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Der dunkle See - Hinter dem Zifferblatt 6
Düstere Welten 23
Der magische Uhrmacher Franz Seidelbast gönnt sich mit seinen Liebsten eine Auszeit und wandert zum legendären „Schwellhäusl“, einer Trifterklause mitten im Wald.
Doch noch bevor Seidelbast, die weißmagische Hexe Celeste, Mutter Maria und Halbschwester Kerstin den idyllischen Ort erreichen, dringen verzweifelte Schreie an deren Ohren.
Im dunklen See, einem Gewässer, direkt am „Schwellhäusl“ gelegen, ist wohl ein Hund ertrunken. Die völlig aufgelöste Besitzerin und auch Besucher der Kneipe munkeln, dass unter der Oberfläche des Sees etwas Unheimliches lauert, ein Monster? Eine schwarze Rückenflosse soll das Wasser durchzogen haben.
Wird Franz Seidelbast schon wieder in ein neues Abenteuer hineingezogen? Wird erneut eine Uhr das Rätsel lösen? Alles sieht danach aus, denn das „Schwellhäusl“ scheint von magischen Dingen umgeben zu sein. Dies ist das sechste Abenteuer der Reihe „hinter dem Zifferblatt“.
»Wie lang ist es jetzt her, dass wir uns auf eine gemeinsame Auszeit und Wanderung verständigt haben?«, fragte ich lachend. Dabei knuffte ich Kerstin spielerisch mit der Faust gegen die Schulter. Es war September. Der heiße Sommer 2025 mit dem Geisterdrama in Bayerisch Eisenstein lag hinter uns. Endlich hatten Corinna, Kerstin und ich die Zeit gefunden, zu entspannen. Meine Mutter Maria, die bei Kerstin und mir im Haus lebte, war daheimgeblieben. Sie wollte ihre Ruhe, obwohl das Schwellhäusl eine Menge Abwechslung vom Alltag bot.
Wir hatten uns entschlossen, den ehemaligen Trifterpfad entlangzulaufen. Der Waldweg führte an einem breiten Bach entlang, den man früher für den Transport von Holzstämmen verwendet hatte. Malerische Eindrücke erwarteten uns. Die Sonne, deren Strahlen durch dichte Buchen- und Nadelbäume drangen, malte ein seltsames Schattenspiel auf den Waldboden. Ich denke, uns war in diesem Moment allen bewusst, in welch herrlicher Gegend wir wohnten. Ich, Franz Seidelbast, habe jedenfalls bis jetzt keine Sekunde bereut, das Häuschen im Wald von meinem verstorbenen Onkel übernommen zu haben. Auch die vielen Hundert Minutensprunguhren, die die Wände der Behausung zierten, gehörten inzwischen zu unserem Leben, das nie langweilig wurde. All die Zifferblätter aus vergangenen Jahrzehnten hatten Schicksale und Geschichten gespeichert, die es mannigfaltig zu entdecken galt. Oft waren die alten Zeitmesser in der Lage, uralte Verbrechen aufzuklären, sofern man sich offen für nicht greifbare Welten zeigte. Aber – was erzähle ich hier – das haben Sie sicher schon alles in meinen vorangegangenen Berichten gelesen.
