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Loderndes Feuer im Sturm

Sabrina - Band 23

„Ihre Gesichter waren jetzt ganz nahe beieinander. Sie konnte seinen männlichen Duft wahrnehmen. Sie zitterte, jedoch nicht wegen der Kälte. Ihre vollen Lippen öffneten sich leicht, sie hielt den Atem an. ‚Ida …‘, hauchte er.“ Als Ida von Straulitz ihrem Cousin begegnet, ist es sofort um sie geschehen. Zunächst scheint es, als würde der Graf ihre Gefühle erwidern. Doch was ist mit seiner Verlobten? Spielt er ein falsches Spiel? Baronesse Ida gerät in einen Sturm der Gefühle. da war vollkommen erhitzt. Ihre Mutter hatte ihre strohblonde Mähne am Morgen mühevoll zu altfranzösischen Zöpfen... alles anzeigen expand_more

„Ihre Gesichter waren jetzt ganz nahe beieinander. Sie konnte seinen männlichen Duft wahrnehmen. Sie zitterte, jedoch nicht wegen der Kälte. Ihre vollen Lippen öffneten sich leicht, sie hielt den Atem an. ‚Ida …‘, hauchte er.“

Als Ida von Straulitz ihrem Cousin begegnet, ist es sofort um sie geschehen. Zunächst scheint es, als würde der Graf ihre Gefühle erwidern. Doch was ist mit seiner Verlobten? Spielt er ein falsches Spiel? Baronesse Ida gerät in einen Sturm der Gefühle.



da war vollkommen erhitzt. Ihre Mutter hatte ihre strohblonde Mähne am Morgen mühevoll zu altfranzösischen Zöpfen gebunden. Doch nun standen unzählige Haare heraus und auch einzelne Strähnen hatten sich gelöst. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Gesicht strahlte. Der Tag war bis jetzt rundum nach ihrem Geschmack verlaufen.

Gleich nach dem herzhaften Frühstück war sie in den Stall gelaufen, um nach Blake zu sehen. Blake war ein schwarzer Hengst, der erst seit einer Woche im Stall der Barone von Straulitz stand. Sie hatte sich sofort in das Pferd verliebt. Wenn Ida in die Stallbox schaute, scharrte Blake schnaubend mit den Hufen. Seine Muskeln spielten ungeduldig unter dem glänzenden Fell. Sie erkannte gleich sein hitziges Temperament. Der Stallknecht Joachim hatte ihr bisher nicht erlaubt, mit Blake auszureiten. Der Hengst sollte sich erst etwas eingewöhnen. Ida war zwar eine hervorragende Reiterin. Trotzdem musste sie sich nun schon eine ganze Woche lang gedulden. Heute endlich war es so weit.

„Und, Ida, gut geschlafen?“, brummte Joachim freundlich.

„Noch besser habe ich gefrühstückt. Drei Eier mit Speck, dazu frischer Obstsalat. Ich fühle mich stark wie Brunhilde“, gab Ida gut gelaunt zurück.

„Na, dann bist du ja bestens gerüstet, um heute mit Blake auszureiten“, schmunzelte der Stallknecht.

Mit einem lauten Jauchzen fiel ihm Ida um den Hals. „Oh, endlich! Ich danke dir!“

„Nichts zu danken“, brummte Joachim verlegen. Er war bereits in dritter Generation Stallknecht auf dem Schloss der Familie von Straulitz. Und auch sein Sohn Georg war als Stallbursche bereits in seine Fußstapfen getreten.

In diesem Moment kam Georg in den Stall. Seine blonden Locken standen wie immer etwas wirr vom Kopf ab. Er trug seine Stallhose aus grobem Leder. Man sah ihm an, dass er die Natur und die Arbeit an der frischen Luft liebte. Idas Vater, Baron Fritz von Straulitz, nannte ihn immer den Straulitzschen Pferdeflüsterer. Georg erblickte Ida und sofort begannen seine blauen Augen zu leuchten.

„Georg, weißt du schon, heute endlich kann ich mit Blake ausreiten“, strahlte Ida ihn an.

