Beam Shop
Aus allen vier Winden
Zwischen den Gassen Prags, den Straßen Pekings und den politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts entfaltet sich ein literarisches Panorama voller Beobachtungskraft, Menschlichkeit und Zeitgeschichte. Mit wachem Blick erzählt dieses Werk von einfachen Menschen, von Hoffnung und Umbruch, von Exil, Revolution und dem unstillbaren Hunger nach Bildung, Freiheit und Würde.
Ob in den lebendigen Straßen Chinas, in den Cafés Europas oder im Schatten der politischen Katastrophen seiner Zeit – der Autor begegnet Dichtern, Arbeitern, Soldaten und Träumern mit gleicher Aufmerksamkeit. Seine Sprache verbindet poetische Bilder mit journalistischer Präzision und macht vergangene Jahrzehnte überraschend gegenwärtig.
Ein faszinierendes literarisches Dokument über eine Welt im Wandel – eindringlich, klug und heute aktueller denn je.
Das Eilkamel
Mumientreffen auf dem Kurfürstendamm
Stapellauf mit Hindernissen
Genosse Kongress
Neu-Charbin
Ein Tag im Sommerlager der Ersten Proletarischen Division
Unseres Bruders Sache
Brief an Alina Petrowna
Ein Prager Septembertag
Demarkationslinie 1938
New York – Vierzehnte Straße
Kleine Stadt hört vom Frieden
Der letzte Cherokese
Abschied und Wiederkehr
Das Kreuz von Lidice
Die Botschaft der Straßen von Peking
Schwarze Kohle – weißer Kang
Wallensteins Lager am Epensteinplatz oder Julius Fucik in Berlin
Drei Begegnungen mit Majakowski
Mathematische Fantasie in der Schwejkschen Manier
Der Brief aus Tingdjüän
Prager Kinderspiele
Toni
Aufgefangen in einer Spiegelscherbe
Anmerkungen
Die Sitzung des erweiterten Ministerrates wird gerade geschlossen, da trifft aus Genf der ausführliche Bericht über Litwinows Rede in der Völkerbundversammlung ein. Der Volkskommissar für Äußeres hat sich mit der europäischen Krise und insbesondere mit der tschechoslowakischen Frage sehr eingehend beschäftigt; er hat die Haltung der Sowjetunion in dieser Frage genau umrissen, hat bestimmte Dinge (die von Paris und London, aber auch von Prag im Halbdunkel gelassen werden) scharf belichtet, hat konkrete Vorschläge für eine friedliche Lösung gemacht:
„Wir haben immer den Takt der tschechoslowakischen Regierung gewürdigt, die uns nie fragte, ob wir unsere Verpflichtungen auch erfüllen würden. Es gab also keinen Grund zu glauben, dass sie daran zweifelte. Doch dann wandte sich, einige Tage vor meiner Reise nach Genf, die französische Regierung zum ersten Male an uns mit der Frage, welche Haltung wir im Falle eines Angriffs gegen die Tschechoslowakei einnehmen würden. Ich gab im Namen meiner Regierung eine völlig klare und eindeutige Antwort, und zwar, dass wir bereit sind, unsere vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen und der Tschechoslowakei gleichzeitig mit Frankreich zu Hilfe zu kommen. Unsere Militärbehörden sind bereit, unverzüglich an einer Konferenz mit den militärischen Vertretern Frankreichs und der Tschechoslowakei teilzunehmen, um alle Maßnahmen zu besprechen, die durch die Umstände erfordert werden. Unabhängig davon halten wir es für nützlich, die Frage vor den Völkerbund zu bringen. Da es notwendig ist, alle Mittel in Anwendung zu bringen, die einen bewaffneten Konflikt zu verhindern imstande wären, halten wir es für zweckentsprechend, schleunigst eine Konferenz der europäischen Großmächte und der übrigen interessierten Staaten einzuberufen, um gegebenenfalls einen kollektiven Schritt vorzubereiten.
Das war unsere Antwort. Vor kaum drei Tagen hat nun die tschechoslowakische Regierung bei der Sowjetregierung angefragt, ob diese gemäß dem Tschecho-Sowjet-Pakt bereit sei, sofortigen und wirksamen Beistand für den Fall zu leisten, dass Frankreich, getreu seinen Verpflichtungen, dasselbe täte. Auf diese Frage gab die Sowjetregierung sofort eine klare, positive Antwort … Es ist nicht unsere Schuld, wenn unserem Vorschlag nicht stattgegeben wurde, der – meiner Überzeugung nach – zu einer für die Tschechoslowakei, für ganz Europa und für den allgemeinen Frieden günstigen Lösung hätte führen müssen. Unglücklicherweise hat man andere Mittel und Wege gewählt – Mittel und Wege, die eine Kapitulation bewirkten und bewirken mussten, deren Folgen früher oder später katastrophal sein werden.“
Es ist wohl kein Zufall, dass der Bericht über die Litwinow-Rede den Mitgliedern des Ausschusses der Regierungsparteien erst nach der Sitzung bekannt wird. In dieser Sitzung geht es lebhafter zu als im erweiterten Ministerrat. Sozialdemokraten, nationale Sozialisten, katholische Volksparteiler opponieren gegen den Regierungsbeschluss, dessen Verfassungswidrigkeit auf der Hand liegt.
Aber die Agrarier, unterstützt von den Gewerbeparteilern und einigen Kapitulanten aus anderen Regierungsparteien, brechen jeden Widerstand durch die offen ausgesprochene Drohung mit dem Staatsstreich.