»Ich glaube, das war im Juli, nachdem wir die Skelette im ehemaligen Eiskeller des abgerissenen Hotels Botschafter entdeckt haben«, antwortete Kerstin. »Aber das sollte heute kein Thema sein. Jetzt freue ich mich auf eine deftige Brotzeit im Schwellhäusl.«
Corinna alias Celeste, die uns begleitete, hatte rote Wangen. Ihre füllige Figur war das Wandern eindeutig nicht gewohnt. Normalerweise trug sie weite, wallende Gewänder, die wie aus dem Mittelalter wirkten. Doch heute steckte sie in Leggins, T-Shirt und groben Wanderschuhen ein für uns ungewöhnlicher Anblick. Celeste lächelte. »Ich habe gehört, dass es im Schwellhäusl auch Most gibt. Ich glaube, den probiere ich mal. Da freue ich mich schon die ganze Woche drauf.«
»Danach müssen wir dich heimtragen«, witzelte ich. »Du weißt ja, zu der Trifterklause kann man leider nicht mit dem Auto fahren, es sei denn, man hat eine Ausnahmegenehmigung. Und ob Kerstin und ich das schaffen, das bezweifle ich.«
Nun wurde ich gegen die Schulter geknufft. Die weißmagische Hexe, die uns schon so viel über Magie beigebracht hatte, verzog gespielt verärgert die Lippen. »Ich weiß, dass ich zu dick bin. Aber ich verspreche dir, ich werde den Rückweg genauso entschlossen antreten wie den Hinweg.«
»Ich hoffe nur, dass uns kein neues, düsteres Abenteuer über den Weg läuft«, warf Kerstin ein. Augenblicklich verblasste das Lächeln auf unseren Lippen. Meine Halbschwester hatte recht. Geister, Hexen, Dämonen und ähnliche dunkle Quertreiber hielten sich nicht an Auszeiten. Das war uns bewusst. Aber wir waren guten Mutes, jedenfalls in diesem Augenblick.
Monja und Tatjana mussten sich den Biertisch mit einer einheimischen Wandergruppe teilen. Der Garten des Schwellhäusl glich einem Bienenstock. Biker, Wanderer und Trailrunner gaben sich bei blauem Himmel und angenehmen Temperaturen ein Stelldichein. Die Bedienungen in Tracht trugen im Akkord Tabletts voll mit Speisen und Getränken in den Garten. Sämtliche Sonnenschirme waren geöffnet und leuchteten zwischen den satten Grüntönen des Waldes wie riesige Blüten.
Am Tisch der Wandergruppe wurde lauthals gelacht und diskutiert. Tatjana und Moon hatten sich ganz am Rand der Bank niedergelassen. Insbesondere die schwarz gekleidete Moon erntete immer wieder verstohlene Seitenblicke von den Sportlern. Sie verstand kein Wort des niederbayerischen Dialekts. Eine junge Bedienung im Dirndl eilte herbei und nahm die Bestellung auf. Während Tatjana sich ein Schnitzel mit Pommes und dazu ein Bier bestellte, orderte Moon vegetarische Spinatknödel und dazu eine Cola.
»Und bitte füttere den Hund nicht wieder, wenn du schon unbedingt Leichenteile essen musst«, murrte Monja. Sie fühlte sich nicht wohl, das war ihren Gesichtszügen anzusehen. Tatjana konterte augenblicklich:
»Meine Güte, lass deine schlechte Laune nicht an mir aus, bitte.« Verstohlen glitt ihr Blick unter den Tisch, wo Creapy sich zwischen den Beinen seiner Begleiterinnen niedergelassen hatte. Der eingeklemmte, leicht zitternde Schwanz des Mischlings zeigte an, dass er gerne etwas mehr Platz für seinen Körper bevorzugt hätte. Aber den gab es hier nun mal nicht. Viele andere Artgenossen lagen angeleint neben den Tischen und mussten um ihre Ruten fürchten, weil Menschen achtlos über sie hinweg stiegen. Tatjana atmete tief durch und zwang die Unruhe zurück. Sie nahm sich vor, diesen vermutlich letzten Urlaub mit Monja einigermaßen zu genießen und in Berlin ein neues Leben zu beginnen. Die Getränke wurden serviert. Sie umfasste ihr Glas, genoss die Kühle auf der Haut und trank. Das Bier schmeckte herrlich. Der Alkohol sauste wohlig durch ihre Adern. Tatjanas Augen schwenkten über den kleinen See, dessen Wasser wirkte wie ein dunkler Spiegel. Nicht einmal der blaue Himmel und die klare Herbstsonne konnten das Schwarz seiner Oberfläche durchdringen. Einen winzigen Augenblick fröstelte sie bei diesem Anblick. Doch in Anbetracht von Moons schlechter Laune verkniff sie sich jeglichen Kommentar.
