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Sad Rabbit

Atemberaubend

Sad Rabbit
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Angel Grove, ein städtischer Moloch, der alle Facetten des Lebens birgt und jedem eine Chance bietet, der sie annimmt, wird von einer bizarren Mordserie erschüttert. Eine unerkannte Gestalt, die man den Breathtaker nennt, verbreitet Schrecken in den Straßen und Hinterhöfen. Trotz intensiver Fahndung verfügt das zuständige Police Department über keine verwertbaren Indizien, die zu einer Verhaftung führen könnten. Zu diesem Zeitpunkt erhält der Hauptermittler Chief Inspector Lance West zusätzlich den Auftrag zur Gründung einer Sondereinheit, die der heranwachsenden Anzahl von Verbrechern mit besonderen Fähigkeiten und... alles anzeigen expand_more

Angel Grove, ein städtischer Moloch, der alle Facetten des Lebens birgt und jedem eine Chance bietet, der sie annimmt, wird von einer bizarren Mordserie erschüttert. Eine unerkannte Gestalt, die man den Breathtaker nennt, verbreitet Schrecken in den Straßen und Hinterhöfen. Trotz intensiver Fahndung verfügt das zuständige Police Department über keine verwertbaren Indizien, die zu einer Verhaftung führen könnten.

Zu diesem Zeitpunkt erhält der Hauptermittler Chief Inspector Lance West zusätzlich den Auftrag zur Gründung einer Sondereinheit, die der heranwachsenden Anzahl von Verbrechern mit besonderen Fähigkeiten und deren Jägern, selbsternannte Helden, Herr werden soll.

Erst als West in Kontakt mit dem Sad Rabbit tritt und es ihm gelingt, die Rächerin der Nacht von einer Zweckpartnerschaft zu überzeugen, stellen sich erste Erfolge ein. Aber Vorsicht bleibt geboten, da das Sad Rabbit wenig zimperlich vorgeht.

Kann es dem ungleichen Duo am Ende gelingen, den Breathtaker in die Enge zu treiben?



Entfernt tropfte Wasser beständig in einer diesem Element ureigenen, nervigen Art aus einer nicht abzuschätzenden Höhe auf kalten Betonboden.

Blubb. Blubb.

Das dumpfe Echo hallte dabei verhöhnend in den Ohren des einsamen Zuhörers wider und sorgte für eine aufkommende Unsicherheit. Die modrigen Aromen in der Luft wirkten zudem beleidigend auf den Geruchssinn. Eine Mischung aus abgestandener Brühe, von Algen durchzogen, und dem charakteristischen Aroma, das Schimmelpilzkulturen entfachten, schuf das Bild einer seit langer Zeit verlassenen Lokalität. Gewiss stellte dies keinen Ort dar, an welchem man freiwillig und mehr als nötig verweilen mochte. Ernsthaft käme kaum jemand auf die Idee, ihn überhaupt aufzusuchen. Ketzerisch konnte man anmerken, dass selbst Kakerlaken einen großen Bogen um diesen negativen Quell der Inspiration zogen. Nach dieser ersten, deutlich abwertenden Bestandsaufnahme von Eindrücken verspürte der soeben erwachte Mensch gleich darauf das Bedürfnis, erneut die Augen zu schließen, um von diesem realen Albtraum in einen imaginären zu wechseln. Endlich überwand er die Schwäche.

Als Albert Tibeaut seine Umgebung visuell wahrnahm, erkannte er lediglich eine bedrohliche Schwärze. Ein schmaler Lichtkegel fiel auf seine Position, die er unter den gegebenen Umständen gewiss nicht als wünschenswert betrachtete. Wie auf dem Präsentierteller einer Showbühne zu verweilen, gehörte weniger in seine Vorstellung von Sicherheit. In gebeugter Haltung saß er, mit festen Hanfseilen gefesselt, auf einem massiven Holzstuhl. Erste Versuche verdeutlichten ihm, dass man die Stuhlbeine mit entsprechenden Metallklemmen fest am Boden verankert hatte. Die aufgezwungene Sitzgelegenheit gab keinen Millimeter nach. Krampfhaft startete Albert sein Kurzzeitgedächtnis, um ein Ereignis auszudeuten, welches ihm diese prekäre Lage erklärte.

