Die Cambridge-Akte

Cambridge, Herbst 1990: Der Tod einer alten Dame in einer Seniorenresidenz scheint ein Selbstmord zu sein – bis Detective Chief Inspector Harry House auf beunruhigende Widersprüche stößt. Was als Routinefall beginnt, führt ihn in ein Geflecht aus Geheimdienstmanövern, IRA-Terror und vertuschten Akten. Die Spur reicht zurück in das Dritte Reich und zu einem geheimen Nuklearprojekt – und mitten hinein in die Vergangenheit seines eigenen Vaters. Aus Ermittlungen werden Zweifel, aus Zweifel wird persönliche Betroffenheit. Ein packender Politthriller über Schuld, Nuklearterrorismus und die explosive Kraft verdrängter Geschichte.... alles anzeigen expand_more

Cambridge, Herbst 1990: Der Tod einer alten Dame in einer Seniorenresidenz scheint ein Selbstmord zu sein – bis Detective Chief Inspector Harry House auf beunruhigende Widersprüche stößt. Was als Routinefall beginnt, führt ihn in ein Geflecht aus Geheimdienstmanövern, IRA-Terror und vertuschten Akten. Die Spur reicht zurück in das Dritte Reich und zu einem geheimen Nuklearprojekt – und mitten hinein in die Vergangenheit seines eigenen Vaters. Aus Ermittlungen werden Zweifel, aus Zweifel wird persönliche Betroffenheit.

Ein packender Politthriller über Schuld, Nuklearterrorismus und die explosive Kraft verdrängter Geschichte.



Südnorwegen – 22. Februar 1944



Als Heinrich Ucker aus der warmen Unterkunft ins Freie trat, roch die Luft nach Winter und nach Schnee. Dabei hatte es bereits die Tage zuvor geschneit. Auch zum Ende der Woche hatte es das. Als der Schneefall aufgehört hatte, war der Güterzug mit der akribisch verstauten Fracht von Vemork1 zum Tinnsjø-See aufgebrochen. Das war am Samstag gewesen. Mitte November war Vemork das letzte Mal von den Alliierten bombardiert worden, und die Schäden, besonders die an den Rohrleitungen der hydroelektrischen Anlage, waren bislang erst notdürftig repariert. Die Überreste der Hängebrücke hingen immer noch in Fetzen an den Rändern der Schlucht. Um die wichtigen Schwerwasserbestände vor möglichen weiteren Angriffen zu schützen, hatte man in Berlin angeordnet, sie schleunigst nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Der Eisenbahnzug mit der wertvollen Fracht hatte am Sonntag den See mit einer Fähre überqueren und dann weiter per Schiene bis nach Herøya rollen sollen, um dort auf ein Schiff zum Transport in die Heimat verladen zu werden.

Ucker sog kalte Luft durch die Nase. Sie brannte in seinen Lungen und kondensierte zu Nebelwölkchen, als er sie ausatmete. „Alle Mann aufsitzen!“, hörte er den fast gebellten Befehl des SS-Sturmscharführers Gleisner, der seine kurzsichtigen, hervorstehenden Augen wie immer hinter einer silbernen Nickelbrille verbarg. Ähnliche Anweisungen erschallten auf Norwegisch und galten den Männern des norwegischen Sicherheitsdienstes sowie der Sturmabteilung Hirden, die den heutigen Transport zusätzlich zu den SS-Mannschaften als Wachen begleiteten. Ucker zog sich den Kragen seines Wintermantels enger um den Hals und knotete den Schal fest. Dann setzte er sich in Bewegung. Der Schnee knirschte unter seinen und den Füßen der gut zwanzig Männer, die wie er auf die stahlgrauen Büssing-Lkws mit ihren bulligen Schnauzen zuhielten. Während er durch den Schnee stapfte, dachte Ucker an den Sonntag. Sprengladungen, von Saboteuren auf der Fähre angebracht, hatten mitten auf dem See das zunichtegemacht, was Trupps von Arbeitern vorher in den Waggons verstaut hatten. Das waren zehn Tonnen Flüssigkeit aus den letzten Stufen der Elektrolyse- und Hochkonzentrieranlage gewesen. Man hatte sie zuvor in neununddreißig Trommeln gefüllt, große, röhrenartige Metallbehälter und mit der als Verschleierung gedachten falschen Aufschrift Kalilauge versehen.

Nicht, dass es ihm leidtat, dass die Explosion die Fähre mitsamt ihrer Ladung in die Tiefe gerissen hatte. Ganz im Gegenteil. Ucker hatte nicht gewollt, dass das schwere Wasser an seinem Bestimmungsort angelangte. Der Stoff war von besonderer Bedeutung für das im Reich laufende Uranprojekt, das letztendlich nur der Herstellung einer atomaren Waffe diente. Das wusste Ucker als Physiker nur zu gut. Aber eine Atombombe in Hitlers Händen? Ihm lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte. Trotzdem bedauerte er den Tod der vielen Menschen, die am Sonntag beim Untergang der Fähre gestorben waren. Es war einfach eine dunkle, schwere Zeit, sagte er sich in Gedanken. Von ferne drang eine Stimme an sein Ohr, auffordernd, aber nicht unfreundlich.

„Na, geben Sie mir schon Ihre Hand, Doktor!“

Ucker starrte dorthin, von wo die Stimme gekommen war, und blickte in das Gesicht eines SS-Soldaten, das ihm nicht unbekannt war. Der junge Mann stand nach vorn gebeugt über ihm und streckte ihm eine Hand entgegen. Ucker ergriff sie, stemmte den linken Fuß auf das Trittbrett und kletterte mithilfe des Soldaten auf die Ladepritsche.

„Durchrücken!“, hörte Ucker nicht weit entfernt das Kommando des Sturmscharführers, der anscheinend die Reihe der Lkws abschritt und seine Befehle gab.

