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Zeit der Entscheidungen

Novo-Books neo - Band 1

Zeit der Entscheidungen
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Nach dem Tod seiner Ehefrau lernt Daniel in einer Trauergruppe Julia kennen, die das gleiche Schicksal getroffen hat. Sie verlieben sich. Es beginnt eine schicksalhafte, labile Reise, bei der es zu tiefen Rissen kommt. Wird die Beziehung zerbrechen oder gelingt es dem Paar die Risse zu schließen? Ein ergreifender Schicksalsroman. Daniel saß am Esszimmertisch. Gegenüber hing ein Kalender mit Fotos von Aquarienfischen an der Wand. Dieser Monat zeigte einen Black Molly mit gegabelten Schwanz. Diese Fische hatte Daniel selbst schon gehalten. Sie waren pflegeleicht und sahen vor einer Wand von grünen Wasserpflanzen einfach toll aus. Daniel spürte einen... alles anzeigen expand_more

Nach dem Tod seiner Ehefrau lernt Daniel in einer Trauergruppe Julia kennen, die das gleiche Schicksal getroffen hat. Sie verlieben sich. Es beginnt eine schicksalhafte, labile Reise, bei der es zu tiefen Rissen kommt. Wird die Beziehung zerbrechen oder gelingt es dem Paar die Risse zu schließen?

Ein ergreifender Schicksalsroman.



Daniel saß am Esszimmertisch. Gegenüber hing ein Kalender mit Fotos von Aquarienfischen an der Wand. Dieser Monat zeigte einen Black Molly mit gegabelten Schwanz. Diese Fische hatte Daniel selbst schon gehalten. Sie waren pflegeleicht und sahen vor einer Wand von grünen Wasserpflanzen einfach toll aus.

Daniel spürte einen enormen Bewegungsdrang, war aber nicht in der Lage, sich zu erheben. Eine rauchen wäre jetzt nicht schlecht, dachte er. Nicht das erste Mal, dass ihm dieser Gedanke durch den Kopf schoss. Er strich sich durch seine dunkelblonden Haare, atmete tief ein und aus. Dann stand er mit einem Ruck auf und ging in Sofies Zimmer. Dort stand der Schreibtisch aus Kiefernholz. Er wusste, dass hinter der linken Tür des Schreibtisches eine Stange Zigaretten lag. Und in der Schreibtischschublade darüber diverse Plastikfeuerzeuge. Sofies Vorrat.

Er öffnete die Schreibtischtür, nahm die Stange Zigaretten heraus, riss das Papier ab und nahm sich eine Packung Zigaretten. Den Aschenbecher holte er sich vom Fensterbrett aus der Küche. Wieder im Esszimmer am Tisch sitzend, zögerte er kurz, öffnete dann die Packung, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie mit dem mitgebrachten Feuerzeug an. Er nahm einen tiefen Zug. Es schmeckte einfach abscheulich. Doch er rauchte weiter. Von den vorherigen Rückfällen seines Raucherdaseins wusste er, dass dieser scheußliche Geschmack spätestens nach der dritten gerauchten Zigarette wieder verschwunden war.

Also rauchte er, gleich, nachdem er die erste Zigarette aufgeraucht hatte, gleich zwei weitere hinterher. Nun gut, zwei Jahre Nichtrauchen waren somit für den Mülleimer. Aber er konnte nicht anders. Die Alternative wäre das Trinken von Hochprozentigem gewesen. Und damit wären vierzehn Jahre abstinentes Leben vor die Hunde gegangen. Eine weitaus schlimmere Sache als wieder der Nikotinsucht zu verfallen. Mit dem Trinken von Alkohol hätte er sein weiteres Leben aufs Spiel gesetzt. Er zollte sich selbst Hochachtung dafür, dass er nicht zum Alkohol gegriffen hatte, denn sein jetziges Leben war ihm egal. Das war momentan so. Es gab ja, hoffte er, eine bessere Zukunft.

