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Zukunft im Rohbau

Zukunft im Rohbau
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Mit wachem Blick und erzählerischer Kraft berichtet F. C. Weiskopf in „Zukunft im Rohbau“ von einer Welt im Aufbruch. Seine Reise führt ihn durch die Sowjetunion der frühen 1930er-Jahre – von Moskau bis in die Weiten Sibiriens, von neuen Industriestädten bis in abgelegene Regionen, in denen sich Geschichte gerade erst formt. Was er sieht, ist kein fertiges System, sondern ein gewaltiges Experiment: Städte wachsen aus dem Boden, Fabriken entstehen, Menschen verändern ihr Leben radikal. Zwischen Begeisterung und Zweifel, Fortschritt und Widerspruch entstehen eindrucksvolle Momentaufnahmen einer Gesellschaft im Werden. Weiskopfs... alles anzeigen expand_more

Mit wachem Blick und erzählerischer Kraft berichtet F. C. Weiskopf in „Zukunft im Rohbau“ von einer Welt im Aufbruch. Seine Reise führt ihn durch die Sowjetunion der frühen 1930er-Jahre – von Moskau bis in die Weiten Sibiriens, von neuen Industriestädten bis in abgelegene Regionen, in denen sich Geschichte gerade erst formt.

Was er sieht, ist kein fertiges System, sondern ein gewaltiges Experiment: Städte wachsen aus dem Boden, Fabriken entstehen, Menschen verändern ihr Leben radikal. Zwischen Begeisterung und Zweifel, Fortschritt und Widerspruch entstehen eindrucksvolle Momentaufnahmen einer Gesellschaft im Werden.

Weiskopfs Reportagen sind mehr als Reiseberichte – sie sind ein lebendiges Zeitdokument über Hoffnung, Umbruch und die Suche nach einer neuen Zukunft. Für heutige Leser öffnen sie den Blick auf eine Epoche, deren Fragen bis heute nachwirken.



Vorwort zur ersten Ausgabe „Zukunft im Rohbau“, Berlin 1932

Die Stadt, die täglich jünger wird

Konflikt auf der Sucharewka

Mirjam von Gomel

Das Versprechen des Wassja Tscherepuchin

Das Warschauer Ehebett

Aus dem Nachlass des Kollegienrats Ponomarow

Briefe aus dem Rheinland und aus Manitoba

Ein anderes Klondike

KEIN ZWEITES KLONDIKE

DAS WERK DER SIEBEN BERGE

VERWANDLUNGEN

BEG KUSHEJEW

WIE VIEL WASSER BRAUCHT DER MENSCH?

DER DAUMEN VOR DEM AUGE

DER EISERNE STROM

„GESTATTEN SIE, ICH BIN EIN SCHÄDLING“

DIE SACHE MIT GARY

GERICHT ÜBER SCHMUTZIGE STIEFEL

BERICHT VON DER TYPHUSFRONT

DIE INSCHRIFT AUF COWPER III

Aus den Kindertagen des Kusbass

DIE BRÜCKE ÜBER DEN OB

EINE VERLORENE WETTE

„WIR SIND HIER NICHT IN AMERIKA!“

EIN STÜCKCHEN EUROPA

DAS DORF DER GERÜCHTE

DOSTOJEWSKIGASSE, LETZTES HAUS

DIE BUGSIERBRIGADE VON „HORIZONT 50“

DER KNACKS DES MISTER GREEN

DIE FRONT DES FRIEDENS

Roter Weizen

SÖHNE DER TAIGA

DAS GEHEIMNIS DES BASCHKIREN

DIE VERLORENEN TRAKTOREN

ZU DENKEN, WAS „UNSER BRUDER“ WAR …

Der Tabysch aus Germanien

Adijok erzählt

Wiedersehn mit Adijok

Der Arzt von Ulagan

Bahnverbindungen in die Seligkeit

Traum an der Grenze



Zweihundert Komsomolzen aus Nowosibirsk und von den Kolchosen der Umgebung meldeten sich freiwillig, um der Bauleitung zu helfen, die mit Arbeitermangel, Bummelei, Frost und Morast zu kämpfen hatte; sie bildeten ein „Sturmbataillon“, das überall dort eingesetzt wurde, wo die Arbeit ins Stocken kam.