Wenig später wurde das Essen serviert. Die Speisen sahen köstlich aus und Tati aß mit großem Appetit. Als sie gerade eine Pommes in den Klecks Mayonnaise auf dem Teller tauchen wollte, wurde sie angesprochen.
»Entschuldigen Sie bitte«, meldete sich einer der Wanderer am Tisch zu Wort. Er beugte sich zu den Berlinerinnen hinüber und kramte sein bestes Hochdeutsch hervor. »Ihr Hund wandert immer weiter zu uns rüber. Nicht, dass wir was gegen Tiere haben, aber der sieht nicht gerade so aus, als würde er es hinnehmen, wenn er einen Wanderstiefel auf dem Schwanz gut fände. Vielleicht sollten sie ihn besser anleinen. Das machen übrigens alle Hundebesitzer im Biergarten.«
Tatjana reagierte sofort. Ihre Hand fuhr unter den Tisch, um Creapy am Halsband zu greifen. Doch als sie den Mund öffnete, um eine Entschuldigung anzubringen, grätsche Moon dazwischen. Sie schlug Tatis Hand zur Seite, fuhr zu dem Wanderer herum und keifte: »Der Hund hat ein Recht darauf, es sich hier gemütlich zu machen, genau wie Sie und Ihre lärmenden Kumpanen. Also sparen Sie sich weitere Kommentare.«
Der Wanderer zuckte zurück, als habe er einen Stromschlag erhalten. Eine Frau in neonfarbener Funktionskleidung mischte sich ein. »Ihnen und Ihrem Hund gehört dieser Biergarten aber nicht allein. Leinen Sie ihn an, sonst geben wir dem Wirt Bescheid.«
Moons Gesicht lief puterrot an. Tatjana schüttelte den Kopf, um ihrer Lebensgefährten zu signalisieren, besser den Mund zu halten. Doch die schwarz gekleidete Berlinerin lief gerade zur Höchstform auf. Dies waren genau die Diskussionen, die sie triggerten. Sie schob den Teller mit dem halb verzehrten Spinatknödel zur Seite. »Sie machen mir ganz bestimmt keine Vorschriften«, zischte sie aggressiv. »Je eher auch der Teil der traditionsbewussten Bevölkerung dieses Bundeslandes begreift, was für ein Egoist der Homo sapiens ist, desto besser. Mein Hund kann entscheiden, wo er sich hinlegt, basta. Dann müssen Sie halt aufpassen, wohin Sie Ihre verdammten Wanderlatschen platzieren.« Es folgte ein Redeschwall sondergleichen, in welchem Moon lautstark von Massentierhaltung, überlaufenden Tierheimen und dem Aussterben der Insekten referierte. Das hatte zur Folge, dass einige der Wanderer begannen, passenden Münzen aus ihren Geldbörsen zu kramen. Nicht alle der Sportler hatten wohl Lust auf eine Grundsatzdiskussion.
Aber nicht nur die Gruppe aus Niederbayern fühlte sich vertrieben. Auch Creapy, der die Anspannung der Menschen riechen konnte, wirkte angespannt. Unbemerkt von den Zweibeinern, deren Füße in groben Schuhen auf dem Kiesboden scharrten, erhob er sich, schlüpfte am Kopfende des Tisches durch die aufgereihten Wanderstöcke und senkte die Schnauze. Gerüche von Würsten, Schweinebraten, Schnitzeln vermischten sich mit dem Duft von lebenden Stockenten, Hündinnen, die kurz vor der Läufigkeit standen und noch etwas anderem, etwas zutiefst Verlockenden. Denn Creapy hatte Schmerzen. In seinen Eingeweiden wütete es mitunter besonders nach dem Fressen. Sein Frauchen war mit ihm zwar beim Tierarzt gewesen, aber nachdem der besorgt einen Ultraschall und eine Röntgenaufnahme vorschlug, hatte es keinen weiteren Termin gegeben. Frauchen hatte aus einem Magieladen in Kreuzberg ein Halstuch mitgebracht, ihm umgebunden und versprochen, dass er nun bald wieder gesund werde. Aber das war nicht eingetreten, ganz im Gegenteil sogar. Creapy sehnte sich nach dem Hundeparadies, in dem es keine Schmerzen mehr gab. Und dieser seltsame Geruch, den er gerade in sich aufsog, versprach genau das. Die Spur führte zum See.
