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Russos Vermächtnis

Instrument der Rache - Band 3

Russos Vermächtnis
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Eine Ex-Killerin zwischen allen Fronten Erin Lehman, ehemalige Auftragskillerin ihres Entführers Dashiell Russo, versucht sich nach der Entlassung aus der Psychiatrie ein normales Leben aufzubauen. Doch sowohl das FBI als auch die kriminelle Organisation, deren Mitglied Russo war, sind überzeugt, dass sie weiß, wo er die belastenden Daten über die Organisation und die ihr gestohlenen Millionen versteckt hat. Während FBI Agent Aidan Cressman ihr Vertrauen gewinnen will, um diese Information zu bekommen, will die Organisation eben das um jeden Preis verhindern. Erin begreift, dass sie nur eine Zukunft hat, wenn sie Russos Vermächtnis erfüllt und dem... alles anzeigen expand_more

Eine Ex-Killerin zwischen allen Fronten

Erin Lehman, ehemalige Auftragskillerin ihres Entführers Dashiell Russo, versucht sich nach der Entlassung aus der Psychiatrie ein normales Leben aufzubauen. Doch sowohl das FBI als auch die kriminelle Organisation, deren Mitglied Russo war, sind überzeugt, dass sie weiß, wo er die belastenden Daten über die Organisation und die ihr gestohlenen Millionen versteckt hat. Während FBI Agent Aidan Cressman ihr Vertrauen gewinnen will, um diese Information zu bekommen, will die Organisation eben das um jeden Preis verhindern. Erin begreift, dass sie nur eine Zukunft hat, wenn sie Russos Vermächtnis erfüllt und dem FBI hilft, die Organisation zu zerschlagen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginn, denn nicht nur die Organisation ist hinter ihr her. Einige Angehörige ihrer Opfer wollen nicht dulden, dass die Mörderin ihrer Verwandten lebt. Und eine weitere Partei ist ebenfalls sehr an ihr interessiert – mit undurchschaubaren Absichten.

Band 3 der Trilogie „Instrument der Rache“



THERAPIEBERICHT

10. Januar 2019

Zur Vorlage bei der Prüfungskommission für die Entscheidung auf eine mögliche Entlassung aus der Psychiatrie



Patientin:

Erin Lehman, geboren 21. Dezember 1994 in Albany, NY, in die psychiatrische Hochsicherheitsklinik Silent

Wood eingewiesen am 1. September 2015



Diagnose:

Posttraumatische Belastungsstörung in Verbindung

mit schwerer Persönlichkeitsstörung



Behandelnder Psychiater/Psychotherapeut:

Dr. Hawthorne McCall



Report:

Erin Lehman wurde aufgrund des Gerichtsurteils laut

Akte 19038/15 des Strafgerichts Albany (NY) in Silent Wood eingewiesen. Obwohl sie sieben Menschen aus dem Hinterhalt erschossen hat, erkannte das Gericht auf Unzurechnungsfähigkeit und verhängte eine unbefristete Unterbringung in der Psychiatrie mit zu erfolgender und erfolgreich abgeschlossener Therapie als Voraussetzung für eine Entlassung, die sie in den vergangenen Jahren konsequent und mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert hat.

Die Hintergründe:

Lehman wurde im Alter von dreieinhalb Jahren von einem Mann namens Dashiell Russo entführt. Er gab ihren Eltern und ihren gemeinsamen Freunden – Lehmans späteren Opfern – fälschlicherweise die Schuld am Unfalltod seiner schwangeren Frau, die während einer gemeinschaftlichen Party im Swimmingpool ertrank, und schwor ihnen allen Rache. Laut seinen später sichergestellten Tagebuchaufzeichnungen hatte er zunächst geplant, alle Kinder seiner Freunde zu entführen und grausam zu ermorden, ehe er auch deren Eltern zu töten gedachte. Erin Lehman war sein erstes Opfer.