„Ich werde dich begleiten, Blake ist ein wahres Heißblut.“

„Ich brauche keinen Aufpasser, Georg. Auch wenn du unser Pferdeflüsterer bist, wie Papa immer sagt. Auch ich kann hervorragend mit Pferden umgehen.“

„Ja, und dein Temperament ist ähnlich wild wie das von Blake. Es ist besser, wenn bei eurem ersten Ausritt jemand in der Nähe ist. Ich helfe dir beim Satteln.“

„Nein, Georg, danke, das erledige ich selbst. Es ist schließlich auch eine vortreffliche Gelegenheit, dass Blake sich an mich gewöhnt.“ Ida konnte sehr energisch sein.

Georg seufzte. Er wusste, dass sie sich durchsetzen würde. Er wusste auch, dass sie gut mit Pferden umgehen konnte und keine Hilfe brauchte. Doch er ließ keine Gelegenheit aus, ihre Nähe zu suchen. Als er ihr die Satteldecke reichte, berührten sich ihre Hände. Es durchfuhr ihn heiß und das Blut schoss ihm ins Gesicht. Ida bemerkte nichts davon.

„Danke, Georg. Aber ich brauche wirklich keine Hilfe.“

Georg drehte sich um und ging zur nächsten Stallbox. Er beugte sich tief über die Heukiste, damit Ida ihm seine Enttäuschung nicht ansehen konnte.

Doch Ida war ohnehin vollkommen vertieft mit Blake beschäftigt. Langsam und selbstbewusst näherte sie sich dem stattlichen Hengst und sprach beruhigend auf ihn ein. Sie streichelte ihm die edle Stirn und kraulte seinen muskulösen Nacken. Man konnte sehen, wie sich das stattliche Tier entspannte.

Joachim nickte anerkennend: „Ihr sprecht die gleiche Sprache, du und das Pferd. Du hast das Landleben nicht vergessen, seit du in der Stadt studierst.“

Ida freute sich über das Lob des Stallknechtes. Sie lebte nun schon seit einem Jahr in der altehrwürdigen Universitätsstadt. Ihr Vater hatte gewollt, dass sie mit einem Jurastudium in seine Fußstapfen trat. Doch sie hatte ihn überzeugt, dass sie mit einem Abschluss in Forstwissenschaft das Schloss von Straulitz besser führen könnte. Recht und Gesetz überließ sie lieber ihrem jüngeren Bruder. Das Studium gefiel ihr sehr und sie kam gut voran. Doch das Leben in der großen Stadt war für sie manchmal schwer auszuhalten. Sie sehnte sich nach dem Duft der Wälder und der Erde. Sie war einfach glücklich, wenn ihr ein frischer Wind um die Nase wehte und ihre Haare zerzauste.

„Aber Georg wird dich zu deiner Sicherheit beim Ausritt begleiten. Blake ist noch nicht fertig eingeritten und immer noch sehr wild.“ Der Stallknecht sprach sehr bestimmt zu Ida. Sie wusste, dass er keinen Widerspruch duldete. Joachim hatte sein ganzes Leben mit Pferden gearbeitet und wusste genau, wovon er sprach. Georg hatte zugehört und lächelte Ida freundlich an.



***



Ida fühlte, wie die Muskeln des starken Hengstes unter ihr arbeiteten. Sie ritten bereits seit einer ganzen Weile in ruhigem Trab. Blake war am Anfang sehr nervös gewesen, doch Ida hatte beruhigend auf ihn eingeredet. Sanft bestimmend hielt sie die Zügel.

Und auch Georg hatte sich inzwischen etwas beruhigt. Er wusste zwar, dass Ida eine herausragende Reiterin war. Doch wenn ihr etwas zustieße, würde er sich das nie verzeihen können.

Ida und Georg hatten schon als kleine Kinder im Sandkasten zusammen gespielt. Er wusste schon, seit er fünf Jahre alt war, dass er Idas Ehemann werden wollte. Doch ihm war auch klar, dass er als einfacher Stallknecht nicht bei Baron Fritz von Straulitz um die Hand seiner Tochter anhalten konnte. Vor allem jedoch sah Ida selbst ihn eher als einen Bruder und nicht als einen Geliebten an.