All die anderen Hunde unter den Tischen waren so sehr mit den deftigen Fleischportionen ihrer Zweibeiner beschäftigt, dass sie nicht bemerkten, wie Creapy intensiv schnüffelnd am Zaun entlang zum Ausgang strebte, die sattgrüne Wiese durchquerte und auf das Seeufer zuhielt. Auf der Oberfläche schwamm ein Entenpärchen. Als es den Hund erblickte, schlug es aufgeregt mit den Flügeln und erhob sich in die Luft. Der Erpel sauste im Tiefflug auf den Mischling zu und drehte knapp über seinem Kopf ab. Er zeigte keinerlei Angst vor dem Fressfeind. Warum tat er das? Wollte er den Vierbeiner warnen?
Creapy, der viele Lebensjahre in einem schmucklosen Raum mit Gittern im Tierheim gefristet hatte und nun in einer Dreizimmerwohnung in Kreuzberg lebte, war nicht in der Lage, die feinen Hinweise der Natur zu verstehen. Er blendete das Umfeld aus und folgte dem verlockenden, fischigen Duft, der von der Wasseroberfläche ausging. Wuff entfuhr seinen Lefzen, als er sich selbst auf der Oberfläche zwischen all den leuchtend grünen Wasserpflanzen entdeckte. Nichts kräuselte das Wasser. Vorsichtig hob er eine Pfote und tippte auf das Spiegelbild. Kreisrunde Ringe fuhren auseinander, breiteten sich aus. Die Hundeaugen beobachteten fasziniert das Spektakel, so fasziniert, dass sie nicht die schillernde Blase entdeckten, die sich jetzt aus unbekannter Tiefe nach oben schob. Gleichzeitig schwamm ein Schatten heran, den selbst die Dunkelheit des Wassers nicht verdecken konnte. Eine aufgestellte Rückenflosse durchbrach für Bruchteile von Sekunden die Wasseroberfläche. Gleichzeitig öffnete sich die Blase wie das Maul eines Ungeheuers. Creapys kurzes Fiepen wurde von den Stimmen aus dem Biergarten verschluckt.
Einzig die achtjährige Jean, die mit ihrem Papa heute im Schwellhäusl eine Pause einlegte, entdeckte das sich aufwölbende Wasser, das wie ein Geysir aus dunklen Tiefen erschien, sich öffnete, wie das Maul eines Drachen und den gedrungenen, grau-weißen Hund verschluckte. Dabei löste sich das Halstuch des Vierbeiners. Es schwamm wie ein Fähnchen auf dem Wasser, das sich erstaunlich schnell wieder beruhigte. Jean schrie auf. Zweimal ertönte ihre kreischende Kinderstimme, bis endlich weitere Besucher des Biergartens darauf aufmerksam wurden. Auch Monja schreckte auf. Reflexartig schaute sie unter den Tisch, Creapy war verschwunden. Sie fuhr wie eine Furie von der Bierbank hoch und drehte den Kopf hektisch hin und her, um die Lage zu erfassen. Dann sah sie das Halstuch mit den Runen auf dem See schwimmen. Mehr und mehr sog es sich voll Wasser, gleich darauf ging es unter. Sie schlug die Hand vor den Mund. Dennoch entfuhr auch ihr ein gellender Schrei. Mit einer fahrigen Bewegung des linken Arms fegte sie zwei gefüllte Gläser vom Biertisch. Tatjanas Bier landete auf dem Schoss der Wanderin. Schaumflocken flogen durch die Luft und sprenkelten deren neonfarbenes Shirt.