„Danke!“ Keuchend stützte sich Ucker auf den Holm des Seitenbretts und suchte sich einen freien Platz. Der SS-Soldat machte eine undefinierbare Geste aus Nicken und Schulterzucken und setzte sich auf die Sitzbank gegenüber. Ucker ließ seinen Blick über die Pritsche schweifen. Die Männer hockten in ihren schwarzen und feldgrauen Uniformen dicht gedrängt wie Hühner auf der Stange. Alle trugen Stahlhelme. Die Maschinenpistolen und Sturmgewehre hatten sie sich zwischen die Knie geklemmt. Ucker presste den Nacken an die Plane, die die Ladefläche überspannte. Sie fühlte sich kalt an und bewegte sich leicht im Wind, der am Nachmittag aufgekommen war. Draußen waren immer noch Stimmen zu hören, Kommandos, die über den Platz hallten. Zwei Köpfe tauchten in der halbrunden Öffnung auf, und Hände klappten das hintere Seitenteil der Ladefläche hoch und verriegelten es. Jemand stieg auf das Trittbrett, entzurrte die Heckplane und ließ sie nach unten fallen. Gleich darauf wurden außen die Ösen der Plane geräuschvoll in die Gummistroppen der Halterungen gepresst.

Natürlich hatte das mit Geheimhaltung zu tun, war Ucker klar. Immerhin ging es um eine wertvolle Fracht, die vor den Alliierten und dem norwegischen Widerstand verborgen, bis zu ihrer Verschiffung ins Reich sicher zwischengelagert werden sollte. Tatsächlich war Ucker neben Sturmscharführer Gleisner und dem stellvertretenden Gestapochef Odenberger aus Rjukan der Einzige, der den vollen Umfang der Ladung kannte. Ganz gewiss hätte er ihn lieber nicht gewusst. Erneut fühlte er die kalte Plane an seinem Hinterkopf. Er neigte den Oberkörper leicht nach vorn und hörte das Geräusch der startenden Motoren. Der Wagen ruckte an und holperte über den Schnee. Ucker hörte die Geräusche der beiden Lkws, die hinter ihnen fuhren. Auch ohne etwas zu sehen, wusste er, dass es in Richtung der Landstraße ging. Sie war die einzige Verbindung zwischen Vemork und Rjukan. Auf der Pritsche war es still. Nur ab und an war das Getuschel zwischen Wachen oder das Klappern der Stahlhelme und Gewehre zu hören. Minutenlang saß Ucker da, die Hände im Schoß gefaltet und lauschte auf das Geräusch der Motoren.

Es dauerte nicht lange, bis sich zwischen den Wachen vereinzelte Gespräche entwickelten. Auch die Hirden-Leute beteiligten sich in ihrer Sprache. Ucker gab nicht zu erkennen, dass er Norwegisch verstand. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und lauschte dem Geräusch der Plane, die im Fahrtwind knatterte. Er dachte an die heutige Ladung. Der zweite Anlauf nach dem missglückten Versuch vom Sonntag, die Schwerwasserbestände der Norsk Hydro in Sicherheit zu bringen. Diesmal waren es entgegen der beachtlichen Menge vom Wochenende nur zweihundert Liter, dafür aber hoch konzentriert, die sich in sechsundzwanzig handlichen, versiegelten Edelstahlkanistern befanden. Das Gespräch vom Nachmittag mit dem Chefingenieur Dr. Speer kam Ucker in den Sinn. Er hatte ihn zu sich bestellt, um ihm zu erklären, dass er Ucker heute dabeihaben wollte, um die Transport- und Lagerbedingungen der brisanten Fracht zu überwachen.

Im nächsten Satz hatte er Ucker anvertraut, dass sie heikler als die vom Sonntag war. Auf einem der hinteren Lkws befand sich ein massiver Bleibehälter, in dem sich fünfeinhalb Kilo angereichertes Uran befanden. Alles war streng geheim. Wegen der Bedeutung der im Reich laufenden Versuche zur Waffenproduktion, wie der Chefingenieur angedeutet hatte. Geheim wie die andere ominöse Kiste, die sich auf einer der Ladeflächen befand. Aber das war eine andere Geschichte. Das Uran jedenfalls hatte man den Franzosen entwendet. Es war auf Umwegen nach Norwegen gelangt, von wo es, sobald sich die Sicherheitslage verbesserte, auf dem schnellsten Weg an das deutsche Heereswaffenamt geschickt werden sollte. Der Lkw bog plötzlich ab, rumpelte über eine Unebenheit, und die Männer wurden durchgeschüttelt. Ucker schaute auf seine Uhr, registrierte, dass sie bereits eine halbe Stunde unterwegs waren, und bemerkte, wie der Wagen eine Steigung nahm. Nach weiteren zwanzig Minuten hielt der Lkw an, und der Motor verstummte.

Auch von den Motoren der anderen Lkws drang kein Laut mehr heran. „Alles absitzen! Marsch, Marsch!“, bellte draußen die Stimme von Sturmscharführer Gleisner. Die Wachen drängten sich an Ucker vorbei und kletterten geräuschvoll von der Pritsche. Ucker ließ ihnen gern den Vortritt und folgte als Letzter. Prüfend schaute er sich um. Er blickte über ein ödes Plateau, das durchgängig aus grauem Fels bestand, über dem der Schnee wie eine große, weiße Decke lag. Ucker vermutete, dass er seinen Blick gerade auf die Hänge der von den Einheimischen Heddersvatn genannten Hochebene richtete, in deren trostlose Einsamkeit sich nur einsame Skiläufer, Wanderer oder auch mal Liebespaare verirrten, die sich in einer der vielen Schutzhütten, die es dort gab, einquartierten. Ucker schaute hoch zu den Wolken, die dick und schwer über den Hügeln hingen. Nicht mehr lange, und es würde dunkel werden. Als er den Blick senkte, entdeckte er den Sturmscharführer, der auf einen SS-Unterscharführer zuschritt, dessen Namen Ucker nicht kannte.

„Nehmen Sie sich paar Mann, und räumen Sie die Tarnung vor dem Stollen weg, Unterscharführer!“, befahl er dem Mann. Der Unterscharführer salutierte, teilte umgehend einige Soldaten für die Arbeit ein und entfernte sich mit ihnen. Sturmscharführer Gleisner gab währenddessen bereits dem anderen SS-Personal den Befehl zum Abladen. Als er Ucker entdeckte, kam er mit raschen Schritten auf ihn zu. „Sie sind Doktor Ucker, richtig?“, rief er ihm aus einigen Metern Entfernung entgegen. „Dann kommen Sie mal!“, drängte er ungeduldig, nachdem Ucker bejaht hatte.