Es ist keine leere Drohung. Zur selben Zeit, da die Sitzung der Regierungsparteien stattfindet, tagt in der Villa des Oberdirektors der größten tschechoslowakischen Bank, der Zivnostenská Banka, Dr. Jaroslav Preiss – eine kleine Konferenz ausgewählter Finanz- und Wirtschaftsgrößen, die der Agrarpartei und der Nationalen Vereinigung nahestehen. Diskutiert wird „Die innere und äußere Neuorientierung der Tschechoslowakei“. Dr. Preiss fasst am Schluss die Ergebnisse der Diskussion in vier Punkten zusammen.
„1. Die Abtretung des Sudetengebietes ist eine fertige Tatsache. Sie muss sofort durchgeführt werden. Nach der Abtretung kann ein positives Verhältnis zu Deutschland an Stelle der jetzigen außenpolitischen Bindungen treten.
2. Die Berufung auf die Verfassung ist unter den gegebenen Umständen ohne Bedeutung. Eine Volksbefragung würde Revolution bedeuten. Die Phrase ,Das Volk entscheidet’ ist Unsinn. Wir entscheiden, wenn wir energisch genug sind.
3. Sollte sich die Armee gegen die Abtretung wehren, so muss ihr bedeutet werden, dass zum Kriegführen Geld gehört und dass die Armee nicht über das Geld verfügt.
4. Im Falle marxistischer Aufwiegelungsversuche muss die Ruhe und Ordnung mit allen Mitteln, gegebenenfalls unter Inanspruchnahme deutscher Hilfe, aufrechterhalten werden.“
Dr. Preiss nennt sich mit Vorliebe einen „schlichten Patrioten“. In seinem Haus gibt es – paradoxerweise – wirklich einen schlichten Patrioten, der durch Zufall Ohrenzeuge des Berichtes wird. Zutiefst erschüttert, macht er davon einigen Freunden, alten Legionären, Mitteilung. Die Information wird an den Präsidenten der Republik weitergeleitet, aber es geschieht nichts.
Um drei Uhr nachmittags hat auch der Ausschuss der Regierungsparteien die Annahme der anglo-französischen Vorschläge gebilligt, und um fünf Uhr teilt Außenminister Dr. Krofta den Gesandten der beiden Westmächte mit, dass die tschechoslowakische Regierung, „durch die Umstände gezwungen“, den „ungewöhnlich dringenden Ratschlägen“ Frankreichs und Englands nachgibt und „mit Gefühlen des Schmerzes die französischen und britischen Vorschläge unter der Voraussetzung annimmt, dass beide Regierungen alles tun werden, um bei der Anwendung der Vorschläge die Lebensinteressen des tschechoslowakischen Staates zu schützen“. Es heißt dann weiter:
„Die tschechoslowakische Regierung erklärt mit Bedauern, dass diese Vorschläge ohne vorherige Befragung der Tschechoslowakei ausgearbeitet wurden. Sie bedauert tief, dass ihr Antrag auf eine Regelung durch Schiedsspruch nicht angenommen wurde, und sie nimmt die Vorschläge als ein Ganzes an, von dem der Grundsatz der Garantie nicht abgetrennt werden kann. Sie nimmt ferner die Vorschläge unter der Voraussetzung an, dass beide Regierungen einen deutschen Einfall in tschechoslowakisches Gebiet nicht dulden werden, das tschechoslowakisch bleibt bis zu dem Augenblick, da es möglich sein wird, die Gebietsübergabe nach Festlegung der neuen Grenze durch eine internationale Kommission (über die in den Vorschlägen gesprochen wird) vorzunehmen. Nach Ansicht der tschechoslowakischen Regierung setzen die anglo-französischen Vorschläge voraus, dass alle Einzelheiten der praktischen Verwirklichung dieser Vorschläge im Einvernehmen mit der tschechoslowakischen Regierung festgesetzt werden.“
Als solle der Regierung, die soeben der Abtretung des Sudetengebietes zugestimmt hat, schlagend demonstriert werden, dass man „nicht ungestraft dem Teufel einen Finger reicht“, läuft zur selben Stunde, da Krofta den Gesandten der Westmächte die Annahme des anglo-französischen Planes mitteilt, eine polnische Note in Prag ein: Polen fordert die Abtretung des Teschener Gebiets!
Der am 3. April 1900 in Prag geborene Schriftsteller Franz Carl Weiskopf, bekannt unter den Initialen F. C. Weiskopf, war eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Exilliteratur. Sohn eines jüdisch-deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter, promovierte er in Germanistik und Geschichte und engagierte sich früh politisch. Ab 1928 lebte er in Berlin, arbeitete als Redakteur und gehörte dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an.
Nach 1933 floh er über Prag und Paris in die USA, wo er aktiv Exilanten wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch unterstützte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in den diplomatischen Dienst der Tschechoslowakei ein, war unter anderem Botschafter in Peking und ließ sich 1953 in Ost-Berlin nieder. Dort wirkte er als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitherausgeber der Zeitschrift neue deutsche literatur.
Weiskopfs Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Reportagen. Mit realistischer Erzählkunst von hoher sprachlicher Präzision schilderte er vor allem das Bürgertum der Tschechoslowakei und dessen Annäherung an die Arbeiterbewegung. Er starb am 14. September 1955 in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinderbuchautorin Alex Wedding (Grete Weiskopf), ist er auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Zu seinem Andenken wird seit 1956 der F. C. Weiskopf-Preis für sprachkritische und sprachreflektierende Literatur verliehen.
Versandkostenfreie Lieferung! (eBook-Download)
Als Sofort-Download verfügbar
- Artikel-Nr.: SW9783689126773458270
- Artikelnummer SW9783689126773458270
-
Verlag
EDITION digital
- ISBN 9783689126773