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Blutnacht in Frankfurt
Die Schattenjäger - Im Kampf gegen die Finsternis - Band 2
Leichen in Parks, Seitenstraßen und am Mainufer auf – arrangiert wie makabre Botschaften. Die Täter wollen gesehen werden. Sie sind Noctifer, Nachkommen von Vampiren.
Die europäische Behörde für übernatürliche Kriminalität AEPOCS übernimmt die Ermittlungen und stößt schnell auf eine Spur: Drei Brüder, deren DNA sich an allen Tatorten findet. Doch als eine junge Frau ermordet wird, deren Tod nicht ins Muster passt, gerät der Fall ins Wanken. Die Spuren führen zu Eric Tenebral, einem Noctifer, der sich von seiner Art abgewandt hat und eine Beziehung zu der Frau pflegte.
Eric präsentiert ein Alibi, doch seine Trauer ist echt. Als er begreift, dass seine Brüder seine Freundin getötet haben, zerbricht etwas in ihm. Er stellt sich der AEPOC, gesteht eine eigene Tat und bietet Kooperation an, der einzige Weg, sich aus den Fängen seines Clans zu lösen.
Während die Ermittler versuchen, die Tenebral-Brüder zu fassen, verschwindet die Brüder spurlos. Ein Maulwurf im Team, ein drohender Großangriff der Vampirclans und ein verzweifelter Plan, Eric als Köder einzusetzen, treiben die Stadt an den Rand eines Krieges.
Als die Nacht kommt, bricht das Chaos über Frankfurt herein. In Clubs, U-Bahnhöfen und Straßen kämpfen SEK-Teams gegen Vampire, Zivilisten geraten zwischen die Fronten und Eric muss sich entscheiden, ob er endgültig Mensch wird oder in der Dunkelheit untergeht.
Die Altbauwohnung in der Siesmayerstraße in Frankfurts Westend lag im dritten Stock eines Gründerzeithauses. Die Fassade fügte sich unauffällig in eine Reihe von anderen Villen ein. Sie hatte hohe, mit Stuck versehene Decken und großzügige Flügeltüren, die beim Öffnen leise quietschten.
Durch die hohen Fenster blickte man zum Grünenburgpark, obwohl das keinen der beiden Brüder interessierte.
Die Wohnung war spärlich eingerichtet. Zwei einfache Betten in getrennten Zimmern. Im Wohnzimmer, das man wegen seiner Größe Salon nennen konnte, stand ein großer massiver Holztisch, von vier Stühlen umgeben. An einer der Wände stand eine Couch, ihr gegenüber ein Sessel. Hier hatten es sich die beiden Brüder bequem gemacht.
Der kräftigere von ihnen, Viktor Tenebral saß auf der Couch, die Beine weit von sich gestreckt und sah seinen Bruder fragend an. »Was meinst du, kommt er noch, unser kleiner Bruder?«
Sein Gegenüber, für Eingeweihte leicht an seiner blassen Haut und den vorstehenden Eckzähnen als Vampir oder Noctifer zu erkennen, zuckte mit den Achseln und sagte: »Na ja, jedenfalls ist er zu spät. Auf ihn ist einfach kein Verlass. Wie ich immer gesagt habe, er hält sich schon viel zu lange in der Welt der Menschen auf, das hat ihn verdorben.«
Viktor nickte: »Ja, Vater hätte ihm nie den Auftrag geben dürfen, in der Menschenwelt Informationen über sie zu sammeln.«
»Ja, dummes Zeug. Was soll das? Wir gehören in die Schattenwelt und haben mit der Welt der Menschen nur so viel zu tun, wie wir brauchen, um uns ihr Blut einzuverleiben.«
Adrian Tenebral ließ ein gehässiges Lachen hören.
Er rutschte in seinem Sessel nach hinten, um bequemer zu sitzen und sagte: »Ich hoffe, unser Auftrag hier ist schnell erledigt und wir können wieder auf Dauer in die Schattenwelt zurück. Mir gefällt es hier nicht.«
»Liebes Bruderherz«, antwortete Viktor, »man könnte meinen, du hättest Vater nicht richtig zugehört. Wenn unser Plan aufgeht, dann werden wir uns öfters in der Menschenwelt aufhalten müssen, als du es vielleicht möchtest.«
Adrian wiegte den Kopf hin und her und murmelte: »Ja, ich weiß es. Ich habe das verstanden.«
»Na, dann rede nicht so ein dummes Zeug.«
Bevor Adrian etwas darauf erwidern konnte, erklang der dumpfe Ton einer Türglocke.
