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Rendezvous in Antwerpen

Rendezvous in Antwerpen
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Einen Urlaub mit ihrer Großmutter zu verbringen, entspricht nicht unbedingt Carolines Wunschvorstellung. Aber da sie momentan Single ist und ihre Großmutter Linda sehr mag, lässt sie sich darauf ein. Und so begeben sie sich beide auf eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein. Die erste Nacht in der gemeinsamen Kabine stellt Carolines Nerven auf eine harte Probe, denn Linda schnarcht entsetzlich. Die Ohrstöpsel, die Caroline sich besorgt, schaffen ab der nächsten Nacht zum Glück Abhilfe und sie genießen beide ihre Reise. Fast am Ende der Kreuzfahrt kommen sie nach Antwerpen und Caroline verliebt sich auf den ersten Blick in den heimischen... alles anzeigen expand_more

Einen Urlaub mit ihrer Großmutter zu verbringen, entspricht nicht unbedingt Carolines Wunschvorstellung. Aber da sie momentan Single ist und ihre Großmutter Linda sehr mag, lässt sie sich darauf ein. Und so begeben sie sich beide auf eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein.

Die erste Nacht in der gemeinsamen Kabine stellt Carolines Nerven auf eine harte Probe, denn Linda schnarcht entsetzlich. Die Ohrstöpsel, die Caroline sich besorgt, schaffen ab der nächsten Nacht zum Glück Abhilfe und sie genießen beide ihre Reise.

Fast am Ende der Kreuzfahrt kommen sie nach Antwerpen und Caroline verliebt sich auf den ersten Blick in den heimischen Stadtführer Tim, der ihre Zuneigung schüchtern erwidert. Um ihn besser kennenzulernen, fliegt sie einige Wochen später nochmals nach Antwerpen. Es ist nicht einfach für sie, den schüchternen Tim aus der Reserve zu locken, doch nach einem erneuten Besuch beginnen sie eine Fernbeziehung. Sie lieben sich und Caroline plant bereits ihren Umzug nach Belgien. Alles könnte so wunderbar sein, wäre da nicht eine aufdringliche Praktikantin, die Tim das Leben schwer macht.



„Nur keine Panik Omi, wir kommen wirklich früh genug.“ Caroline versuchte ihre Großmutter, die vor lauter Reisefieber fast glühte, zu beruhigen.

Während ihre Großmutter schon reisefertig in der Tür stand, war Caroline noch dabei, ihre Sachen einzupacken. Sie hatte die Nacht bei ihr geschlafen, weil sie schon sehr früh losmussten. Da sie absolut keine Frühaufsteherin war, wollte sie die halbstündige Fahrt bis zum Haus ihrer Großmutter so früh am Morgen nicht auf sich nehmen. So hatte sie nach Feierabend rasch ihre Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht. Während des Abends konnte sie ihre Oma etwas von ihrem Reisefieber ablenken. Trotzdem war die alle paar Minuten aufgesprungen, weil sie noch irgendetwas Wichtiges einpacken musste.

Gerlinde Bachmann, die Linda genannt werden wollte, hatte sich zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag im Oktober eine Kreuzfahrt gewünscht und ihre Gäste hatten alle mit einem großzügigen Betrag dazu beigetragen, dass sie sich diesen Wunsch erfüllen konnte. Nach langem Überlegen hatte sie sich dann für eine Flusskreuzfahrt entschieden, die von der „Badischen Zeitung“ angeboten wurde. Allerdings hatte sie dann doch nicht den Mut aufgebracht, allein zu verreisen. Ihre beste Freundin war nicht mehr gut zu Fuß und deswegen hatte sie ihrer Enkelin Caroline angeboten, sie zu begleiten. Nach einigem Zögern hatte Carli, wie sie in der Familie und unter Freunden genannt wurde, dann zugesagt. Sie war zwar momentan Single, doch eine Reise mit der Großmutter war nicht unbedingt ihr Traum. Aber sie liebte ihre Omi und mochte ihr diesen Wunsch nicht abschlagen, auch wenn ihr Anteil an den Kosten ihr schmales Budget stark belastete.

Nun war es also so weit. Es war ein frischer Aprilmorgen kurz nach fünf Uhr und Carolines Vater Harald stand pünktlich zur vereinbarten Zeit vor der Tür.

