werden!
Die Zögernden werden angeeifert:
„Der „König Albert“ macht nicht mehr mit!“
„Der „Markgraf“ hat auch Feuer gelöscht!“
Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete – Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten.
Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman „Des Kaisers Kulis“ gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: „Stalingrad“. Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen.
Mit „Moskau“ (1952) und „Berlin“ (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft – ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht.
Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden.
Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen – geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126438458270
- Artikelnummer SW9783689126438458270
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Autor
Theodor Plievier
- Verlag EDITION digital
- Veröffentlichung 13.02.2026
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- Kommentar vom Verlag: Dieses E-Book ist barrierefrei nach EPUB Accessibility 1.1. Es enthält strukturierte Navigation, maschinenlesbare Spracheinstellungen, Alternativtexte für alle Bilder und keine bekannten Zugangshindernisse. Geeignet für Screenreader und barrierefreie Lesesysteme.
- ISBN 9783689126438
- Verlag EDITION digital