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Die Lichtung am Fluss Band 2
Entscheidung
Mein Leben floss an mir vorbei, und ich war wie ein Stück Holz, das in einem Fluss dahintrieb, haltlos, widerstandslos und einflusslos, einfach alles mit sich geschehen lassend.
Das musste aufhören! Ich wollte nicht länger so passiv sein. Ich wollte wieder über mein Leben bestimmen. Wieder etwas fühlen. Wieder handeln.
Die schwarzen Wogen der Birs rauschen an dem glitschigen Felsvorsprung vorbei, auf dem ich stehe und auf die Fluten blicke. Es hat viel geregnet in den vergangenen Wochen und der Wasserstand ist ungewöhnlich hoch. Der Wind sticht durch meine Kapuze, am Nachthimmel jagen sich die Wolken, beschienen vom Mond, der immer wieder sein kaltes Licht durch ein Loch in der Wolkendecke schickt, so dass die Landschaft um mich deutlich zu sehen ist. Es hat aufgehört zu regnen, aber die Bäume am Ufer triefen vor Nässe und der Boden ist ein Sumpf.
Der Wind zerrt an mir und droht, mich ins Wasser zu stürzen. Ich stemme mich dagegen, denn diese Entscheidung will ich selbst treffen. Einladend ist das dunkle, eisige Wasser nicht. Die Gischt der dahineilenden Wellen besprenkelt mein Gesicht wie Regen. Ich bin so damit beschäftigt, das Gleichgewicht zu halten, dass ich alles andere vergessen habe, was vorher noch meinen Kopf zermartert hat.
Ich kämpfe gegen den Wind und den Ruf der Wogen. Ich will nicht hineinfallen. Weshalb stehe ich hier? Was hat mich dazu getrieben, hierher zu kommen, auf die Lichtung am Fluss, weit nach Mitternacht, nachdem ich von einer weiteren Silvesterparty geflohen bin, die mich, wie jene der letzten zwei Jahre, nur mit Leere und Hoffnungslosigkeit erfüllt hat? Ich habe mit dem Gedanken gespielt, hineinzuspringen und zu schauen, ob ich gut genug schwimmen kann oder eben nicht. Ich habe es dem Schicksal überlassen wollen. Jetzt kämpfe ich doch gegen den Wind und die Kälte.
Wieder erfasst mich eine Böe und ich hätte fast den Halt verloren. Ich strecke die Arme aus, wie um mich irgendwo festzuhalten, aber um mich herum ist nur der Wind. Soll ich zurück auf den Boden springen, auf die Wiese hinter dem Felsen? Und was dann? Wohin soll ich gehen? Nach Hause? In die leere Wohnung, genau wie an jedem weiteren Tag des neuen Jahres, der über mich hinwegrollen und mich einen Schritt näher zum Tod befördern wird? Ich werde zur Arbeit gehen und in die Wohnung zurück und wieder zur Arbeit und wieder in die Wohnung zurück. Jeden verdammten Tag des neuen Jahres. Und das will ich nicht! Nicht noch ein Jahr. Ich habe keine neuen Ideen mehr, was ich versuchen kann, um aus diesem Trott auszubrechen, denn alles, was ich tue, ist zum Scheitern verurteilt, weil nichts die Leere in mir füllen kann, die mich zerreisst. Ich habe versucht, mich auf Dutzenden von Partys zu vergnügen, habe mich mit Alkohol zugedröhnt, bin mit Frauen heimgegangen, die ich nicht einmal kannte, habe versucht, eine neue Freundin zu finden, bin verlassen worden, habe verlassen, bin verreist, habe exotische Pflanzen studiert, neue Lebenspläne entworfen, bin genauso leer heimgekehrt, wie ich gegangen bin, habe auch versucht mit Freunden zu sprechen, bin beim Psychiater gewesen. Es ist alles sinnlos, denn den Ursprung meiner Verlorenheit kann niemand mehr beseitigen. Den habe ich selbst ausgelöst und muss nun damit leben. Was ich offensichtlich nicht kann.