In einer stürmischen Nacht, als die Fuhrleute sich nicht getrauten auszufahren, um Zementsäcke aus den Waggons in die frostsicheren Schuppen zu schaffen, schleppten sie die Säcke auf dem Rücken zwei Kilometer weit über das Eis des gefrorenen Flusses.

In zwölfstündigen Arbeitsschichten, ohne Ablösung, unter Verzicht auf die Ausgangstage stellten sie das Mauerwerk des zweiten Pfeilers in vier Wochen fertig, statt, wie im Plan vorgesehen, in sechs Wochen. Sie zwangen die Betonmischmaschinen, hundertundachtzig Mischungen zu liefern, statt der höchsten Norm von hundertundsechzig.

Dann barst die Verschalung des dritten Pfeilers. Mehr als das, er war überhaupt „krank“; der Senkkasten, auf dem er ruhen sollte, bohrte sich zu langsam in den Flussgrund und stieß noch immer nicht auf den Felsboden – in der Belegschaft hatte es Bummler und Trinker gegeben. Da sprangen die Komsomolzen ein. Sie schrieben an die Wand der Baukanzlei: „Wir Komsomolzen versprechen der Partei, der Bauleitung und dem Land, dass wir dem dritten Pfeiler auf die Beine helfen und ihn ganz allein zu Ende bauen werden!“

„Es war nur noch ganz wenig Zeit. Wenn der Eisgang kam, bevor der dritte Pfeiler den Wasserspiegel überragte, musste der ganze Bau für Wochen unterbrochen werden. Vom Oberlauf meldeten sie schon, dass das Eis in Bewegung geraten sei. Keiner von den Ingenieuren und Technikern, überhaupt kein Mann von der ganzen übrigen Belegschaft glaubte, dass wir es rechtzeitig schaffen würden, aber wir schafften es. Die Zimmerleute brachten die neue Verschalung in einem Tag und einer Nacht fertig; die Betonmischer steigerten ihre Arbeitsleistung um siebenundsechzig Prozent; im Freien wurde vierzehn, im Senkkasten, wo ein Luftdruck von drei Atmosphären herrschte, zwölf Stunden gearbeitet. Wir arbeiteten dort nackt, wir hatten die Leitern entfernt und konnten dadurch zwei Mann mehr unterbringen, es war fürchterlich eng und heiß, aber der Caisson senkte sich täglich um zwei Meter, statt nur um einen wie bisher, und nach drei Tagen waren wir auf dem Felsgrund. Genau zwölf Stunden, bevor der Eisgang begann, war der dritte Pfeiler über Wasserspiegelhöhe; als das Hochwasser kam, arbeiteten wir schon am Oberbau. Aber das schönste ist doch, dass wir dabei ein neues Bähungsverfahren gefunden haben. Es ist um fast zehn Prozent billiger als das alte und erspart, und das ist noch wichtiger, sehr viel Zeit!“

Ich frage ihn, ob er schon lange „in Beton“ arbeitet.

Nein, erst seit dem Brückenbau. Jetzt soll er in Stalinsk sein neues Verfahren weiter ausprobieren, und im Winter wird er auf die Bauschule geschickt. Vorher ist er zwei Jahre lang auf einem Kolchos gewesen, und davor hat er auf dem Dorf gelebt:

„In Michailowka, einem verlorenen Nest, fünfhundert Kilometer von hier. Nicht einmal ein Fahrweg ging hin. Wenn einer in die Stadt fuhr, das kam vielleicht einmal im Jahr vor, war es ein Ereignis. Die Bauern waren fast alle Baptisten, die wenigsten konnten lesen und schreiben. Mein Vater zum Beispiel hat mir nur einen einzigen Buchstaben beigebracht, er kannte nur den einen; es war das F, und er kannte es nur, weil es ,dem Galgen so ähnlich sieht‘, wie er immer sagte!“



Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.

Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.

Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.

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