»He, passen Sie doch auf«, fluchte die Dame, die ohnehin auf Moon nicht gut zu sprechen war.
»Creapy … verfluchter Mist. Wo ist mein Hund?«, brüllte Moon quer durch die Gartenwirtschaft.
»Hätten Sie ihn angeleint, wäre er noch da«, keifte die Sportlerin, krallte sich eine Serviette vom Tisch und putzte wie wild über ihr Shirt.
»Sie können mich mal«, antwortete Monja mit hochrotem Gesicht, kletterte über die Bierbank, stieß zwei Rucksäcke um und rannte los. Gleich darauf hechtete sie über den Bretterzaun. Mit einem lauten Ratschen riss die Naht der schwarzen Hose. Überall an den Nachbartischen wurde bereits gemurmelt und diskutiert. Viele Augenpaare wendeten sich in Richtung See. Nun erhob sich auch Tatjana. Der Typ neben der Sportlerin packte sie blitzschnell am Handgelenk.
»Sie wollen auch verschwinden? Das ist Zechprellerei. Außerdem hätten meine Frau und ich gerne ein paar Euro für die Reinigung des Shirts.«
Tatjana funkelte den Typen an. »Der Hund ist verschwunden. Vermutlich ist er in den See gefallen. Lassen Sie mich los. Das regeln wir alles später!«
»Von wegen. Wir besprechen das! Und zwar hier und jetzt!«
»Lassen Sie mich los, verdammt!«
Von dem auf Holzstelzen stehenden Überbau des Freisitzes ertönte ein erneuter Schrei. Das kleine Mädchen beugte sich gefährlich weit über die Latten des Zaunes. Ihr Vater zerrte sie zurück. Sie zeigte mit zitternden Fingern auf den See. Einige Luftblasen in der Größe eines Fußballs stiegen vom Grund des Sees auf, beulten das dunkle Wasser zu magischen Kugeln, bis sie zerplatzten wie riesige Seifenblasen.
Erste Gäste erhoben sich, zerrten ihre Vierbeiner unter den Biertischen hervor und machten sich zum überhasteten Aufbruch bereit. Mehrere Servicekräfte eilten von Platz zu Platz, versuchten, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Etliche Besucher schoben Geldscheine unter halbgefüllte Gläser, verließen den Garten und radelten eilig davon. Andere drängten in Richtung Zaun, zückten ihre Handys, um irgendein Schauspiel zu fotografieren, das sich vermutlich im See abspielte.
Moon war inzwischen den kleinen Abhang auf dem Po hinabgerutscht und watete ins Wasser. Sofort sogen sich ihre Klamotten voll. Die Stiefel versanken im Matsch. Eine weitere braune Blase durchbrach die Oberfläche des dunklen Sees. Mit einem würgenden Geräusch spie sie das Halstuch des Hundes mit den Runen darauf aus. Doch Creapy blieb verschwunden. Das Heulen der Berlinerin ging unter im anschwellenden Rufen, Schreien und Streiten der Gäste vom Schwellhäusl.
Unsere kleine Wandergruppe trat just in diesem Moment aus dem dichten Wald hinaus auf die Lichtung, auf der in malerischer Frühherbstsonne die Trifterklause lag. Die gelben Sonnenschirme leuchteten wie Sonnenblumen im Blau und Grün der Landschaft. Doch das friedliche Bild wirkte trügerisch. Aufgeregt wuselten Gäste durcheinander. Mehrere Radfahrer bestiegen hastig ihre Drahtesel und brausten auf dem breiten Kiesweg in Richtung Zwiesel davon. Andere drängelten sich an die Holzbalustrade über dem See und richteten Handykameras auf das Wasser aus. Panische Rufe und aggressive Stimmen mischten sich zu einem seltsamen Durcheinander. Irgendetwas schien vorgefallen zu sein. Und in diesem Augenblick erblickte ich eine Luftblase, die sich auf der Wasseroberfläche bildete, sich blähte und schließlich zerplatzte. Sie spuckte einen Stofffetzen aus, der kurios durch die Luft segelte.