Jedenfalls war das mit dem Rauchen in Ordnung für ihn. Er saß jetzt zwar weiterhin hier am Esszimmertisch und starrte diesen bescheuerten Aquarienkalender an, aber er fühlte sich mit der Zigarette in der Hand einfach besser.

Gestern war Sofies Beerdigung gewesen. Susanne, ihre langjährige Freundin, die auch Trauzeugin bei Sofies und Daniels Hochzeit gewesen war, war vor zwei Stunden nach Hause in den Schwarzwald gefahren. Und er war ab da allein gewesen. Und nun war er allein in diesem Riesenhaus und wusste nicht, was er tun sollte. Die Trauer war so erdrückend, wie er es sich in seinen schlimmsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Er hatte die schlimme Situation immer noch vor Augen.



Sofie stöhnte plötzlich laut, stürzte mit einem schweren Fall zu Boden und zuckte, als hätte sie einen epileptischen Anfall. Daniel beugte sich zu ihr hinunter und nahm sie an den Schultern. Das Zucken hörte schlagartig auf, doch Sofie war nicht bei Bewusstsein. Ihre Pyjamahose hatte sie eingenässt. Merkwürdigerweise für Daniel das Zeichen, dass die Sache ernst war. Gehängte nässten sich ein. Er versuchte sie aufzurichten. Da öffnete sie die Augen.

»Oh Gott, ich habe schreckliche Kopfschmerzen, ... ich bin ja ganz nass.«

»Komm, ich helfe dir ins Bett. Leg dich hin. Ich rufe einen Krankenwagen.«

Sofie schaute ihn an. »Ja, aber zieh mir erst einen anderen Schlafanzug an.«

Er stützte sie und führte sie aus dem Bad zu ihrem Bett. Sie legte sich hin und er rief die Notrufnummer an, die in der Küche auf dem Zettel stand, der an ein Brett geheftet war. Es meldete sich eine Frauenstimme. Natürlich auf Dänisch, denn sie waren in Dänemark im Urlaub. Da er kein Dänisch konnte, blieb nichts anderes, als auf Deutsch zu antworten, sein Englisch war zu schlecht und er hoffte, dass er verstanden wurde. Glücklicherweise verstand sein Gegenüber seine Muttersprache. Er schilderte die Sachlage und die Frauenstimme sagte, sie würde einen Krankenwagen schicken. Als er das Gespräch beendete, stand Susanne neben ihm.

»Was ist los?« Susanne war Sofies Freundin. Sie war in diesem Jahr zusammen mit Sofie und Daniel in Urlaub gefahren. Daniel sagte ihr, was geschehen war und bat sie, an die Straße zu gehen, um den Krankenwagen in Empfang zu nehmen, damit dieser sicher den Weg zu ihnen finden würde. Sie befanden sich nämlich in einer etwas abgelegenen Feriensiedlung. Sicher war sicher. Das tat sie, sah aber vorher noch kurz nach Sofie. Daniel ging zu seiner Frau und half ihr in einen frischen Schlafanzug. Obwohl das Umziehen durch das Aufrichten ihr erhebliche Schmerzen bereitete, wollte sie das unbedingt.

Kurz darauf kamen die Sanitäter des Rettungswagens, untersuchten Sofie kurz, hoben sie auf die Trage und trugen sie zum Wagen. Daniel fuhr im Wagen mit, Susanne kam mit dem Pkw hinterher.

Der Rettungswagen fuhr nach Rudköping, der größten Stadt der Insel Langeland, auf der sie ihren Urlaub verbrachten. Die Klinik, die sie betraten, war klein, war eher was für eine Notfallversorgung. Der Arzt, der mit ihnen sprach, war ein netter Mann. Er versuchte, sie so gut es ging, zu beruhigen. Er veranlasste die nötigen Untersuchungen und das Warten begann.