Aber dieses Wissen half ihm nicht. Sein Herz klopfte jedes Mal schneller, wenn er Ida sah. Er konnte einfach nicht aufhören, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen. So machte ihn jede Gelegenheit, in ihrer Nähe zu sein, glücklich. Und er hoffte einfach weiter, dass sie eines Tages seine Gefühle erwidern würde.

„Ich glaube, er muss sich einmal austoben. Was denkst du, sollen wir einen Galopp wagen?“

Ida strahlte Georg erwartungsvoll an. Ihre Wangen leuchteten rosig und eine vorwitzige Haarsträhne kitzelte sie an ihrer Nase.

Georg holte Luft und wollte ihr sagen, dass es zu früh für einen schnellen Ritt war. Doch ohne eine Antwort abzuwarten, pustete Ida mit ihren vollen Lippen die Haarsträhne aus dem Gesicht und gab Blake den Befehl zum Galopp.

Der Hengst hatte nur darauf gewartet, seine Kraft ausleben zu können. Er galoppierte los und Ida jubelte. Erschrocken gab Georg seinem Pferd ebenfalls das Kommando zum Galopp. Zwischen Ida und ihm war schnell ein beträchtlicher Abstand entstanden. Er versuchte aufzuholen. Dabei bewunderte er, wie anmutig und selbstverständlich Ida sich an ihren Hengst schmiegte und sich vollkommen seinem Rhythmus anpasste.

Eine heftige Sehnsucht stieg in ihm auf. Er würde Ida alle Wünsche von den Augen ablesen, bis ans Ende seiner Tage.

Ida bog mit ihrem Pferd vom Feldweg ab in den Wald. Der Waldweg führte zu dem See, der zum Straulitzschen Schloss gehörte. Ida liebte diesen See. Im Sommer lud er zum Baden ein. Am Ufer gab es sogar eine kleine Stelle mit Sandstrand. Hier konnte man sich ganz versteckt zurückziehen. Die überhängende Trauerweide verbarg die Blicke auf das Ufer sogar von der Seeseite her. Und in besonders kalten Wintern konnte man hier sogar Schlittschuhlaufen.

Doch dieses Mal ließ sie die Mulde am Ufer außer Acht. Sie verfolgte den Waldweg weiter geradeaus. Gelegentlich musste sie ihr Pferd zum Sprung über einen am Boden liegenden Baumstamm dirigieren.

In hohem Tempo umrundeten sie den gesamten See. Als sie den Feldweg, der zurück zum Stall führte, erreichten, drosselte Ida das Tempo. Blake schnaubte zufrieden und gehorchte sofort. Dieses Pferd gehörte zu seiner Reiterin, das war nun klar.

„Ihr seid geritten wie ein schon lange eingespieltes Team.“ Georg pfiff anerkennend durch die Zähne. „Als Pferdeflüsterer kann ich dir sagen, dass du dein Pferd ausgezeichnet verstanden hast. Blake wird dir ewig treu ergeben sein.“ „Und ich auch“, fügte er in Gedanken hinzu.



***



Nachdem sie die Pferde versorgt hatten, kehrte Ida zerzaust und glücklich ins Schloss zurück.

„Mutter, ich fürchte, deine Bemühungen heute Morgen mit den französischen Zöpfen waren umsonst!“, rief sie schon in der Eingangshalle in Richtung Grüner Salon.

Der Grüne Salon war der Raum, in dem sich ihre Mutter bevorzugt nach dem Mittagessen aufhielt. Ida kam etwas zu spät zum Mittagessen. Das kam immer wieder vor und sie hatte keine Scheu, bei den Bediensteten in der Schlossküche zu essen. Die Küche war riesig und es herrschte dort immer reger Betrieb. Doch gleichzeitig war es dort warm und gemütlich und Ida war bei der Köchin und bei den Küchenmädchen immer willkommen.