Schon drängelte sich Celeste an mir vorbei. Sie fing an zu rennen. An uns gewandt, rief sie im Laufen: »Beeilt euch, da geht etwas zutiefst Magisches vor sich.« Kerstin und ich tauschten einen kurzen Blick, dann folgten wir der weißmagischen Hexe. Scheinbar war es uns nicht vergönnt, einen gemeinsamen Wandertag ohne besondere Vorkommnisse zu genießen.
Vor unseren Augen teilte sich die Masse der Besucher im Biergarten rasant in zwei Gruppen. Etwa die Hälfte der Leute verließ das Lokal. Manche rannten sogar. Panik lag in der Luft. Der Rest drängte sich an den Holzzaun der überbauten Terrasse. Mehrere Dutzend Mobiltelefone filmten den See. Immer wieder dröhnte das Jammern einer schwarz gekleideten Frau an unsere Ohren, die inzwischen bis zu den Knien in den See gewatet war. Ihre beiden Arme pflügten wild durch das Wasser, als würde sie irgendetwas Versunkenes suchen. Eine weitere Frau stand am Seeufer und versuchte, die Schwarzgekleidete davon abzuhalten, tiefer in das Gewässer zu waten. Celeste, Kerstin und ich hielten auf das Frauenpärchen zu. Denn in diesem Moment schnappte sich die Frau im Wasser das Stück Stoff, das auf der Oberfläche trieb. Es war bedruckt mit seltsamen Zeichen. Ich konnte nur einen kurzen Blick darauf erhaschen, denn sie presste den triefenden Lappen an ihre Brust und heulte auf wie ein Wolf.
Die weißmagische Hexe erreichte die Frau am Ufer, die noch immer verzweifelt ihre Arme nach der Schwarzgekleideten im Wasser ausstreckte, als Erste.
»Was ist passiert?«, fragte sie. »Ist das Ihre Freundin da im See?«
Die Berlinerin nickte und sprudelte los: »Ich muss mich ja erst einmal vorstellen. Mein Name ist Tatjana Riebe und die Frau im See ist Monja Kast. Wir sind hierher gewandert, haben im Schwellhäusl gegessen und getrunken. Dann wurde unser Hund von irgendwas im See regelrecht verschluckt. Er muss noch unter Wasser sein, denn gerade hat Monja sein Halstuch gefunden.« Sofort drehte sie sich wieder weg und streckte die Arme nach ihrer Freundin aus. Ihre Stimme klang verzweifelt. »Komm da raus, bitte! Du kannst Creapy nicht helfen, indem du dich selbst in Gefahr bringst.«
Doch die Frau mit den ungewöhnlichen Klamotten wollte nicht hören, immer tiefer begab sie sich in das ihr unbekannte Gewässer. Sie wirkte völlig aufgelöst. Währenddessen war auch der Wirt des Schwellhäusl aufgetaucht. Zusammen mit einigen Angestellten versuchte er, die Leute von der Terrasse zu drängen, bevor noch jemand in den See gestoßen wurde. Noch immer schossen Handys Aufnahmen im Akkord, denn just in diesem Augenblick fing das Wasser rund um die Schwarzgekleidete zu brodeln an. Winzige Blasen stiegen auf, brachten die Oberfläche zum Kochen. Wasserlinsen wirbelten durcheinander. Ein modriger, fischiger Geruch verbreitete sich.
Und da wusste ich, dass ich handeln musste. Blitzschnell schlüpfte ich aus den Wanderschuhen und Socken. Entschlossen watete ich ins Wasser auf die völlig aufgelöste, kreischende Frau zu.
