Sorry

Joe Cullen #3

»Dirty Cops« biete wieder, so Peter M. Hetzel, Lektor von Jerome Oster bei der Erstausgabe im Rowohlt Verlag, seine typische Mischung aus Action und intellektuellem Tiefgang gepaart mit profunden Kenntnissen der populären Musik. Und wieder gibt es "brillante Dialoge" (Stuttgarter Zeitung) aus einer pulsierenden und keuchenden Großstadt: Nach dem brutalen Mord an zwei New Yorker Detectives,m auf den sich sofort die Medien stürzen, gerät Joe Cullen schnell in einen Sumpf aus Gewalt und Korruption, die vor Polizei und Politik nicht Halt macht. Jenny Swale hörte sich zweimal hintereinander die Eurythmics–Version von Winter Wonderland an,... alles anzeigen expand_more

»Dirty Cops« biete wieder, so Peter M. Hetzel, Lektor von Jerome Oster bei der Erstausgabe im Rowohlt Verlag, seine typische Mischung aus Action und intellektuellem Tiefgang gepaart mit profunden Kenntnissen der populären Musik. Und wieder gibt es "brillante Dialoge" (Stuttgarter Zeitung) aus einer pulsierenden und keuchenden Großstadt: Nach dem brutalen Mord an zwei New Yorker Detectives,m auf den sich sofort die Medien stürzen, gerät Joe Cullen schnell in einen Sumpf aus Gewalt und Korruption, die vor Polizei und Politik nicht Halt macht.



Jenny Swale hörte sich zweimal hintereinander die Eurythmics–Version von Winter Wonderland an, drückte dann gleich noch mal den Rückspulknopf des Autoradios. Sie wusste genau, wie lange es bis an den Anfang des Stückes dauerte (sechsmal Mississippi). Als Jenny sich zurücklehnte, um das Stück zum dritten Mal zu genießen, schoss Elvis Polk ihr durch den Kopf.

Diese Version von Winter Wonderland hatte Elvis in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, aber sie gefiel ihm immer besser. Das war also nicht der Grund, warum er Jenny abknallte. Für viele Homeboys war Weihnachten ein Feiertag für »Weißbrote«, so interessant wie zweimal Fingerschnippen, aber Elvis fand’s irgendwie gut; er mochte die Kälte, dass es so früh dunkel wurde, und die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße, es erinnerte ihn an alte Filme, Fernsehsendungen, Zeugs, das er sich reingezogen hatte, damit er nicht dran denken musste, dass es ziemlich kalt war und so früh dunkel wurde und er selbst nie die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße gehabt hatte, also war auch das nicht der Grund, warum er Jenny abknallte.

Und, echt, eigentlich mochte Elvis Jenny sogar irgendwie: Sie hatte ihm die Handschellen neu angelegt, vorne, sobald sie aus dem Knast raus waren, damit er die zwei beschissenen Stunden im Auto nicht auf den Händen sitzen musste; sie hatte ihm ein Mittagessen spendiert, ein Käse–Schinken–Sandwich auf Roggenbrot und dazu eine Coke; sie hatte ihm den ganzen Nachmittag und auch wieder auf der Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt. Nein, es war einfach an der Zeit, das war auch schon alles, und hier war’s so gut wie an jedem anderen Ort, also blies Elvis ein Loch in Jennys Hinterkopf, dann ballerte er Luther Todd mitten in die Stirn, als Luther beim Knall der handlichen kleinen .22er den Kopf herumriss.

»All’s klar, Luther«, sagte Elvis. »All’s klar, Jenny.«

Elvis verstaute die .22er in seiner Triple Fat Goose und rutschte über den Rücksitz. Trotz der Handschellen bekam er seine Arme über Luthers Kopf und erwischte das Lenkrad gerade noch rechtzeitig, bevor die Karre die Leitplanke entlangschrammelte. Luthers großer Fuß, mit dem Reebok Twilight Zone Pump sogar noch größer, stand immer noch auf dem Gas, und das Gewicht seines Körpers ließ den Volare weiter beschleunigen. Hätte man sich ja denken können: als Luther noch lebte, klebte er wie ne Oma in der Fahrschule an der Geschwindigkeitsbegrenzung; tot trat er das Pedal bis zum beschissenen Anschlag durch.

Elvis rüttelte Luther hin und her, und Luthers Reebok rutschte vom Gas. Der Volare wurde langsamer und langsamer. Elvis lenkte die Karre auf den Seitenstreifen und ließ sie ausrollen. Er hob die Arme über Luthers Kopf zurück und rutschte auf der Rückbank hinter Jenny, die den Schlüssel zu den Handschellen hatte.