Sofie und Daniel waren zum zigsten Mal zum Urlaub auf der dänischen Insel. Vor einigen Jahren waren sie mit Verwandten von Sophie das erste Mal dort gewesen, Landschaft und Leute hatten ihnen so gut gefallen, dass sie danach immer dorthin fuhren. Susanne war schon einmal mit gewesen und schloss sich diesmal wieder an. Sie waren jetzt erst den zweiten Tag auf der Insel und waren guter Dinge gewesen. Sie freuten sich sehr auf den lang ersehnten Urlaub und nun diese Nacht ... und dieser Schock.

Das Ereignis kündigte sich durch nichts an. Als sie abends zu Bett gingen, war alles noch in Ordnung. Nachts weckte Sofie Daniel und sagte, dass sie wahnsinnige Kopfschmerzen habe. Sie waren in die Küche der Ferienwohnung gegangen. Sie setzten sich an den Küchentisch, Daniel brachte seiner Frau ein Glas Wasser und fragte, ob sie eine Schmerztablette haben wolle.

»Das bringt nichts. Die Schmerzen sind so schlimm, Tabletten werden da nicht helfen. Ich glaube, ich sterbe.«

»So schnell stirbt man nicht«, antwortete Daniel, obwohl er merkte, wie ihm die Angst die Kehle zuschnüren wollte.

»Hilf mir ins Bad«, hatte Sophie gesagt. »Ich muss zur Toilette«.

Dort war sie zusammengebrochen.



Als der Arzt auf sie zukam, sahen sie seinem Gesicht schon an, dass er keine guten Nachrichten brachte. War nach diesem dramatischen Geschehen auch nicht zu erwarten gewesen.

Er sagte ihnen, dass Sofie eine Hirnblutung erlitten hätte, die sie in der hiesigen Klinik nicht behandeln könnten. Sie würden Daniels Frau nach Odense verlegen, die Hauptstadt der Insel Fünen, etwa zwei Autostunden entfernt. Sie sollten dem Krankenwagen einfach hinterherfahren.

Es war die längste Autofahrt in Daniels Leben. Er wollte die Vorstellung, dass Sofie sterben könnte, nicht an sich heranlassen. Doch dieser Gedanke gewann immer mehr die Oberhand.

Als sie endlich in der Klinik in Odense ankamen, war ihm mit erschreckender Klarheit bewusst, dass das Leben seiner Frau auf Messers Schneide stand. Als Ergotherapeut, medizinisch nicht unerfahren, wusste er, dass eine Hirnblutung in vielen Fällen das Todesurteil war. Es dauerte, bis er diesen Gedanken zulassen konnte. Die Frage war, wie schwer die Hirnblutung war. Vielleicht hatte Sofie Glück.

Sie wurde direkt nach der Einlieferung in den Warteraum für Operationen gebracht, um gleich operiert werden zu können. Sie war ansprechbar, zeigte sich aber verwirrt. Ihr war bewusst, dass sie in einer Klinik war und operiert werden sollte. Sie nahm aber an, dass Daniel, Susanne und sie einen Autounfall gehabt hätten und nur sie dabei verletzt worden sei. Sie war sehr unruhig und warf sich in ihrem Bett von einer Seite auf die andere. Daniel sagte ihr, dass sie eine Hirnblutung gehabt hätte und um Gottes Willen still liegen solle, um sich nicht zu gefährden. Doch sie hörte nicht. Was für ein Albtraum!

Daniel war froh, als sie endlich zur Operation abgeholt wurde, und hoffte einfach nur das Beste.

Die Operation dauerte drei Stunden, dann kam Sofie auf die Intensivstation. Man hatte sie in ein künstliches Koma versetzt, um ihre Überlebenschance zu erhöhen.

Daniel saß fünf Tage an ihrem Bett, sprach mit ihr, massierte ihre Füße, hielt ihre Hand. Dann starb sie.



An die Fahrt zurück nach Deutschland konnte sich Daniel kaum noch erinnern. Susanne holte ihn, nachdem die Ärzte Sofies Tod erklärt hatten, von der Klinik ab. Sie verbrachte die letzten Tage im Ferienhaus, war jeden Tag zu Besuch in die Klinik gekommen. Was immerhin vier Stunden Fahrt bedeutete. Daniel war sehr froh über ihre täglichen Besuche. Er fühlte sich dadurch nicht so alleingelassen. Was für eine Situation! Man befindet sich in einem fremden Land und die Person, die einem am nächsten ist, stirbt.