Viktor sprang vom Sofa auf. »Das wird er sein. Wird aber auch Zeit. Mal hören, was er zu seinem Zuspätkommen zu sagen hat.«
Er verließ den Raum und ging durch den Flur zur Eingangstür. Adrian hörte das Quietschen der Tür in den Angeln, hörte sie zufallen und dann betrat Viktor gefolgt von ihrem Bruder Kiran das Wohnzimmer.
Viktor setzte sich wieder auf die Couch und sagte zu seinem jüngsten Bruder: »Nimm dir einen Stuhl und setz dich her zu uns.«
Der Noctifer griff sich einen der Stühle, die um den Tisch standen, zog ihn in die Nähe der Couch und sah seinen ältesten Bruder interessiert an. Der junge Mann war schlank, hatte rabenschwarzes Haar und sehr blasse Haut. Das Alter war, wie auch bei seinen Brüdern, schwer zu schätzen, doch er wirkte sehr jung, jünger als sie.
»Du bist zu spät Brüderchen“, knurrte Viktor. „Hast dich wohl mit deiner kleinen Freundin vergnügt, oder?«
Kiran Tenebrals Hände ballten sich zu Fäusten. »Lass Mara aus dem Spiel. Sie geht euch nichts an und sie hat mit dieser ganzen Sache nichts zu tun. Ich weiß, dass sie euch ein Dorn im Auge ist, doch ich brauche sie noch weiter, um die Menschenwelt zu verstehen.«
Viktor hob beide Hände in Schulterhöhe und sagte: »Beruhige dich Brüderchen, wir wollen das jetzt nicht weiter erörtern. War mein Fehler, sie zu erwähnen. Aber es ist dein Leben, mach damit, was du willst. Doch immerhin vermutet Vater, dass du ihm nicht die ganze Wahrheit über diese Frau gesagt hast. Er denkt, dass hinter deiner Beziehung zu ihr mehr steckt, als nur Informationen über diese Welt von ihr zu erhalten.«
Kiran schüttelte den Kopf. »Das ist Unsinn. Doch ich nehme an, du hast mich wegen etwas anderem herkommen lassen. Ist es Zeit, mit dem Coup zu beginnen?«
Viktor nickte. »So ist es. Wir haben uns jetzt hier eingerichtet und können heute Nacht mit unserer Terroraktion beginnen. Du Kiran, bist für das Bahnhofsviertel zuständig, Adrian gehört Sachsenhausen und ich nehme mir das Nordend vor. Danach treffen wir uns wieder hier und morgen geschieht das Gleiche. Mit den Stadtvierteln belassen wir es erst mal so. Ausweiten können wir die Aktion später. Wenn keine Fragen mehr sind, können wir gleich loslegen.«
Die beiden Brüder nickten.
*
Kiran hatte seine Kawasaki Ninja vor dem Haus abgestellt, bestieg sie und brauste als Erster los, um zum Bahnhofsviertel zu gelangen.
Die Wagen seiner beiden Brüder standen auf einem öffentlichen Parkplatz in der Siesmayerstraße, sie mussten nur einen kurzen Fußweg dorthin bewältigen. Viktor bestieg seinen Mercedes Benz, währenddessen schloss Adrian seinen BMW auf und klemmte sich hinter das Steuer. Sie grüßten sich beide mit einer Hand und verließen den Parkplatz, um ihr jeweiliges Zielgebiet zu erreichen.
*
Kiran hatte sein Motorrad in der Nähe der Taunusstraße abgestellt und machte sich zu Fuß auf den Weg, um nach einem Opfer zu suchen.
Er ging die lang gezogene Straße hinunter. Neben heruntergekommenen Fassaden flackerten Neonlichter, dunkle Schaufenster sahen wie bedrohliche Höhlen aus. Die Menschen, die unterwegs waren, wirkten rastlos, getrieben. Es waren Nachtschwärmer, zwielichtige Typen, Gestalten mit gesenktem Kopf, die eine oder andere Prostituierte unter ihnen.
Lichtkegel von Scheinwerfern blitzten auf, knatternde Motoren, entfernte Musik aus Bars war zu hören, Flaschen klirrten, über allem lag ein dumpfes Murmeln. Es roch nach Alkohol, Zigarettenrauch, nach fettigem Essen und den Abgasen der Fahrzeuge.
Kiran schaute sich die Passanten, die ihm begegneten, genau an. Wer war das geeignete Opfer?
Es durfte nicht zu stark sein, er konnte sich nicht auf einen langen Kampf einlassen, nicht dass dem Opfer noch jemand zu Hilfe kam. Er wollte jetzt kein Aufsehen erregen. Das hatte Zeit, bis man die Leichen fand.