„Ich brauche meine Tasche.“

Gleisner stutzte. Dann schnappte er sich den nächsten Mann, der seinen Weg kreuzte, und trug ihm auf, schleunigst die Tasche herbeizuschaffen. Keine Minute später folgte Ucker dem SS-Offizier durch einen schmalen, mit grauen Schieferplatten als natürlichen Trittstufen befestigten Steig in eine Senke. Gleisner bog nach links ab und näherte sich einem Hügel, an dessen Fuß in regelmäßigen Abständen Metallpfähle in der Erde steckten. Die beiden Männer bewegten sich an den Pfählen vorbei, zwischen denen ein dickes Drahtseil gespannt war. Daran hingen alle paar Meter Blechschilder, die auf Norwegisch in grellroter Schrift vor einem gesperrten Bereich und vor Einbruchsgefahr durch unterhöhltes Gestein warnten. Wohl ebenfalls Tarnung, dachte Ucker, während er sich unter dem Seil hindurch bückte, das Gleisner mit einem spöttischen Lächeln für ihn anhob.

Ucker folgte dem SS-Mann zum Kamm der Anhöhe hinauf. Dahinter ging es hinunter in eine weitere Senke, die nach Westen, knapp hundert Meter entfernt an eine Felswand stieß. An einer Stelle schafften die vorher abkommandierten SS-Soldaten Felsbrocken zur Seite. Alles sah nach einem Steinschlag aus, der dort heruntergekommen war. Als die beiden Neuankömmlinge sich dem Ort näherten, an dem die Männer emsig schufteten, überraschte es Ucker nicht, dass er hinter dem bereits weggeräumten Gestein und Geröll den oberen Teil einer schwarzen Metalltür entdeckte. Wenig später war auch der untere Teil der Tür freigeräumt.

Der Sturmscharführer verordnete den von der Arbeit erschöpften Männern eine Zigarettenpause. Dankbar trotteten sie zum neu aufgeschichteten Felshaufen, suchten sich einen einigermaßen bequemen Sitzplatz oder lehnten ihre Schultern an die Felswand. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Juno- und Overstolz-Packungen hervorgenestelt waren und Zigarettenrauch die Luft vernebelte. Gleisner trat zu der Tür und signalisierte Ucker, ihm zu folgen. Als der Sturmscharführer vor der Tür stand, nahm er seine Brille ab und begann, sie mit einem Tuch zu putzen. „Wir nennen das Ding hier Stollen drei“, meinte er plötzlich und deutete mit dem Kinn auf die Tür. „War früher wohl tatsächlich eine Grube.“ Er drehte Ucker den Kopf zu. „Ich verstehe nicht, warum Speer Sie dabeihaben wollte, Doktor.“ Seine Augen blinzelten mehrmals, als ob er etwas in ihnen hätte. „Ist hier eh nur eine kurze Zwischenstation. Der ganze Kram geht sowieso bald in Richtung Heimat.“ Er fixierte Ucker mit zusammengekniffenen Augen, während er sich die Brille wieder aufsetzte und zurechtrückte.

Ucker zeigte mit der Hand zur Tür. „Auch wenn die Stoffe da drin nur kurze Zeit verwahrt werden, geht es um Lagerbedingungen und Temperaturstabilität.“ Es war die wissenschaftliche Rechtfertigung für seine Anwesenheit, aber sie war geheuchelt. Am liebsten hätte er sich für beide Stoffe undichte Behälter gewünscht, damit eindringende Luft und Feuchtigkeit das Schwerwasser und das Uran unbrauchbar machten. Würde er es Gleisner ins Gesicht sagen, statt es nur zu denken, säße er im nächsten Flieger nach Deutschland, um wahrscheinlich in einem dieser Lager zu verschwinden. Als er es dachte, hörte er in einiger Entfernung Geräusche. Er drehte sich in die Richtung, aus der sie kamen, und sah die Wachen, die schwer beladen auf den Stollen zumarschierten.

„Die Behälter und Kisten!“, schnarrte der Unterscharführer, der sie befehligte, wie ein Hündchen, das man Stöckchen apportieren geschickt hatte. Gleisner nickte zufrieden und drehte sich zur Tür um. Er kramte aus seiner pechschwarzen Uniformjacke einen Schlüssel hervor, schloss auf und drückte gegen die Tür, die quietschend aufschwang. „Maier, wo ist die Feuerhand?“ Gleisner schaute fragend zu dem Unterscharführer, der einem Soldaten signalisierte, nach vorn zu treten.

„Anzünden!“ Gleisner zeigte auf das Metallgehäuse mit dem aufmontierten Glaszylinder, das der Soldat in der Hand hielt, und deutet dann mit dem Kinn auf die dunkle Öffnung in der Felswand. Der Mann setzte sich mit dem Behälter in Bewegung und verschwand durch die Tür. Gleisner folgte ihm, danach traten Unterscharführer Maier und sein schwerbepackter Trupp über die Schwelle. Ucker betrat den Stollen als Letzter, der nach einer Mischung aus Staub, Moder und Petroleum roch und nun in ein flackerndes Licht getaucht war. Nach kaum einer Viertelstunde kamen alle wieder aus dem Stollen. Der Sturmscharführer verschloss die Metalltür und befahl das Wiederherstellen der Tarnung. Während die Soldaten die zuvor zur Seite geräumten Gesteinsbrocken erneut vor der Tür in die Höhe schichteten, um sie vor den Augen anderer zu verbergen, dachte Ucker an die mit Eisenbeschlägen versehene Holztruhe, die jetzt zwischen den Schwerwasserbehältern und der Urankiste im Stollen stand.