„Sagt mal, wollt ihr eine Weltreise machen?“ Er sah seine Mutter und seine Tochter erstaunt an, als Caroline immer mehr Gepäckstücke aus dem Haus trug.

Sie verkniff sich die Bemerkung, dass das meiste Gepäck ihrer Oma gehörte.

„Aber wir müssen doch für jedes Wetter gerüstet sein, zudem brauchen wir gute Kleidung für das Abendessen und Abendkleidung für das Galadiner“, erklärte Linda ihrem Sohn.

Kopfschüttelnd lud Harald alles in den Kofferraum. Er selbst war Minimalist und verreiste immer nur mit dem Nötigsten und Caroline kam in dieser Hinsicht auch eher nach ihm.

Während der Fahrt zum Treffpunkt in Herbolzheim knetete Linda vor lauter Aufregung ihre Finger. Seit ihr Mann vor fast drei Jahren verstorben war, hatte sie keine Reise mehr unternommen.

„Seht ihr, der Bus steht schon da, wir müssen uns beeilen.“ Kaum stand der Wagen, öffnete Linda aufgeregt die Autotür.

„Jetzt beruhige dich mal, Mutti. Wir sind fast eine Viertelstunde vor der Zeit da.“ Lachend half Harald seiner Mutter, den Sicherheitsgurt zu lösen, denn sie war so nervös, dass sie das nicht allein schaffte.

Während er zusammen mit Caroline in aller Gemütsruhe das Gepäck aus dem Wagen lud, stürmte Linda schon auf den Bus zu. Der freundliche Busfahrer nahm die Gepäckstücke entgegen und packte sie in den Frachtraum, während Linda sich schnellatmend bei der Reiseleiterin meldete. Die begrüßte sie freundlich und nannte ihr die Nummer ihres Sitzes.

„Sie sind zu zweit?“

„Ja, meine Enkeltochter ist noch beim Gepäck.“ Unsicher sah sie die brünette Frau mittleren Alters an. „Ich weiß gar nicht, was die so lange treibt.“

„Keine Sorge Frau Bachmann, wir fahren noch nicht ab. Es fehlen noch einige Gäste.“

Harald umarmte seine Tochter noch kurz und wünschte ihr eine gute Reise.

„Pass gut auf deine Oma auf, nicht dass sie vor lauter Aufregung verloren geht.“

„Alles klar Paps, die wird schon wieder runterkommen, wenn wir erst mal unterwegs sind.“

Lachend ging er zurück zu seinem Wagen und hupte bei der Abfahrt kurz. Caroline winkte ihm lächelnd nach. Gemächlich schlenderte sie mit ihrem kleinen Rucksack auf dem Rücken und Lindas Handgepäck in der Hand um den Bus herum zum Einstieg. Ihr wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass sie eine Woche mit ihrer Oma unterwegs sein und die Kabine mit ihr teilen würde. Sie bestieg den Bus und ging bis in die hintere Hälfte, wo Linda sie schon wild winkend auf sich aufmerksam machte. Sie begrüßte freundlich die anderen Mitreisenden und stellte fest, dass sie mit Abstand die Jüngste war. Das kann ja heiter werden, ein ganzer Bus voller Gruftis, dachte sie und bereute in diesem Moment ihre Zusage und vor allem das viele Geld, das diese Reise sie gekostet hatte.

„Ach Mädle, wo bleibst du denn so lange?“

„Omilein, wir haben noch zehn Minuten Zeit, zudem sind wir nicht die Letzten.“ Sie legte ihre Hand beruhigend auf den Arm ihrer Großmutter. „Wir sind doch jetzt beide da und freuen uns auf die Reise.“



Während der Fahrt versuchte Caroline noch etwas zu schlafen. Beim ersten Halt stürmte Linda sofort aus dem Bus.

„Komm Carli, ich muss dringend aufs Klo.“

Linda drängte ihre Enkelin förmlich aus dem Sitz. Für ihr Alter war sie noch sehr agil und so gelang es den beiden fast als erste die Toilettenanlagen der Raststätte zu betreten. Dort half Caroline ihrer Oma mit dem Automaten, der den Eingang erst nach Einwurf eines Euros frei gab. Danach gönnten die beiden sich einen Kaffee und ein Croissant. Aber auch während des Kaffeetrinkens sah Linda dauernd auf die Uhr. Beim dritten Mal legte Caroline ihrer Oma liebevoll den Arm um die Schulter und zeigte mit der anderen Hand zum Tresen.