Die nächste Böe hätte mich fast über den Felsenrand geworfen, aber ich wehre mich noch immer. Wenn ich noch lange hier stehe, wird mir der Wind die Entscheidung abnehmen, ob ich springen oder zurückgehen soll. Das Wasser und der Wind rauschen in meinen Ohren, oder vielleicht ist das Rauschen auch in meinem Kopf, weil ich wieder einmal zu viel getrunken habe, obwohl ich inzwischen weiss, dass das auch nichts hilft. Es ist so laut, dass ich die Stimme kaum höre, die meinen Namen ruft.
„Ron!“
Ich muss halluzinieren. Jetzt höre ich schon Stimmen in meinem Kopf. Da ist sie wieder, diesmal lauter.
„Ron!“
Es durchfährt mich wie ein Blitzschlag: Das ist ihre Stimme. Ich werde wohl komplett verrückt. Die Stimme muss in meinem beschädigten Hirn produziert worden sein. Trotzdem sehe ich mich instinktiv um und erblicke einen Umriss schräg hinter mir. Vor Schreck wäre ich fast gefallen. Ich höre ihren Schrei. Mein Herz rast. Ich drehe mich vorsichtig seitwärts, um genauer erkennen zu können, ob ich nicht nur einen Geist gesehen habe.
Zuerst sehe ich nur eine dunkle Gestalt auf der Lichtung stehen, dann reisst die Wolkendecke auf und Mondlicht fällt auf sie herab, und ihre schwarzen Locken werfen seinen Glanz zurück. Ihr Gesicht ist im Mondlicht weiss wie das eines Geistes, die Augen liegen im Schatten der Augenhöhlen. Sie streckt eine Hand in meine Richtung. „Ron“, sagt sie noch einmal.
„Lucy.“ Der Wind trägt ihren Namen weg.
Sie hat immer noch ihre Hand ausgestreckt. „Komm von diesem Felsen runter!“, ruft sie gegen den Wind.
Ich bin versucht, ihr zu gehorchen. Aber ich stehe da wie angewurzelt. Soll sie mir meine Entscheidung abnehmen? Ausgerechnet sie?
„Komm endlich von diesem Felsen runter, Ron“, wiederholt sie. Es klingt verzweifelt. Dabei könnte es ihr egal sein. So wie ich sie behandelt habe.
„Geh weg!“, sage ich, von Scham erfüllt, weil sie mich so sieht. „Das geht dich überhaupt nichts an.“
„Und ob es mich etwas angeht.“ Sie klingt angriffslustig und wütend, was mich verblüfft. Ich habe geglaubt, sie habe Angst. „Glaubst du, ich sehe tatenlos zu, wie du dich umbringst?“
„Niemand hat gesagt, du sollst zusehen.“ Ich weiss nicht, weshalb ich mit ihr spiele. Will ich sehen, ob es sie wirklich kümmert?
„Das kannst du nicht tun!“, ruft sie. „Nicht vor meinen Augen.“
„Dann geh endlich weg!“
„Nein!“, schreit sie mich an. „Ich lasse nicht zu, dass du das tust. Glaubst du, ich gehe einfach nach Hause und lege mich schlafen, und eines Tages ruft deine Schwester mich an und sagt mir, dass du tot bist, und ich antworte: Ach ja, ich weiss, ich sah ihn auf einem Felsen am Fluss stehen, bevor er sprang.“
Ihr Sarkasmus ist unbezahlbar. Ich lache ein hohles Lachen und klinge selbst wie ein Geist.
Unerwartet macht sie drei Schritte durch den Matsch und springt neben mich auf den Felsen. Sie hat nicht damit gerechnet, wie rutschig es ist, und wäre in die Fluten gefallen, wenn ich sie nicht festgehalten hätte, wobei ich selbst ins Trudeln komme. Dann haben wir beide wieder festen Stand. Ich halte sie an den Oberarmen fest, und mein Hirn meldet mir in einem kurzen Blitz der Klarheit, dass ich sie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr angefasst habe und aufpassen muss, dass sie nicht unter meinen Händen für immer ins Nichts verschwindet, wenn sie von diesem Felsen stürzt. Durch meine Schuld.