Doch er änderte sein Vorhaben zugunsten eines an

Perfidie kaum zu überbietenden Plans. Satt Erin Lehman zu töten, ließ er das Kind, dem er den Namen Taylor gab und vortäuschte, ihr Vater zu sein, von einem japanischen Großmeister in der Kampfkunst Ninjutsu zu einer sogenannten „Kunoichi“ (weiblicher Ninja) ausbilden. Sein Ziel war, Lehman später als Instrument seiner Rache zu missbrauchen. Er indoktrinierte sie – „Gehirnwäsche“ ist die treffendere Bezeichnung –, dass seine ehemaligen Freunde, einschließlich Caitlin und Walter Lehman, seine und ihre Todfeinde seien, die sie ermorden würden, sollten sie sie jemals finden.

Damit das Kind, später Jugendliche und junge Erwachsene diese und anderen Lügen nicht entlarven konnte, versteckte er sich mit ihr und ihrem Lehrer in einem Haus am Rand der argentinischen Pampa, fernab jeder Zivilisation. Er verweigerte ihr den Zugang zu allen Medien – Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet, unzensierte Bücher –, anhand derer sie seine massiven Täuschungen hätte durchschauen können. Ihre einzigen Lehrbücher für Allgemeinbildung waren ein Konversationslexikon und Fachbücher in den gängigen Schulfächern wie Mathematik, Physik, Biologie und so weiter, in denen aber etliche Seiten fehlten oder Einträge geschwärzt waren, durch die Lehman Russos Manipulationen hätte durchschauen können.

Er ging sogar so weit, ein angebliches Gesetzbuch der Vereinigten Staaten von Amerika drucken zu lassen, in das er „Gesetze“ schrieb, die seinen Zwecken dienten, real aber nicht existieren. Lehman musste diese Doktrinen auswendig lernen. Dasjenige, welches aus ihr schließlich eine mehrfache Mörderin machte, lautete: „Jeder Bürger ist verpflichtet, jeden Menschen zu töten, der ihn bedroht oder gar zu töten versucht.

Zuwiderhandlungen werden mit dem Tode bestraft.“

Lehman wuchs mit der verinnerlichten Angst auf, dass nicht nur die angeblichen „Feinde“ sie töten würden, sollten sie ihrer habhaft werden, sondern dass der Staat sie hinrichten werde, sollte sie ihrerseits diese Menschen nicht töten. Auf diese „Mission“ schwor Russo sie durch ihren Lehrer ein und ebenso dadurch, dass er lebensgroße Fotos der späteren Opfer und Lehmans Eltern im Haus aufhängte. Er hielt ihr auf diese Weise die angeblich tödliche Bedrohung durch diese Menschen ständig vor Augen. (Aus dieser permanenten Todesangst entstand ein großer Teil der posttraumatischen Belastungsstörung.)

Seine Aufzeichnungen belegen, dass Russo während der siebzehn Jahre, die Lehmans Ausbildung dauerte, eine immense Befriedigung aus der Vorfreude auf den Tag zog, an dem sie bereit wäre, die von ihm geplanten Morde zu begehen. Die größte Vorfreude bereitete ihm der Gedanke, dass sie in dem Zuge auch ihre eigenen Eltern töten würde, ohne zu wissen, dass dies ihre Eltern sind.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig festzuhalten, was auch das Gericht anerkannte, dass Lehman ohne diese massivsten Manipulationen niemals auf den Gedanken gekommen wäre, einem Menschen das Leben zu nehmen. Wie sich in allen Therapiesitzungen bestätigt hat (insgesamt 1055), tat sie das nur, weil sie der Überzeugung war, dass die Hinrichtungen (als die man die Tötungen bezeichnen muss) ihre gesetzlich gebotene Pflicht seien.

Nach den ersten Todesfällen war bereits das FBI auf die Mordserie aufmerksam geworden, hatte den Zusammenhang zwischen ihnen erkannt und stellte Lehman eine Falle. Sie wurde bei dem Versuch festgenommen, ihre Eltern zu töten, die dadurch als Einzige Russos Rachefeldzug entgingen. Ein winziger Lichtblick für Lehman, denn hätte sie auch ihre Eltern erschossen, hätte sie das psychisch vermutlich niemals verkraftet.

Damit war Lehmans Martyrium aber noch nicht zu Ende. Wie sich herausstellte, war Russo bis zum Tod seiner Frau Buchhalter einer kriminellen Organisation, die unter Terrorismusverdacht steht. Um seine Flucht nach Argentinien und seinen Lebensunterhalt für die kommenden Jahre bestreiten zu können, ohne berufstätig sein zu müssen, hatte er ihr mit buchhalterischen und computertechnischen Tricks mehrere Millionen Dollar gestohlen.

