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Blutige Botschaften - Hinter dem Zifferblatt Band 5
Düstere Welten 22
Die Frischvermählten Clara und Norman machen Urlaub im Bayerischen Wald und unternehmen einen Abendspaziergang. Da entdecken sie ein kleines Mädchen, ganz allein auf einem leeren Baugrundstück. Es verhält sich seltsam, außerdem blutet es aus der Nase. Bald vermuten die beiden, dass sie einem Geist gegenüberstehen. Außerdem taucht für Sekunden das holografische Bild eines Gastraumes mit einer Wanduhr auf. Panisch verlassen sie das Grundstück und melden den Vorfall der Tourist-Info.
Dort schnappt die weißmagische Hexe Celeste die mysteriöse Erzählung auf. Schnell ahnt sie, dass das gespenstische Mädchen irgendetwas mit dem ehemaligen Hotel Botschafter zu tun haben könnte, das vor langer Zeit schon abgerissen wurde. Sonderbare Geheimnisse ranken sich noch heute um das einstige Prachtgebäude.
Wird Familie Seidelbast mit ihren seltsamen Uhren in ein neues Abenteuer hineingenzogen?
Im Sommer 2025
Vermutlich ahnen Sie es schon. Unserer kleinen Familie im Uhrenhaus mitten im Wald war keine lange Atempause vergönnt. Nachdem wir gemeinsam das Rätsel um den Lokführer gelöst haben, der nach seinem Tod im Localbahnmuseum des Ortes Bayerisch Eisenstein eine Heimat gefunden hatte, bahnte sich jetzt, mitten im Sommer, ein neues, mysteriöses Problem an.
Vermutlich kennen Sie mich bereits. Mein Name ist Franz Seidelbast, und ich repariere Uhren. Ursprünglich habe ich mal einen anderen Beruf ausgeübt. Aber nachdem mir mein verstorbener Onkel Philip das einsame Gebäude im Zwiesler Waldhaus vermacht hatte, schwebte ich sofort im Bann seiner vielen Minutensprunguhren. Philip hatte sie gesammelt, weil er wusste, dass sie mehr konnten, als nur die Zeit anzeigen. Die alten Zeitmesser, die jahrzehntelang in Amtsstuben, Krankenhäusern, Schulen oder Hotels an den Wänden gehangen hatten, speicherten unerbittlich die Schicksale der Menschen. Ich selbst musste düstere Erkenntnisse aus der eigenen Kindheit daraus ziehen. Doch inzwischen gehören die klackenden Zifferblätter zu meiner Familie, genauso wie Mutter Maria, Halbschwester Kerstin und die Geistertiere. Ja, Sie haben schon richtig gehört. Hund, Katze und Maus, die seit ewigen Zeiten tot sind, leben hier im Haus zusammen mit uns. Nicht jeder kann sie sehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die großen und kleinen Pfötchenträger bereichern unseren Alltag. Außerdem sind sie in der Lage, sich im Jenseits zu bewegen, und waren uns in manch heikler Situation stets eine große Hilfe. Falls Sie jetzt mutmaßen, dass Hunde, Katzen und Mäuse sich im realen Leben gar nicht vertragen, so muss ich Ihnen recht geben. Aber in den Sphären, in denen wir uns immer wieder aufhalten, ist das eben anders. Da bilden sie wertvolle Symbiosen, die ich vor meinem ersten Kontakt mit den düsteren Welten belächelt hätte. Inzwischen gehören Geister, Dämonen, Hexen und viele weitere seltsame Erscheinungen zum Leben dazu wie Essen und Trinken.
Dabei hätte ich jetzt beinahe vergessen, eine äußerst wichtige Person zu erwähnen, die aus unserer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft fast nicht mehr wegzudenken ist. Es handelt sich um Corinna Jablonski, eine Hexe, die sich der weißen Magie verschrieben hat. Den Namen brauchen Sie sich gar nicht zu merken. Denn man nennt sie nur Celeste und sie ist im Arberland bekannt wie ein buntes Hündchen. Seit geraumer Zeit trainiert sie das Fliegen auf einem Besen, zusammen mit Kerstin, meiner Halbschwester, die man oft mit meiner Ehefrau verwechselt. Ich selbst bin nicht verheiratet und habe auch nicht vor, das jemals zu ändern. Aber zurück zum Flugtraining der Hexen: Da existiert ein Startplatz, nur ein paar Kilometer entfernt von unserem Häuschen. Es ist die Hexenbrücke– ein zutiefst magischer Ort–, aber das habe ich Ihnen ja in einem anderen Büchlein schon erzählt.