Ihm kam die Szene vom Nachmittag in den Sinn, als der Gestapomann Odenberger und Gleisner über der Kiste gestanden und Ucker es zufällig durch einen Türspalt mitbekommen hatte. Gleisner hatte den Deckel hochgehalten, während sie ihren Inhalt betrachtet hatten. So hatte auch Ucker einen kurzen Blick auf die Gegenstände darin werfen können. Ringe, Broschen, Ketten und anderes Geschmeide, alles wie Gold und Edelstein glänzend, aber auch Hunderte und Aberhunderte von Zahnfüllungen und -kronen. Toten herausgebrochen, die vorher womöglich Qualen ausgestanden hatten, die Ucker sich gar nicht vorstellen wollte. Die Gerüchte, die seit langem kursierten, stimmten. Sie stimmten alle. Er war der Handlanger des Teufels. Sie alle, die im Dienst des Reichs standen, waren es. Gleisners Stimme drang an sein Ohr, wie von sehr weit her, und er drehte sich zu ihm hin.

„Wir rücken ab!“, ertönte wenig später die Stimme des Sturmscharführers erneut.

Uckers Blick flog in Richtung der Tür. Sie war hinter den Felsbrocken verschwunden. Sie stapften in Reihe durch den Schnee hinter Gleisner her. Vor Ucker marschierten zwei Soldaten von der Hirden nebeneinander. Sie unterhielten sich laut genug, dass Ucker noch mitbekam, um was es ging. Der linke Norweger, größer als sein Nebenmann, sagte, dass er trotz der Geheimnistuerei der Deutschen genau wisse, wo der Stollen sei. Er komme schließlich hier aus der Gegend. Hinter dem Felsmassiv mit dem Stollen liege die Schlucht mit der Veska-Brücke. Und oben der Fels, der heiße unter den Einheimischen der Totenkopf, weil er ein bisschen an einen Totenschädel erinnere. Er zeigte mit dem Daumen über seine Schulter auf den Felsgrat in seinem Rücken. Sein Nebenmann verrenkte sich den Hals, um das Gebilde zu entdecken. Doch er gab schnell auf und nickte stattdessen. Die beiden wären wahrscheinlich so gut wie tot, wenn Gleisner wüsste, dass sein vermeintliches Geheimnis keines mehr war, ging Ucker durch den Sinn. Im nächsten Augenblick wurde ihm bewusst, dass er ihr Schicksal augenblicklich teilen würde. Mit diesen Gedanken im Kopf stapfte er weiter voran, um wenige Minuten später wieder auf der Ladepritsche des Büssings zu sitzen.

Die Motoren röhrten auf, und die Lkws setzten sich in Bewegung. Irgendwann ging es in die Senke hinab. Bald würden die Wagen die Abzweigung auf die Landstraße erreichen, die zurück nach Rjukan und von dort weiter nach Vemork führte. Durch einen Spalt in der Plane sah Ucker eine weiße Schneelandschaft vorbeihuschen. Es war dämmrig geworden, und von irgendwo schimmerten die ersten Lichter einer Ortschaft herüber. Plötzlich ein Ruck. Der Wagen bremste hart ab, schlitterte auf dem verschneiten Untergrund ein Stück und kam zum Halt. Hinter ihnen quietschte eine Bremse. Die zusammengedrängt sitzenden Männer rutschten ineinander, Stahlhelme klirrten und Waffen klapperten gegen Holz und Metall. Draußen ertönten Salven von Schüssen, erst von rechts, dann von überall. Durch die Plane hindurch erhellten Mündungsblitze die Dämmerung, und Projektile zirpten ihnen um die Ohren.

„Hinterhalt!“, schrie jemand mit schriller Stimme. „Raus! Alle Mann raus! Beeilung!“ Seine Stimme ging unter im Bellen der Schüsse. Die Heckplane wurde zur Seite gerissen und die Männer stürmten, sprangen und kletterten vom Wagen hinunter. Kugeln pfiffen ganz in der Nähe, fauchten mit schrillem, ekligem Pfeifen über die Köpfe der Soldaten hinweg und zirpten durch die Plane in die Luft davon. Zwei Soldaten erwischte es bereits beim Abstieg. Ihre Körper erschlafften in der Bewegung, und sie stürzten wie nasse Säcke über die Ladekante zu Boden. Ucker fühlte Panik in sich aufsteigen. Als seine Vernunft wieder die Oberhand gewann, warf er sich flach auf den Boden, die Hände schützend über dem Kopf gefaltet. Keine Sekunde zu früh. Im Geknatter des heftigen Schusswechsels, der nun folgte, durchschlugen Kugeln reihenweise die Plane. Dann ebbten die Schüsse ab. In der eingetretenen Stille hörte Ucker Schritte, die sich auf die Pritsche zubewegten. In der Öffnung erschien der Lauf eines Gewehrs. Dahinter tauchte ein Frauenkopf auf. Das Gesicht war geschwärzt, unter der dunklen Mütze quoll in verklebten Strähnen helles Haar hervor.

„Ich bin Zivilist“, stieß Ucker auf Norwegisch ängstlich hervor und hob abwehrend die Hände.

„Ein Deutscher, der unsere Sprache kann.“ Die Stimme der Frau klang nicht erstaunt, eher nach jemandem, der etwas feststellt. Hinter ihr erschien ein Mann. Auch er zielte mit einer Waffe auf Ucker.

„Ich bin Physiker. Einfach nur Physiker. Kein Soldat.“ Ucker sagte es fast flehentlich.

„Auch das rettet dich nicht, Tyskerfaen“, erwiderte die Frau mit verächtlichem Blick auf ihn. Ucker sank das Herz in die Hose. Wer ihn als deutschen Teufel titulierte, fackelte bestimmt auch sonst nicht lange. Die Frau stellte es unter Beweis, als sich ihr Finger um den Abzug krümmte. Plötzlich erschien eine kräftige Hand und drückte den Lauf ihrer Waffe zur Seite. Der Kopf eines weiteren Mannes erschien in der Öffnung. „Nicht, Hedvig!“, hielt sie der Mann mit schneidender Stimme zurück.

„Er kennt unsere Gesichter, meins und das von Lasse. Er verrät uns sonst“, protestierte Hedvig, während sie das Gewehr weiter auf Ucker gerichtet hielt.