In der Chronologie des Arbeitsspeichers seines Gehirns verließ er das alte Bürogebäude einer Consultingagentur, in welchem er seit über fünfzehn Jahren als einfacher Buchhalter ohne leitende Funktionen gewissenhaft den Dienst verrichtete. Unauffällig und von den meisten Kollegen kaum wahrgenommen. Kalkulationen und Statistiken waren seine auserkorene Passion. Wie so oft in den vergangenen Jahren leistete er Überstunden, die von ihm zwar erwartet, selten jedoch honoriert wurden. Ihm war es einerlei. Ohne eigene Familie stand er lediglich seinem Gewissen Rede und Antwort. Und zum Ausleben seines Hobbys, der Beobachtung heimischer Vogelarten, genügten ihm die Wochenenden.

An diesem Tag erreichte er den Bus um halb acht abends und nutzte ihn, wie an beinahe jedem Werktag, bis zur Endstation. Mit dem Fahrer Carl gab es besserwisserische Gespräche zur aktuellen Situation in den Playoffs zur obersten Basketballliga.

Gemäß dem Fahrplan erreichte man das Ziel nach exakt 41 Minuten. Die letzte Haltestelle lag zu dieser Uhrzeit vollkommen verwaist da. Von dort aus musste eine Viertelstunde zu Fuß bewältigt werden, um das einfache Heim in den Green Hills zu erreichen. Die unspektakuläre, dafür ruhige Wohnanlage etwas außerhalb des Großstadtdschungels bot seinen Bewohnern einen idealen Rückzugspunkt abseits aller weltlichen Probleme. Nach einer abschließenden Unterhaltung mit dem Busfahrer über die politische Lage und das Leben im Allgemeinen überquerte Albert die Straße und bog auf den üblichen Fußweg ab.

Damit riss der Faden. Fetzen einer schnellen Bewegung im Gebüsch seitlich des befestigten Pfades hinauf zu der kleinen Siedlung kamen hoch. Sollte Albert an eine Entführung glauben?

Wenn ja, handelte es sich um einen gewaltigen Irrtum. Seine Person war absolut unbedeutend. Da gab es keinen versteckten Reichtum, keine Prominenz in der Verwandtschaft oder einen wütenden Buchmacher. Und in etwaige Firmengeheimnisse, insofern diese existierten, war er ebenso wenig eingeweiht. Ein langweiligeres Leben konnte man kaum führen. Keine besorgte Ehefrau würde Lösegeld zahlen und über einen betuchten Verwandten verfügte er seines Wissens ebenfalls nicht. Damit fehlte jegliche Grundlage, warum jemand Interesse an ihm zeigen könnte. Vor diesem Hintergrund stieg die Angst vor der Ungewissheit. Wenn alle rationalen Gründe ausfielen, stand eine Wahllosigkeit im Raum, aus welcher auf eine andere, düstere Weise Kapital geschlagen werden musste. Man hörte oft von Entführungen zwecks illegaler Organentnahme.

Von Panik ergriffen suchten seine Augen, soweit es ihnen möglich war, nach einer Stelle auf der Kleidung, die von Blut unterlaufen war.

Fehlanzeige.

Hitze stieg in ihm auf. Langsam begann der Magen, unangenehme Geräusche zu produzieren. Der biedere Buchhalter sah sich in der Rolle einer Testperson für neue Designerdrogen. Daher folgte jetzt ein kalter Schweißausbruch. Nein, alle Sinne funktionierten einwandfrei. Keine Halluzinationen. Kein Schwebezustand.

Eine Verwechslung!

Das konnte die Lösung sein. Man wollte einer Person von ähnlicher Statur habhaft werden, welche denselben Weg in etwa zur gleichen Uhrzeit nahm. Vage Hoffnung keimte auf. Andererseits konnte man es sich dann erlauben, ihn einfach und unbedenklich zurück auf die Straße zu entlassen? Und warum wurde versäumt, ihm einen Knebel zu verpassen?

Vermutlich lag sein aktueller Aufenthaltsort derart entlegen, dass selbst die lautesten Schreie wirkungslos verpufften und ihm zusätzlich Kraft abringen sollten.

Albert schrak aus den Gedanken hoch. Ein schlurfendes Geräusch aus ungewisser Richtung, kurz aufkommend, verriet die Anwesenheit einer weiteren Person.