Aber einen Schwächling würde er sich nicht aussuchen, das erlaubte sein Stolz nicht.
Wenn er ehrlich war, behagte ihm die ganze Sache überhaupt nicht. Er war gar nicht darauf aus, Menschen zu töten. Als Noctifer war er nicht auf regelmäßige Blutaufnahme angewiesen. Wenn er Blut trank, gab ihm das zwar erhöhte und lang anhaltende Energie, aber er brauchte die Blutnahrung nicht so, wie Vampire sie benötigten. Also fiel auch dieser ständige Drang oder Gier nach Blut weg. Wenn er jetzt das geplante Vorhaben, von einem oder zwei Menschen das Blut zu trinken durchführte, musste er sich selbst Druck machen.
Der Auftrag, den die drei Brüder von ihrem Vater Aurelius Tenebral erhalten hatten, war in die Mainmetropole Unruhe und Chaos zu bringen. Doch sollte das nur die Anfangsphase sein. Später sollten größere, gezielte Aktionen durchgeführt werden. Doch dazu war die Zeit noch nicht gekommen. Es mussten erst die richtigen Bündnisse geschlossen werden.
Der junge Mann vor ihm könnte ein geeignetes Opfer für ihn sein. Er schlenderte vor sich hin, es sah aus, als würde er eine Melodie summen, die nicht zu hören war. Sein Gang, seine Gestik, sah wie Musik aus. Er schien tatsächlich gut gelaunt zu sein. Er trug einen hellen Sommeranzug, obwohl es von der Wetterlage noch zu kühl war, der Frühling hatte gerade erst begonnen. Er trug einen leichten Hut mit Krempe, die hochgebogen war.
Kiran beschleunigte seine Schritte, sodass er direkt hinter den Mann geriet. Ein paar Meter vor ihnen tat sich eine dunkle Nebenstraße auf. Das war der geeignete Ort. Als der Mann die Nebenstraße passierte, stieß ihn Kiran in die Straße hinein. Er umfasste beide Oberarme des Mannes und biss dem Mann in den Hals. Er spürte das Blut aus dessen Halsschlagader in seinen Mund spritzen und saugte es in großen Zügen in sich hinein. Der Mann wehrte sich, zappelte, doch gegen den eisernen Griff eines Noctifers, der übernatürliche Kräfte besaß, bot sich ihm keine Chance.
Das Zappeln ließ nach, ging in ein langsames Zucken über, dann war er tot.
Auf der rechten Straßenseite trat ein Mann in einem schwarzen Ledermantel aus einem Haus heraus. Er sah Kiran, der sein Opfer in den Armen hielt, kam auf ihn zu und sagte: »Oh, ist ihm nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?«
Kiran wehrte ab. »Nein, danke, es ist alles in Ordnung. Meinem Bekannten ist nur schlecht geworden. Wir haben vielleicht zu viel getrunken.« Kiran lachte. »Jetzt ist alles wieder in Ordnung.«
Der Mann nickte, sagte: »Gut, dann einen schönen Abend«, und ging weiter.
Kiran atmete auf. Das war noch mal gut gegangen, obwohl der Mann im Ledermantel auch einfach sein zweites Opfer hätte sein können.
Doch nun schnell gehandelt, bevor er doch auffiel. Er zog seine Beute etwas an den Rand des Bürgersteigs, legte ihn auf den Rücken und breitete seine Arme und Beine weit nach außen. Es sah so aus, als ob der Körper des Mannes ein großes X bildete.
So war es besprochen, so sollten die Opfer gefunden werden. Ein Zeichen sollte gesetzt werden.
*
Mario Lenz hatte richtig gute Laune. Da hatte er gut Kohle gemacht. Im Osthafengebiet gab es ein stillgelegtes Industriegelände, wo illegale Hunderennen stattfanden. Ein Kumpel gab ihm den Tipp. »Sluffy«, ein Whippet war der Geheimfavorit. Und Mario, der seinem Kumpel vertraute, setzte eine hohe Summe und gewann das Vierfache. Ein Grund zu feiern.
Und so entschloss er sich, spätabends auf die Rolle zu gehen. Er würde erst mal in »Petermanns Kneipe« gehen, um sich ein bisschen »anzuwärmen« und »vorzuglühen«. Danach würde er in irgendeine Nachtbar gehen, sich ein Häschen suchen, ein Häschen, das für etwas Kohle einiges mit sich machen ließ. Er stand auf Sachen, die nicht unbedingt jede mitmachen würde, aber Geld regiert die Welt. Das würde schon werden. Seine Vorfreude war enorm, sie war wahrscheinlich das Beste an der ganzen Sache, die Realität später sah doch oft anders aus.