Offensichtlich hat diese Organisation während der vergangenen siebzehn Jahre nicht aufgehört, nach ihm zu suchen, und zwar auch, weil Russo, wie das FBI und die NSA vermuten, als Absicherung für sich belastende Informationen über die Organisation gesammelt hatte, mit der sie hätte zerschlagen werden können. Als Lehman als seine angebliche Tochter auftauchte und verhaftet wurde, sahen die Organisation, die NSA und das FBI ihre Chance, Russo durch sie zu finden.

Im Zuge dessen wurde sie von der Organisation aus dem Gefängnis entführt, sollte unter Drogen gesetzt und anschließend ermordet werden. Ihr gelang dank ihrer hervorragenden Kampfkünste die Flucht. Doch darauf folgte der nächste Schock. Sie kehrte zu Russo zurück, dem sie aus Scham, bei der Tötung der beiden letzten Opfer – ihrer Eltern – versagt zu haben, verschwieg, dass die Lehmans noch lebten. Daraufhin eröffnete Russo ihr die Wahrheit und wollte sie als (Zitat) „Krönung seiner Rache“ erschießen. Ihr Lehrer verhinderte das und tötete Russo. Er selbst wurde wenig später durch ein S.W.A.T-Team, das inzwischen Russos Versteck gefunden hatte, erschossen, Miss Lehman durch einen Schuss schwer verletzt.

Nachdem sie innerhalb nur weniger Stunden begreifen musste, dass die vergangenen siebzehn Jahre ihres Lebens eine Lüge waren, ihr vermeintlicher Vater sie umzubringen versuchte und sie miterleben musste, wie ihre beiden einzigen Bezugspersonen eines gewaltsamen Todes starben, intensivierte diese Kette von Ereignissen die PTBS. Aus psychologischer Sicht ist es ein Wunder, dass Lehman nicht dissoziiert und ihren Verstand aus der Welt ausgeklinkt hat. Auch für dieses Phänomen liegt die Ursache in den Fähigkeiten, die sie im Rahmen ihrer Ninjutsu-Ausbildung gelernt hat, wozu nicht nur komplette Selbstbeherrschung in allen Lebenslagen gehört, sondern auch, unabänderliche Dinge wertneutral zu akzeptieren.

Deshalb hat sie auch verkraftet, dass ein von der

Organisation korrumpierter Mitarbeiter von Silent Wood sie auszuhorchen versuchte und Selbstmord beging, als das nicht klappte. Danach hat die Organisation unseres Wissens keine weiteren Versuche unternommen, an Miss Lehman heranzukommen.



Entwicklung und Sozialverhalten:

Nachdem Lehman sich eingelebt hatte, was überraschend schnell geschah, nutzte sie alle Angebote der Klinik optimal. Sie holte innerhalb nur eines Jahres – ihr Intelligenzquotient liegt bei 123 – per Fernunterricht ihren Highschool-Abschluss nach und studierte anschließend ebenfalls per Fernunterricht Kunst.

Schon während des Studiums verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt, indem sie als Online-Angebot Porträtzeichnungen und andere Gemälde nach ihr übermittelten Fotos anfertigt und Bilder mit eigenen Motiven verkauft. Zu ihrem Schutz geschieht das unter einem Pseudonym.

Im Verlauf der Intensivtherapie, an der Lehman optimal mitarbeitete, gelang ihr eine nahezu vollständige Bewältigung der PTBS. Ebenso konnte ihre schwere Persönlichkeitsstörung behoben werden, indem sie durch ihren Klinikaufenthalt die Möglichkeit hatte und nutzte, nachzureifen und ihre ursprüngliche Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu trugen auch die unbewussten Erinnerungen ihrer ersten dreieinhalb Lebensjahre bei ihren Eltern bei, die ausschließlich positiv waren.

Zu ihren Eltern konnte Lehman ein sehr gutes Verhältnis entwickeln. Sie tauscht sich regelmäßig mit ihnen per E-Mail aus und trifft sie mindestens einmal wöchentlich an den Wochenenden im Besuchsraum der Klinik. Von ihrer Seite aus wird sie höchstwahrscheinlich nie eine normale Beziehung zu ihnen erreichen, aber der aktuelle Status ist der von guten Freunden.

Ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte sie auch zu FBI-Agent Aidan Cressman, der sie damals verhaftete und der sie zusammen mit NSA-Agents mehrfach befragte, um herauszufinden, wo Russo das der Terrororganisation gestohlene Geld und die Daten über sie versteckt haben könnte. Lehman kooperierte umfassend und bestmöglich, konnte aber nichts zur Lösung dieser Fragen beitragen.

Agent Cressman, der in Japan aufwuchs und ebenfalls Ninjutsu-Großmeister ist, wurde im Verlauf von Lehmans Therapie eine Art Co-Therapeut. Er spielt regelmäßig mit ihr Schach und unterhält sich mit ihr auf Japanisch. Da das auch ihr japanischer Lehrer tat, der mehr als Russo eine Vaterfigur für sie war, ist das etwas Vertrautes, das sehr zu ihrer emotionalen Stabilisierung beitrug.

Ein weiterer stabilisierender Faktor ist, dass sie weiterhin Kampfkunst trainiert, Flöte spielt und täglich eine Stunde ins Freie auf den Hof darf. Letzteres widerspricht zwar den Vorschriften, aber für Lehman wurde eine Ausnahmegenehmigung erteilt, da von ihr keinerlei Gefahr ausgeht.

Gegenüber dem Klinikpersonal verhält sie sich ausnahmslos im Rahmen der hier geltenden Regeln hundertprozentig korrekt. Sie nutzt die Kommunikation mit den Leuten, um ihre Entwicklung voranzutreiben und ihre während der letzten Jahre erworbenen sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Sie ließ sich kein einziges Mal ein Fehlverhalten oder gar einen Regelbruch zuschulden kommen.

Eine Medikation war nur ein einziges Mal erforderlich in Form eines Beruhigungsmittels, nachdem Lehman einen sie sehr verstörenden Albtraum hatte, der aber der einzige seiner Art blieb.

Eine antisoziale Persönlichkeitsstörung („Psychopathie“) lag und liegt NICHT vor. Lehman hatte aufgrund der Umstände ihres Aufwachsens und ihrer Erziehung keinerlei Sozialisierung im herkömmlichen

Sinn. Als sie im Rahmen ihres Aufenthalts in Silent Wood in nicht nur diesem Punkt nachreifte, zeigte sie sich gegenüber dem Klinikpersonal und ihren Eltern ebenso wie den Angehörigen ihrer Opfer, mit denen sie auf eigenen (!) Wunsch mehrfach Gespräche führte, aufgeschlossen, interessiert und zugewandt. Sie erarbeitete sich während der vergangenen Jahre einen optimalen Sozialisationsstand, der dem von Menschen, die unter normalen Bedingungen aufgewachsen sind, in nichts nachsteht.



Prognose:

Die wichtigste Frage für die Entscheidung über Erin Lehmans Entlassung lautet, ob von ihr eine erneute oder grundsätzlich eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Diese kann ich mit einem klaren NEIN beantworten. Ohne die Gehirnwäsche ihres Entführers, von der nicht mehr die geringsten Rückstände vorhanden sind, wäre Lehman niemals auf den Gedanken gekommen, einen Menschen zu töten. Ihre akkurate Einhaltung der Klinikregeln und die nicht nur dabei gezeigte Disziplin belegen, dass sie sich in Zukunft auch hundertprozentig an die geltenden Gesetze und Vorschriften der Gesellschaft halten wird.

Deshalb befürworte ich ihre Entlassung in Verbindung mit der Zuteilung einer neuen, unbelasteten Identität.



Gezeichnet: Hawthorne McCall

Bestätigung der Richtigkeit der Angaben: ...



Thorne lehnte sich zurück und las sich noch einmal den Bericht durch. Das tat auch sein Freund und Vorgesetzter Grayson Boyd, Direktor von Silent Wood, der den Bericht nach dem Ausdruck gegenzeichnen musste. Thorne hoffte, dass Grayson nichts an seinen Formulierungen zu beanstanden hatte. Zwar entsprach jedes Wort der Wahrheit; etwas anderes hätte Thorne nicht mit seinem Gewissen und seiner Berufsethik vereinbaren können.

