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Umsteigen ins 21. Jahrhundert
Zwischen dampfenden Eisenbahnwaggons, flimmernden Grenzlandschaften und den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts entfaltet sich in „Umsteigen ins 21. Jahrhundert“ ein faszinierendes Panorama einer Welt im Wandel. Der Schriftsteller F. C. Weiskopf nimmt uns mit auf eine Reise durch ein Europa und eine Sowjetunion, die zwischen Vergangenheit und Zukunft stehen – voller Spannungen, Hoffnungen und Widersprüche.
Mit scharfem Blick und erzählerischer Kraft schildert Weiskopf Begegnungen mit Reisenden, Funktionären, Bauern und Intellektuellen. Seine Reportagen sind Momentaufnahmen einer Zeit, in der sich Ideologien formieren, Grenzen verschieben und neue Gesellschaftsentwürfe entstehen. Mal humorvoll, mal kritisch, immer lebendig: Diese Texte öffnen ein Fenster in eine Epoche, die unsere Gegenwart geprägt hat.
Ein literarisches Zeitdokument, das historische Realität und persönliche Erfahrung kunstvoll verbindet – und Leser von heute dazu einlädt, die Fragen von damals neu zu entdecken.
Drei Drahtverhaue und ein Mann
Umsteigen … ins 21. Jahrhundert!
Die Feinde von Minsk
Der Propusk
Von Frauen, Kutschern und Kremlglocken
Ein offenes Buch
Gelbes Dynamit
Von Kinderspielen, Samojeden und Bucharin in Dagestan
Die „Fackel der Revolution“
Von Büchern, Naphtha, verbotenen Tänzen, Zeitungen und Zigaretten
Abc und Einmaleins
Ali Baba und die 26 Nationalitäten
Im Gasthof zur heiligen Dreifaltigkeit
Der Schuster
Semetschki
Die Todgeweihten
„Die Wahrheit von Gudauti“
Der Motor
„Bebrillter Mann mit Kaffeemühle und Fabrikschlot“
Der Sturz des Zaren
Zwei kurze, zwei lange …
Die Zeitmaschine
CHEOPS UND FORD
ATTILA UND RADIO
Mit einem Mal sagt eine Stimme hinter dir:
„Achtung, Genosse, IhreTaschen …!“
Du schrickst auf, deine Hände machen mechanisch die schon gewohnte schützende Bewegung nach den Rocktaschen hin. Dann erst drehst du dich um, siehst den Warner (es ist der alte Eisenbahner aus Tuapse, der seit Moskau mit dir im selben Abteil fährt und vor dem Schlafengehen immer erst nachsieht, ob du, unerfahrener Ausländer, dir dein Lager auch richtig weich und bequem zurechtgemacht hast) und siehst auch die „Gefahr“, vor der er dich gewarnt hat; einen kleinen, barhäuptigen, unglaublich schmutzigen Jungen, mit rissigen, kotigen Beinen und verfilztem Haar, dessen Lumpen wie Fahnen im Winde flattern.
„Unser Besprisorny …!“
„Unser …?“
„Ja … er fährt nämlich im selben Waggon wie wir … das heißt: nicht im Waggon, sondern unter ihm …“
Und meiner erstaunten Frage zuvorkommend:
„Auf dem Wagengestell nämlich, zwischen den Rädern … man fährt ganz gut dort … Übrigens fährt unser Besprisorny nicht allein. Vorn unter dem Postwagen hängt ein zweiter und irgendwo hinten fahren noch zwei mit …“
Im Abteil dann, während der Zug schon wieder fährt, erzählt der Tifliser Lehrer, der uns gegenüber liegt:
„Kein Zug, der im Herbst nach dem Süden abgeht, fährt ohne blinde Passagiere. Die Besprisornys sind wie die Zugvögel: Wenn es kalt wird, machen sie sich nach wärmeren Gegenden auf. Die weniger Gewandten fahren auf den Lastwaggons, die Geschickteren ziehen Schnellzüge vor. Die Schaffner lassen sie in Ruhe. Wozu sich ihrer Rache aussetzen? Dafür bestiehlt kein Besprisorny einen Eisenbahner … auch der Vagabund hat Ehrengrundsätze … Übrigens schicken sie auch Dokumente zurück, wenn sie welche in erbeuteten Brieftaschen oder Gepäckstücken finden. An das Zentralkomitee der Partei zum Beispiel kommen täglich mit der Post Parteilegitimationen an, die Besprisornys in die Hände gefallen sind …“
Jemand fragt:
„Sind ihrer viele?“
„Eine ganze Armee … Jeder von ihnen ist schon ein dutzendmal eingefangen, gewaschen, geimpft und in eine der schönen Kinderkolonien gesteckt worden, die von der Sowjetregierung für obdachlose Kinder geschaffen wurden. Und jeder, den man auf der Eisenbahn oder in den Städten trifft, ist wieder aus der Kolonie durchgebrannt. Nicht alle der in die Kinderkolonien Gebrachten bleiben dort, manche halten das geregelte Leben nicht mehr aus; das Vagabundendasein mit seinen Diebesabenteuern, seinem Kampieren in Heuschobern und unter Brückenbogen, seinen Schwarzfahrten, seinem Herumstrolchen in großen Städten und auf weiten Landstraßen ist ein zu lockender und vor allem ein bereits zu sehr zur Gewohnheit gewordener Reiz für sie, die seit den Hunger- und Bürgerkriegsjahren ohne Eltern und ohne Zuhause sind und der Armee der Besprisornys schon seit langem angehören …“
Das dröhnende Rattern des Zuges übertönt die Worte. Am Fenster fliegen die Eisenkonstruktionen einer langen Brücke vorbei. Wie eine breite Säbelklinge glänzt ein Fluss auf und verschwindet wieder.