Er hatte sich also in Schale geschmissen und war gut gelaunt die Taunusstraße hinabgeschlendert. Er ging geradeaus, die entgegenkommenden Leute mussten ihm ausweichen. Es war ihm anzusehen, dass er nicht einen Schritt zur Seite treten würde. Was so ein bisschen Zaster doch selbstbewusst machen konnte, dachte er, als er bemerkte, dass ihm da ein Typ auf den Fersen war. Na, da musste er aufpassen. Am besten wäre es, wenn er einen Zahn zulegte. Und das tat er.
Er drehte sich um, ja, da folgte ihm einer. Er richtete den Blick wieder nach vorne, vielleicht konnte er irgendwo in eine Seitenstraße abbiegen. Tatsächlich, da war auf der linken Seite eine Gasse, die er nehmen konnte. In dem Moment, in dem er in die Gasse einbiegen wollte, bekam er von der Seite einen Stoß, dass er in die Gasse hineinstolperte. Der Mann, der ihn gestoßen hatte, war plötzlich über ihm und biss ihm in den Hals, Mario spürte, wie sein Blut aus der Halsschlagader pulsierte und das der Mann aufsog. Er spürte, wie seine Energie fast schlagartig entwich, dann war da nichts mehr.
*
Trotzdem es noch etwas kühl war, waren doch recht viele Leute unterwegs, um den Abend am Mainufer an der frischen Luft zu genießen. Spaziergänger, Radfahrer, Inlineskater und Skateboarder waren unterwegs. Sogar eine Gruppe von Rollstuhlfahrern mit ihren Betreuern ließen sich sehen. Die etwas betagten Insassen der Rollstühle schienen den Ausflug im Freien zu genießen.
Das Wasser schwappte leicht an das Ufer, das rhythmische Geräusch hatte etwas Beruhigendes. Die Geräusche des Autoverkehrs drangen nur gedämpft hierher.
Eine Gruppe von jungen Frauen mit Sektflaschen in der Hand, die alle ein rotes T-Shirt mit einer Aufschrift trugen, fielen vielen der Passanten ins Auge. Die Frauen redeten alle durcheinander, keine konnte eine der anderen verstehen. Doch das schien keine zu stören. Die Stimmung war ungebremst gut. Eine der jungen Frauen versuchte ein Lied anzustimmen, doch sie gab es wieder auf, als sie merkte, dass keine ihrer Gefährtinnen in den Gesang einstimmte. Ein Junggesellinnenabschied, der seinen Höhepunkt erreicht hatte.
Adrian Tenebral traf auf Höhe des Eisernen Steges auf die Gruppe der Frauen. Und genau da fiel seine Entscheidung, sich aus dieser Gruppe ein Opfer zu suchen.
Die jungen Frauen gingen am Mainufer entlang, die Gruppe zog sich immer weiter auseinander. Einige der Frauen gingen schneller, andere blieben stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Eines der Mädchen machte den Abschluss, war tatsächlich weit hinter den anderen zurückgeblieben. Sie schaute ständig auf ihr Handy und hatte den Anschluss an die Gruppe verloren. Das war das geeignete Opfer für Adrian.
Er beschleunigte seine Schritte, bis er auf Höhe der jungen Frau war. Er schaute sich um, ob sich in der Nähe Passanten befanden. Aber niemand war zu sehen. Die Gelegenheit war günstig.
»Hallo«, sagte er. »Können Sie mir vielleicht behilflich sein?«
Er hielt der Frau sein Handy hin und sagte: »Ich suche diese Adresse.«
Die Frau trat zu ihm hin, um auf das Handy zu schauen. Adrian ergriff sie und zerrte sie hinter drei Glascontainer, die auf ihrer Höhe waren. Hier verbiss er sich in den Hals der jungen Frau, genoss, wie ihm ihr Blut die Kehle hinunterfloss. Es dauerte nicht lange und sie war tot.
Adrian ließ erst einige Spaziergänger vorübergehen, ehe er die Leiche vor die Glascontainer zog, sie auf den Rücken legte und ihre Arme und Beine in Form eines X auseinanderzog. Dann verschwand er so schnell wie möglich, um sich weitere Opfer zu suchen.
Er tötete im Laufe der Nacht noch eine weitere junge Frau und einen Mann, ohne jedoch ihr Blut zu trinken.
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- Artikel-Nr.: SW9783961274840458270
- Artikelnummer SW9783961274840458270
-
Autor
Sebastian Löwen
- Verlag Novo Books im vss-verlag
- Barrierefreiheit
- ISBN 9783961274840
- Verlag Novo Books im vss-verlag