Der Bauchnabel und andere schöne Mittelpunkte einer Reise zu zweit

Maria und Eumel zelten an der Ostsee, beide sind nicht allein und kennen sich nicht. Als es ununterbrochen regnet, kommt es in beiden Partnerschaften zum Streit und sowohl Maria als auch Eumel brechen ihren Zelturlaub ab. Beide suchen Schutz vor dem Regen in einer Fernfahrerkneipe, wo sie aufeinandertreffen. Maria kommt die Idee einer Wette: Ob es wohl möglich sei, in der verbliebenen Urlaubswoche wahllos durch die DDR zu reisen und jede Nacht ein Quartier zu finden, obwohl sie unangemeldet sind. In einem mecklenburgischen Dorf nimmt sie ein betrunkener Kneipengast mit zu seiner Frau. In Mittweida geraten sie in ein Klassentreffen. Ein Fernfahrer setzt sie rechtzeitig vor der... alles anzeigen expand_more

Maria und Eumel zelten an der Ostsee, beide sind nicht allein und kennen sich nicht. Als es ununterbrochen regnet, kommt es in beiden Partnerschaften zum Streit und sowohl Maria als auch Eumel brechen ihren Zelturlaub ab. Beide suchen Schutz vor dem Regen in einer Fernfahrerkneipe, wo sie aufeinandertreffen. Maria kommt die Idee einer Wette: Ob es wohl möglich sei, in der verbliebenen Urlaubswoche wahllos durch die DDR zu reisen und jede Nacht ein Quartier zu finden, obwohl sie unangemeldet sind. In einem mecklenburgischen Dorf nimmt sie ein betrunkener Kneipengast mit zu seiner Frau. In Mittweida geraten sie in ein Klassentreffen. Ein Fernfahrer setzt sie rechtzeitig vor der Grenze ab und sie gelangen nach Jena, wo sie aus dem Quartier bei Eumels Verwandten fliehen. In Leipzig wird es schwierig, in Berlin fast aussichtslos. Die Suche der beiden nach Übernachtungsmöglichkeiten, was in der DDR ohne Voranmeldung und langer Planung und dazu noch ohne Trauschein sehr schwierig war, lässt den Leser in vielen spannenden Episoden das Leben und Miteinander in der DDR authentisch miterleben.



Vorwort an geneigte Leser(innen)

Nabel & Welt

Zärtlicher Unterton?

Wasserdichtes Heim

Abbruch der Zelte

Annäherung, verkehrt

Glück im Spiele

Sag ich

Marias Geschichte

Eumels Abenteuer

Theorie am Tisch

Kabarett, schlimm überzeichnet

Vorschlag

Die Wette

Traglast & Risiko

Mit geschlossenen Augen

Im Zugzwang

Magdeburg hat Stadtrecht

Dame mit Hund

Ordnungskolonne

Unbefugter Zutritt

Zimmer mit Tauchsieder

Eumel speist und spricht

Die Meisjes von Holland

Nonsense im Jugendstil

Der Schlaf des Kollektivs

Weckerbursche

Angezogen

Arten des Fortkommens

Fern am Horizont

Kein Blick nach rechts und links

Beschreibung einer Kuhbläke, DDR

Kneipe. Innen. Abend

Dichtung und Wahrheit

Brüderschaft

Heimgang

Hoorsts Ollsche

Die dunkle Kammer

Zwiefach sind die Fantasien

Handwerk im Morgengrauen

Viel Reinheit. An Sex nicht zu denken

Richtiger Wegweiser

Theorie nach Fahrplan

Baumwolle

Marmeladentante

Der Schwung des Frittierkorbs

Wie wir wissen

Das vierte Rad am Wagen

Deutsches Haus, Weinabteil

Die Interviewer

Ans Glas geklopft

Interieur, alternativ

Gespräch, alternativ

Auf dem Sofa sitzend

Der Fortschritt der Nacht

Nie passiert was

Ziemlich lange Pause

Macke am Morgen

Großes graues Straßenwesen

Die Argumente der Besseren

Grimmaische Straße

1826 und 1971

Kulturfilm-Szenen (kabarettistisch)