„Er verrät uns nicht.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte der Mann neben Hedvig misstrauisch.

„Weil er mein Schwager ist“, sagte der andere. Er drängte sich zwischen den beiden hindurch. „Er wird uns bestimmt nicht verraten.“ Sein Blick eilte von Hedvig zu Lasse und wieder zu Hedwig zurück. Er wandte sich von ihr ab und trat noch einen Schritt nach vorn. „Hei Heinrich“, begrüßte er Ucker, als er an der Ladekante stand und zu ihm hochschaute. „Alt vel?“

„Ja, alles in Ordnung. Hei Håkon, das ist ja eine Überraschung.“

„Doch nicht wirklich, Heinrich, oder? Du weißt doch, dass ich dem Widerstand angehöre.“ Er streckte Ucker die Hand entgegen und half ihm vom Wagen. Um die Wagen standen mehrere Männer und eine weitere Frau, die ihre Kumpane und den Deutschen beobachteten. Keiner trug Uniform. Alle hielten jedoch Gewehre oder Maschinenpistolen in den Fäusten. Die Körper der deutschen und norwegischen Wachen lagen verkrümmt im blutgetränkten Schnee. Ein noch recht junger Mann mit Schiffermütze auf dem Kopf und Gewehr im Anschlag, musterte gerade mit prüfendem Blick die Gesichter der Toten. Als er die letzte reglose Gestalt erreichte, grunzte er verächtlich und trat mit dem Fuß gegen den leblosen Körper. Dann drehte er sich um und stapfte auf Håkon, Ucker und die beiden anderen zu.

„Einer von denen ist das SS-Schwein Gleisner“, stellte er zufrieden fest, als er vor Håkon stand. Håkon nahm es mit einem ausdruckslosen Nicken zur Kenntnis. „Wir müssen abhauen“, sagte er dann so laut, dass es jeder hören konnte. „Die Deutschen werden bald da sein.“ Rasch wandte er sich wieder Ucker zu. „Ich will lieber nicht fragen, warum du mit Gleisner unterwegs warst, Heinrich“, bemerkte er mit deutlich gedämpfter Stimme. Ucker verkniff sein Gesicht zu einem gezwungenen Lächeln, das sein Schwager im spärlichen Licht der abgedunkelten Lkw-Scheinwerfer mitbekam. Håkon nickte Ucker zu und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. „Grüß Sophie von mir.“ Er wandte sich um und suchte das Gesicht der Frau mit der schwarzen Mütze. Als er es fand, schenkte er ihr ein Lächeln. „Wir brechen auf!“, rief er gleich darauf laut in die Runde. In die Widerständler kam Bewegung. Sie hasteten die Straßenböschung hinauf und verschwanden zwischen Gestrüpp und Schneewehen. Håkon eilte ihnen hinterher. Kurz vor der Böschung hielt er an und drehte sich herum. „Wenn es dir zu lange dauert. Rjukan findest du dort“, rief er Ucker zu und zeigte mit dem Finger nach Westen. „Knapp vier Kilometer schätze ich. Ha det, Heinrich!“ Mit diesen Worten wandte er Ucker den Rücken zu, überwand die Böschung und verschwand in der Dunkelheit.

„Mach‘s auch gut, Håkon!“, rief Ucker ihm auf Deutsch hinterher.

Ucker stand einige Sekunden still und ließ die Szenerie auf sich wirken. Sein Blick glitt über die herumliegenden Leichen. Er merkte, dass es ihn fröstelte. Die abgedunkelten Scheinwerfer der Lkws warfen schwache Lichtstreifen über die Straße und die Motoren knatterten im Leerlauf. Es dauerte keine weitere Minute, bis sein Entschluss feststand, nicht auf die SS-Wagen aus Rjukan zu warten. Das konnte noch ewig dauern. Draußen war es kalt und drinnen in einem der Wagen zu warten erschien ihm, wenn er an die vielen Leichen um sich herum dachte, auch als keine tolle Option. Außerdem hatte er keine Lust, gleich im Anschluss an die furchtbare Schießerei irgendwelche Fragen zu beantworten. Das konnte bis morgen warten. Er überquerte die Straße und hielt auf die Böschung zu, wobei er sich an den Fußstapfen orientierte, die Håkon und seine Kumpane hinterlassen hatten. Als er die Böschung mit schweren Schritten hinaufkletterte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz, dass er nunmehr der Einzige war, der wusste, dass sich die vor gut anderthalb Stunden eingelagerten Sachen in dem Stollen befanden.

Gleisner hatte dem Gestapomann aus Rjukan vor der Abfahrt anvertraut, dass keiner außer ihm und ein, zwei Wachen den Aufenthaltsort der diesmal transportierten Gegenstände kenne. Auch das hatte Ucker mitbekommen, als er die beiden beobachtet hatte, während sie sich über die makabre Schatzkiste gebeugt hatten. Ucker schritt weiter über verschneiten Waldboden und folgte den Fußspuren, die sich immer schwerer zwischen den dichten Stämmen von Moorbirken ausmachen ließen. Während der Schnee unter seinen Füßen knirschte, wurde sich Heinrich Ucker bewusst, welche besondere Verantwortung ihm dieses nur ihm allein vorbehaltene Wissen auferlegte. Er wollte ihm gerecht werden, nahm er sich vor. Ja, das wollte er ganz bestimmt.





Kapitel 1

Schatten der Vergangenheit

Cambridgeshire - 11. September 1990



„Wer hat sie gefunden?“, fragte Chefinspektor Harry H. House die Heimleiterin, während er in die Innentasche seines Trenchcoats fasste. Er holte Latexhandschuhe hervor, die er gewohnheitsmäßig in jeder Brustinnentasche seiner diversen Textilien verwahrte, und zog sie über. Dann befreite er den Kopf der Toten von dem Laken. Er drehte sich um, um seiner Frage Nachdruck zu verleihen.