„Bist du verrückt?“, zische ich sie an.
„Und du?“
„Ich bin nicht so verrückt, wie es aussieht. Das war eher eine Art Mutprobe.“ Eine glatte Lüge.
„Und weshalb springst du nicht endlich auf den festen Boden zurück?“
„Weil ich dich hier festhalten muss.“
„Das musst du nicht. Ich … springe mit dir“, ruft Lucy gegen den Wind.
„Was? Bist du noch bei Trost?“
„Ja, mindestens so wie du. Wenn du springst, springe ich auch.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Oh, glaubst du, ich habe nicht den Mut dazu? Du irrst dich.“
„Du bist verrückt! Steig sofort von diesem Felsen runter.“
„Wenn du springen kannst, kann ich es auch. Ich gebe zu, allein hätte ich nicht den Mut gehabt, aber mit dir … erscheint es mir ganz leicht.“
„Lucy!“, brülle ich sie an. „Ich will nicht schuld sein an deinem Tod.“
„Wen kümmert das, wenn wir tot sind? Niemand wird wissen, wer zuerst auf dem Felsen stand. Sie werden unsere Leichen finden und denken, wir hätten uns gemeinsam dazu entschlossen.“
Spielt jetzt sie mit mir? Will sie mich testen? „Steig runter!“, befehle ich noch einmal.
„Okay, dann lass uns gemeinsam zurück auf den Boden springen“, sagt sie ganz vernünftig wie zu einem kleinen Kind.
Ich widerspreche nicht, will sie schnell in Sicherheit wissen.
„Gut“, sage ich, „aber ganz vorsichtig.“
Ich halte ihren rechten Arm umklammert, während wir uns langsam vom Fluss ab- und der Lichtung zuwenden und gemeinsam auf die matschige Wiese springen. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi, und diesmal wäre ich hingefallen, direkt in den Matsch, wenn Lucy mich nicht an den Armen gepackt hätte. Einige Sekunden stehen wir still voreinander, wie um den sicheren Boden unter unseren Füssen zu prüfen. Da tritt sie auf mich zu und schliesst mich in die Arme. Ich bin völlig unvorbereitet. Ich habe geglaubt, sie hasst mich und würde eher fliehen, wie sie es auch schon getan hat, als mich jemals wieder anzufassen. Sekundenlang bin ich wie paralysiert, dann lege ich meine steifgefrorenen Arme um sie.
Mein Herz pocht panisch und ich fühle, wie Lucy in meinen Armen zittert. Ich senke meinen Kopf und bette mein Kinn vorsichtig in ihr weiches Haar. Ein vertrauter Duft nach Shampoo und nach Lucy steigt in meine Nase. Sie ist nach all der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, noch genau dieselbe. Ich rühre mich nicht, hoffe, sie wird mich nicht gleich wieder loslassen, denn ich will nicht erleben müssen, was danach kommt. Deshalb bin ich ja hierhergekommen.
Als sich Lucy und Ron nach zweieinhalb Jahren wieder begegnen, sind sie sich fremd geworden. Ist Lucy wirklich glücklich mit Tony? Und welche Rolle spielt Rons Nachbarin Claire in seinem Leben? Trotz ihrer gescheiterten Beziehung wagen die beiden den Versuch einer neuen Freundschaft. Eine Weile scheint alles gut zu gehen, bis sich die Ereignisse unerwartet zuspitzen.
Kann das Schicksal so grausam sein? Die emotionale Achterbahn geht weiter. Begleite Lucy und Ron auf ihrem weiteren Weg. Der zweite Band der Trilogie lässt uns immer wieder den Atem anhalten und hoffen, dass doch noch alles gut wird.
ViCONverlag
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- Artikel-Nr.: SW9783952638811458270
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- ISBN 9783952638811