„Omilein, schau doch, der Busfahrer steht dort drüben an der Theke und bestellt sich etwas. Ohne ihn fährt der Bus nicht los.“

„Du bist wie dein Opa, den hat auch nichts aus der Ruhe gebracht.“

„Es hilft doch nichts, wenn du dich verrückt machst Omi. Es kommt, wie es kommt und die Reiseleiterin wird schon aufpassen, dass sie alle ihre Schäfchen beisammenhat.“

Während der Weiterfahrt vertiefte sich Caroline zunächst in das Reiseprogramm. Sie war sehr gespannt auf die verschiedenen Städte, die sie besuchen würden. Doch ihre Großmutter war nach wie vor sehr aufgeregt. Sie ließ sie weder in Ruhe lesen noch schlafen und bei jedem Halt an den Raststätten drängte sie als eine der Ersten aus dem Bus und hatte danach Angst, die Abfahrt zu verpassen. Caroline hatte das Gefühl, dass einige der Mitreisenden sie mitleidig anschauten.



Endlich war es so weit, sie hatten die Liegestelle des Schiffs im Düsseldorfer Hafen erreicht. Sie mussten sich jedoch noch einen Moment gedulden, denn ein anderer Bus war vor ihnen angekommen und die Passagiere waren noch auf dem Weg zum Schiff. Erst als die letzten Gepäckstücke aus dem vorherigen Bus entladen und am Kai abgestellt waren, wurden die Türen geöffnet. Die Reiseleiterin hatte ihnen zuvor genau erklärt, wie alles abläuft. Linda wollte sich abermals sofort aus dem Bus drängen, aber Caroline hielt sie zurück.

„Was soll denn das, Omi? Jetzt hör doch mal auf zu drängeln, lass doch erst mal die Leute, die vor uns sitzen, aussteigen. Das Schiff fährt nicht ab, bevor alle an Bord sind.“

In aller Seelenruhe holte sie ihre beiden Jacken und ihren Rucksack aus dem Gepäckfach über ihren Sitzen. Dann ließ sie ihrer Großmutter den Vortritt, die sofort auf das Schiff zustürmte, während Caroline mit dem Handgepäck in der Hand dastand. Kopfschüttelnd sah sie ihrer Oma hinterher. Mit ihrer zierlichen Figur und den rotgefärbten Haaren wirkte sie viel jünger, als sie tatsächlich war. Schon oft hatte Caroline ihre Großmutter wegen deren Figur beneidet. Sie selbst hatte den etwas kräftigeren Körperbau ihrer Mutter geerbt, war aber trotzdem schlank.

„Mann Omi, du hast vielleicht Nerven, ich muss jetzt das ganze Gepäck schleppen“, grummelte sie vor sich hin, als sie um den Bus herum zum Gepäckraum ging. Sie nahm Lindas beide Koffer und zog sie zum Kai, wo sie sie brav neben die dort bereits vorhandenen Gepäckstücke stellte. Sicherheitshalber kontrollierte sie nach, ob ihre Großmutter ihre Koffer richtig gekennzeichnet hatte. Dann schlenderte sie wieder zurück zum Bus, um ihren eigenen Koffer zu holen. Da kam ihr auch schon eine aufgeregte Linda entgegen.

„Mädle, ich brauch deinen Pass, sonst lassen die uns nicht an Bord.“

„Na du bist gut, du lässt mich das ganze Gepäck allein schleppen und jetzt geht es dir mal wieder nicht schnell genug.“ Sie drückte Linda ihr Handgepäck in die Hand. „Also das hättest du doch wenigstens selbst tragen können, wenn ich mich schon mit den ganzen Koffern abmühen muss.“

Verdutzt sah Linda ihre Enkelin an. Solche Töne war sie von ihr nicht gewohnt. Sonst brachte Caroline so schnell nichts aus der Ruhe. Aber der Schlafmangel machte sich bemerkbar.