Luther sackte nach vorn auf die Hupe und jagte Elvis damit einen Scheißschrecken ein.

Auf der Straße war nicht viel Verkehr, und in den wenigen Autos, die unterwegs waren, saßen Leute, die sich praktisch den Arsch aufrissen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, bevor der große Schnee kam – zwanzig bis dreißig Zentimeter laut Wetterbericht, den sie gehört hatten, bevor Jenny fragte, ob einer von ihnen was dagegen hätte, wenn sie WINS abschaltete und die Weihnachtskassette reinschob, aber bei Elvis Polks Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück kam noch irgend so ein beschissener Samariter auf die Idee, hier würde um Hilfe gehupt, und daher anhalten, und, zack, müsste er den auch noch umlegen.

Elvis packte den Kragen von Luthers Ice–T–Jacke und zog ihn von der Hupe zurück. Er fischte den Schlüssel aus der Seitentasche von Jennys Lederjacke und öffnete die Handschellen.

Nachdem er das leichte Kribbeln aus den Handgelenken massiert hatte, als er über den Sitz zum Armaturenbrett gegriffen und den Zündschlüssel gedreht hatte, die Scheinwerfer und den Motor und das Weihnachts-Tape ausgemacht hatte, das ihn nun doch langsam echt fertigmachte, als er ruhig und gleichmäßig durchatmete, da überlegte Elvis beiläufig, später irgendwo von der Straße runterzufahren und Jenny Swale zu bügeln, tot oder nicht. Jenny war absolut nicht Elvis’ Typ von She–ra – sie hatte winzig kleine Titten und dürre O–Beine; Elvis stand auf richtige Mammas und einen breiten Hintern –, aber sie war nun mal die einzige She–ra weit und breit. Und Elvis hatte schon lange keine She–ra mehr gebügelt, sein Typ oder nicht sein Typ, er hatte’s sich nur selbst gemacht oder von irgendeinem Grünschnabel im Knast Mund oder Arsch gekriegt. Seit er das letzte Mal auf der Straße gewesen war, nachdem er für irgendwas sitzen musste, an das er sich nicht mal mehr erinnern konnte, Sommer war’s jedenfalls gewesen, als die Miniröcke angeblich ihr großes Comeback feierten, die Nutte, die er auf der Forty–deuce aufgegabelt und in einem Motel auf der Twelfth Avenue gebügelt hatte, die hatte einen an, der gerade mal ihren Schlitz bedeckte, und jetzt waren Minis wieder out, hatte er zumindest gehört, She–ras trugen die Kleider heute praktisch bis zum Boden, und bei Elvis’ Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück hatte er die ganze beschissene Sache verpasst.

Das Problem war, Elvis würde Jenny nicht bügeln können, solange Luther dasaß, tot oder nicht. Das würde Luther beleidigen, genauso wie’s Luther beleidigen würde, Luther einfach raus auf den eiskalten Boden zu kippen, während Elvis hier drinnen Jenny bügelte. Elvis sollte Jenny draußen auf die kalte Erde kippen, denn dann würd’s Luther nicht ganz so beleidigen, wenn er sie bügelte, aber, echt jetzt, dabei würde er sich doch todsicher seinen Louisville Slugger abfrieren.

Elvis kannte Luther zwar kaum, aber Luther war für ihn was ganz Besonderes: Er wollte Luther sein. Ein blondes, blauäugiges Weißbrot, das den Namen des berühmtesten Weißbrots aller Zeiten trug (oder damit geschlagen war, so sah er die Sache), so ungefähr, ein Mann, dessen Fans ihn nicht sterben lassen wollten, trotz der fotografischen Beweise (denn Bilder lügen gottverdammt nicht), wie er da tot lag, um seine beschissene Kommode gewickelt, weil, Elvis Polk war den größten Teil seines Lebens mit Homeboys rumgezogen (und vor weißen Bullen abgehauen), im Knast und auf der Straße. Elvis ging wie ein Homeboy, redete wie ein Homeboy, dachte wie ein Homeboy, fühlte wie ein Homeboy. Das Problem war nur, im Knast und auf der Straße, Elvis hatte es ganz klar an vernünftigen Homeboy–Vorbildern gefehlt – mit dem Ergebnis, dass er am Ende so viel Zeit im Knast und auf diesen besonders miesen Straßen verbracht hatte, wie er eben dort verbracht hatte.

Elvis kannte Luther kaum, aber Luther war ein Homeboy, den er sich zum Vorbild nehmen konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis bewundern konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis fast sogar lieben konnte.