Ida riss die mit Schnitzereien reichhaltig verzierte Flügeltür zum Grünen Salon auf. Ihre Mutter, Baronin Adelheid von Straulitz, ruhte nicht wie sonst auf dem Kanapee. Sie saß stattdessen aufrecht am Teetisch. Offensichtlich hatte sie Besuch. Ida sah auf die Rückseite eines Mannes, der ihrer Mutter zugewandt auf dem Besuchersofa saß. Sofort erhob sich der Mann und drehte sich zu Ida um.

„Ida, erinnerst du dich an Cousin Graf Ferdinand von Geberow? Ihr seid euch einmal bei der Amtseinführung deines Vaters begegnet.“

Graf Geberow ging auf Ida zu. Er war schlank und hochgewachsen. Das dunkle Haar hat er streng aus dem edel geschnittenen Gesicht frisiert. Sein gut sitzender grauer Geschäftsanzug konnte nicht verbergen, dass ein athletischer junger Mann in ihm steckte.

„Baronesse von Straulitz, ich bin sehr erfreut, Sie wiederzusehen.“ Er nahm ihre Hand zum Handkuss und verbeugte sich.

Ida deutete einen Knicks an. „Die Freude liegt auf meiner Seite, Graf Geberow.“ Ida war verwirrt. Sie konnte sich nur schwach an Ferdinand von Geberow erinnern. Ihr Vater war vor einigen Jahren mit gewaltigem Pomp in das Amt des Familienvorstands eingeführt worden. Dies war eine riesengroße Auszeichnung gewesen, war er doch nun verantwortlich für die öffentliche Vertretung des Adels im gesamten südlichen Teil des Landes.

Auch die Familie der Grafen von Geberow war damals anwesend. Ida erinnerte sich an Ferdinand von Geberow als einen unsicheren, schlaksigen Heranwachsenden. Ida selbst war noch ein kleines Kind gewesen. Nun blickte sie ein eleganter und selbstbewusster Mann tief aus seinen dunklen Augen an. Ida fühlte plötzlich, wie ihr Herz klopfte. „Ich denke, werter Ferdinand und liebe Ida, ihr könnt auf das förmliche ‚Sie‘ verzichten. Unsere Familien sind schließlich verwandt, wenn auch eher weitläufig.“

„Ferdinand …“, murmelte Ida verlegen. Ferdinand verbeugte sich erneut. „Ida, es ist mir eine Ehre.“

Idas Mutter erklärte: „Ferdinand möchte mit deinem Vater einige geschäftliche Angelegenheiten besprechen.“ Er gibt uns die Ehre, zum Abenddinner zu bleiben.“ Baronin Adelheid von Straulitz drehte sich zu Graf Geberow. „Selbstverständlich muss ich auch darauf bestehen, dass du über Nacht bleibst, lieber Ferdinand. Es ist vorteilhafter, die weite Rückreise gestärkt morgen früh anzutreten.“

„Das ist zu freundlich, verehrte Adelheid. Ich nehme das Angebot sehr gerne an.“

Idas Mutter blickte zu Ida. Sie runzelte die Stirn beim Anblick ihrer zerzausten Haare. Ihr Blick wanderte an Ida herab und sie nahm die verstaubten Reithosen wahr. Ihre Lippen verengten sich zu einem schmalen Spalt. An Idas Reitstiefeln hing noch etwas Stroh und Pferdemist aus dem Stall.

„Kind, ich denke, du solltest dich jetzt zurückziehen. Es ist Zeit, sich frischzumachen“, sagte sie kühl und wie immer distanziert.

Ida wurde dunkelrot. Normalerweise ließ sie sich nicht davon beeindrucken, wie sehr ihre Mutter auf die Einhaltung der Etikette bestand. Doch nun kam ihr ihr Aufzug plötzlich selbst vollkommen unangemessen vor. Sie fühlte sich geradezu kindisch. Sie knickste erneut und sagte eine Spur zu laut: „Ihr entschuldigt mich. Mutter, Ferdinand …“

Beim Herausgehen stolperte sie über die Teppichkante. Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Sie sah nicht den leicht lächelnden Zug um Ferdinands Mund. Er blickte auf den kleinen Haufen Pferdemist, den Ida auf dem schweren und kostbaren Teppich zurückgelassen hatte.