„Jetzt komm endlich, da ist schon der nächste Bus.“ Sie zeigte auf den Bus, der inzwischen hinter ihrem angekommen war.“

An der Rezeption herrschte dichtes Gedränge, aber Linda verstand es geschickt, sich nach vorne zu mogeln. Doch vor lauter Aufregung hatte sie die Nummer ihrer gebuchten Kabine vergessen. Sie drehte sich suchend nach Caroline um.

„Carli, welche Kabine haben wir noch mal?“

Sie nannte die Nummer und einige der Umstehenden machte ihr freundlicherweise Platz, damit sie mit Linda zusammen einchecken konnte.

„Also wirklich Omi, manchmal bist du echt peinlich“, maulte Caroline, als sie zusammen den Gang bis zu ihrer Kabine entlang gingen.

„Wieso?“ Verständnislos sah Linda ihre Enkeltochter an.

„Na hör mal, du drängelst dich ständig vor. Es bekommt doch jeder die Kabine, die er gebucht hat. Da muss man doch nicht als Erste am Tresen stehen.“

„Manchmal hat es eben auch Vorteile, wenn man klein ist. Warum sollte ich das nicht ausnutzen?“

Kopfschüttelnd ging Caroline weiter bis fast ans Ende des Schiffs. Ihre Oma hatte zwar auf dem Mitteldeck gebucht, aber eine der günstigeren Kabinen auf dem Achterdeck. Caroline war das recht gewesen, denn selbst dieser Preis überstieg eigentlich ihr Reisebudget. Es war ihr klar, dass ihre Oma sich diese Reise ohne die großzügige Beteiligung der Familie nicht hätte leisten können. Sie hoffte nur, dass sie beide auf so engem Raum miteinander auskommen würden.

Sie öffnete die Kabine und war angenehm überrascht. Sie war hell, freundlich und größer, als sie sich das vorgestellt hatte. Sie ging gleich zum Fenster und schob die Tür, die zu ihrem französischen Balkon führte, auf. Schon kurz danach wurden ihre Gepäckstücke gebracht.

„Du Omi, was hältst du davon, wenn wir noch einen kleinen Abstecher in die Altstadt machen?“

„Ja, aber das geht doch nicht. Wir haben doch schon eingecheckt. Und außerdem müssen wir die Koffer auspacken.“

„Aber Omi, wir haben noch fast zwei Stunden Zeit, bis wir wieder an Bord sein müssen. Nach der langen Busfahrt würde ich mir schon gerne ein wenig die Füße vertreten.“

„Mhm, na ja, wenn du meinst.“

Sie zogen beide ihre leichten Jacken wieder über und verließen das Schiff. Gemütlich bummelten sie durch die Düsseldorfer Altstadt, wo sie auch die einen oder anderen Mitreisenden aus ihrem Bus trafen. Nach einer knappen Stunde drängte Linda aber zur Umkehr. Sie machten sich etwas zügiger auf den Rückweg und kauften an einem Kiosk noch ein paar Flaschen Wasser, weil Linda meinte, dass das an Bord doch sicher viel zu teuer wäre.

Nachdem Linda ihre beiden Koffer ausgepackt hatte, war der Kleiderschrank gut gefüllt.

„Ähm, Omi, und wo lasse ich meine Sachen?“

„Ach Mädle, der Schrank ist einfach viel zu klein für zwei Personen.“

„Dann überlasse mir mindestens einen Bügel für meine gute Bluse. Den Rest kann ich in die Fächer packen. Oder hast du die etwa auch alle vollgemacht?“

Beschämt schaute Linda ihre Enkeltochter an. „Na ja, ich kann das vielleicht noch etwas zusammenrücken.“

„Oh Mann Omi, wir sind doch nur eine Woche unterwegs. Was schleppst du nur alles mit?“

„Das habe ich doch deinem Vater schon erklärt. Man muss für jedes Wetter gerüstet sein, wir haben ja schließlich erst Anfang April. Und dann brauche ich für jeden Abend etwas anderes zum Anziehen. Und nicht vergessen, das Galadiner. Da ist Abendkleidung vorgeschrieben.“

