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Silberne Tränen

Düstere Welten - Band 25

Silberne Tränen
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Gleißendes Sonnenlicht fällt auf eine Holzstatue der Heiligen Maria und versetzt die anwesenden Gläubigen in wahre Verzückung, bis das Abbild Tränen vergießt. Ein Gottesurteil steht an, dass den Zwist zweier Männer schlichten soll. Während der Glückliche siegreich den Ort verlassen wird, erwartet den Unterlegenen eine tödliche Bestrafung. Für Stephan von Bartholomae, Mönch des Ordens der Dominikaner und beauftragter Ermittler in übernatürlichen Vorgängen, steht fest, dass dieses Tribunal keinesfalls himmlischer Natur sein kann. Umgehend begibt er sich in Begleitung seiner Mitstreiter in ein Dorf in den... alles anzeigen expand_more

Gleißendes Sonnenlicht fällt auf eine Holzstatue der Heiligen Maria und versetzt die anwesenden Gläubigen in wahre Verzückung, bis das Abbild Tränen vergießt. Ein Gottesurteil steht an, dass den Zwist zweier Männer schlichten soll. Während der Glückliche siegreich den Ort verlassen wird, erwartet den Unterlegenen eine tödliche Bestrafung.

Für Stephan von Bartholomae, Mönch des Ordens der Dominikaner und beauftragter Ermittler in übernatürlichen Vorgängen, steht fest, dass dieses Tribunal keinesfalls himmlischer Natur sein kann. Umgehend begibt er sich in Begleitung seiner Mitstreiter in ein Dorf in den westlichen Pyrenäen und nimmt seine Arbeit auf.

Eine entrückte Gemeinde, die der Heiligen huldigt, verlangt besonderes Fingerspitzengefühl, wenn es gilt, den Verantwortlichen für die Vorgänge der Scharlatanerie zu überführen. Schnell wähnt Stephan sich auf der richtigen Spur, bis er erkennt, dass sein Gegner wesentlich mächtiger ist, als es den Anschein besitzt.



Ciresa, im Jahre des Herren 1555, 5. Mai



Ein süßlich-würziges Aroma erfüllte die Luft, das in einer betörenden Weise eine beruhigende Wirkung auf eine angespannt ausharrende Gruppe von Menschen ausübte. Die anfängliche Nervosität verschwand ebenso, wie die Skepsis sich verflüchtigte. Fahles Sonnenlicht suchte einen Weg durch die felsige Umgebung bis hinein in eine breitere Spalte, die wiederum in einer Halbhöhle mündete. Enrique, dem Äußeren nach als einfacher Landarbeiter zu identifizieren, ließ in einer eingeübten Weise seinen Blick vorsichtig umherschweifen, ohne dabei den Kopf bewegen zu müssen. Die Lichtstrahlen kamen allmählich näher heran, wobei sie mit jedem Meter, den sie an Länge gewannen, in der Breite an Kraft verloren. Bald würden sie eine Nische in der Felswand auf der gegenüberliegenden Seite erreichen. Dieser Punkt bildete dann ihr abschließendes Ziel. In jener Nische stand eine Marienfigur, die in etwa die Größe eines einjährigen Kindes hatte, aus dunklem Holz gefertigt und mit zwei hohen Kerzen zu ihren Füßen. Das Gesicht sollte Güte ausstrahlen, aber auf eine unerklärbare Weise las der Beobachter daraus eine Mischung aus Unverständnis und Warnung. Damit stieg, gegen alle äußeren Umstände sprechend, eine leichte Skepsis an. Gleichzeitig wirkten alle anderen Anwesenden leicht beseelt. Deren Zustand sollte teilweise in Entrückung wechseln, sobald das Unerklärbare geschehen würde. Winzige Schweißperlen sammelten sich auf der Stirn des Arbeiters. Mit seinen knapp dreißig Jahren verfügte er zwar über Lebenserfahrung, sah sich aber unter bestimmten Umständen ebenso einem Aberglauben ausgesetzt wie ein jeder der einfachen Bevölkerung dieses Landstrichs. Gebete und Fürbitten, die in unverständliches Murmeln übergingen, drangen von allen Seiten an sein Ohr. Aus der Angst heraus, auffallen zu können, senkte Enrique das Haupt und bewegte seine Lippen zu einer stummen Zwiesprache mit Gott, während seine Beobachtungen weiter auf der Szene ruhten. In den Gesichtern der ihm nahestehenden, teilweise gar knieenden Gläubigen aus einem Dorf mit Namen Ciresa erkannte er vollkommene Hingabe. Ihre Augen wirkten glasig, beinah wie weggetreten, dabei voller Hoffnung.