„Miss Waddington! Loreen. Ich meine … Miss Waddington ist Pflegekraft auf der Sonnenschein-Station.“

„Sonnenschein-Station?“

„Ja, Sonnenschein-Station“, entgegnete die Heimleiterin, die sich ihm als Mrs. Beauchamp vorgestellt hatte, bestimmt, weil Harry sie wohl etwas zu verblüfft anblickte. Er wandte sich kommentarlos ab und besah sich das Gesicht der Toten. Er suchte einen Moment lang darin nach irgendetwas, fand aber nicht das, was er suchte.

„Stammt die Verstorbene aus dieser Gegend?“ Harry sah fragend zur Heimleiterin hoch.

„Das weiß ich nicht. Da müsste ich in den Unterlagen nachschauen.“

„Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie das tun würden. Twelvetrees ist ihr Name, oder?“, fragte er weiter. „Lizzy Twelvetrees?“

So hatte es ihm Harcourt zumindest mitgeteilt. Harcourt war früh am Telefon gewesen. Ich übernehme das, hatte Harry gesagt, während er innerlich fluchend nach Küchenrolle gesucht hatte, um sich Marmelade von den Fingern abzuwischen. Ein vermutlicher Selbstmord einer alten Dame. Das war nichts, womit man sich gleich am Morgen den ganzen Tag versaute. Eigentlich war es nicht die Baustelle des CID. Vielleicht aber auch doch. Den Arzt des Altersheims hatten Blutergüsse an den Handgelenken der Toten misstrauisch gemacht, und er hatte vorsichtshalber in ihrer Dienststelle angerufen. Nun waren Hämatome bei alten Menschen wahrlich kein Grund, direkt eine unnatürliche Todesursache zu wittern. Wie die Erfahrung lehrte, konnten sie andererseits aber auch genau das bedeuten. Das Heim lag fast auf Harrys Weg zum Büro. Deshalb hatte Harcourt ihn angerufen.

„Ja, Lizzy Twelvetrees. Das ist richtig“, bestätigte die Heimleiterin Harrys Frage. An den Vornamen der Mrs. Twelvetrees, die er vor langer Zeit gekannt hatte, erinnerte er sich nicht. Er wandte sich wieder der Toten zu und schob die Bettdecke nach unten. Sie trug einen pfirsichfarbenen Jogginganzug. Die Hände lagen neben ihrem Körper. Die Ärmel waren hochgeschoben und die von Harcourt erwähnten Blutergüsse deutlich zu erkennen. Mrs. Beauchamp war an das Bett herangetreten und beobachtete interessiert, als Harry sich den Handgelenken zuwandte. Die ansonsten bei Zivilisten an Tatorten übliche Scheu vor dem Tod schien ihr fremd zu sein. Harry beugte sich vor und besah sich die diversen Einblutungen in der Haut. Es gab sie auf den Unterarmen und Handrücken in allen Farbschattierungen bis Dunkelblau. Die Blutergüsse an den Handgelenken waren jedoch ausnahmslos rot und somit neueren Datums. Er griff den Zipfel des Lakens und schlang es sich um die Finger der linken Hand. So ausgepolstert, drehte er vorsichtig den ihm nächstgelegenen Arm der Toten nach innen. Auch dort waren rote Blutergüsse erkennbar. Harry hatte genug gesehen.

Sein Blick wanderte zum Nachttisch, blieb dort einige Momente haften und streifte danach durch den Raum. „Miss Waddington fand sie also“, kam er auf seine Eingangsfrage zurück, als er sich aufrichtete.

„Nun, ähm … ja.“ Die Heimleiterin brauchte einen Augenblick, um das zu rekapitulieren, was sie ursprünglich hatte sagen wollen. „Nun, ähm … sie ging in Mrs. Twelvetrees’ Zimmer, als die nicht zum Frühstück erschien.“

„Wann gibt es Frühstück?“, fragte Harry, ohne sie anzusehen.

„Von halb acht bis halb neun.“

„Diese Miss Waddington möchte ich gern sprechen“, sagte er, nachdem er sich ihr wieder zugewandt hatte. „Veranlassen Sie das bitte!“

Sie nickte und wollte das Zimmer direkt danach verlassen, doch Harry hielt sie mit seiner nächsten Feststellung auf.

„Also Miss Waddington und auch Ihren Doktor Richards.“

„Natürlich“, beeilte sich die Heimleiterin zu sagen. „Er informierte Sie ja, ich meine … die Polizei.“

„Er sprach mit Ihnen darüber?“

„Über die Hämatome an den Gelenken? Ja, das tat er“, stellte sie fest. „Aber nachher“, schob sie hinterher. Ihrem Tonfall konnte Harry entnehmen, dass sie nicht unbedingt zufrieden damit war, wie es gelaufen war.

„Also dann die beiden!“, sagte er möglichst gleichgültig. Mrs. Beauchamp antwortete mit einem entschiedenen Nicken, verharrte dann aber einen Moment. Sie schien abzuwarten, ob Harry noch jemanden zu sprechen wünschte. Als von seiner Seite nichts mehr kam, warf sie zunächst einen Blick in Richtung der Toten, um danach aus dem Zimmer zu huschen. Sie zog leise die Tür hinter sich zu. Einen Moment zu früh fiel Harry jetzt zu seinem Leidwesen ein. Er hatte sie noch fragen wollen, ob man das offene Tablettenröhrchen so belassen hatte, wie er es jetzt auf dem Nachttisch vorfand. Als er die Taschen seines Trenchcoats nach einem der Plastikbeutelchen durchkramte, die er sich ebenso routinemäßig wie Einweghandschuhe hineinzustopften pflegte, klopfte es an die Tür.

„Ja“, knurrte Harry, während er einen dünnen Zellophanbeutel, den er mittlerweile in der Hand hielt, zu öffnen versuchte. Als es ihm schließlich gelang und er den Kopf zur Tür drehte, öffnete sie sich, und der fast schwarz bemützte Kopf eines Polizisten erschien vorsichtig im Türspalt.

Er winkte den Kollegen von der Streife herein. Ihm folgte noch einer. Beide grüßten.

„DCI House?“, fragte der Kleinere der beiden erwartungsvoll.

Harry nickte.

„Wir wurden angefordert, Sir.“ Es war wiederum der Kleinere, der das sagte.

„Genau. Von mir, Officers“, stellte Harry klar.