Auf jeden Fall klopfte Corinna alias Celeste an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli stürmisch an die Haustür. Ich öffnete. Um ein Haar hätte sie mich umgerannt. Ihre Wangen glühten vor Aufregung. Sogar den Schatten des Geisterhundes Bazi fegte sie mit jedem Schritt im Hausflur in zwei Teile. Gottlob war der Hund in der Lage, sich immer wieder zusammenzufügen. Sie betrat die Küche, in der auch Maria und Kerstin saßen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Ihr glaubt nicht, was für eine unfassbare Geschichte ich heute schon gehört habe«, haspelte sie aufgeregt.
Maria schenkte ihr wortlos einen Becher Kaffee ein, fügte etwas Milch hinzu und schob ihn über den Tisch auf die weißmagische Hexe zu. Wir wussten, dass Celestes Erzählkunst immer an einen frisch gedruckten Roman erinnerte, und so lauschten wir einfach.
»Heute war ich in aller Frühe schon im Touristenbüro in Bayerisch Eisenstein. Ich möchte für die Urlauber eine Kräuterwanderung im Wald anbieten. Da wollte ich zusammen mit Tamara, der Mitarbeiterin des Büros, die Entwürfe für einen Flyer begutachten. Aber dann stürmte plötzlich ein junges Pärchen herein. Die beiden waren so erregt, dass sie sich gegenseitig ins Wort fielen. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Gebrabbel eine vernünftige Nachricht entziehen konnte.« Celeste trank einen Schluck Kaffee. »Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen: Die beiden haben einen Geist gesehen, und zwar genau an der Stelle, an der das ehemalige Hotel Botschafter einst stand. Während die zwei Touristen die gruselige Szene beschrieben, musste Tamara mit kalkweißem Gesicht plötzlich zur Toilette. Naja, und so haben sie mir die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt. Seid ihr bereit?«
Wir nickten synchron.
Clara und Norman Krause hatten eigentlich eine Reise nach Fuerteventura geplant. Aber nach den letzten Unwettern, die die Kanareninsel heimgesucht hatten, waren sie zum Entschluss gekommen, in Deutschland Urlaub zu machen. Atemberaubende Landschaften, erträgliche Sommerhitze und leckeres Essen hatten ihre Auswahl beeinflusst, und so waren sie in einem Dorf nahe des Nationalparks Bayerischer Wald gestrandet. Die Frischvermählten hatten sich eine Ferienwohnung in der Nähe des Bahnhofs gemietet und spontan beschlossen, ein zünftiges Abendessen in der Schmuggler-Hütte einzunehmen. Das Wirtshaus, ein uriger Holzbau, war weit über das Ortsschild von Bayerisch Eisenstein hinaus bekannt. Die Krauses verspeisten mit großem Appetit fangfrische Forellen, die der Koch meisterhaft zubereitet hatte. Mit vollem Magen hakten sie sich schließlich zu später Stunde unter und entschieden sich für einen Verdauungsspaziergang.
Der Duft des Waldes, der in der Sommernacht waberte, begleitete sie den abschüssigen Fußweg hinab in Richtung des Dorfplatzes. Clara strich sich über ihr weißblondes, ultrakurzes Haar und sog die reine Luft in ihre Lungen. Weit entfernt schrie ein Kauz. Dann blickte sie ihren Ehemann an. »Beinahe magisch hier, findest du nicht?«
Der schlanke, dunkelhaarige Norman lächelte seine Gattin an. »Doch, das ist tatsächlich eine treffende Bezeichnung. In Hannover habe ich noch nie so eine Stille erlebt, wie hier. Daheim rast, gefühlt alle fünf Sekunden, ein Rettungswagen mit Martinshorn durch die Straßen. Irgendwelche betrunkene Jugendliche randalieren immer nahe der Eckkneipe, und die Musik aus der Nachbarwohnung können wir durchgehend mitsingen.« Er kicherte. »Die erste Nacht konnte ich hier gar nicht richtig schlafen, weil mir die gewohnten Geräusche fehlten.« Spontan drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. »Das wird ein toller Urlaub, mein Schatz. Den haben wir uns redlich verdient.«
Clara nickte. »Bis auf die schauerlichen Rufe des Nachtvogels finde ich es auch toll. Aber die Eule oder was immer das ist, sollte besser den Schnabel halten, vor allem bei Vollmond. Das ist gruselig.«
Norman verzog belustigt den Mund. »Du und deine naive Angst. Es gibt keine Geister. Du bist doch kein Kind mehr.«
Clara knuffte ihren Partner in die Seite. »Meine Angst lässt sich nicht einfach so abstellen. In den sozialen Netzwerken wird immer wieder über paranormale Aktivitäten berichtet. Besonders hier, nahe des Urwaldes im Nationalpark, haben Menschen schon sonderbare Dinge gesehen.«
»Glaub doch nicht jeden Mist. Diese Posts wollen doch nur eine Menge Aufmerksamkeit generieren.« Norman zog die Augenbrauen hoch. Zeitgleich schrie der Kauz ein weiteres Mal. Claras Gesicht war selbst in der Düsternis anzumerken, dass sie innerlich erschauderte. Sie schmiegte sich einen Moment lang an Norman, dann atmete sie tief durch, packte die Hand ihres Partners und zog ihn entschlossen den Weg hinab vom Bahnhof ins Dorf.