Seufzend schüttelte Caroline den Kopf. Sie wusste, dass ihre Großmutter sich gerne schick anzog. Aber dieses Mal hatte sie es ihrer Meinung nach wirklich übertrieben. Aber sie sagte nichts mehr, sondern machte sich kurz frisch und zog sich ein anderes T-Shirt über, bevor sie sich in den Salon begaben, wo es einen Begrüßungscocktail geben sollte. Sie nahmen ihre Gläser entgegen und setzen sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Ein Ehepaar aus Flensburg gesellte sich zu ihnen und sie unterhielten sich angeregt, bis die Begrüßungszeremonie begann. Die Hauptreiseleiterin begrüßte die Gäste und der Kapitän sprach ein paar kurze Worte. Dann begab er sich wieder auf die Brücke und das Bordpersonal wurde vorgestellt. Danach wurden sie nach Busnummern aufgerufen und im Restaurant wurden ihnen ihre Plätze zugewiesen. Linda war glücklich, denn sie hatten beide einen Fensterplatz erhalten. Neben ihnen saßen zwei Frauen, die Caroline auf Mitte sechzig schätzte. Am anderen Ende des Tisches nahm ein älteres Ehepaar Platz. Linda und Caroline kamen sehr schnell mit den beiden Frauen, die sich als Helga und Gisela vorstellten, ins Gespräch. Während die Getränke serviert wurden, legte das Schiff ab. Sie stießen alle sechs miteinander an und wünschten sich eine gute Reise. Das Essen war gut und reichlich und Linda lächelte zufrieden. Doch gleich nach dem Dessert eilte sie in ihre Kabine.

„Was ist mit Ihrer Großmutter?“ Die Reiseleiterin war an ihren Tisch gekommen und sah Caroline besorgt an.

„Oh nichts“, lachte sie. „Sie hat nur schon die Hälfte einer ihrer Lieblingsserien verpasst.“

„Ich dachte schon, es geht ihr nicht gut.“

„Na ja, wenn sie ihre Serien verpasst, dann geht es ihr wirklich nicht gut.“

Auch das Ehepaar hatte sich inzwischen verabschiedet und Caroline ging mit Helga und Gisela noch oben in den Salon, um noch ein Gläschen zu trinken. Sie musste lächeln, als sie hinter den beiden auf der Treppe nach oben stieg. Die beiden waren sehr klein und ziemlich korpulent. Ihre Beine waren so kurz und dick, dass es ihnen sichtlich schwerfiel, die Stufen zu erklimmen.

Sie bestellte sich den alkoholfreien Cocktail des Tages, den sie nicht kannte und ließ sich überraschen. Er schmeckte sehr fruchtig und sie lehnte sich entspannt in dem kleinen Sessel zurück.

„Aber sagen Sie mal, wie alt ist denn Ihre Oma? Wir dachten zunächst, Sie wären Mutter und Tochter.“

„Ja, das denken viele, wenn sie uns sehen. Aber sie ist tatsächlich schon fünfundsiebzig.“

„Nein!“, sagten beide wie aus einem Mund.

„Aber verraten Sie ihr bloß nicht, dass ich Ihnen das gesagt habe.“

„Natürlich nicht. Wir können schweigen. Aber dafür ist sie echt fit.“

„Mhm, ja das ist sie. Aber sie tut auch was dafür, sie geht regelmäßig zum Yoga und zur Gymnastik. Zudem arbeitet sie ständig in ihrem Garten. Das hält ja auch fit.“ Sie lachte. „Und wenn sie doch mal ein Zipperlein plagt, dann hat sie ja mich. Dann muss ich antraben und sie massieren oder ihr eine warme Packung verpassen.“

„Das können Sie?“

„Ja sicher, ich bin Physiotherapeutin.“

„Das ist natürlich praktisch.“

„Genau, das findet sie auch.“ Caroline lachte erneut.

Allmählich machte sich das frühe Aufstehen bemerkbar und sie verabschiedete sich gähnend von den beiden Frauen. „Dann bis morgen früh.“

In der Kabine angekommen, fand sie ihre Großmutter im Bett liegend vor dem Fernseher vor.

Sie ging ins Bad und legte sich dann ebenfalls ins Bett.

„Gute Nacht, Omi.“ Sie zog sich die Decke, so gut es ging, über den Kopf und war tatsächlich schon fast eingeschlafen, als Linda fragte, ob sie den Wecker gestellt hatte.

„Warum? Wir müssen doch erst um neun Uhr fertig sein.“ Verständnislos sah sie Linda an.