Die Rückfahrt bestritt Susanne alleine. Daniel wäre nicht in der Lage gewesen, sie heil nach Deutschland zu chauffieren. Er stand zu sehr neben sich.

Und dann das nach Hause kommen. Ohne Sofie. Sie fuhren als Erstes zu Daniels Schwiegereltern. Daniel hatte die letzten Tage telefonischen Kontakt zu ihnen gehalten.

Im Haus der Schwiegereltern waren eine ganze Anzahl von Personen versammelt. Daniel konnte sich jetzt nur noch daran erinnern, dass außer seinen Schwiegereltern eine Cousine und eine Nichte von Sofie anwesend gewesen waren. An die anderen Personen konnte er sich nicht mehr erinnern.

Seine Schwiegermutter empfing ihn mit den Worten: »Konntest du denn nicht erkennen, dass es so schlimm war? Wenn wir das gewusst hätten, wären wir doch nach Dänemark in die Klinik gekommen.«

Daniel war zu perplex, um darauf antworten zu können. Er hatte in der Klinik nur daran denken können, ob Sofie überleben würde.

Der Gedanke, dass seine Schwiegereltern hätten kommen können, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Mittlerweile war er der Meinung, dass sie das, wenn sie es gewollt hätten, ohne die Einschätzung der Situation durch ihn hätten machen können.

Er fühlte sich aber, als seine Schwiegermutter das sagte schuldig. Er fühlte sich auf jeden Fall schuldig, Sofie nicht mit nach Hause gebracht zu haben. So als sei ihr Tod sein Versagen.

Sofies Leichnam kam zwei Tage später. Der beauftragte Bestatter hatte sie in der Klinik auf Fünen abgeholt und nach Deutschland gebracht. Sie war zu Hause.



Die gestrige Beerdigung und das anschließende Kaffeetrinken mit den Trauergästen hatte er nur noch verschwommen in Erinnerung. Er wusste noch, dass ihn seine Schwiegermutter an einem Arm fasste und diesen die ganze Zeit umklammert hielt. Und das viele seiner Arbeitskollegen zur Beerdigung erschienen waren. Es stieß ihn ab, dass nach dem Kaffeetrinken einige der älteren männlichen Trauergäste anfingen, Schnaps zu trinken und mit der dadurch gehobenen Stimmung die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit ad absurdum führten.

Woran er sich jedoch noch gut erinnern konnte, war der Spaziergang vor der Beerdigung mit Teddy, Sofies und Daniels Foxterrier. Im Grunde genommen war es Sofies Hund gewesen. Sie hatte ihn den ganzen Tag betreut, mit ihm die nötigsten Spaziergänge unternommen. Das ging deshalb, weil Sofie nicht berufstätig war.

Sie kümmerte sich um ihre Eltern, obwohl die gerade mal knapp über sechzig Jahre alt, sich noch gut selbst versorgen konnten. Es war ein Arrangement, das einfach so entstanden war. Sofie hatte ursprünglich eine Ausbildung zur Erzieherin machen wollen.

Sie begann damit, doch gab es einige psychische Komponenten, die sie aufgeben ließen. Das Zutrauen zu ihren Fähigkeiten fehlte ihr. Sie resignierte und gab auf. Das hing mit ihrer Drogenvergangenheit zusammen. Sie war zwar schon lange drogenfrei gewesen, hatte es aber nicht geschafft, sich von ihren inneren Hemmnissen zu befreien.

Als Daniel und sie sich in einer Gesprächsgruppe der Suchtberatungsstelle in Marktberg kennengelernt hatten, sah das anders aus. Sie war voller Optimismus und Tatendrang gewesen.