„Hallo, ist da jemand? Mein Name ist Albert Tibeaut und ich denke, sie haben den falschen Mann erwischt.“ Mit unsicher wirkender Stimme brachte der Gefangene seine für ihn logische Hypothese hervor. „Wenn sie mich einfach gehen lassen, erfährt keiner davon. Mein Wort darauf.“

Zur Antwort erhielt er weitere Geräusche, mal von der linken Seite, dann direkt von vorn. Man spielte mit dem Opfer. Zuckend fuhr der Kopf Alberts mal in jene Richtung, in welcher er den unsichtbaren Entführer vermutete, dann, übergangslos, auf die gegenüberliegende Seite. Es folgte Stille. Das Geräusch der Wassertropfen wirkte intensiver. Weitere Schritte folgten.

Stille.

Erneutes Schlurfen von rechts. Zog der Unbekannte ein Bein nach?

Stille.

Schweißtropfen bildeten sich auf der Stirn. Schritte von hinten. Nervende Wassertropfen. Schritte von vorn.

Stille.

Die Nervosität stieg an und Geduld geriet zur Zerreißprobe. Dieser Art von psychischer Folter nicht gewachsen, verlegte das Entführungsopfer seine Bemühungen hin zu flehenden Bitten, die in gleicher Weise unbeantwortet blieben. Ebenso erfolgte keine Reaktion auf die plumpen Befreiungsversuche, bei welchen Albert ergebnislos wild im Stuhl in alle Richtungen wackelte. Als Resultat scheuerten sich lediglich die Handgelenke wund. Am Ende stand Verzweiflung. Diese ließ alle Anspannung aus seinem Körper fahren. Womöglich befand er sich an diesem Ort in vollkommener Einsamkeit und sprach die ganze Zeit über zu Ratten, die akribisch um ihn herum nach Nahrung suchten. Als diese letzte These abgesegnet Einzug in sein Verständnis zur augenblicklichen Lage hielt, preschte ein Schatten aus der Dunkelheit hervor, welcher für ein kurzzeitiges Aussetzen des Herzschlags seines Opfers sorgte. In einer schnellen Bewegung stülpte man einen engen, durchsichtigen Plastikbeutel über Alberts Kopf und zog diesen am Hals eng zusammen. Sofort folgte der Todeskampf. Der anteilige Sauerstoff innerhalb des Plastiks sank rapide. Ein Vakuum entstand. Vor den Augen des erstickenden Mannes drehte sich die Umgebung, ehe alles schwarz wurde. In einer allerletzten Verzweiflung erfasste Albert den Beutel mit seinen Schneidezähnen, jedoch misslang der Versuch, den stabilen Kunststoff zu zerbeißen. Als der Tod einsetzte, zeigte das Gesicht einen erschreckend weit geöffneten Mund und leicht aus den Höhlen hervorgetretene Augen.

Unberührt saß die Leiche eine Stunde auf dem Stuhl, bis erneut ein schlurfendes Geräusch die Anwesenheit der zweiten Person nachwies. Gierig näherte sich die Gestalt. Als sie ihre Existenz innerhalb des Lichtkegels materialisierte, formte eine Maske aus zerfetztem Leinen das Zerrbild eines Gesichts. Dunkle Augenhöhlen führten dem Anschein nach ins Nichts. Brutal wurde das Hemd des Toten auseinandergerissen. Ein angespitztes Metallrohr blitzte auf und wurde mit bestialischer Kraft zielsicher durch die Haut, vorbei an den Rippen, in die Lunge des Opfers getrieben. Übereifrig sog das befremdliche Wesen den verbliebenen finalen Odem des Leichnams ein. Ein kurzer Seufzer der Befriedigung entwich der Kehle des Wahnsinnigen. Für den Augenblick waren die Straßen vor ihm sicher, bis der Hunger zurückkehren sollte.



I

Der nervig in grünlichen Tönen blinkende Hinweis „Open“ erlosch nach Stunden einer arbeitsintensiven Nacht und tauchte das große Fenster von Toni’s Bar in Dunkelheit. Jetzt zeigte sich die Straßenbeleuchtung für die wenigen Lichtreflexe von außen verantwortlich. Versteckt angebrachte, dezent leuchtende Röhren sorgten für eine gedämpfte Atmosphäre innerhalb des Schankraumes mit der langen Theke und den kleinen, nischenartigen Sitzplätzen. Diese wurden laut Norm für zwei Gäste angedacht, in der Praxis häufig jedoch von bis zu vieren genutzt. Das wohldurchdachte Konzept einer Bar, kombiniert mit dem Darreichen kleinerer Speisen, ähnlich einem Bistro, ging voll auf. Hinzu kam die optimale Lage zwischen dem Bereich der Upperclass und den mittelständischen Betrieben. An den fünf geöffneten Tagen in der Woche herrschte hier absoluter Hochbetrieb, meist bis in die frühen Morgenstunden.