Kleine Hinterhältigkeit

Reise nach Amerika

Letzter Versuch

Musik geht durch die Nacht

Höhle

Ablösung

Anna Loog. Eine Rückblende

Schöner wohnen. Mit Portier und etwas Kabarett

Sonne über Leipzig

Ueber die Wollust

Tannebaum und Erdbeerplantahsche

Fernfahrerkabine

Eumels Traum. Marias Träume

Deutscher Bergwanderweg

Die grünen Hügel Jenas

Schwindender Abstand

Schwarze Punkte

Maria sieht, was du nicht siehst

Hallo, würd ich sagen ...

Herzliche Begegnung

Rauschenbachheim

Nachts sind alle Katzen grau

Phyletisches Museum

Versprechen

Wetter, prachtvoll

Kreismenschen

Bild der Lebensfreude

Hotelführer

Bleibende Erschütterung

Hay Hay Hay macht die Musik

Letzte Möglichkeit

Wartesaal.

Brief vom Ende des langen Tisches

Kurzdurchlauf, umgekehrt

Eine Antwort Eumels

Welt & Nabel

Nachwort für verstörte Leser(innen)



Schwarze Punkte

Eben noch hat es gegossen, schon scheint wieder Sonne. Das ist wie im April und in Schillers Balladen. Dabei sind wir im Hochsommer und in Jena.

Das Südbad. Hier ist die Grasnarbe dünn, niedergedrückt, noch etwas feucht. Aber im Wasser (22 Grad Celsius) lärmen schon wieder die Badegäste. Maria und Eumel bauen aus ihren Sachen einen Kreis um sich herum. Sie liegen wie zwei Kompassnadeln drin. Niemand möge diesen Kreis stören.

Endlich kriegen wir Maria auch mal wieder im Bikini zu sehen. Sie liegt fein quer in unserm ganzen Bild. Der Nabel ist nach wie vor eindrucksvoll. Die Sonne starrt von weit oben nach ganz unten. Durchaus: Die Bademode aus dem Oberlungwitzer Kombinat ist eindrucksvoll. Und erhebend.

Eumel dreht sich vorsichtshalber mal auf den Bauch. Maria bestreut Eumel auf akkurate Weise mit Erdkrümeln und herausgerissenen Grashalmen.

Eumel knurrt und juckt sich.

Ich beiß gleich. Was ist‘n das hier?

Sind meine Ohren.

Was? Das sind deine Ohren? Die am Kopf?

Und was ist das?

Musst du doch merken.

Gut. Ich merke das, was du nicht merkst.

Tja. Meine Welt ist eben nicht von Pappe.

Ich hab auch keinen Pappenstiel.

Aber bitte, mein Herr. Ich finde Sie so etepetete.

Etewas?

So zartfühlend.

Gnädiges Fräulein?

Mein Herr?

Wieso sind wir hier im Bad. Zusammen.

Weil‘s auseinander so schlecht geht.

Was geht schlecht?

Das wirst du mir jetzt gleich erzählen.

Tja, und dann erzählen sie sich nichts. Sie erzählen sich reineweg gar nichts. Sie starren sich an, liegen einfach so da, starren, zählen die kleinen schwarzen Punkte in den Augen des andern. Jeder hat in jedem Auge einen schwarzen kleinen Punkt. Sie zählen noch mal. Zwei schwarze kleine Punkte pro Gesicht. Zwei mal zwei Gesichter. Nein, das wären ja vier Gesichter. Also zwei mal zwei Punkte. Macht wirklich zusammen vier schwarze kleine Punkte. Vier kleine schwarze Punkte in vier Augen. Die Probe: vier geteilt durch vier ist eins. Ein schwarzer Punkt pro Auge.

Richtig? Richtig!