Das Licht stand jetzt kurz davor, die letzte Etappe in Angriff zu nehmen. Durch die Bündelung wirkte der Strahl kräftiger, als wenn man auf freiem Feld der Sonne begegnete. Geradezu gleißend präsentierte er sich, nachdem die Holzstatue erreicht worden war. Und für einen kurzen Augenblick glaubte der Beobachter, einen Chor von Engeln singen zu hören. Als das Licht den machbaren Zenit erreichte, stoben dünne Strahlen rings um die Figur heraus und verliehen ihr eine einzigartige Corona. Für Enrique, der diesem Vorgang das erste Mal beiwohnte, kam der Zeitpunkt, an welchem er seine Neugierde vor die eigene Sicherheit stellte. Unbewusst trat er näher heran. Das Gesicht der Maria wirkte durch das Schattenspiel verzerrt und besaß etwas Hypnotisches, das es unmöglich machte, sich von ihm abzuwenden. Und gleichsam erging es jedem Gegenwärtigen. Phrasen wie „Lobet den Herren“ oder „Halleluja“ wurden in höchster Entzückung geäußert. Das Licht blendete und hinterließ dunkle Sterne auf der Netzhaut. Dennoch gelang es dem Neuling nicht, eine einzige Sekunde von den Vorgängen abzulassen. Als er dachte, dies sei das höchste aller Gefühle, hob ihn das nächste Ereignis auf das darüberliegende spirituelle Podest. Zunächst dachte er an eine Halluzination, hervorgerufen durch die gesamten Umstände, aber dann sah er es deutlich. In den Augenwinkeln der Holzfigur entstand ein Funkeln, das allmählich silbern glitzerte.

Enrique hielt den Atem an. Die silbernen Punkte schwollen allmählich an und begannen, als dezentes Rinnsal herabzulaufen. Surreal und zu gleichen Teilen faszinierend, traf es in seiner Beschreibung des Ereignisses am besten. Die Augen folgten jedem Millimeter, den das Silber nahm. Es passierte die Nasenflügel zu beiden Seiten, traf von dort ausgehend die Mundwinkel und vereinigte beide Ströme auf dem Kinn. Kurz bevor es von dort heruntertropfen konnte, erschien eine Hand, die einen gläsernen Pokal hielt. Geduldig, ohne zu zittern, fing sie die kostbare Flüssigkeit darin ein. Erst als der letzte Tropfen seinen Weg in das Behältnis fand, kam Bewegung in die bislang reglos verharrende Gestalt vor der Figur.

Vollends durch die Szene gebannt, versuchte Enrique, mehr über den im Vorfeld als absolut charismatisch angepriesenen Akteur herauszufinden. Als er vor knapp einem halben Jahr in diesem Landstrich ankam und es ihm mühsam gelang, das Vertrauen der Gemeinschaft zu gewinnen, wusste er bereits im Vorfeld um die göttlichen Vorgänge Bescheid. Einerseits begegneten ihm die Bewohner nicht misstrauisch, aber andererseits dennoch auf ihre Art vorsichtig. Dabei lag es weniger an einem großen Geheimnis, sondern war in einer Angst begründet, man könne ihnen das Wunder nehmen. So nannten sie es, das Wunder. Die wenigen Kenntnisse erhielt man mehr vom Hörensagen denn aus erster Hand. Es hieß, dass ein besonderer Mann, den man ehrfürchtig Don de la Plata nannte, in einer Zeremonie, die ihm direkt von einem himmlischen Boten aufgetragen wurde, göttliche Urteile über Recht und Unrecht vollstrecke. Und genau jene Impertinenz geriet den Kirchenoberen als Dorn in das Auge. Lediglich dem Papst stand es zu, Wunder als solche anzuerkennen. Dass es dabei nicht in jedem Fall auf die Natur der Sache ankam, sondern eher politische Aspekte darüber entschieden, verstand sich von selbst. Daher musste zunächst ein unauffälliger Beobachter die Lage einschätzen. Ein lokales Strohfeuer konnte schnell größere Flächen infizieren und damit die Massen bewegen. Da bereits erste Ströme von außerhalb ihren Weg nach Ciresa suchten, bat der hiesige Abt des Augustinerklosters San Pedro de Ciresa um Unterstützung auf höchster Ebene und bekam diese in Form des als einfachen Arbeiters getarnten Enrique. Der Auftrag sah vor, herauszufinden, inwieweit dieser Kult der römisch-katholischen Kirche gefährlich werden könnte.