Häuser mit spärlich beleuchteten Fenstern säumten den Gehweg, der sich langsam zu einer Straße verbreiterte. Dunkle Gärten umgaben die stillen Gebäude. Clara spürte das altbekannte Kribbeln, das sie an manchen Tagen begleitete und eine Panikattacke ankündigte. Aber von diesen schlimmen Angstzuständen hatte sie ihrem Mann noch nichts erzählt. Sie kannte Norman bereits seit zwei Jahren und hatte ihm im Februar das Jawort gegeben. Mit aller Macht drängte sie das ungute Gefühl zurück. Sie hatten sich so sehr auf diesen ersten gemeinsamen Urlaub gefreut. Außerdem gab es nicht den geringsten Grund, an so einem friedlichen Ort in Panik zu verfallen. Die Sohlen ihrer Wanderschuhe verursachten kein Geräusch auf dem Asphalt. Wie schön wäre es gewesen, wenn ihnen just in diesem Moment irgendein Fußgänger entgegengekommen wäre. Aber da war niemand zu sehen. Das Dorf schien wie ausgestorben.
Plötzlich klaffte auf der rechten Straßenseite eine Lücke in der Häuserreihe. Ein unbebautes Grundstück, mitten im Ortskern? Clara kniff die Augen zusammen, um in dem dunklen Rechteck irgendetwas zu erkennen. Nichts. Wie ein herausgerissener, riesiger Frontzahn im Gebiss eines Monsters, schoss es der Urlauberin durch den Kopf. Der Griff um Romans Hand verstärkte sich. In diesem Augenblick durchdrang der Vollmond eine der dunklen Wolken am Nachthimmel. Er beleuchtete eine ungemähte Wiese, deren Grashalme im Nachtlicht silbern schimmerten. Und wieder schrie ein Vogel – ein Vogel? Nein, das klang wie eine Kinderstimme. Clara blieb stehen. Ihre Pupillen vergrößerten sich augenblicklich auf maximale Größe. »Norman, hörst du das?«, wisperte sie. Das Kribbeln in ihrem Körper wurde stärker. Doch ihr Gatte reagierte desinteressiert. Langsam drehte er den Kopf in Richtung der Wiese. »Irgendwo ruft ein Kind. Du musst es doch hören.«
Norman fuhr herum, funkelte seine Frau an und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Clara verstummte augenblicklich. Nun nahm auch er das Wimmern wahr. Leise, aber deutlich zog es über die Wiese. Leichter Wind beugte die hohen Grashalme in Richtung Osten. Das Licht des Mondes schien zu tanzen, spielte mit den Schatten der Sommernacht und dann entdeckte Norman das Mädchen. Er deutete mit dem Zeigefinger auf das etwa zehnjährige Kind, das in der Wiese kniete und mit den Händen die Grashalme zur Seite bog, als würde es etwas suchen. Es trug ein sommerliches Jeanskleidchen mit Rüschen daran. Seine dünnen, blonden Zöpfe wurden immer wieder vom Wind erfasst und schaukelten lustig hin und her. An einem Zopfende fehlte die Spange. Es war barfuß.