Aber in einem Punkt hatte er einen Teil der Wahrheit verschwiegen: Erin Lehman würde niemals ein im herkömmlichen Sinn normales Leben führen können. Dazu war ihre Psyche zu schwer und leider irreparabel geschädigt worden. Ja, sie würde sich problemlos und völlig unauffällig in die Gesellschaft einfügen, denn sie verfügte aufgrund ihrer Ninjutsu-Ausbildung über ein phänomenales Anpassungsvermögen. Mit dem konnte sie Normalität perfekt vortäuschen, und nur sie allein würde wissen, was davon echt und was nur Fassade war.

Doch hätte er das in seinem Bericht geschrieben, würden wohl etliche Mitglieder der Prüfungskommission davon ausgehen, dass Erin Lehman alle positiven Entwicklungen nur vortäuschte, um entlassen zu werden, in Wahrheit aber immer noch der „Phantom Sniper“ war und wieder kaltblütig töten würde, wenn entsprechende Umstände eintraten. Eine per se unbegründete Sorge, denn ihr standen unzählige andere Methoden zur Verfügung, einer körperlichen Auseinandersetzung entweder von vornherein aus dem Weg zu gehen oder ihre Gegner außer Gefecht zu setzen, ohne sie gleich zu töten.

Dass Thorne sich außerstande sah zu erkennen, was in ihr wirklich vorging, wenn sie das nicht bewusst zeigte, hatte er ebenfalls verschwiegen. Aber auch in diesem Punkt hatte sie enorme Fortschritte gemacht und erlaubte sich, im Rahmen der Therapiesitzungen ihre wahren Gefühle zumindest teilweise offen zu zeigen. Denn sie hatte das größte aller für sie möglichen Wunder geschafft und ein, wenn auch sehr begrenztes Vertrauen zu einigen wenigen Menschen entwickelt. Thorne fühlte sich geehrt, dass er dazugehörte.

„Du hast nicht erwähnt, dass Miss Lehman mit Agent Cressman mehrmals die Woche Ninjutsu trainiert“, stellte Grayson fest.

„Darauf habe ich bewusst verzichtet. Ich denke, dass das kontraproduktiv wäre, weil das einen Teil der Prüfungskommission zu dem Schluss bringen könnte, dass sie ihre ‚Killerinstinkte’ weiterhin pflegt und deshalb gemeingefährlich bleibt. Indem ich zugegeben habe, dass sie selbst weiterhin Ninjutsu trainiert, bin ich damit nach meinem Empfinden schon an den Rand des für mich Vertretbaren gegangen. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie freikommt.“ Thorne blickte Grayson an. „Oder verweigerst du deine Unterschrift, wenn ich das nicht noch einfüge?“

Grayson schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Du hast alle wichtigen Punkte wahrheitsgemäß aufgeführt. Der Rest liegt an Miss Lehman, wie sie sich der Kommission präsentiert und deren Fragen beantwortet. Und in Anbetracht dessen, dass sie eine Kunoichi ist, wird sie einen durch und durch positiven Eindruck machen.“ Er seufzte. „Ich hoffe, der genügt für eine Entlassungsentscheidung. Wenn nicht, wirft sie das in ihrer Entwicklung unweigerlich zurück.“

Thorne war überzeugt, dass Erin Lehman ohne ein Gefühl der Hoffnung in die Anhörung gehen würde; so gut kannte er sie inzwischen. Gemäß der ihr eigenen Art würde sie weder mit einer für sie positiven, noch mit einer gegen sie gefällten Entscheidung rechnen, sondern das Verfahren wertneutral auf sich zukommen lassen und akzeptieren, was immer am Ende dabei herauskam.

Grayson nickte ihm zu. „Druck den Bericht aus, ich unterschreibe ihn.“

Thorne tat das, unterschrieb das Schriftstück und schob es Grayson zum Gegenzeichnen hin. Anschließend steckte er es in einen Umschlag, schrieb die Adresse darauf und reichte ihn Grayson. Der würde ihn unverzüglich per Boten weiterleiten. Thorne hoffte auf das Beste für Erin Lehman und die Anhörung in sieben Tagen, denn sie hatte ihre Freiheit mehr als verdient.