An diesem Samstag zeigte die alte, im Vintage-Stil gehaltene Wanduhr halb drei morgens an, als Lindsay Halme mit einem feuchten Lappen über das kastanienbraune Holz der acht Meter langen Theke fuhr, um die Ränder unterschiedlichster Glasformen zu tilgen. Eckig überwog und bezeugte das bevorzugte Getränk, Whiskey.

„Mach dich ab nach Hause, Lin. War ein harter Tag.“

Die junge Frau mit den mittelblonden Haaren, welche zu einem nervös federnden Zopf zusammengebunden waren, zuckte leicht, als die sonore Stimme ihres Chefs die Stille zerriss.

Der meist gutgelaunte Barinhaber legte stets großen Wert auf das Wohl seiner Angestellten.

Sein optisches Erscheinungsbild, kahlköpfig, muskelbepackter Oberkörper, dutzende Tätowierungen) schob ihn zunächst in die Kategorie „gefährlicher Schlägertyp“ Wer ihn jedoch näher kannte und sich seine Freundschaft sicherte, fand in ihm einen der verlässlichsten Menschen überhaupt. An Tagen, die über das normale Maß von Arbeitszeit hinausgingen, übernahm er die letzten Pflichten persönlich, um die Bar in einen annehmbaren Grundzustand zu versetzen. In aller Ruhe schaltete er das Radio an und wählte seinen Sender, der zu dieser Stunde mit ruhigen Jazznummern punktete.

Lindsay schüttete derweil den Inhalt des Putzeimers in die Toilette, wrang den Lappen aus und hing diesen zum Trocknen auf die Heizungsrohre in der Abstellkammer. Anschließend streckte sie genüsslich ihren schlanken Körper, was durch ihre eng geschnittene Bluse und den perfekt dazu passenden schwarzen Rock unterstrichen wurde. Knochen knackten bei dem Versuch, Entspannung herbeizuführen.

„Jetzt wird es aber Zeit. Heute Abend brauche ich dich wieder in alter Frische zurück. Komm gut heim.“

„Danke, dann bis um acht.“ Im Vorbeigehen schnappte sie ihren dunkelrot karierten Mantel und winkte zum Abschied.

Als Lindsay hinaus in die kühle Morgenluft trat, lag deutlich spürbar eine hohe Luftfeuchtigkeit wie eine Glocke über der Stadt. Ein letzter Blick zurück zeigte Toni, der sämtliche Stühle umgedreht hochstellte. Für den Besitzer stand der Feierabend demnach noch in weiter Ferne. Idealerweise lag seine Wohnung direkt über der Bar, sodass er jederzeit die Tätigkeit unterbrechen konnte.

Die junge Frau streckte erneut ihre Gliedmaße durch und gähnte dabei ungeniert in die diesigen Lichtverhältnisse hinein. Wie in Zeitlupe schwebende Feuchtigkeitspartikel sorgten für Ungemütlichkeit. Schnell zog sie den Gürtel ihres Mantels zu, schlug den Kragen hoch und peilte den Weg in Richtung ihres Zuhauses an. Die kleine, bezahlbare Wohnung lag lediglich fünf Blocks von hier entfernt. Für das Erreichen standen zwei Optionen zur Wahl. Die lange Strecke, die etwa viermal so lang ist, führt an der Straße entlang, während die direkte Variante durch den Angel’s Memorial Park führt.

Die pulsierende grüne Lunge der Stadt bot tagsüber allerlei Möglichkeiten der Zerstreuung. Skater nutzten die vorhandene, eigens angelegte Ecke für ihre waghalsigen Manöver.

Dutzende von Joggern zogen mehr oder minder entspannte Bahnen, während sportliche Hundebesitzer ihren vierbeinigen Freunden Frisbees zuwarfen. Weniger trainierte, vornehmlich ältere Damen saßen auf Bänken, zu ihren Füßen ebenso träges Getier, welches eher durch schwere Atemzüge auffiel als durch lebensfrohe Luftsprünge. Ferner fand man einen Kiosk, der Getränke, Eis und Süßigkeiten anbot, eine Rollschuhbahn, die im Winter wahlweise zum Schlittschuhlaufen umfunktioniert werden konnte, sowie diverse fahrende Händler, die Hotdogs und anderes Fastfood an gestresste Büroangestellte in deren Mittagspausen veräußerten.