»CREAPY? Wo bist du? CREAPY?«
»Kommen Sie da raus. Wir wissen nicht, was sich im Wasser verbirgt«, rief ich ihr zu und streckte entschlossen den Arm nach ihr aus.
»Verdammter Mist, lassen Sie mich in Ruhe. Wo ist mein Hund? Er ertrinkt!« Die Frau schlug nach meiner Hand. Immer mehr an braungeränderten Bläschen stiegen rasch an die Wasseroberfläche. Bald kreiste das brodelnde Wasser uns beide ein.
»Creapy, ohne dich verlasse ich diesen beschissenen Tümpel nicht. Ich …«
Etwas Glitschiges, Kühles streifte meine Wade. Ich erschrak zutiefst. Mit beiden Händen griff ich zu, erwischte die Schwarzgekleidete an ihren Baumwollklamotten und riss sie zurück. Durch den Ruck fiel sie vollends ins Wasser, prustete, spuckte und schrie. Doch nun packten auch Kerstins und Celestes Hände zu. Auch die Freundin beteiligte sich und innerhalb von Sekunden hatten wir die junge Frau auf die Wiese ans Ufer gezogen. Sie wehrte sich, schlug und trat nach uns. Dadurch rutschte ihr das schwarze Stück Stoff aus der Hand und fiel ins Gras.
Celeste hob das Tuch auf und wurde augenblicklich bleich. »Was ist denn das? Welcher Idiot hat das Halstuch mit gefährlichen Runen bedruckt?«, zischte sie die Frau namens Monja an. »Wissen Sie überhaupt, was die Zeichen bedeuten?«
Moon wendete ihr verheultes Gesicht der Hexe zu. »Was geht Sie das denn an? Das ist das Halstuch meines Hundes, der jetzt irgendwo auf dem Grund dieses bescheuerten Tümpels liegt.«
Celeste zuckte zusammen. Ich konnte beobachten, wie ihr Blick weicher wurde. Vorsichtig nahm ich meine Hände von der durchnässten Frau am Ufer und signalisierte auch Kerstin, sie loszulassen. Nur die Finger von Tatjana krallten sich noch immer an Monjas Kapuze fest.
Der Wirt stürmte heran. Er hatte die Szene beobachtet. »Soll ich einen Krankenwagen rufen? Ist jemand verletzt worden? Was ist denn überhaupt passiert?«
Die schwarz gekleidete Touristin rappelte sich hoch, Wasser tropfte aus den Klamotten zu Boden. »Mir geht es gut. Ich brauche keine Sanitäter«, schniefte sie. »Aber mein Hund, mein geliebter Creapy ist im See verschwunden. Irgendetwas hat ihn verschluckt. Ich habe es erst gar nicht gemerkt, aber da war ein Mädchen oben auf der Terrasse. Die muss es genau beobachtet haben.«
Ich bemerkte das Zucken um die Mundwinkel des schlanken, dunkelhaarigen Wirtes sofort. Auch Kerstin und Celeste schienen das gesehen zu haben. Doch er gewann schnell die Fassung zurück. Er drehte sich um, checkte die Lage in seinem Biergarten, die sich etwas beruhigt hatte, dann streckte er reihum jeden die Hand entgegen. »Mein Name ist Lothar Leutenbacher. Ich bin der Chef vom Schwellhäusl. Es tut mir außerordentlich leid, was da passiert sein soll. Kinder sehen oft Dinge, die es gar nicht gibt. Vielleicht ist Ihr Hund einfach nur weggelaufen und irrt jetzt im Wald umher? Auf jeden Fall kommen Sie alle bitte mit hoch. In der Gaststube sitzt bei gutem Wetter kein einziger Gast.« Kurz heftete er den Blick auf Monja. »Sie müssen sich umziehen. Meine Frau Ivanka kann Ihnen gerne etwas zur Verfügung stellen. Sie hat ungefähr dieselbe Statur wie Sie. Und dann werde ich umgehend ein paar Freunde von der Feuerwehr anrufen. Über den Hochberg ists nicht weit von Bayerisch Eisenstein bis hierher. Vielleicht können die auf die Suche nach dem Hund gehen? Die kennen die Gegend hier wie ihre Westentasche. Später werde ich Sie und Ihre Freundin dann mit dem Auto nach Hause bringen.«
Die Hilfsbereitschaft des Wirtes schien die Berlinerinnen zu überzeugen. Der See hatte sich beruhigt. Dunkel und glatt wie ein Spiegel lag er im späten Sonnenlicht in seinem Bett. Von Creapy war nicht die leiseste Spur zu entdecken. Schließlich folgten wir Lothar Leutenbacher hinauf ins Wirtshaus. Was hätten wir auch anderes tun sollen?