*



Nummer Neun tippte seinen Wochenbericht in den Computer und verfluchte zum unzähligsten Mal während der vergangenen drei Jahre Dashiell Russo. Wäre der Mann nicht längst tot, Neun hätte ihn am liebsten eigenhändig erschlagen. Erschossen. Erdolcht. Gerädert und gevierteilt. Bei lebendigem Leib gehäutet. Geköpft. Und die Leiche den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Russo trug die Schuld daran, dass die Organisation bereits vor drei Jahren zerschlagen worden war – nahezu komplett.

Er war auch schuld daran, dass Neun seitdem als kleiner Bankangestellter unter falscher Identität in einer billigen Mietwohnung leben und den Ball flach halten musste. Sehr flach. Er durfte in keiner Weise auffallen. Dass er noch lebte, war purer Zufall; in Verbindung mit sorgfältiger Voraussicht und schnellem Handeln.

Russo hatte seine Rache nahezu perfekt inszeniert und orchestriert. Sie war an brillanter Strategie kaum zu überbieten. Das musste Neun neidlos anerkennen. Ein wenig bewunderte er Russos Plan und dessen Ausführung sogar und hätte den Mann noch mehr bewundert, wenn Neun nicht zu denen gehört hätte, deren Leben und Lebenswerk er zerstört hatte.

Nachdem Russo vor inzwischen einundzwanzig

Jahren das Lehman-Kind entführt hatte und mit der Kleinen untergetaucht war, hatte er die Organisation wissen lassen, dass er belastendes Material gesammelt hatte, mit der er sie vollständig zerschlagen konnte und er das tun würde, sollte man ihn verfolgen oder gar zu töten versuchen. Der Beweis, den er für seine Behauptung geliefert hatte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass das der Wahrheit entsprach. Natürlich versuchte die Organisation trotzdem, ihn ausfindig und vor allem unschädlich zu machen. Vergeblich.

Bis zu dem Tag, an dem Erin Lehman aufgetaucht war und in seinem Namen begonnen hatte, seine ehemaligen Freunde hinzurichten. Alle Versuche, ihrer habhaft zu werden und sie nach Russos Aufenthaltsort auszuquetschen, schlugen gründlich fehl. Dass der Mann schließlich als Leiche endete, bevor die Behörden ihn in die Finger bekamen, schien zunächst ein Glücksfall zu sein.

Aber die Organisation hatte ihn in einem Punkt unterschätzt; und vielleicht nicht nur in diesem einen. Russo hatte Vorkehrungen getroffen, die Organisation auch nach seinem Tod noch zu vernichten. Offenbar hatte er die belastenden Daten irgendwo auf einem Server hinterlegt und eine Sicherung programmiert, dass sie an die Behörden gesendet wurden, sobald er die Sendung nicht mehr regelmäßig mit einem Deaktivierungscode stoppte. Und so nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Als Erstes ließ er alle freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer auffliegen, bis sie alle inhaftiert waren und buchstäblich keiner mehr übrigblieb. Die Organisation hatte zwar versucht, den Schaden zu begrenzen, indem man die Betreffenden eliminierte, bevor sie ihr Wissen preisgeben konnten, aber das waren zu viele – mehrere Tausend –, als dass die professionellen Attentäter der Organisation diese Massen hätten bewältigen können.

Die Folgen hätten die Organisation zwar nicht zerstört, weil fast alle Unterstützenden nur eine einzige Mittelsperson kannten und nicht über die Ziele oder andere Interna informiert waren, aber Phase Drei, die die Endphase des Masterplans hätte einleiten sollen, konnte ohne diese Leute nicht mehr initiiert werden. Dadurch wurde die Arbeit von über dreißig Jahren heftig zurückgeworfen und die Investition von mehreren Milliarden Dollar in den Sand gesetzt.

Doch das genügte Russo natürlich nicht. Er hatte, der Teufel mochte wissen, wann und wie, schon zu seinen Lebzeiten Bomben in den Firmen, die der Organisation gehörten, installiert und sie ebenfalls durch irgendeine Vorinstallation der Reihe nach hochgehen lassen. Damit hatte er auch die finanziellen Ressourcen und das Lebenswerk des leitenden Konsortiums vernichtet.