Aktuell lag der Park in vollkommener Stille verborgen hinter dichten Nebelschleiern. Unter normalen Umständen konnte Lindsay als vernünftig bezeichnet werden. Ein erlerntes Verhalten gebot ihr, auf unnötige Risiken zu verzichten. Heute jedoch fühlte sie sich dermaßen ausgelaugt, dass ihre Füße automatisch den direkten Kurs einschlugen. Nach wenigen Schritten verschwanden von der Straße aus gesehen die Umrisse der einsamen Frau in der wabernden Masse.

Lindsays Gedanken schweiften ab und ließen die Umgebung hinter sich. In ihrer Vorstellung von einer akzeptablen Zukunft stand Schichtarbeit in dieser Qualität weit hinten an. Ihre Ziele waren hoch gegriffen, aber dafür lohnte es sich, jeden Tag aufs Neue weiterzukämpfen. Sie wollte nicht undankbar sein. Man hätte es wesentlich schlechter treffen können. In Toni fand sie einen verständnisvollen Chef, der zudem ordentlich bezahlte. Und irgendwo machte das Bedienen sogar Spaß. Aber es war eben nicht alles im Leben. Irrelevant. Jetzt galt es, das eigene Heim zu erreichen.

Halb trunken vom einsetzenden Schlafbedürfnis torkelte sie an raschelnden Gebüschen vorbei. Die Tatsache eines in der nächsten Sekunde auftauchenden Kaninchens versetzte ihrem Körper einen elektrischen Schlag und blies jede Müdigkeit davon. Unschuldig saß das kleine, braungraue Tier mümmelnd vor ihr auf dem Weg. Offenbar verspürte es keinerlei Scheu vor der um diese Tageszeit unerwarteten Besucherin. Langsam schob Lindsay sich vorwärts, während das Tier in gebückter Haltung verweilte. Dieser Umstand mochte seltsam anmuten, bot dennoch keinen Raum für Unbehagen. Ein echter Grund dazu folgte wenige Augenblicke später. Die Sichtweite sank weiter und obwohl das Auge wenige Meter zuvor eine harmlose Ursache für undefinierbare Geräusche erhalten hatte, waren die jetzt folgenden kaum mehr durch buddelndes Kleingetier erklärbar. In Einheit mit einem erhöhten Herzschlag stieg die Schrittgeschwindigkeit selbsttätig an. Die Bedienung aus Toni’s Bar verfiel in einen schnellen Marsch, unangebracht nach einer anstrengenden Schicht, aber nötig im Angesicht der derzeitigen Lage. Ein Blick über die Schulter zeigte ein größeres Wesen, das blitzschnell den Weg kreuzte und dabei ebenso lautlos agierte wie der Nebel.

Jetzt rannte die junge Frau.

Hilflos schlingerte sie über den asphaltierten Weg. Dabei die Orientierung verlierend, stand der gehetzte Mensch schließlich vor einer schmalen Unterführung. Gegen jeden gesunden Menschenverstand handelnd, gewann diese Möglichkeit die Wahl, da das Grauen eindeutig in ihrem Rücken lauerte. Exakt in der Mitte des Tunnels stolperte Lindsay und fiel der Länge nach hin. Blutig geschrammte Handflächen und verschmutzte Kleidung waren die Folge. Fluchend kam sie zurück auf die Knie und erkannte eine menschliche Gestalt im ovalen Licht des Ausgangs. Selbst ohne prophetische Fertigkeiten verstand es sich von selbst, dass auf der gegenüberliegenden Seite ein Komplize die Flucht verhinderte. Nummer Eins kam, entsprechend siegessicher blickend, in arroganter Weise langsam näher. Ein kurzer, aufschnappender Klang verriet das Herausfahren einer Messerklinge.

„Sieh mal an, welch hübscher Nachtfalter in unser Netz geflattert ist.“

Als der Mann mit der kratzigen Stimme bis auf wenige Meter herankam, erkannte die zitternde Frau diesen als einen von zwei zuvor stark angetrunkenen Gästen, welchen von Toni auf dessen bestimmende Art nahegelegt worden war, die Bar ohne Ärger zu verlassen. Beide belästigten während des Abends die Bedienung mit ordinären Gesten und derben Aussagen. Nur des guten Willens wegen ließ sie es über sich ergehen, beständig am Po gekniffen zu werden, bis Toni Wind davon bekam und die Männer des Hauses verwies.