„Ja, aber bis wir beide geduscht sind und gefrühstückt haben, das dauert. Stell bitte deinen Wecker auf sieben Uhr.“

„Waas? Um Himmels Willen Omi, das ist doch mitten in der Nacht. Wenn du so früh aufstehen willst, dann kannst du dir doch dein eigenes Handy stellen.“

Ein beschämter Blick traf sie. „Ich weiß nicht, wie das geht.“

„Also gut“, seufzte sie und stellte den Alarm ihres Handys auf sieben Uhr. „Dann sei aber bitte leise, wenn du aufstehst. Am besten richtest du dir jetzt schon die Kleider, die du anziehen willst. Ich möchte mindestens bis um acht Uhr schlafen.“

„Das ist viel zu spät. Ich wecke dich, wenn ich in der Dusche fertig bin.“

„Wenn du meinst“, grummelte sie und zog sich erneut die Decke über den Kopf.

Das Wummern des Schiffsmotors störte sie zunächst, doch sie schlief trotzdem bald ein. Aber nur, um mitten in der Nacht erschrocken hochzufahren. Linda schnarchte fürchterlich. Daran Ohrstöpsel mitzunehmen, hatte Caroline nicht gedacht. Sie schlief am Wochenende zwar öfters bei ihr, aber im Erdgeschoß im Gästezimmer, während Lindas Schlafzimmer im ersten Stock gelegen war.

„Das hält ja kein Mensch aus“, murmelte sie und drehte sich auf die andere Seite. Aber es dauerte lange, bis sie wieder eingeschlafen war. Am Morgen, als ihr Handy sie weckte, war sie entsprechend gerädert. Sie versuchte nochmals einzuschlafen, aber erfolglos. Linda war putzmunter und sang unter der Dusche. Zudem legte das Schiff im Hafen von Utrecht an.

„So komm, aufstehn, du Faultier.“ Linda zog ihr lachend die Decke weg.

„Lass das“, fauchte sie.

„Was ist, hast du schlecht geschlafen? Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier.“

„Ja, aber ein Murmeltier macht nicht solchen Lärm beim Schlafen.“

Entrüstet sah Linda auf ihre Enkeltochter herunter. „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass ich schnarche?“

„Und wie. Wäre dies ein Segelschiff, dann hättest du sämtliche Masten durchgesägt.“

„Jetzt werde aber mal nicht frech!“

Wortlos stand Caroline auf und ging ins Bad. Bis sie geduscht und angezogen war, hatte sich Linda schon längst auf den Weg zum Restaurant gemacht. Die anderen vier Tischgenossen kamen auch kurz nach ihr an.

„Wo ist den Caroline?“, wollte Helga wissen.

„Oh, die ist keine Frühaufsteherin und vor allem ein Morgenmuffel. Die trinkt vermutlich nur schnell ihren Kaffee und sagt kein Wort.“

Als Caroline zum Frühstücken kam, waren die anderen schon so gut wie fertig. Das hatte den Vorteil, dass es kein Gedränge mehr an der Kaffeemaschine gab. Sie kam mit ihrem Becher in der Hand an den Tisch und sagte nur kurz „Guten Morgen.“

Sie bediente sich dann am Büffet und als sie zum Tisch zurückkam, saßen nur noch Helga und Gisela da und genossen ihren Kaffee.

„Na, gut geschlafen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ich habe vergessen, Ohrstöpsel mitzunehmen und Omi schnarcht entsetzlich.“

„Fragen Sie doch an der Rezeption, ob die so was haben.“

„Hm gute Idee, meinte sie kauend.“

Sie frühstückte in aller Ruhe und ging dann in die Kabine zurück, um die Zähne zu putzen und ihre Jacke zu holen, während Linda schon auf den Bus zustrebte. Kopfschüttelnd sah sie ihr hinterher.

„Das kann ja heiter werden“, grummelte sie vor sich hin.

