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Die Reise nach Kanton
China in den ersten Jahren nach der Revolution: Zwischen dampfenden Reisfeldern, geschäftigen Häfen und neu entstehenden Kulturhäusern erlebt der Erzähler ein Land im radikalen Wandel. Seine Reise nach Kanton führt ihn mitten hinein in den Alltag einer Gesellschaft, die versucht, Vergangenheit und Zukunft neu zu ordnen – voller Hoffnung, Widersprüche und menschlicher Begegnungen.
Mit scharfem Blick und literarischer Atmosphäre schildert dieses außergewöhnliche Buch die Menschen der jungen Volksrepublik: Bibliothekare, Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und Funktionäre, die alle Teil eines gewaltigen gesellschaftlichen Experiments sind. Dabei entsteht weit mehr als ein Reisebericht – es ist ein faszinierendes Zeitdokument über Aufbruch, Ideale und kulturellen Wandel.
Für heutige Leser eröffnet sich eine seltene Perspektive auf ein China, das es so längst nicht mehr gibt: poetisch beobachtet, historisch spannend und überraschend aktuell in seinen Fragen nach Gesellschaft, Wahrheit und Veränderung.
Bericht – Erzählung. Poesie und weitere Bedeutung
Reisevorbereitung … für den Leser
Im Zug von Hunan nach Gwangdung
Ein Dezemberabend 1927
„Auch einer von damals“
Die große Schule
Bu-jä-diän – das Haus zur niemals sinkenden Sonne
Neu-Chinas Zauberstab
Ma-ko-ss’ und En-ge-ss’
Lektion in der Garküche
Geisterbrücken und Dämonenmauern
Ein Kapitel von Tigerknochen in Branntwein, giftigen Gerüchten und angeketteten Schemelchen
Schamjän: Schatten und Licht
„Garten der blumigen Freuden“
Flussmenschen
Der vierte und der fünfte Stern
Gutsherrenland, gestohlen Land …
Die hundertundsieben Schriftzeichen der Großmutter Tsung
Lebewohl und auf Wiedersehn
„Die Fachleute mit Auslandsschulung, das waren wir, mein Stellvertreter und ich“, fügt der als Übersetzer wirkende Chefingenieur mit einem breiten Grinsen hinzu, wobei er seine abgegriffene Baskenmütze vom linken aufs rechte Ohr hinüberschiebt. Neben dem Pariser Argot und den akademischen Fachkenntnissen im Brückenbau sind, nach seinen Worten, diese Mütze, eine Erstausgabe Rimbaudscher Gedichte und eine kleine Schwäche für französischen Käse so ziemlich alles, was er aus einem langjährigen Exil in Frankreich zurückgebracht hat. „Und was kann ich heute davon gebrauchen? Zum Französisch-Sprechen komme ich einmal in einer Ewigkeit. Dagegen käme mir etwas Russisch sehr zustatten. In Moskau wird soviel neue Fachliteratur herausgegeben, die unsereiner kennen müsste. Na, im Herbst fang ich mit einem Russischkursus an, angemeldet hab ich mich schon … Aber wovon wollte ich eigentlich reden? Ach ja: Mein Französisch rostet. Für die Lektüre Rimbauds ist jetzt keine Zeit, und, ehrlich gesagt, ich fürchte, die Gedichte würden mir jetzt gar nicht mehr gefallen. Mit dem Käseessen ist es auch aus, meine Frau kommt aus dem Landesinnern und kann Käse nicht riechen, sie nennt ihn nur verdorbene Milch. Na, und die Fachkenntnisse? Sie haben ja eben gehört, zu welchen Fehlleistungen die einen verleiten können. Nein, die Fachkenntnisse an sich nützen einem heutzutage nichts. Man muss sie hämmern und umbiegen, wie wir’s mit dem alten Material tun, das wir verwenden wollen. Man muss sie und sich selber den neuen Verhältnissen anpassen. Aber gerade das erhält einen jung. Das gehört zum Stil unseres heutigen Lebens, das sich so von Grund aus verändert hat. Man lernt, man lernt um, man lernt hinzu. Jeder tut’s, der mehr als bloß vegetieren will. Das ganze Land ist eine einzige große Schule. Stimmt’s, Tschöng?“
Tschöng, der Breitschultrige, nickt. Freilich, freilich! Er selbst hat doch das Nieten erst vor knapp einem Jahr gelernt. Und das Reparieren von Maschinengewehren auch bloß zwei Jahre früher. Und vorher war’s das Schreiben. Und das Rechnen. Und das Lesen. Und noch vorher – das war nach dem Eintritt in die Vierte Marscharmee – das Denken.
Lachend schlägt er sich auf die Brust. „Das war mein eigentlicher Geburtstag, damals. Ein großer Tag.“
„Und wie man dich zum Delegierten gewählt hat für die Konferenz unserer Helden der Arbeit aus ganz Gwangdung, das war vielleicht kein großer Tag?“, wirft der Ingenieur ein.