Also noch mal die ganze Aufgabe von vorn. Sicher ist sicher. Jeder hat in jedem Auge ...

Als Maria und Eumel aufblicken, sind sie eingebaut, zugebaut, umbaut. Ein umbauter Erholungsraum. Das Gras sieht keine Sonne mehr.

Ringsumher wälzen sich tonnenschwere Großfamilien auf riesigen bunt karierten Decken, auf verketteten, verknoteten Luftmatratzen. Die Freizeitindustrie des Landes zeigt ihre Leistungsfähigkeit. Man hat viel Luft in viele Gummibälle geblasen. Unübersehbare Kinderscharen spielen laut schreiend mit dem Jahresaufkommen an gräulich bunten, fest verstöpselten Gummitieren. Die Radiorekorder beweisen ihre gesunkenen Klirrfaktoren. Badekappen, Bademoden, Badetücher, Bade-Sprays, Badejungen, Badekarten. Vom Badewasser ist auch noch etwas zu sehen. Es schwappt hin, und es schwappt her. Winzige Kinder schlucken es mit Genuss und weit aufgerissenen Augen.

Nebenan ragen die Masten einer Flutlichtanlage in den inzwischen wieder fast blaublanken Himmel. Oben auf den Masten liegen keine Leute, um sich zu sonnen. Vielleicht sollten Eumel und Maria dort hinaufklettern, sich auf den dreieckigen Plattformen langmachen? Nur Leute mit scharfen Zeissgläsern würden genauer sehen können, was sie da zu treiben hätten, auf einer solchen Plattform, von den runden Kübeln der Scheinwerfer eingerahmt, der Sonne ein Stück näher ...

Aber der Fußballklub Zeiss Jena hat seine Vorschriften. Tut uns leid. Da könnte ja jedes Pärchen kommen. Und dann in luftiger Höhe, kurz vor dem siebenten Himmel – nein, geht nicht, sehen wir keine Möglichkeit.

Aber es würde doch nicht jeder mit jeder kommen? Wollen denn alle Paare gleich so hoch hinaus?

Also gut. Wir verstehen. Denn wir müssen verstehen.

Maria und Eumel bleiben bäuchlings liegen, im platten Gras, und wir schauen in die Runde der eifrig Erholung Suchenden.



Matthias Biskupek war am 22. Oktober 1950 in Chemnitz geboren worden und wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der sächsischen Kleinstadt Mittweida auf. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter war Angestellte. Nach Schulbesuch und Abitur mit gleichzeitiger Lehre als Maschinenbauer studierte Biskupek an der Technischen Hochschule Magdeburg technische Kybernetik und Prozessmesstechnik. Von 1973 bis 1976 war er als Systemanalytiker und zeitweise auch als Maschinenfahrer im Chemiefaserkombinat Schwarza bei Rudolstadt tätig. Nachdem er bereits während seiner Schul- und Studienzeit verschiedene literarische Zirkel besucht und mehrfach am Schweriner Poetenseminar teilgenommen hatte, in den achtziger Jahren auch als Seminarleiter, arbeitete er seit 1976 am Theater Rudolstadt, zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg, zeitweilig auch als Bühnentechniker, Programmheftzeichner, Inspizient und Kleindarsteller. In den Jahren 1981/82 absolvierte er einen Sonderkurs am Leipziger Literaturinstitut. Seit 1983 lebte er freischaffend in Rudolstadt. 1993 war er Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar. 1997 bekam er ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2000 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano. 2016 wurde Biskupek mit dem Walter-Bauer-Preis ausgezeichnet. Zu seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gehörten Romane, Geschichten, Kabaretttexte, Feuilletons und Features für den Rundfunk sowie in den 1980er Jahren auch Treatments für die DEFA, die jedoch nie zu Filmen wurden. Von 1985 bis zu dessen Auflösung war er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1990 der letzte Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, 1992/93 VS-Vorsitzender in Thüringen.

Er ist am 11. April 1921 in Rudolstadt verstorben.

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