„PC Corrigan“, stellte der kleinere Polizist sich vor. „Das ist PC Weyburn.“ Er zeigte auf seinen längeren Kollegen, der ihn zugleich um mindestens zwei Konfektionsgrößen übertrumpfte. Corrigans fülligerer Kollege lächelte zur Begrüßung.

Harry wies beide an, in Türnähe zu warten. Rasch schritt er zum Nachtisch und griff nach dem Tablettenröhrchen. Er studierte kurz das Etikett und ließ das Röhrchen mit spitzen Fingern in den Zellophanbeutel gleiten, den er immer noch in der Hand hielt. Er verschloss ihn und begab sich zurück zu den Polizisten.

„Constable, Sie gehen runter und verständigen die Gerichtsmedizin, dass hier eine Leiche abzuholen ist“, trug er Corrigan auf. Der Mann sah ihn erstaunt an, sagte aber nichts. „Packen Sie das schon mal in Ihren Wagen.“ Harry händigte dem Constable den Plastikbeutel aus. „Später bringen Sie das beim Coroner vorbei.“ Harry deutete auf das Tütchen in Corrigans Hand. „Ich rufe an und erkläre mich. Richten Sie das aus.“ Der Polizist nickte, wollte gehen, doch Harry hielt ihn mit einer Handbewegung auf.

„Wir betrachten das Zimmer vorsorglich als Tatort. Soll heißen, Sie bringen, wenn sie wieder hochkommen, Schuhüberzieher und Handschuhe mit.“ Der Mann nickte erneut und machte auf dem Absatz kehrt.

„Weyburn, richtig?“, fragte Harry Corrigans Kollegen, während sich die Tür hinter Corrigan schloss.

„Ja, Sir.“

„Weyburn Sie warten an der Schwelle, bis Sie eingekleidet sind, und berühren nichts!“

„Ja, Sir“, wiederholte Weyburn und trat zwei Schritte zurück, bis er an der Wand neben der Tür stand. Die Hände faltete er sicherheitshalber vor dem Bauch. Wenig später erschien die Pflegerin und kurz darauf der Arzt. Gleich danach tauchte auch Corrigan wieder auf, und die beiden Polizisten streiften sich, wie von Harry aufgetragen, Handschuhe und Schuhüberzieher über. Auch die beiden Zivilisten ließ Harry erst in den Raum, nachdem ihre Schuhe in Überziehern steckten.

„Sie beide inspizieren alles, was sich hier im Raum befindet. Schubladen, Schrankfächer, Schachteln, Vasen, Tassen. Einfach alles“, instruierte Harry die Polizisten zwischendrin. „Wenn Ihnen etwas merkwürdig vorkommt, zeigen Sie es mir.“

„Was suchen wir, Sir, damit ich sagen kann, dass es mir merkwürdig vorkommt?“, warf Weyburn ein.

Harry zuckte die Achseln. „Verlassen Sie sich auf Ihre Intuition.“ Sein Blick wanderte mit einem spitzbübischen Grinsen von einem zum anderen. Dann wandte er sich Miss Waddington zu. Sie war eine stattliche Erscheinung. Jung, drall und auf hübsche Art pausbäckig. Die Ergebnisse, die aus der Befragung resultierten, waren aber eher mager und bescheiden. Miss Waddington hatte das Zimmer von Mrs. Twelvetrees gegen Viertel vor neun betreten, um nach ihr zu sehen. Sie hatte sie, wie sie sagte, genau so vorgefunden, wie sie jetzt lag, und ihr war nichts auffällig vorgekommen. Weder sie noch jemand anderes hatte, wie sie bekräftigte, in der Zwischenzeit im Zimmer etwas verändert. Bis auf das Laken, das sie der Toten später über den Kopf gebreitet hatte. Und die Balkontür war offen gewesen. Die hatte Miss Waddington anschließend geschlossen.

„Danke, Doktor Richards, dass Sie uns verständigt haben“, wandte Harry sich an den Arzt, gleich nachdem Loreen Waddington aus dem Raum verschwunden war.

„Meine Vermutung hat sich also bestätigt?“ Der Arzt lächelte entgegenkommend, aber auch selbstbewusst.

„Nicht unbedingt“, schränkte Harry ein, „aber es besteht zumindest ein Anfangsverdacht.“

Dr. Richards, ein kleiner, schmächtiger Waliser mit Bart und Pausbacken, hatte den Tod der alten Dame um 8 Uhr 53 festgestellt, nachdem man ihn um circa 8 Uhr 50 gerufen hatte. Als Ursache hatte er multiples Organversagen nach mutmaßlicher Einnahme einer Überdosis eines Analgetikums auf dem Totenschein vermerkt. Er hatte ihn in weiser Voraussicht mitgebracht, um ihn Harry zu zeigen.

Harry rief in Gedanken das auf, was er auf dem Medikamentenröhrchen gelesen hatte. „Wer hat ihr diese Tabletten … Dihydro …?“ Er stockte, „Di …“, versuchte er es in einem neuen Anlauf.

„Dihydrocodein“, erlöste ihn Dr. Richards. Seine Lachbäckchen, die sich ganz natürlich wölbten, gaben ihm etwas von einem rotgesichtigen Hamster. „Keine Ahnung. Ich rief ihren Hausarzt an, um dort nachzufragen, nachdem ich das Medikament auf dem Nachttisch entdeckt hatte. Aber von dem hatte sie es auch nicht.“ Er zeigte mit dem Zeigefinger in die Richtung, stockte, und sein Mund formte sich zur Frage.

„Das Röhrchen ist schon auf dem Weg ins Labor“, klärte Harry ihn auf.