Durch den Abbruch ihrer Ausbildung war es dann zu diesem Arrangement Elternbetreuung und Hundesitting gekommen. Ein fauler Kompromiss, wie Daniel von Anfang an klar gewesen war.

Tja, die Gesprächsgruppe der Suchtberatungsstelle. In die war Daniel nach seiner Alkoholentziehungsmaßnahme, die ein halbes Jahr dauerte, gekommen.

Daniel machte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Kellner und begann während der Lehrzeit zu trinken ... und war abhängig geworden. Er erkannte jedoch sehr früh, alkoholkrank zu sein und machte diese sogenannte Entziehungskur. Um seine Abstinenz noch weiter zu festigen, hatte er das Angebot der Suchtberatungsstelle angenommen und war in die angebotene Gesprächsgruppe gegangen. Und hier war auch Sofie aufgetaucht. Sie hatte schon mit vierzehn Jahren angefangen, Drogen zu nehmen. Sie konsumierte Cannabis und nahm Ecstasy. Es entwickelte sich schnell eine starke psychische Abhängigkeit. Sie erkannte aber, dass das nicht der richtige Weg für sie war. Sie war ohne eine Entziehungsmaßnahme »clean« geworden, brauchte aber Unterstützung und nahm das Angebot der Gesprächstherapie an. Und hier hatten sich Daniel und Sophie kennen- und lieben gelernt. Und waren, nachdem sie sich ein Jahr kannten, zusammengezogen.

Das Telefon klingelte. Auf dem Display konnte Daniel erkennen, dass eines seiner Elternteile anrief. Das würde seine Mutter sein. Sein Vater telefonierte so gut wie gar nicht. Er ging kaum mal an das Telefon, wenn jemand bei seinen Eltern anrief. Als hätte er Angst vor dem, was da auf ihn zukommen könnte. Sein Vater eben.

Er nahm den Hörer ab, wie gedacht, war seine Mutter am anderen Hörer.

»Hallo Daniel, ich frage dich jetzt nicht, wie es dir geht. Wie soll es dir nach diesen Ereignissen schon gehen? Ich will dir nur etwas mitteilen. Als wir gestern Abend von der Beerdigung nach Hause kamen, hat Gertrud noch angerufen. Du weißt schon. Die Nichte von Oma. Tante Andines Tochter. Ihr Mann ist doch vor zwei Jahren gestorben. Du erinnerst dich sicher. Hubert ist an Lungenkrebs gestorben. Und Gertrud ging es nach seinem Tod sehr schlecht. Sie ist dann aber in eine Trauergruppe gegangen. Die Gespräche und Aktivitäten dort haben ihr sehr gutgetan. Sie hat mir das für dich empfohlen. Das ist doch sicher was für dich.«

Daniel nickte, obwohl ihm bewusst war, dass seine Mutter das nicht sehen konnte.

»Gut«, sagte er. »Das könnte tatsächlich was für mich sein. Die Gesprächsgruppe der Suchtberatung damals hat mir ja auch geholfen. Wo trifft sich denn diese Trauergruppe? Hast du vielleicht eine Telefonnummer?«

»Ja, natürlich«, entgegnete seine Mutter. »Ich gebe sie dir.«

Sie gab ihm die Adresse und die Telefonnummer durch, Daniel notierte sich alles auf dem Notizblock, der neben dem Telefon lag.

Seine Mutter und er tauschten noch ein paar Gesprächsfloskeln aus, dann beendeten sie das Gespräch.

Die Adresse sagte Daniel was. Die Trauergruppe traf sich im Melanchton-Haus in Marktberg. Das Haus gehörte der evangelischen Kirche. Soweit er wusste, waren dort Verwaltungsbüros der Kirche angesiedelt. Er hatte immer angenommen, dass dort die Verwaltungsbüros der Kirche angesiedelt wären. Aber offensichtlich war es auch ein Treffpunkt verschiedener Gruppen, denn es gab dort bestimmt nicht nur die Trauergruppe.

Er würde morgen dort anrufen, heute war es zu spät dafür.