„Wusste doch, dass du scharf auf mich bist. Läufst uns doch tatsächlich bis hierher nach. Heute ist dein Glückstag. Zufällig kennen wir ein paar anregende Spiele zu dritt, bei denen du voll auf deine Kosten kommen wirst.“ Die Stimme klang leicht lallend und ein Geruch von billigem Fusel lag in der Luft.

Hämisches Lachen erklang und Lindsay rutschte rückwärts, bis sie die Stiefel des zweiten Mannes an ihrem Bein spürte. Lässig fuhr dieser ihren rechten Schenkel entlang und zog dabei den Mantel samt Rock über die Knie, während die Fußspitze langsam in den Schritt wanderte.

„Bitte, ich gebe euch alles, was ich dabeihabe.“

„Halts Maul, Schlampe!“

Klatschend erwischte eine Ohrfeige Lindsays Gesicht. Augenblicklich setzte eine Rötung der Haut ein. Tränen flossen ungehemmt. Die Ernsthaftigkeit der Situation trat deutlich zutage.

Ruckartig fand der Messerträger zu ihr nach unten und zog den Kopf der jungen Frau an den Haaren zurück, während die Klinge direkt an der Halsschlagader platziert wurde. Die am Boden liegende Frau sah sich unfähig zu einer weiteren Reaktion.

„Du machst jetzt genau das, was ich dir sage. Ist das klar?“

Die Sache schnell über sich ergehen lassen und danach irgendwie damit klarkommen. Hauptsache lebend aus der Situation entkommen. Lindsay startete den Versuch, innerlich abzustumpfen. Widerwilliges Nicken signalisierte, dass keine Abwehr erfolgen würde.

„Braves Kind. Dann mal runter mit den Klamotten!“

Ein kurzes Aufheulen erklang, gerade so, als hechtete der Wind durch ein langes Metallrohr. Aus den Augenwinkeln heraus erkannte Lindsays Peiniger, wie sein Kumpan blitzschnell, ohne den Hauch von Gegenwehr, in den Nebel gerissen wurde. Sein überraschter Aufschrei verstummte im selben Augenblick.

„Joe, was zum Henker geht da vor?“

Lindsay wurde brutal zur Seite gedrückt. Durch verschleierte Augen sah sie, wie der verbliebene Gewalttäter in sinnloser Manier mit dem Messer den Nebel zerschnitt. Dieser spürte dabei, wie jemand oder etwas um ihn herum kreiste. Mal nahm er rechts eine Bewegung wahr, dann eher links. Schweiß trat auf die Stirn. Als er in einem Anflug der Feigheit des geschwächten Individuums die Flucht antreten wollte, wickelte sich eine dicke Lederschnur um seine Beine und brachte ihn halb zu Fall. Ein spitzer Gegenstand traf den Schädel an der Seite und hinterließ ein blutendes Loch. Ungebremst ging es für den Messerträger nach unten.

Die in der Zwischenzeit zur Vollkommenheit eingeschüchterte Lindsay starrte fassungslos auf den reglosen Körper. Wer auch immer sich für diese Tat verantwortlich zeigte, rettete sie vor Schlimmerem. Das Sicherheitsgefühl danach blieb aus. In der Stille nahm die junge Frau einzig ihren eigenen, dumpf hämmernden Herzschlag wahr. Das lebenswichtige Organ blieb kurzzeitig stehen, als ein Kopf in direkter Augenhöhe neben ihr aus dem Nebel fuhr. Ein weißer Kaninchenschädel mit den typischen langen Ohren, schwarzen Augen, Nase und dazugehörenden Tasthaaren, aber ohne sichtbare Öffnung für den Mund, eingerahmt von einer rotblonden Mähne. Die eindeutig weibliche Stimme wirkte vielmehr bedrohlich als beruhigend.

„Dein Glück, dass ich hier war. Beim nächsten Mal solltest du aber auf diese Dummheiten verzichten. Ich helfe dir dann gewiss nicht mehr.“

Lautlos verschwand die Gestalt und überließ eine hemmungslos schluchzende Lindsay Halme dem Nebel des Parks.

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