Ob man dort unten zwischen den Rädern auch schlafen kann …?
„O ja, warum denn nicht? Nur festbinden muss man sich, um nicht hinunterzufallen …“
Und der alte Eisenbahner erzählt von vielen Nächten, die er schlafend auf dem Rahmengestell eines Eisenbahnwaggons verbracht hat. Im Bürgerkrieg, als selbst auf den Puffern kein freies Plätzchen zu finden war.
Ein dritter – schweratmig, pausbackig – mischt sich ins Gespräch, entsetzt sich über eine Jugend, die es vorzieht, sich unten zwischen den Rädern einzunisten, anstatt …
Der Eisenbahner beginnt eine lange Schauergeschichte von waghalsigen Schwarzfahrern und gruseligen Unglücksfällen zu erzählen und weidet sich an dem Entsetzen des Pausbackigen.
Dann hält der Zug, und wir sehen wieder unseren Bespri- sorny, diesmal mit seinen drei Reisekameraden. Sie hocken auf der Erde und teilen irgendetwas: Früchte oder Brotstücke. Bevor der Zug sich wiederum in Bewegung setzt, verschwinden sie mit affenartiger Behändigkeit unter den Waggons.
Wieder spricht der Tifliser Lehrer von dem Leben der Besprisornys; von den Anstrengungen der Regierung und Partei, dieser Gefahr – „und die Besprisornys sind eine Gefahr, Genosse, bedenken Sie doch nur, was in zehn Jahren aus dieser Armee junger Strolche werden muss, wenn man sie nicht an Disziplin und Ordnung gewöhnt?!“ –, von der Arbeit der jungen Pioniere, die das Patronat über die Besprisornys übernommen haben und deren Abteilungen in den einzelnen Bezirken tätig sind, sich bemühen, die jungen Landstreicher erst einmal in das Pionierlager zu bekommen, dann an das Lager zu gewöhnen, an die Pioniergruppe, schließlich an Organisation und Disziplin überhaupt; von dieser Arbeit, die unendlich mühselig und entmutigend, weil voller Misserfolge, ist, die aber nicht aufgegeben, sondern mit wachsender Zähigkeit fortgesetzt wird und trotz aller Rückschläge ihr Ziel erreichen wird, weil in ihr der gleiche sieghafte Elan lebt, wie in der Arbeit der Elektroingenieure in Mingrelien, im wildesten Kaukasus, und in den Bemühungen der Wanderlehrer in Buchara …
Er spricht lange, solange, bis die Nacht hereinbricht, die Nacht, die in dieser Steppengegend plötzlich, wie aus dem Hinterhalt, die Erde überfällt, die Gegend draußen verschluckt, dass nur der Zug, nur der eine breite, spärlich erleuchtete Waggon in der großen, schwarzen Leere übrigbleibt …
Am nächsten Tag sehen wir unseren Besprisorny erst gegen Mittag. Er geht mit langsamen Bewegungen quer über die Schienen und raucht einen Stummel.
„Hallo …“
Er versteht sofort und stellt sich in Positur: Paul knipst. Unser Besprisorny macht eine gravitätische Verbeugung und streckt gleichzeitig die Hand vor. Lachend gebe ich ihm ein Fünfkopekenstück. Er dreht die Münze zwischen den Fingern hin und her, verzieht das Gesicht.
„Ech …“
In weitem Bogen fliegt das Kupfer in den Sand des Bahnsteigs.
„Fünf Kopeken geben Sie mir für mein Gesicht, Bürger … wissen Sie, was das ist? … Das ist schäbige Exploitierung, Ausbeutung eines arbeitenden Menschen, habgierige Bereicherung auf Kosten der werktätigen Masse, das ist …“
Und ohne mir Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, schleudert er mir – ganz Volkstribun vor versammelter Menge – die Blitze seiner Beredsamkeit entgegen.
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
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- Artikel-Nr.: SW9783689126643458270
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- ISBN 9783689126643