Zwanzig Minuten später erinnerte nichts mehr an den seltsamen Vorfall. Inzwischen war der Biergarten fast leer. Die Sensationslust hatte sich gelegt. Monja trug mittlerweile eine verwaschene Jeans und ein Shirt mit dem Aufdruck Nationalpark Bayerischer Wald. Die nette Wirtin hatte es ihr mitfühlend überlassen. Wir saßen zu fünft an einem der hellen Holztische in der urigen Gaststube. Lothar Leutenbacher hatte sich zurückgezogen, um mit ein paar Kumpels die nähere Umgebung nach dem Hund abzusuchen. Vor Monja stand ein doppelter Schnaps, an dem sie immer wieder nippte. Sie wirkte etwas ruhiger. Scheinbar wirkte die Hoffnung, Creapy irgendwo in den umliegenden Wäldern aufzuspüren, beruhigend. Celeste nutzte die Gelegenheit, um das Thema mit dem Halstuch noch einmal anzusprechen. Sie räusperte sich, dann beugte sie sich über die Tischkante nach vorne und sprach Moon, die ihr gegenübersaß, direkt an.
»Ich hoffe, ich darf dich duzen. Ich bin Corinna, aber alle nennen mich Celeste. Würdest du mir denn verraten, wo dieses schwarze Halstuch herstammt?«
Moon blickte vom Schnapsglas auf. Sie fuhr mit der Hand in die Seitentasche des Rucksacks, der neben ihr auf der Bank stand und kramte das noch immer nasse Tuch heraus, das ihr Celeste am Ufer des Sees noch zurückgegeben hatte. Beinahe ehrfürchtig legte sie das Stück Stoff auf die Tischplatte und streifte es mit der Hand glatt. »Es ist aus einem Magie-Laden aus Kreuzberg«, murmelte sie. »Die Zeichen darauf sind in Berlin der letzte Hype. Sie sollen heilende Kräfte besitzen. Der Typ vom Laden hat sie aus China importiert. Er kennt sich damit aus, hat wohl sogar einen Online-Kurs in Hexerei absolviert.«
Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Celeste regelrecht nach Luft schnappte. Auch Kerstins Augen wurden groß, doch sie mischte sich nicht ein. Moon war noch nicht fertig mit ihrem Bericht. Kurz schaute sie zu ihrer Freundin Tatjana, deren Gesicht blasser war als die Scheibengardinen an den Fenstern. Schuldbewusst setzte sie fort: »Ich habe das bisher für mich behalten. Aber Creapy ist nicht mehr ganz gesund. Er stammt aus einem Berliner Tierheim, wo er wohl nicht ganz so viel Aufmerksamkeit genoss. Auf jeden Fall fing Creapy letztes Jahr im Herbst an, das Fressen auszuwürgen. Danach legte er sich immer wieder zusammengerollt in sein Körbchen und winselte leise. Ich war mit ihm beim Tierarzt, aber der wollte unbedingt Ultraschall und Röntgenaufnahme machen, weil die Blutwerte nicht so super waren.«
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Autor
Eve Grass
- Verlag Novo Books im vss-verlag
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- ISBN 9783961274604
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