Nachdem Enrique vor Ort eintraf, befiel ihn eine kurze Verwunderung, ob seine Anwesenheit hier nicht leicht überdimensioniert ausfiel. Immerhin galten seine Methoden weniger als christlich. Genau genommen befand er sich beim Anwenden bestimmter Mittel oft unter dem Niveau der zu reglementierenden Menschen. Aber er hatte gelernt, die Motive seiner Auftraggeber nicht infrage zu stellen.

Und somit stand er aktuell inmitten einer entrückt gläubigen Gemeinschaft, die ihren Glauben in dieser Sache gefestigt sah. Höchste Disziplin ließ ihn gegen die äußeren Einwirkungen standhaft bleiben. Er wusste, dass man Sinne schnell vernebeln konnte, fand aber bislang nichts, das diesen Verdacht erhärten konnte. Es war einfach eine von der Natur geformte Stelle, die einen Reiz auf Körper und Geist kraft ihrer puren Existenz ausübte. Enrique hatte von solchen spiritistisch vielversprechenden Orten gehört, aber der heutige Aufenthalt stellte seine erste praktische Erfahrung mit einer solchen dar. Eine nähere Untersuchung konnte dementsprechend erst erfolgen, wenn keine Seele mehr zugegen war. Daher ging er dazu über, den Verantwortlichen genauer zu erfassen. Hochgewachsen, mindestens eine Hauptlänge über den größten anwesenden Männern, hager, aber längst nicht kraftlos wirkend, glattes, schwarzes, mit grauen Anteilen durchzogenes Haar, welches perfekt auf der Schulter auflag, bleiche Haut und durchdringende, dunkelbraune Augen. Dieser Don de la Plata besaß durchaus eine beeindruckende Präsenz, die sich in körperlichen Attributen und Ausstrahlung gleichermaßen wiederfand. Dazu seine wehenden Gewänder in Weiß gehalten, spitze, silbern glänzende Fingernägel und ein ebenso silbernes Ornament, groß wie ein Handteller, als Anhänger vor dem Brustkorb. Die genaue Bedeutung der Symbole auf dem Schmuckstück konnte dabei nicht identifiziert werden.

Soeben präsentierte der Don die Schale den Gläubigen, die daraufhin in weitere Lobpreisungen verfielen. Im nächsten Schritt hob er die Schale vor einem hölzernen Podest in die Höhe. Dort verharrten zwei Männer auf den ihnen zugewiesenen Hockern. In ihren Gesichtern erkannte man Entschlossenheit. Diese beiden, so erzählte man es Enrique, lagen um ein beachtliches Stück Land seit geraumer Zeit im Streit. Der eine will es geerbt haben, der andere behauptete, es gehörte ursprünglich schon immer seiner Familie. Um das Dilemma zu lösen, wollte man kein irdisches Gericht zu Rate ziehen, sondern bat um göttlichen Beistand.

Langsam schritt der Zeremonienmeister auf eine Art von Altar zu. Dort loderten zwei mächtige Flammen. Zusätzlich standen verschiedene Gefäße bereit. Der Don positionierte sich perfekt sichtbar für alle hinter dem Altar und begann, die zuvor aufgefangenen Tränen im gleichen Verhältnis auf zwei dunkelgraue Schalen aufzuteilen. Jede Schale landete anschließend in einer Vorrichtung über einem der Feuer.

„Barmherzige Maria, untertänigst erwarten wir Eure Gnade. Heute kamen zwei Männer in einem Streit zu uns. Sie bezichtigen sich gegenseitig der Lüge, aber lediglich einer sagt die Wahrheit. Eine Wahrheit, die Euch bekannt ist. Daher bitten wir: Entlarvt die Lüge.“

Die Arme zunächst gen Himmel gestreckt, wanderten diese schließlich auf die Statue zu und endeten in einem eleganten Bewegungsablauf vor den Kontrahenten.