Nun hatten auch Claras ängstliche Augen das Mädchen entdeckt. Fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Wer lässt denn ein Kind um diese Uhrzeit allein auf einem unbebauten Grundstück spielen?«, flüsterte sie. Der Wind trug die Worte davon. Trotzdem stutzte das Mädchen und blickte sich um. Roman drückte ein zweites Mal den Finger an die Lippen, beugte sich zu Claras Ohr und raunte ihr zu: »Die Kleine hat Angst. Vielleicht hat sie sich verirrt? Wir müssen ganz behutsam sein.«
»Sollen wir die Polizei anrufen?«, wisperte sie zurück.
»Nein, erst mal nicht. Ich nähere mich ihr vorsichtig. Vielleicht können wir dem Mädchen helfen?«
Am liebsten hätte Clara ihren Roman mit beiden Händen am Arm gepackt und ihn zurückgehalten. Intuitiv spürte sie, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging, Dingen, die sie nicht verstand und vor denen sie sich fürchtete. Doch sie kannte ihren frischgebackenen Gatten und dessen Reaktionen. Deswegen unterdrückte sie tapfer die aufkeimende Panik.
Herr Krause näherte sich dem Kind durch das hohe, mondbeschienene Gras. Dieser Ort wirkte beunruhigend, sogar auf ihn, nicht nur auf seine Frau. Wie war wohl eine Baulücke entstanden, keine fünfzig Meter entfernt vom Dorfplatz? War das hier ein Geisterort? Mit aller Macht schüttelte er den absurden Gedanken ab.
In diesem Augenblick erhob sich das Mädchen und drehte sich zu ihm um. Eiskalte Schauder liefen Norman über den Rücken. Eine hauchzarte Blutspur von den Nasenlöchern bis zum Hals hinab, war zu erkennen. Aber das Blut schien bereits geronnen zu sein. Ihre Haut war blass. Ein seltsamer Schimmer lag darauf und ließ die blauen Augen geheimnisvoll leuchten. Norman stoppte augenblicklich.
»Hast du Mama gesehen?«, wisperte das Mädchen.
»Nein«, antwortete der Hannoveraner behutsam. »Wir, also meine Frau und ich, sind ganz allein hier. Wir sind vom Bahnhof aus hier runtergelaufen ins Dorf. Uns ist niemand begegnet. Was tust du denn nur auf dieser Wiese mitten in der Nacht? Hast du dich verlaufen?«
Das Mädchen strich ihre Zöpfe über die Schultern nach hinten. Sie wirkte einen Moment lang verunsichert. »Welche Wiese? Ich habe gehofft, Mama muss noch arbeiten. Sie ist Bedienung hier im Hotel. Aber ich kann sie nirgends entdecken.« Sie fing zu weinen an. Die Tränen, die aus ihren wässrig wirkenden Augen tropften, liefen die Wangen hinab und mischten sich mit den eingetrockneten Blutspuren. »Wo sind nur alle hin? MAMA, wo bist du?«
Norman spürte Fassungslosigkeit in sich aufkeimen. Seine Ohren vernahmen die leisen Tritte im Gras hinter ihm. Clara kam näher. Hektisch drehte er sich nach ihr um und sah das nackte Grauen in ihrem Gesicht stehen. Ihre Lippen wirkten wie ein Kreidestrich.
»Norman, komm da weg«, flüsterte sie zitternd. »Du sprichst mit einem Geist.«
Doch der junge Mann ließ einen derart abartigen Gedanken nicht zu. Er fuhr noch einmal zu dem Mädchen herum. »Ich ruf’ jetzt den Rettungsdienst«, verkündete er der Kleinen. »Du fantasierst ja. Hier gibt es kein Hotel. Du stehst barfuß auf einer Wiese, und es ist kühl.« Augenblicklich übernahm sein angeborener Realismus. »Lass dich mal anfassen, hast du Fieber? Seit wann blutet deine Nase?«
Er machte einen Schritt nach vorn und streckte die Finger nach dem Kind aus. Sie bebten, dennoch näherten sie sich Zentimeter für Zentimeter der fahlen Gesichtshaut. Hinter ihm ertönte das Wimmern von Clara. Die Eiseskälte, als er die Stirn des Mädchens berührte, stach ihn wie eine Nadel. Doch nicht nur die veränderte Temperatur verwirrte ihn, vielmehr die Tatsache, dass sich schemenhaft ein runder Tisch aus der nächtlichen Szene schob, auf dem ein Aschenbecher mit dem Schild »Stammtisch« stand. Für kurze Augenblicke bebte der Boden unter seinen Schuhen. Parkett verdrängte die grünen Halme. Abgestandener Zigarettenqualm drang in seine Nase. Und, als wäre das noch nicht genug für Normans Verstand, erblickte er eine altmodische Uhr in einem Holzkasten, die an einer wabernden, durchscheinenden Wand hing. Ihr durchdringendes Klack verkündete Mitternacht. Augenblicklich übernahmen niederste Instinkte. Er stolperte rückwärts, drehte blitzschnell um und folgte seiner kreischenden Frau durchs hohe Gras zurück auf die Straße.