Freilich, freilich, bestätigt Tschöng. Das war auch ein großer Tag. Eine große Ehre und eine große Verpflichtung. Deshalb juckt es ihn ja so, von hier fortzukommen zu dem neuen Schleusen- und Brückenbau im Südwesten. Altes Eisen aus dem Fluss fischen, wie sie es jetzt hier tun, das kann schließlich ein jeder. Aber man soll keine Arbeit verachten! Nein, das soll man nicht, und er, Tschöng, gehört gewiss nicht zu denen, die Extrawürste haben wollen. Bewahre! Er weiß, dass heute jeder Abschnitt der inneren Front, an der mit Werkzeugen und Schreibpinseln gekämpft wird, wichtig ist. Deshalb hat er ja auch hier den Wettbewerb unter den Bergungsbrigaden organisiert. Aber sowie die paar großen Eisenbrocken, die noch im Wasser liegen, gehoben sind, geht’s los nach dem Südwesten. Bei dem Bau dort sind nämlich einige besonders verwickelte Probleme zu lösen.
Er hat bei den letzten Worten ein Stück Kreide aus der Brusttasche seines graublauen Overalls geholt und beginnt nun mit schnellen Strichen den Aufriss einer Hängebrücke auf die Eisenplatte des Geländers, an dem er steht, zu zeichnen.
Wir versichern Tschöng unseres großen Interesses an seiner zukünftigen Arbeit, bitten ihn aber, uns doch noch etwas mehr über die Wiederherstellung der Perlflussbrücke zu erzählen.
Tschöng steckt die Kreide nur widerwillig ein. Weshalb wollen wir eigentlich noch mehr darüber hören? Die Sache ist abgeschlossen, die Brücke steht da, und das Beste von der Geschichte, das Ende, kennen wir ohnehin schon. Auch war es, streng genommen, nur eine Reparatur, sozusagen Flickwerk. Freilich keine schlechte Leistung, achtzig Meter Neukonstruktion, ohne Maschinen, ohne das richtige Material, mit nur wenigen geübten Facharbeitern, aber im Grunde eben doch nur eine Wiederherstellung, nicht etwas ganz Neues wie im Südwesten.
Und schon hat er von neuem die Kreide in der Hand. Es bedarf längeren Überredens – der Ingenieur hilft eifrig mit –, Tschöng umzustimmen. Er kratzt sich eine Weile unter dem Hut und spuckt mehrmals aus, bevor er soweit ist.
Also obwohl es wirklich nicht der Rede wert ist und, Hand aufs Herz, die kommenden Aufgaben im Südwesten hundertmal interessanter sind … Aber gut, da es sich bei uns um Genossen aus einem so weit entfernten Land handelt, wird er uns natürlich den Gefallen tun, nur dürfen wir nichts Besonderes erwarten. Ist das klar?
Wir versichern, da er auf einer Antwort besteht, dass es uns ganz klar ist. Er räuspert sich abermals, brummt etwas zu sich selber, schüttelt den Kopf mit einer Miene, als wolle er sagen „Ich habe euch gewarnt, aber ihr wollt es nicht anders!“, und zeigt dann mit ausgestreckter Hand übers Geländer hinunter.
Ob wir die Stelle sehen, wo sich die Strömung bricht? Dort liegt das Hauptstück des alten Mittelpfeilers, der von den ausreißenden Kuomintangtruppen gesprengt wurde. Sie hatten amerikanisches TNT (Trinitrotoluol). Damit sprengten sie ein Drittel der Brücke in die Luft. Ohne vorherige Warnung. Ohne Rücksicht darauf, dass die Brücke und ihre beiden Rampen voller Flüchtlinge waren, zum großen Teil ihre eigenen Leute. Aber danach fragte das Sprengkommando nicht. Es waren übrigens nur Offiziere und Leute vom Sicherheitsdienst dabei. Die wussten natürlich, dass sie endgültig verspielt hatten, und da ließen sie eben aus blinder Wut und Sturheit die Brücke zum Teufel gehen und mit ihr ein paar hundert Menschen. Militärisch hatte die Sprengung keinen Sinn. Unsere Soldaten wurden dadurch nicht aufgehalten. Aber die Zivilbevölkerung trug den Schaden davon; das Leben der Stadt war sozusagen mitten entzweigerissen.
Unter der Kuomintangherrschaft wäre die zerstörte Brücke im besten Fall notdürftig geflickt worden. Mit Holz und Blech vielleicht. Wahrscheinlich aber hätte man sie in Trümmern liegenlassen. Genauso wie die Eisenbahnbrücken auf der Strecke Schanghai–Kanton. Die wurden noch im Krieg gegen Japan, irgendwann zu Beginn der Vierzigerjahre, gesprengt und nachher nie wieder hergestellt. Auch dann nicht, als die Amerikaner, um Tschiang Kai-schek im Bürgerkrieg zu helfen, Brückenmaterial in schweren Mengen herüberschickten. Aber das Material wurde von den Kuomintangbeamten verschoben und verschachert, oder es verrostete auf freiem Feld. Bis dann die Unsern kamen.
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
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- ISBN 9783689126766