Zwar hatte man versucht, noch möglichst viel zu retten, aber das war in einem zu geringen Umfang gelungen, als dass der vergleichsweise kümmerliche Rest an Vermögen für einen Neustart ausgereicht hätte. Zumindest konnte man mit dem, was man noch hatte, nicht einmal annähernd dort anknüpfen, wo man vor Russos Vernichtungsaktion gestanden hatte.

Diese Katastrophe war umso bitterer, weil die Organisation nur noch ein oder zwei Jahre vom Erreichen ihres ultimativen Ziels entfernt gewesen war.

Aber nicht nur Neun, sondern auch allen anderen Mitgliedern der Führungsriege war klar gewesen, dass Russo garantiert auch Vorkehrungen getroffen hatte, sie alle zu töten, nachdem er mit dem Rest der Organisation fertig war. Neun hatte sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht und war in eine seiner für diesen und andere Zwecke geschaffenen Identitäten geschlüpft, von der er sicher war, dass Russo sie niemals herausgefunden hatte.

Heute trug er eine Glatze, die er sich jeden Tag rasierte, einen Vollbart, den er sich akribisch blond färbte, und Kontaktlinsen statt einer Brille, die natürlich gefärbt waren und ihm eine andere Augenfarbe gaben. Er wirkte so unscheinbar, dass niemand ihm einen zweiten Blick gönnte.

Er hatte sogar zeitweilig mit dem Gedanken gespielt, sich den Behörden als Kronzeuge anzubieten, falls er mit der Organisation in Verbindung gebracht und geschnappt werden sollte. Aber das hatte er verworfen. Zwar war er kein besonders hohes Tier in der Organisation, sondern nur einer der Cluster-Leiter, aber er hatte ihr alles geopfert, um das große Ziel zu erreichen, den Masterplan durchzuziehen und den Erfolg zu genießen. Die noch lebenden „Griechen“, wie die ranghöchsten Führungsmitglieder genannt wurden, weil sie als Codenamen griechische Buchstaben statt Zahlen verwendeten, waren entschlossen, die Organisation wieder aufzubauen.

Ein weiterer Grund, weshalb Neun sich nicht auch für die Griechen totstellte, war, dass er durch die Todesfälle in den Reihen der Cluster-Leiter die Karriereleiter hinaufgefallen war. Vor Russos Vernichtungsfeldzug war er Nummer Siebzehn gewesen, nun war er Nummer Neun und besaß mehr Macht als je zuvor.

Aber diese Macht war fast nichts im Vergleich zu der, die er gehabt hätte, wenn alles nach Plan verlaufen wäre. Die Organisation war dank Russo – verflucht sollte er sein und auf ewig in der Hölle schmoren! – zurück auf Feld eins und musste fast völlig neu beginnen. Neue Helfershelfer rekrutieren, neue Firmen übernehmen, die man als Tarnung zur Vorbereitung und Durchführung der Endphase benutzen konnte. Neue Mitglieder anwerben, die zweihundertprozentig hinter den Zielen der Organisation standen und entsprechend unverbrüchlich loyal waren.

Neun war sich bewusst, dass er und die anderen Altgedienten der Organisation das Erreichen des Endziels wahrscheinlich nicht mehr erleben würden. Oder vielleicht doch, denn heute konnte man auf die aus dem ersten Versuch gesammelten Erfahrungen zurückgreifen, wusste genau, was man zu tun hatte, und musste nicht mehr experimentieren. Das würde den Neuaufbau erheblich abkürzen.

Immerhin existierten die meisten der Maulwürfe noch, die man über Jahre hinweg in wichtige Behörden eingeschleust oder dort aufgebaut hatte: Polizei, FBI, NSA, CIA, Finanzbehörde, Zoll, Gerichte, Gefängnisse und andere. Dass Russo die nicht auch alle getötet hatte, konnte Neun sich nur damit erklären, dass sie einfach zu viele waren, als dass er bei ihnen allen seine Bomben und sonstigen tödlichen Tricks hatte installieren können.