Celeste trank durstig ihren Kaffee aus, den Maria sofort nachschenkte. »Und? Seid ihr auch überzeugt, dass sich schon wieder eine unheimliche Geschichte anbahnt, die wir gemeinsam lösen können?«
Kerstin fuhr mit der Hand über die Nase. Das tat sie immer, wenn sie von einer Erzählung beeindruckt war. »Hotel Botschafter?«, fragte sie nach. »Die Kramerin hat mir mal erzählt, dass das in den Sechzigern ein angesagtes Haus war. Da haben die Leute bei der Abreise bereits fürs kommende Jahr gebucht, um überhaupt ein Zimmer zu bekommen. Allerdings soll der damalige Wirt auch an anrüchigen Geschäften beteiligt gewesen sein. Dort residierte viel gehobene Gesellschaft, der man was bieten musste.« Sie grinste. »Wenn ihr versteht, was ich meine.«
Maria runzelte die Stirn und seufzte. »Die guten, alten Zeiten. Da hatte Moral noch einen eigenartig muffigen Nebengeschmack, das brauche ich euch ja nicht zu erzählen. Erinnert euch nur an meine Erlebnisse im Kinderheim und letztendlich auch an die Ehe mit dem Vater vom Franz.«
Ich suchte den Blick meiner Mutter. Sie tat mir immer noch leid. Jahrzehntelang hat sie als brave Ehefrau ein Martyrium ertragen müssen. Wären Onkel Philips Uhren nicht gewesen, die mir die Wahrheit über meinen Vater gnadenlos enthüllt haben, würde ich das heute weit nicht so kritisch sehen. Aber so, wie die Dinge standen, gab ich ihr absolut recht. Moral ändert sich mit den Vorgaben der Gesellschaft. Liebevoll berührte ich sie an der Schulter. Sie lächelte mich an. Mutter hatte als Ehefrau sehr viel leiden müssen. Derartige Themen schmerzten sie noch immer.
»Sag mal, Celeste, du hast vorhin erwähnt, dieser Tourist aus Hannover hätte bei seiner Geisterbegegnung kurz eine Uhr über sich schweben sehen, die gerade Mitternacht anzeigte«, warf ich ein.
Die Hexe, die wie immer eines ihrer wallenden, weiten Gewänder trug, nickte heftig. »Aber deswegen bin ich ja sofort zu euch gekommen«, sagte sie. »Geister erzeugen, wenn sie sich mit Lebenden verständigen, oft ein Bild der Vergangenheit. Ich bin mir sicher, dass der Urlauber für einen Augenblick das verschwommene Bild der Gaststätte vom Hotel Botschafter wahrgenommen hat. Und möglicherweise hat es da eine Uhr gegeben. Du weißt, was das bedeutet?«
Ich stöhnte und ließ mich zurück an die Lehne des Küchenstuhls sinken. Für Sekunden schloss ich die Augen. Über eine innere Leinwand flimmerten Hunderte von Uhren, die jeden Quadratzentimeter unserer Wände im Haus bedeckten. Sie alle klackten leise, wenn die Minutenzeiger auf eine neue Position sprangen. Zifferblätter in allen Farben mit ihren grazilen oder groben Zeigern aus Messing oder schwarzem Blech beherrschten mein Gehirn. Und all diese Zeitmesser hatten Geschichten zu erzählen.«
Schlagartig öffnete ich die Augen wieder, fixierte die weißmagische Hexe und antwortete: »Du hoffst, dass die Uhr, die der Mann angeblich gesehen hat, irgendwo in unserem Haus versteckt ist?«
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Autor
Eve Grass
- Verlag Novo Books im vss-verlag
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- ISBN 9783961274581
- Verlag Novo Books im vss-verlag