EINE MORALISCHE ANSTALT

Roman mit richtigen Requisiten, letzten Vorhängen und Theaterblut

Ein junger Mann betritt die Bretter, die die Welt bedeuten. Er wird gecastet, aber das heißt zu der Zeit noch Kadergespräch. Er findet sich wieder als Regieassistent mit Spielverpflichtung. Schnell merkt er, dass auch hinter den Kulissen ein spannendes Spiel läuft, in dem es um Liebe, Karriere und handfeste Intrigen geht. Matthias Biskupeks Roman führt in ein Provinztheater tief im Osten. Er ist eine Satire auf die Zeit, „da die Welt noch nicht in Ordnung war und die Theater keine Mängelbedarfsklagen hatten, sondern einen Anspruch". Vorangestellt Das Bühnenbild Ein Vorspiel Prolog im Parteihimmel Eiserner Vorhang Statisterie Zug nach... alles anzeigen expand_more

Ein junger Mann betritt die Bretter, die die Welt bedeuten. Er wird gecastet, aber das heißt zu der Zeit noch Kadergespräch. Er findet sich wieder als Regieassistent mit Spielverpflichtung. Schnell merkt er, dass auch hinter den Kulissen ein spannendes Spiel läuft, in dem es um Liebe, Karriere und handfeste Intrigen geht.

Matthias Biskupeks Roman führt in ein Provinztheater tief im Osten. Er ist eine Satire auf die Zeit, „da die Welt noch nicht in Ordnung war und die Theater keine Mängelbedarfsklagen hatten, sondern einen Anspruch".



Vorangestellt

Das Bühnenbild

Ein Vorspiel

Prolog im Parteihimmel

Eiserner Vorhang

Statisterie

Zug nach Finnland

In der Maske

Großer Mime

Dramaturgie

Unsere kleine Stabilisierung

Vorhangelfen

Planstelle

Malsaal

Kon-Zimmer

Jugend eines Oberspielleiters

Große Pause: Die Vision, gevierteilt

1.

II.

III.

IV.

Fechten

Die Stückeschneiderei

Künstlerisches Betriebsbüro

Das Märchen vom KÖR

Bühnentechnische Kombination

Ansagerin

Vogelschießen

Arbeitertheater

Spektakel Zwo

Julia, knieweich

Personage

Letzter Vorhang im Hier & Heute

Programmheft



Jessica schreibt in Deutsch eine Jahresarbeit, eine Abhandlung über ein frei gewähltes Thema, mit dem die angehende Abiturientin zeigen soll, ob sie zu selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit fähig ist. Ihre besten Freundinnen arbeiten über antifaschistische Widerstandskämpfer, Orchideen auf der Buntsandsteinplatte oder die Entwicklung des Folkloretanzensembles. Jessica schreibt über Schillers Konzeption der Schaubühne als moralische Anstalt und die Aufnahme dieser Tradition am hiesigen Theater.

Da haben Sie sich aber was vorgenommen, sagt Deutschlehrer Köbi. Wieso? fragt Jessica und schreibt als Motto über ihre Arbeit: „Ich träume davon, dass eine Abiturklasse von der Neubauer-Penne ins Theater geht. Scheinbar schläfrige Stille, doch plötzlich ruft einer laut: So geht’s doch nicht! Das muss man anders machen!“ Bernt Violliné, Oberspielleiter des Schauspielensembles, in seiner Antrittsrede.

Jessica nennt ihre Arbeit: „Schläfrige Stille, Provinz und Theateraufregung.“ Sie hat die „Räuber“, den „Sommernachtstraum“ und „Unsere kleine Stabilisierung“ gesehen, hat verglichen, die Schauspielerleistungen beschrieben und stellt fest: Schiller, Shakespeare und Rozewicz geben Antwort auf Fragen unserer Zeit. Moral hat nichts mit Verweigerung oder Prüderie zu tun. Das Theater muss im Gegenteil unverklemmt an alle gesellschaftlichen Fragen herangehen, darf sich keinen Dogmen unterwerfen, muss immer wieder die Frage auf die Bühne stellen: Wo bin ich Mensch, wo darf ich hingehn. Ins Heutige übersetzt: Alle Buden müssen sturmfrei sein. Denn ein Schiller hat im Unterschied zum Fürstenfreund Goethe auf seiner Autonomie bestanden.