Oder er hielt sie für zu unwichtig, denn ohne die Organisation waren sie wie ausrangierte Marionetten, die niemand mehr benutzte. Die Möglichkeit, dass Russo deren Identität nicht kannte, schloss Neun kategorisch aus. Dazu war der Mann zu brillant und gewieft gewesen. Deshalb schwebte immer noch das Damoklesschwert der Enttarnung über allen. Denn Russo hatte garantiert die Identität jedes einzelnen Maulwurfs dokumentiert.

Und hier kam Erin Lehman ins Spiel. Auch wenn sie, wie sie immer wieder behauptete, tatsächlich nicht wissen sollte, wo Russo diese Daten versteckt hatte, so war sie doch die einzige Person, die das herausfinden konnte. Außerdem glaubte Neun und mit ihm die gesamte Führungsriege, dass sie – ebenfalls entgegen ihrer anderslautenden Behauptungen – ganz genau wusste, wo das Geld steckte, das Russo der Organisation gestohlen hatte.

War man zunächst nach den damaligen internen Ermittlungen davon ausgegangen, dass er mindestens zwölf Millionen Dollar abgegriffen hatte, waren die Griechen aufgrund von neueren Beweisen zu dem Schluss gekommen, dass es mindestens fünfzig Millionen sein mussten. Und dieses Geld wurde dringendst für den Neustart gebraucht.

Somit war Erin Lehman die wichtigste Person von Interesse für die Organisation. Doch solange sie in dieser psychiatrischen Hochsicherheitsklinik saß, die eine uneinnehmbare Festung war, sofern man sich nicht mit Kriegsmaschinerie und einer Armee gewaltsam Zutritt verschafft hätte, war an sie nicht heranzukommen.

Aber einer der Maulwürfe an entsprechender

Stelle hatte der Organisation gemeldet, dass in sieben Tagen eine Anhörung stattfand, die über ihre Entlassung aus der Klinik entschied. Neun hatte geschafft, drei loyale Organisationsmitglieder in das Komitee einzuschleusen. Er hoffte, dass die ausreichten, um eine Entlassung zu gewährleisten.

Sobald Erin Lehman in Freiheit war, konnte man endlich an sie heran. Und sobald man das Geld und die Daten in den Händen hatte, würde Lehman eliminiert werden. Nur zur Sicherheit.



*



Ishida Dai, der unter dem Namen John Takahashi als japanischstämmiger, amerikanischer Journalist seit drei Jahren in Albany lebte, las den Brief, den ein Bote soeben gebracht hatte, und lehnte sich zufrieden zurück. Seine sorgfältig und schon vor längerer Zeit in Gang gesetzten Manipulationen zeigten den erwarteten Erfolg. John Takahashi war in die Prüfungskommission berufen worden, die über Erin Lehmans Entlassung aus der Klinik entschied.

Die gesamte Kommission bestand aus zehn Mitgliedern und Richterin Aston, die damals die Verhandlung gegen die junge Frau geleitet hatte. Dai beherrschte als Jonin, Oberbefehlshaber und spiritueller Leiter eines der ältesten Ninja-Clans in ganz Asien, Hsi Men Jitsu, die Technik der Beeinflussung des Geistes, in Perfektion. Er traute sich deshalb ohne Weiteres zu, fünf bis sechs Menschen gleichzeitig zu beeinflussen, damit sie wie er für eine Entlassung stimmten. Mit etwas Glück musste er das aber gar nicht tun, denn vermutlich würden einige Mitglieder von sich aus ebenfalls Lehman-sans Entlassung befürworten. So oder so, für Dai stand fest, dass Lehman-san entlassen werden würde.

Danach musste er nur noch Kontakt zu ihr knüpfen, ohne dass sie irgendeinen Verdacht schöpfte, dass er etwas anderes sein könnte als der harmlose Journalist, als der er sich ihr vorzustellen gedachte. Alles Weitere war eine Frage der Zeit, und die hatte

Dai. Sobald Lehman-san bereit wäre, von ihm die Wahrheit über ihren Lehrer Sato Haru zu erfahren, würde er ihr die offenbaren und ihr anbieten, die Stellung innerhalb des Ishida-Clans einzunehmen, für die ihr Lehrer sie ihr ganzes Leben lang erzogen und ausgebildet hatte. Denn der Clan war noch lange nicht mit ihr fertig.

Und mit der Organisation, die Lehman-san immer noch bedrohte, auch nicht.

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