Auf der Fahrt runter vom Knast war Elvis total drauf abgefahren, wie Luther von seiner Jugend in East New York quatschte: mit einer Posse rumziehen (nur dass man damals noch nicht Posse sagte, erklärte Luther, es war schlicht und einfach eine Gang), sich mit anderen Gangs um Reviere prügeln, Juden und Spaghetten und Iren aufmischen, 45er–Platten und Comics und Limos und Twinkies und Kools klauen, und wie ihm dann eines Tages die Augen aufgingen, als ein cooler Bulle vom Drogendezernat in Luthers Schule einen Vortrag hielt, und wie er Luther tief beeindruckte, als er sagte, eine Nummer auf einer Polizeimarke stehen zu haben wäre erheblich besser, als eine vor sich zu halten, wenn man fürs Verbrecheralbum geknipst wird, oder als ne Nummer auf dem Schildchen am dicken Zeh im Leichenschauhaus. Wenn Elvis Luther vielleicht ein bisschen früher getroffen hätte, wenn er nicht unter einem schlechten Stern geboren wäre, wenn er nur ein bisschen Glück außer immer nur Un–Glück gehabt hätte, vielleicht wäre Elvis dann ja auch Bulle geworden. Er hoffte, es würde Luther nicht beleidigen, er hoffte, es wär so was wie R–e–s–p–e–k–t, was Luther vielleicht sogar verstehen und schätzen könnte, wenn Elvis die Latschen auszog, die er an den Füßen hatte, und stattdessen Luthers echt geile Reebok Twilight Zone Pumps anzog, damit er sich immer an Luther erinnern würde.

Und außerdem, Elvis hätte kein gutes Gefühl dabei, Jenny Swale zu bügeln, wo sie doch so nett zu ihm gewesen war, wo sie ihm die Handschellen bequemer angelegt hatte, ihm ein Mittagessen spendiert hatte, ihm die ganze Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt hatte, wie sie Luther und ihn gefragt hatte, ob sie was dagegen hätten, wenn sie WINS ausmachte und dafür die Weihnachtskassette reinschob. Elvis hatte echt Probleme, She–ras zu bügeln, die nett zu ihm waren: bei denen kriegte er nie einen Ständer, alles blieb ganz weich und schrumpelig. She–ras, die ihn wie Scheiße behandelten, die konnte er bügeln, bis sie wund waren und er auch, er konnte sie bügeln, bis ihm sein Louisville Slugger abfiel.

Also stieg Elvis aus, streckte sich, ging um den Volare und stieg auf der Fahrerseite ein. Er schubste Luther solange mit der Hüfte, bis er genug Platz hatte, den Hebel der altmodischen Lenkradschaltung zu bearbeiten. Er drehte den Zündschlüssel, die Scheinwerfer flammten auf, der Motor sprang an und die Eurythmics legten schon wieder los, über klingelnde Schlittenglöckchen und glitzernden Schnee und all die ganze Scheiße zu nölen. Elvis wollte diesen beschissenen Song nie wieder hören, und gerade rechtzeitig zu den Fünf–Uhr–Nachrichten auf WINS schaltete er von Kassette auf Radio um.



Jerry Oster ist 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool, geht später auf die Columbia University, wo er Englische Literatur im Hauptfach studiert. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuter und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie manche seiner Protagonisten. Jerry Oster war Polizeireporter, hat unzählige Tatorte aufgesucht und über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

1980 erscheint mit »Port Wine Stain« sein erster Krimi. Der Durchbruch gelingt 1985 mit dem Roman »Sweet Justice«, der von der Kritik sehr positiv aufgenommen wird. Trotz durchweg guter Besprechungen löst Osters amerikanischer Verlag 1992 seinen Vertrag mit dem Autor. Danach sind weitere Romane dank des großen Engagements seines damaligen deutschen Verlags Rowohlt zumindest auf Deutsch erschienen.

Peter Hetzel, sein Lektor bei Rowohlt, verglich Osters kunstvoll komponierte Gesellschaftspanoramen mit einer Bemerkung, die George Grosz über New York machte: »Alles dörrt, siedet, zischt, grölt, lärmt, trompetet, hupt, pfeift, rötet, schwitzt, kotzt und arbeitet.«

Oster ist ein wahrer Meister darin, seine Plots mit scheinbar sinnlosen Ab– und Ausschweifungen auszuschmücken, die dann in ihrer Summe ein atmosphärisch dichtes und plausibles Gemälde dieses »Kolosses unter den Städten« und der dort lebenden Menschen ergeben.

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