Deutschlehrer Köbi hat das Wort „Dogmen“ unterstrichen und „Unterwerfen passt in diesem Zusammenhang nicht“ an den Rand geschrieben. „Autonomie“ und „sturmfrei“ hat er mit einem großen A wie „Ausdruck“ gekennzeichnet. Er hat nur die Räuber gesehen und meinte vor der Klasse dazu „Eine durchaus, nun ja, interessante, nun ja, Aufführung …" Unter Jessicas Arbeit schreibt er: „Die ideologischen Unklarheiten des polnischen Polit-Dramatikers Tadeusz Rozewicz, Wroclaw, müssten gesondert behandelt werden. Trotzdem noch 1!“

Jessica besteht das Abitur mit sehr gut und beginnt Theaterwissenschaft in der Hauptstadt zu studieren. Der noch immer verheiratete Professor für Marxismus-Leninismus und Freund von Jessicas Mutter hat Beziehungen und kann sie für begehrte Studienplätze nutzen. Jessica wohnt bei ihrer Mutter, hat keine sturmfreie Bude mehr und bekommt ein Kind. Von einem Solidaritätsstudenten aus dem arabischen Raum. Sie bricht das Studium ab, und der Freund ihrer Mutter fällt in Ungnade, wie man ideologische Verwicklungen in den Achtzigern umschreibt. Jessica arbeitet als Anlagenfahrerin, während ihr Freund promoviert und schließlich seinen Kampf im arabischen Raum fortführt. Jessica ist über dreißig, als sie für eine Agentur zum ersten Mal Werbetexte spricht. Eine beste Freundin hat sie überredet, es doch mal zu versuchen. Ihre Stimme ist überhaupt nicht öffentlich-rechtlich, sagt der Casting-pro-moter bewundernd, und so erhält sie ein Angebot beim Sender „Berlin ist Eins“. Die deutsche Einheit tobt lustvoll zwischen Kudamm und Kurfürstenstraße. Der Jingle zum Sender wird jeweils gekontert: berlin-united-berlin-one. Jessica hat den american drive in der Stimme und macht die Jessica-and-Jovi-Morgenshow. Sie muss anmoderieren und lässt abfahren. Als sie vierzig wird, ist auch ihre Stimme öffentlich-rechtlich geworden und sie wechselt. In den Kulturnachrichten des Senders Freies Berlin berichtet sie ausführlich über das Theatersterben in der Mitte Europas. Du bringst das glaubhaft rüber, so gut waren wir noch nie on air, sagt der leitende Redakteur. Wo kommst du eigentlich her?

Vom Theaterjugendklub, sagt Jessica. Der leitende Redakteur versteht nicht. Ist lange her, sagt Jessica, da müsste ich ausführlich mit dir drüber quatschen. Würde ich gern, sagt der leitende Redakteur. Ich nicht, sagt Jessica und trollt sich. Ihr Kind geht regelmäßig zum Rock’n’Roll Dancing Club. Jessica träumt, wird dann aber leitende Redakteurin. Sie sieht verdammt gut und exotisch aus und hat einen entfernten Freund. „Und das ist auch gut so“, zitiert sie ihren Bürgermeister. Bei einer Redaktionsbesprechung sagt Jessica: Wir müssten unser Programm einen Gang zurückschalten, versteht ihr?

Nein, sie verstehen nicht. Aber wir – wir tun so, als verstünden wir und flüchten uns wieder drei Dezennien zurück in die Vergangenheit.



Matthias Biskupek war am 22. Oktober 1950 in Chemnitz geboren worden und wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der sächsischen Kleinstadt Mittweida auf. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter war Angestellte. Nach Schulbesuch und Abitur mit gleichzeitiger Lehre als Maschinenbauer studierte Biskupek an der Technischen Hochschule Magdeburg technische Kybernetik und Prozessmesstechnik. Von 1973 bis 1976 war er als Systemanalytiker und zeitweise auch als Maschinenfahrer im Chemiefaserkombinat Schwarza bei Rudolstadt tätig. Nachdem er bereits während seiner Schul- und Studienzeit verschiedene literarische Zirkel besucht und mehrfach am Schweriner Poetenseminar teilgenommen hatte, in den achtziger Jahren auch als Seminarleiter, arbeitete er seit 1976 am Theater Rudolstadt, zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg, zeitweilig auch als Bühnentechniker, Programmheftzeichner, Inspizient und Kleindarsteller. In den Jahren 1981/82 absolvierte er einen Sonderkurs am Leipziger Literaturinstitut. Seit 1983 lebte er freischaffend in Rudolstadt. 1993 war er Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar. 1997 bekam er ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2000 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano. 2016 wurde Biskupek mit dem Walter-Bauer-Preis ausgezeichnet. Zu seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gehörten Romane, Geschichten, Kabaretttexte, Feuilletons und Features für den Rundfunk sowie in den 1980er Jahren auch Treatments für die DEFA, die jedoch nie zu Filmen wurden. Von 1985 bis zu dessen Auflösung war er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1990 der letzte Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, 1992/93 VS-Vorsitzender in Thüringen.

Er ist am 11. April 1921 in Rudolstadt verstorben.

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