„Erhebt euch und tretet heran.“

Mit weiteren Handdeutungen wies der Don den Männern jeweils einen Platz vor einer Schale zu. Diese gehorchten stumm, wobei ein Hauch von Nervosität in der Luft lag. Stille trat ein und außer dem Knistern des Feuers drang kein Geräusch an Enriques Ohren. Er sah den Don, erstarrt in einer Position, mit nach vorn gestreckten Händen verweilend, die eine bestimmte Erwartung entfachte. Zunächst geschah nichts. Aber dann trat ganz allmählich ein dünner Rauch aus den Schalen empor, der sich wie eine Schlange gleichmäßig höher wand.

„Seht her! Die Tränen Marias verflüchtigen sich und werden jetzt die Wahrheit für uns alle offenlegen. Atmet tief ein. Seid ihr reinen Herzens, so habt ihr nichts zu befürchten. Sind eure Aussagen der Auswurf einer schwarzen Natter, erwartet euch ein Gottesurteil.“

Unter sichtbarer Anspannung hielten beide ihre Köpfe direkt unter den aufsteigenden Rauch. Für einen kurzen Moment erschien es, als suche dieser den direkten Weg. Einer der Kontrahenten wirkte mit einem Mal weniger zuversichtlich. Kurz vor dem Erreichen des Gesichts teilte sich der Strahl in drei Teile auf, die jeweils durch ein Nasenloch und den Mund in das Innere fuhren. Ganz kurz erstarrten die Gegner, bis sie von einem Krampf erfasst wurden. Unter weit aufgerissenen Augen nahmen sie die verdampfende Tränenflüssigkeit auf, bis diese komplett inhaliert war. Anschließend kehrte eine Stille ein, die begleitet von einem Blütenduft ein Gefühl vom Garten Eden entstehen ließ. Die im Streit stehenden Männer wendeten sich jetzt den Beobachtern zu. Jeder wirkte auf seine Weise siegessicher. Aufrecht warteten sie auf das Urteil der Heiligen. Sekunden verstrichen. Nichts geschah. Dann, vollkommen unvermittelt, ging ein Ruck durch den kräftigen Mann, der von Enrique aus gesehen auf der linken Position stand. Der Bauch dehnte sich nach vorn, während der Kopf in den Nacken gedrückt wurde. Auf den Beobachter wirkte es, als befände sich der Körper im Griff einer riesigen, unsichtbaren Hand. Ein Griff, aus dem es kein Entkommen gab. Der Betroffene verzog unter höchster Anstrengung sein Gesicht und begann, unkontrolliert zu würgen. In einer letzten eigenständigen Bewegung gelang es ihm, seine rechte Hand an den Hals zu führen. In der nächsten Sekunde öffnete er den Mund und erbrach eine undefinierbare, blutige Masse auf den Boden, bevor er in die Knie ging und tot nach hinten fiel. Mit vor Ungläubigkeit geweiteten Augen lag der stämmige Mann reglos da. Aus dem offenstehenden Mund entwich eine kleine Menge des Rauchs.

Am liebsten hätte Enrique laut aufgeschrien. Obwohl man ihn gewiss nicht als Kind von Traurigkeit betiteln konnte, überraschte ihn dieser Vorgang nachdrücklich. Es brauchte einige Augenblicke, um, so weit gefasst, den folgenden Ereignissen beiwohnen zu können.

Die umstehenden Gläubigen priesen Maria und bezeugten, dass der Wahrheit Genüge getan sei. Niemand schien sonderlich schockiert, obwohl einige aufgrund des üblen Geruchs, der von dem Erbrochenen ausging, keine Begeisterung empfanden. Dennoch zeigte keiner Scheu oder Entsetzen. Wenn Enrique ehrlich war, fehlte ihm ebenfalls ein Grund, sich umzudrehen und niemals wiederzukehren Eine unbekannte Macht wirkte beruhigend auf sein Gemüt. Daher verzog er keine Miene, nachdem zwei kräftige Handlanger des Zeremonienmeisters herbeikamen und den Leichnam wegzogen. Genauer beobachtend erkannte Enrique drei weitere, dieser tumb wirkenden Kraftprotze, die im Hintergrund strategisch wichtige Positionen einnahmen. Offenbar sicherte Don de la Plata seinen heiligen Ort auf diese Weise gegen Störungen jedweder Art ab. Ob es darüber hinaus weitere Wachposten gab, galt es, alsbald herauszufinden. Seine Anwesenheit bei dieser dubiosen Gerichtsbarkeit entsprang schließlich keinem Zufall oder stellte gewiss keinen Akt einer Willkommenskultur an diesem Flecken Erde dar. Sein Auftraggeber, ein hochrangiger Kirchenvertreter, erwartete Ergebnisse, die das Heilige entlarven und die Verantwortlichen der Scharlatanerie überführen sollten. Im Endeffekt enthielt die Order einen Freibrief zur Tötung all jener, die Enrique als verantwortlich erachtete. In puncto Diskretion und Gründlichkeit gab es keinen zweiten wie ihn, der in den Reihen der römisch-katholischen Kirche stand, ohne selbst wahrlich gläubig zu sein. Er versah seine Arbeit mit einer speziellen Hingabe und erwartete dafür keine Absolution. Das Handwerk war ihm ausreichend Erlösung.