„Mädle, wo bleibst du denn bloß? Wir warten nur auf dich!“

„Ich weiß gar nicht, was du hast. Es hat geheißen neun Uhr und es ist jetzt genau drei Minuten vor neun.“ Sie sah Linda prüfend an. „Hast du dich ausgecheckt, als du von Bord gegangen bist?“

„Oh!“ Entsetzt hielt sie die Hand vor den Mund. „Nein, das habe ich vergessen.“

„Komm gib mir deinen Bord-Pass, ich lauf schnell noch mal zurück.“

Kopfschüttelnd lief sie zurück, doch die Gesichtserkennung sagte ihr, dass sie nicht Gerlinde Bachmann sei. Sie wandte sich an die Rezeptionistin, die das Auschecken manuell vornahm. Sie sah, dass sie nicht die Letzte war und lief gemütlich zum Bus zurück. Ein sehr korpulentes Paar, das sie so um die fünfzig schätzte, ging noch nach ihr von Bord.



Was für eine Pracht! Sie waren mit dem Bus von Utrecht zum Keukenhof gefahren worden. Dort standen die Tulpen in voller Blüte. Zudem schien die Sonne von einem strahlendblauen Himmel. Linda konnte sich gar nicht sattsehen an den wundervollen Blumenbeeten und Arrangements. Sie fotografierte, bis der Akku ihres Handys komplett leer war. Entsetzt schaute sie auf das schwarze Display.

„Hast du dein Ladekabel dabei? Dann kann ich dir meiner Powerbank leihen.“

„Ladekabel?“

„Omi, jetzt sag aber nicht, du hast zwei Koffer voller Klamotten mitgeschleppt, aber kein Ladekabel.“

Lindas Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Könntest du für mich weiterknipsen und mir die Bilder dann schicken?“ Hoffnungsvoll sah sie zu Caroline auf. „Ich brauch die Bilder doch um meinen Garten entsprechend umzugestalten.“

„Ja, schon gut, aber wir müssen sehen, dass wir uns ein Ladekabel organisieren können, das in dein Handy passt. Vielleicht haben Gisela oder Helga noch so ein veraltetes Modell wie du.“ Als Linda sich entrüstet zu wehren versuchte, sprach Caroline einfach weiter. „Es ist jetzt erst unser zweiter Tag. Ich kann nicht den Rest der Reise alles aufnehmen, was dir gefällt.“

Nach dem wunderschönen Vormittag brachte der Bus sie nach Amsterdam, wo ihr Schiff inzwischen angelegt hatte. Bepackt mit einer großen Tüte voller Blumenzwiebeln entstieg Linda glücklich lächelnd dem Bus. Ihr Garten würde im nächsten Frühjahr in den herrlichsten Farben blühen, da war sie sich sicher.

Nach dem Mittagessen fuhr der Bus sie in die Innenstadt, wo sie zu einer Grachtenfahrt starteten. Das Gedränge am Einstieg und in den Booten war enorm und bei Linda machte sich leichte Platzangst bemerkbar. Beherzt nahm Caroline sie am Arm.

„Komm Omi, schau, dahinten sind noch zwei Plätze frei.“ Sie bugsierte sie zwischen den Menschen hindurch zu der hintersten Bank, auf der zwei schmale Plätze frei waren.

Raus aus dem Gedränge genoss Linda dann die Fahrt. Helga hatte ihr über die Mittagspause ein Ladekabel geliehen und nun konnte sie wieder nach Herzenslust fotografieren.

Nach dem Abendessen gab es schließlich noch einen geführten Rundgang durch das nächtliche Amsterdam. Der Tag hatte ihnen beiden sehr gut gefallen. Aber zurück an Bord musste Linda natürlich gleich den Fernseher einschalten. Gelangweilt ging Caroline nach oben in den Salon, wo sie auf Helga und Gisela traf. Zusammen genossen sie den Cocktail des Tages und unterhielten sich. Sie mochte die beiden Frauen, denn sie waren unkompliziert und herzlich. Nach dem Cocktail verabschiedete sie sich von den beiden Frauen und schlenderte zurück zu ihrer Kabine. Sie machte sich bettfertig und nahm ihr Buch zur Hand. Das Schiff blieb über Nacht im Amsterdamer Hafen liegen und so konnte sie ohne Motorenlärm gut schlafen. Zudem hatte sie sich Ohrenstöpsel besorgt, sodass sie eine ungestörte Nacht verbrachte.



Am nächsten Morgen legte das Schiff ab und kreuzte über das Ijsselmeer. Es war schönes Wetter und Caroline genoss die Fahrt auf dem Sonnendeck. Mit ihrem Buch hatte sie sich in einen Liegestuhl gelegt. Irgendwann fielen ihr aber die Augen zu und sie döste so lange, bis Linda sie weckte.