Als er am Ende des Abends zu Bett ging, spürte er, wie ein kleiner Funken Hoffnung in seinem Inneren aufglomm. Die Suchtberatungsgruppe damals hatte ihm geholfen, die Trauergruppe konnte das sicher auch.



Zu Beginn der Adventszeit fuhr Daniel zu seinen Eltern. Seine Eltern lebten in Rheinland-Pfalz. Sie waren vor einigen Jahren dort zu Daniels Schwester gezogen. Diese brauchte Unterstützung bei der Betreuung ihrer Kinder. Sie hatte das dritte Kind bekommen, sie und ihr Mann waren beide berufstätig und Daniels Schwester wollte es auch bleiben.

Die Sache war von langer Hand vorbereitet gewesen. Daniels Mutter sollte die Kinder tagsüber betreuen. Kein Problem, sie war nicht berufstätig. Daniels Vater, der als Justizbeamter tätig war, stellte einen Versetzungsantrag und als dieser bewilligt worden war, waren die Eltern zu seiner Schwester gezogen. Sie wohnten in einem kleinen, alten Haus, das auf dem Grundstück von Daniels Schwager stand, der dort einen großen Neubau errichtet hatte. So war für alles gesorgt und ein gelungenes Arrangement getroffen worden.

Daniel wusste nicht, wie er die letzten Monate allein zu Hause ausgehalten hatte. Nun hielt er es aber in dem Riesenhaus nicht mehr aus. Er musste einfach da raus. Er beantragte spontan Urlaub, als er mit seinen Eltern geklärt hatte, dass er sie besuchen kommen konnte. Er bekam den Urlaub von seinem Arbeitgeber anstandslos genehmigt.

Als er bei seinen Eltern ankam, fing seine Mutter an zu weinen, was Daniel ebenfalls die Tränen in die Augen trieb. Sein Vater begrüßte ihn, wie immer etwas verhalten. Er klopfte Daniel nur auf die Schulter.

»Wo hast du denn Teddy gelassen? Ich hatte mich auf ihn gefreut.«

Der Hund war bei Daniels Schwiegereltern untergebracht, die Teddy gern ein paar Tage versorgten.

Die zweistündige Fahrt hatte Daniel angestrengt, was wohl mehr seiner psychischen Verfassung zu verdanken war als der körperlichen Belastung dadurch.

Daher machte er als Erstes einen Spaziergang in der näheren Umgebung, einer Landschaft, die von Wiesen und Äckern geprägt war. Die frische Luft weckte seine Lebensgeister. Er erinnerte sich, dass er oft mit Sofie hier spazieren gegangen war, wenn sie seine Eltern besucht hatten. Da wurde ihm klar, dass er der Trauer nicht entfliehen können würde. Er war trotzdem froh, bei seinen Eltern zu sein. Er erhoffte sich einfach Zuwendung und Trost von ihnen. Als er vom Spaziergang zurückkam, überraschte ihn seine Mutter mit Krautwickel, Kartoffeln und Krautsalat. Das freute ihn sehr, einmal weil er das Gericht sehr mochte und weil er wusste, dass seine Mutter damit ihre Liebe zu ihm ausdrückten wollte.

Er blieb insgesamt neun Tage bei seinen Eltern. Er genoss die Dauer seines Aufenthaltes so gut es ging. Die Zeit dort hatte ihm gut gefallen. Da seine Schwester mit ihrem Mann und ihren Kindern ebenfalls dort lebte, war es dort sehr lebendig.

Die Gesellschaft seiner Eltern und die Kontakte zu seinen anderen Verwandten hatten ihm gutgetan. Ihm wurde klar, dass er im Grund genommen Beziehungen zu anderen Menschen benötigte, um aus seiner Trauer herauszukommen. Eine Erkenntnis, die er versuchen würde, umzusetzen.

Als er wieder nach Hause fuhr, ließ ihn seine Mutter ungern ziehen. Daniel wäre noch gern geblieben, doch das normale Leben musste weitergehen.

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