„Also, wie gesagt, von Doktor Baker, ihrem Hausarzt, hat sie es nicht“, begann der kleine Waliser erneut. „Von ihm bekam sie Paracetamol. Das befindet sich vorn im Medikamentenschrank im Stationszimmer. Habe ich vorhin direkt überprüft.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Hier ist das so, dass die Bewohner ihre Medikamente vom Pflegepersonal bekommen und meist unter Aufsicht einnehmen.“ Dr. Richards zeigte erneut zum Nachttisch. „Dass sie zusätzlich ein eigenes Schmerzmittel hatte, dazu noch ein tendenziell gefährliches, und wohl auch einnahm, ist eher ungewöhnlich. Aber in ihrem Fall auch nicht so sehr. Sie litt an degenerativer Arthrose. Eine sehr schmerzhafte Angelegenheit, wissen Sie.“ Er sah wissend zu Harry. „DHC, ich meine Dihydrocodein, ist ein starkes Schmerzmittel, und in solchen Fällen greift man zu allem.“

„Sie meinen, Sie besorgte es sich?“

„Ist wahrscheinlich“, mutmaßte Dr. Richards.

„Ab welcher Menge wird es bei Einnahme richtig gefährlich?“

„In ihrem Alter und Zustand?“ Der Arzt überlegte. „Ich schätze mal ein halbes Röhrchen von der Größe, wie es dort auf dem Nachttisch lag. Aber nageln Sie mich nicht fest! … Dicke“, schob er bestätigend hinterher. Er nickte und machte gleich darauf ein nachdenkliches Gesicht. „Andererseits …“, begann er wieder. „DHC ist ein Opioid. Das hat ihr die Entzündungsschmerzen in ihren Gelenken sicher massiv reduziert.“ Sein Blick ging kurz zu der Toten.

„Wohl auch ihre Lebensfunktionen“, bemerkte Harry mit einem sarkastischen Unterton.

„Dosis sola facit venenum, Inspektor“, konterte der Waliser und über seine Hamsterbäckchen schlich sich ein flüchtiges Grinsen. „Nur die Dosis macht das Gift“, wiederholte er so, dass Harry es auf jeden Fall verstand.

Harry nickte dumpf und entließ den Arzt aus seiner Befragung. „Ich habe kein Glas auf dem Nachttisch gesehen. Woraus hat sie getrunken, um die Tabletten runterzuspülen?“, fragte er wenig später in Richtung von PC Wayburn, der gerade den Inhalt hinter einer Schranktür umräumte. Der spürte Harrys Blick auf sich ruhen, unterbrach seine Tätigkeit und drehte sich zu dem Chefinspektor um. Er stutzte einen Moment. Dann schüttelte er den Kopf und zuckte hilflos mit den Schultern.

„Gehen Sie und holen Sie mir noch mal Miss Waddington! Und bringen Sie die Heimleiterin gleich mit!“, trug er Wayburn auf. Wenig später waren die beiden Frauen anwesend. Harry wiederholte ihnen gegenüber die Frage, die er vorher an PC Wayburn gerichtet hatte. Die mollige Loreen Waddington versuchte erst mal, hinter ihrer Chefin in Deckung zu gehen und der das Antworten zu überlassen. Das war angesichts der spindeldürren Gestalt von Mrs. Beauchamp mehr als schwierig. Es gelang ihr aber einigermaßen, weil sich die Augen der anderen Anwesenden in Erwartung einer Antwort erst mal auf die Heimleiterin richteten. Als von der nur ein Gedruckse und Schulterzucken kam, gefolgt von etwas Ähnlichem wie einem Offenbarungseid, dass sie keine blasse Ahnung habe, schob Loreen erst ihre rötlichen Locken und dann, sichtbar mit sich kämpfend, ihre ganze Person an Mrs. Beauchamp vorbei.

„Ich glaube, ähm …, nun ja, ich denke mal …“

Gerade als Harry die Befürchtung befiel, dass sie auf eine Imitation ihrer Vorgesetzten aus war, wurde sie konkreter.

„Nun, ich denke, ich war das. Es tut mir wirklich schrecklich leid, müssen Sie wissen. Ich habe da wohl instinktiv gehandelt. Ich war ja auch ziemlich geschockt. Das können Sie sich ja wohl denken.“

„Was kann ich mir wohl denken?“, bohrte Harry nach.

„Nun, ich habe das Glas wohl zurückgestellt“, platzte es aus Loreen Waddington heraus.

„Wie, das Glas zurückgestellt? Welches Glas?“ Harry fixierte sie scharf.

„Na, eben das auf dem Nachtisch.“ Ihr Blick huschte zu dem beige furnierten Nachtschränkchen.

„Auf dem Nachttisch stand also ein Glas. … Und das haben Sie wohin zurückgestellt?“

„Neben das andere Glas im Bad.“

„Im Bad?“ Harrys wasserblaue Augen bohrten sich in ihre. Loreen drehte sich zur Seite und deutete auf eine geöffnete Tür, die den Blick auf jede Menge weiße Kacheln freigab. Harrys Blick folgte ihrem Finger und blieb an einer grünlichen Badablage hängen. Sie befand sich unterhalb eines Spiegels, der in einem massiven Rahmen steckte. Harry tippte auf Mangoholz. Auf der Ablage standen zwei Gläser.

„Welches der beiden Gläser ist es denn?“ Dabei schaute er Loreen so auffordernd an, dass sie wieder einen Schritt hinter ihrer Chefin in Deckung ging.

„Ich glaube, das linke.“

„Das linke also.“ Harry sah sie prüfend an.

Die kräftige Altenpflegerin verzog ihr Gesicht zu einer hilflosen Grimasse.

„Sie wissen es also nicht sicher.“

Loreen Waddington nickte zaghaft und bugsierte vorsichtshalber auch ihren stattlichen Kopf hinter Mrs. Beauchamps Mini-Schultern.

„Beide Gläser einpacken und ebenfalls ins Labor“, wies Harry den Konstabler an, der ihm am nächsten war. Als der Mann von seiner Wühlarbeit hochschaute, sah Harry, dass es sich um Corrigan handelte. „Hier, Corrigan!“ Harry hielt dem Streifenpolizisten eine Plastiktüte hin, die er aus einer der Innentaschen seines Mantels hervorgepult hatte. Einen Moment lang beobachtete er PC Corrigan und sah, wie der auf die Ablage im Bad zusteuerte. Im nächsten Moment wandte er sich wieder an die Altenpflegerin. „War noch Flüssigkeit in dem Glas, das Sie auf dem Nachttisch vorfanden? Sie haben hoffentlich nichts ausgeschüttet?“

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