„Hast du heute Nacht wieder nicht geschlafen?“

„Mhm, doch sehr gut sogar. Aber die Sonne und das gemütliche Fahren haben mich trotzdem irgendwie müde gemacht.“ Sie streckte sich und sah auf die Uhr. „Es gibt ja schon wieder bald Mittagessen. So viel esse ich normalerweise nie. Ich glaube, wenn wir zurück sind, dann kannst du mich von Bord rollen“, meinte sie lachend.

„Ja, das stimmt, verhungern lassen sie uns wirklich nicht. Ich denke, ich werde heute nicht das Menü nehmen, sondern schauen, was es oben im Salon am Büffet gibt.“

„Das ist eine gute Idee.“

Linda hatte sich ebenfalls etwas zu lesen mitgebracht und so verbrachten sie die Zeit bis zum Mittagessen schweigend.

Während des Essens legte das Schiff in Hoorn an und nach dem Essen traf man sich zum Stadtrundgang. Caroline war total begeistert von dem kleinen Städtchen. Die Bewohner kamen ihr noch freundlicher vor als die Amsterdamer. Nach dem Rundgang blieb ihnen noch reichlich Zeit und sie schlenderten nochmals durch das Städtchen. Caroline konnte sich gar nicht sattsehen an den schönen alten Häusern. Auch Linda konnte sich kaum trennen. Am Hafen fanden sie ein kleines Geschäft, das Postkarten verkaufte. Und Linda schrieb eine Karte an ihre Freundin. Die Ladeninhaberin bot ihr an, die Karte zur Post zu geben. Beide Frauen waren sprachlos über diese freundliche Geste. Fast auf die letzte Minute gingen sie erst wieder an Bord zurück.



Am nächsten Tag standen Den Haag, Scheveningen und Delft auf dem Programm. Vor allem der Aufenthalt im Seebad Scheveningen gefiel den beiden Frauen sehr gut. Wie schon während der ganzen Reise war wieder wunderschönes Wetter und die beiden Frauen machten einen gemütlichen Spaziergang am Strand entlang. Gerne wären sie noch länger geblieben, um die Seeluft zu genießen, aber leider mussten sie zum Bus zurück.

Am nächsten Morgen erreichten sie Brüssel. Zunächst fuhr der Bus sie zum Atomium, wo sie einen kurzen Fotostopp einlegten. Danach ging es weiter in die Stadt zu einem Rundgang unter dem Titel „Politisches Brüssel“, was Caroline nicht unbedingt sehr interessant fand. Sie freute sich auf den Nachmittag, wo es einen Rundgang durch die Altstadt mit Pralinenverköstigung geben sollte.

Aber was für eine Enttäuschung! Der Stadtführer, ein betagter Mann namens Paul, redete nicht viel. Es war an diesem Tag für die Jahreszeit extrem warm. Paul ging lustlos mit ihnen durch die Altstadt und blieb vor den diversen Geschäften stehen. Er erklärte nicht viel, sondern verteilte die entsprechenden Pralinen, die von den Inhabern dieser Läden hergestellt und verkauft wurden. Nach dem dritten Halt konnte Caroline keine Pralinen mehr sehen. Sie mochte in der Regel gerne Schokolade und Süßigkeiten, aber das war selbst ihr zu viel. Vor allem fingen die Pralinen in der Tüte des Führers allmählich an zu schmelzen. Auf der Rückfahrt zum Schiff machte sich im Bus allgemeine Enttäuschung über diesen Ausflug breit.

Die Tage waren aufgrund der Ausflüge sehr kurzweilig. Doch abends war es Caroline oft langweilig. Linda war selten mal dazu zu bewegen, mit in den Salon zu kommen, um ein Glas zu trinken. Sie klebte förmlich vor dem Fernsehgerät. Caroline mochte Helga und Gisela, aber die beiden Frauen waren sehr einfach und mit der Zeit hatten sich die Themen, über die sie sich unterhalten konnten, erschöpft. Manchmal telefonierte sie mit ihrer Freundin Laura oder sie unterhielt sich mit den Reiseleitern. Doch die waren oft mit den Vorbereitungen für den nächsten Tag beschäftigt und hatten kaum Zeit für eine nette Unterhaltung.

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