Die Banknote

Kriminalroman

Halle 1954. Ein Betriebsleiter kassiert mit der Jahresprämie einen Fünfzigmarkschein, durch zwei grüne Tintenspritzer seltsam markiert. Er schenkt ihn Inge, seiner jungen Frau - die fährt mit ihren Ersparnissen nach Westberlin. Sieben Jahre vorm Mauerbau eine atemberaubende Stadt! Zum Wechselkurs 1:4,70 kauft sich Inge dort eine "Lambretta" von NSU, als das noch kein mörderischer NS-Untergrund, sondern eine Automarke ist. Und nun wandert der Geldschein weiter, von einem flotten Callgirlring zur KgU, einem der vier Dutzend Geheimdienste vor Ort … Spannend und punktgenau liefert die Spur der Banknote das Panorama einer "Frontstadt" aus längst... alles anzeigen expand_more

Halle 1954. Ein Betriebsleiter kassiert mit der Jahresprämie einen Fünfzigmarkschein, durch zwei grüne Tintenspritzer seltsam markiert. Er schenkt ihn Inge, seiner jungen Frau - die fährt mit ihren Ersparnissen nach Westberlin. Sieben Jahre vorm Mauerbau eine atemberaubende Stadt! Zum Wechselkurs 1:4,70 kauft sich Inge dort eine "Lambretta" von NSU, als das noch kein mörderischer NS-Untergrund, sondern eine Automarke ist. Und nun wandert der Geldschein weiter, von einem flotten Callgirlring zur KgU, einem der vier Dutzend Geheimdienste vor Ort … Spannend und punktgenau liefert die Spur der Banknote das Panorama einer "Frontstadt" aus längst versunkener Zeit.

Das den heutigen Leser immer noch fesselnde Buch erschien erstmals 1955 im Verlag Das Neue Berlin.



„Der Bahnhof Halensee wird soeben von Polizei besetzt, Sir", meldete Hansen.

Mitchell stand vor der Karte, er bohrte seinen Blick in das rote Liniennetz der S-Bahn. Es war eine groß angelegte Menschenjagd, und er hielt die Fäden in der Hand. Schon oft hatte er sich das einmal gewünscht. Kaum fünf Minuten waren seit ihrer Flucht verstrichen - schon lief die Verfolgung auf hohen Touren, rollte die Fahndungsaktion an. Militärpolizei, Funkwagen und motorisierte Bereitschaften preschten durch die nächtlichen Straßen, um die rote Agentin aufzugreifen. Berlin war Frontstadt, jeder Mann wusste, worum es ging. Ein Mensch verlor sich im Verkehrsgewirr dieser Riesenstadt wie eine Stecknadel in fünf Heuhaufen. Fand man ihn dennoch - er zweifelte nicht daran -, so dank der hochentwickelten Polizeitaktik.

Der Gedanke, dass er selbst es war, der das komplizierte Zusammenspiel der Verfolgungskräfte steuerte, faszinierte ihn. Es war ein großes Rechenexempel, und er war der richtige Mann dafür: nüchtern, findig, mit kühlem Kopf und Scharfblick.

„In Halensee ist sie nicht mehr", rief Hansen vom Telefon her, „ein Zug hat soeben den Bahnhof in Richtung Westkreuz verlassen!"

„Bahnhof Westkreuz Ausgänge besetzen", ordnete Mitchell an. „Den Zug stoppen, durchsuchen ..."

„Schaffen wir nicht mehr, Captain", warf Hansen ein und sah auf seine Uhr. „Er muss schon in Westkreuz eingetroffen sein!"

„Gut", sagte Mitchell ungerührt, „dann erledigen wir das auf der nächsten Station. In Witzleben wird die erste Hälfte durchsucht, in Westend das übrige." Hansen gab es durch.

„Falls sie in Westkreuz umsteigt in Richtung Friedrichstraße, also den Ring verlassen will, fassen wir in Charlottenburg, Savignyplatz und am Bahnhof Zoo zu, ist das klar?"

„Jawohl, Sir!"

„Der Bahnsteig eins in Westkreuz wird besetzt", verfügte der Captain. Knapp und klar erteilte er seine Weisungen. Seine Augen glänzten; hin und wieder hob er den überlangen Bleistift, der in Goldlettern einen Reklamespruch der PAN AMERICAN AIRWAYS trug, und brachte ein Kreuz, einen Strich oder einen Kreis auf dem Stadtplan an: taktische Zeichen, deren Sinn nur er allein kannte, die etwa bedeuten mochten „Besetzen!", „Durchsuchen!", „Zug stoppen!", „Sperre blockieren!". Dazwischen jedoch, wenn Hansen sprach, stand er ganz still. Mehrere Sekunden lang war dann sein ganzer Körper gespannt, völlig bewegungslos, wie ein erstklassiger Jagdhund auf der Fährte. Manchmal hob er auch lauschend den Kopf und ließ ein eigentümliches Schnüffeln hören.



Als der Zug mit schrillem Heulen den Bahnhof Halensee verließ, stand Inge neben der Tür und betrachtete die farbige Übersichtskarte der Bahnverbindungen. Sie begriff, dass sie in Westkreuz umsteigen musste, wenn sie den Demokratischen Sektor auf kürzestem Wege erreichen wollte, und sie fragte den freundlichen alten Herrn, der sie von dem kussfreudigen Lebemann befreit und ihr die Fahrt bezahlt hatte, wie sie den richtigen Bahnsteig erreichte. Er beschrieb es ihr sehr gründlich, doch sie war so erregt, dass sie seinen Worten nicht folgen konnte... Dann bremste der Zug. Menschen drängten zur Tür, sie verabschiedete sich mit hastig gestammeltem Dank und wurde vom Strom der Fahrgäste mitgerissen.

Inge stand jetzt auf dem Hochbahnsteig der Ringbahn, sie las Pfeile, Bezeichnungen, Namen, die sie immer mehr verwirrten, und wusste nicht, wohin sich wenden. Unter ihr, auf einem der Gleise, die aus der Stadt herausführten, lief donnernd ein Zug ein. „Falkensee...", lärmte der Lautsprecher, „Zug in Richtung Falkensee." War dies der richtige? - Da erblickte sie auf den breiten Stufen, die am Ende des Bahnsteigs zur Sperre hinaufführten, drei blaugrau uniformierte Polizisten, mit grünen Tschakos und baumelnden Gummiknüppeln. Galt das ihr? Mit pochendem Herzen drehte sie sich um und hastete eine Treppe hinab, über der „Bahnsteig 2" stand ... Unten rollte ein Zug aus der Halle, sie sah noch die letzten erleuchteten Wagen und fragte einen Zeitungsverkäufer: „Wohin fuhr der eben?"

„Nach Falkensee, Frollein."

„Ist das Ostsektor?"



Wolfgang Schreyer, geboren 1927 in Magdeburg. Oberschule, Flakhelfer, Soldat, US-Kriegsgefangenschaft bis 1946. Debütierte mit dem Kriminalroman "Großgarage Südwest" (1952), seitdem freischaffend, lebt in Ahrenshoop. 1956 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis für den Kriegsroman "Unternehmen Thunderstorm". Schreyer zählt zu den produktivsten und erfolgreichsten Autoren spannender Unterhaltungsliteratur in der DDR, schrieb Sachbücher, Szenarien für Funk und mehr als zwanzig Romane mit einer Gesamtauflage von 6 Millionen Exemplaren.

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