Ein knapper Rundruf verriet das Ende der heutigen Wundertätigkeit der heiligen Maria de Hecho. Den Beinamen erhielt die Figur aufgrund des Tales, in welchem man sich gegenwärtig befand. Die Menge zerstreute sich anschließend. Ein letzter Rundumblick zeigte an, dass der Don sich bereits zurückgezogen hatte. Mutmaßlich an den Ort, vor welchem seine Männer als geballte Mauer abweisend stumm dastanden.

„Du siehst, ich habe dir nicht zu viel versprochen.“

Als wäre ihm die Erleuchtung persönlich widerfahren, trug Raul, ein talentierter Korbflechter, sein Lächeln im Gesicht. Über den leicht einfältigen jungen Mann gelang Enrique der erste Kontakt. Gleich nach seiner Ankunft in diesem abgelegenen Dorf südwestlich des Vallès Occidentales verstand er, dass man nicht einfach vollkommen unbedarft diesem speziellen Kult beiwohnen konnte. Vertrauen musste behutsam aufgebaut werden. Und er verstand sich im Regelfall perfekt darauf, mit einer rührseligen Lebensgeschichte eben jenes schnell zu bewerkstelligen. Hier lag der Fall jedoch differenzierter. Das Misstrauen gegenüber Fremden hing anfangs spürbar in der Luft, aber es gelang ihm, sich durch Fleiß einen positiven Ruf zu verschaffen. Dabei spielte er seine Rolle als Landarbeiter, der kräftig zupacken konnte, perfekt. Niemand erkannte, dass Enrique kein Einheimischer war. Selbst der Name gehörte seiner Tarnung an.

„Nicht das, was ich erwartet hatte, aber in der Tat beeindruckend.“

Irgendetwas nicht Greifbares hing über diesem Ort. Daher passte Enrique sich der Gefühlswelt seines Gesprächspartners an. Offenbar unterlag dieser der Wirkung eines unbekannten Faktors. Vorsicht war geboten. Und nähere Erkundigungen. Das spärliche Wissen der Dorfbewohner beruhte auf der Tatsache, dass sich jener selbsternannte Vermittler zwischen der Heiligen und dem Diesseits mit einer Aura des Mysteriums umgab. Keiner wusste, wie er tatsächlich hieß, woher er kam oder welchen Nutzen er aus den Vorgängen zog. Einzig den Ablauf konnte man ihm beschreiben. Sobald es Streit zwischen zwei Parteien gab oder man jemanden einer Untat beschuldigte, unterwarf man sich dem Urteil der Madonna. Diese schien mit ihren silbernen Tränen in der Lage zu sein, die Wahrheit herauszufinden. Für den Sünder endete dieser Vorgang stets mit dem Tod. Und man akzeptierte es ohne Widerworte Möglicherweise wäre dieses Wirken im Geheimen geblieben, allerdings verbreitet sich die Kunde innerhalb der Provinz Huesca und darüber hinaus rasant. Es entstand eine Art des Pilgerns zur Wahrheitsfindung. Dies wiederum missfiel dem Bischof von Aragonien. Dort wusste man, dass gerade in der leichtgläubigen Bevölkerung ein solches Wunder durchaus gewaltigen Eindruck hinterließ. Daher konnte man es sich nicht erlauben, direkt dagegen vorzugehen, und bat über das Augustinerkloster San Pedro de Ciresa eine besondere Stelle im direkten Einflussbereich des Papstes um Unterstützung. Und Enrique galt wiederum als erste Wahl für die Exekutive.

Auf dem Rückweg nach Ciresa lobten Raul und all die anderen Marias Blick hinter die Wahrheit. Unterdessen überlegte Enrique seine nächsten Schritte. Noch in der heutigen Nacht musste er gewissen Dingen auf den Grund gehen.

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