2. Kapitel



Ida schloss die Tür ihrer Privatgemächer hinter sich. Sie lehnte sich von innen an die Tür und presste die Hände auf ihr Herz. Sie erkannte sich selbst gar nicht wieder. Ihr Herz raste, ihre Knie waren weich. Ihr ganzer Körper stand wie unter Strom. Sie hatte außer der kurzen Begrüßung noch nicht einmal viele Worte mit Ferdinand gewechselt.

Diese dunklen Augen! Sein Blick hatte sie vollkommen aus der Fassung gebracht. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wie fortgewischt war der Vormittag, an dem sie den herrlichen Ausritt mit dem Hengst Blake unternommen hatte. Ihr geliebter Stall mit dem Stallknecht Joachim und seinem Sohn Georg war plötzlich ganz weit weg.

„Ganz ruhig, Ida“, sprach sie zu sich selbst. „Was ist denn los mit dir? Du musst wieder klar denken können.“

Ida streifte die Stiefel ab und warf ihre Reitkleidung in die Ecke ihres Schlafzimmers. Dann entschied sie sich um und legte alles ordentlich in den Sack für die Waschfrau. Sie wollte plötzlich nicht, dass ihr Schlafzimmer nach Stall roch. Sie betrat ihr Badezimmer und ließ das Wasser in der geräumigen Dusche laufen. Sie betrachtete sich im Spiegel. Sie war eigentlich sehr zufrieden mit ihrem Äußeren.

Ihre Nase war ein wenig vorwitzig und gehörte nicht gerade zur Gattung ‚edle römische Nase‘. Ihre hohen Wangenknochen betonten ihre ausdrucksvollen, leicht mandelförmig geschnittenen Augen und ihre vollen Lippen. Ihrem jungen Körper sah man an, dass sie sich gerne an der frischen Luft bewegte. Das Reiten hatte ihre langen Beine geformt und ihre schlanken Arme waren leicht gebräunt. Ihre Mutter hätte eine vornehme Blässe bevorzugt. Doch Ida brauchte das Sonnenlicht und die Natur wie die Luft zum Atmen.

Der Spiegel beschlug vom laufenden heißen Wasser. Ida seufzte tief und setzte probehalber einen ihrer zarten Füße in die Dusche. Das Wasser war angenehm, und so betrat sie die luxuriöse, mit Marmor ausgekleidete Regendusche. Sie genoss es, wie das Wasser über ihren Körper lief. Wieder tauchte Ferdinand von Geberow vor ihrem inneren Auge auf. Sofort wurde ihr wieder flau im Magen.

„Ida, du hast noch nichts gegessen. Das ist der einzige Grund, warum dir hier flau wird. Reiß dich jetzt mal zusammen“, schimpfte sie sich selbst aus. Sie stellte das Wasser ab und ließ die Tropfen von ihrem Körper abperlen. Schon wieder war Ferdinand in ihren Gedanken. „Schluss jetzt, nach dem Essen musst du noch lernen. Und dann wird schon das Abendessen bereit sein …“ Sie stockte. Das Abendessen! Ferdinand würde auch da sein! Ihr wurde wieder flau.

Schnell trocknete sie sich ab und machte sich bereit, in die Gutsküche zu gehen. Sie lauschte von innen an ihrer Tür, ob jemand auf dem Korridor war. Die schwere Holztür ließ jedoch keinen Laut durch. Also öffnete sie die Tür ganz langsam um einen Spalt. Es war niemand zu sehen. Sie huschte durch den Türspalt, schloss die Tür leise und eilte den langen, dunklen Korridor entlang.

Als sie an der breiten Haupttreppe des Schlosses ankam, hörte sie plötzlich Stimmen von unten. Tiefe Männerstimmen klangen zu ihr hinauf. Eine gehörte ihrem Vater. Die andere Stimme gehörte Ferdinand. Ihr Herz machte einen Sprung. In dem Moment sah sie die beiden aus dem Grünen Salon kommen. Offensichtlich hatten sie noch mit ihrer Mutter geplaudert.

Ida wich von der Treppe zurück. Ferdinand sollte sie nicht sehen. Sie hatte nur rasant Jeans und T-Shirt angezogen und sie wollte ihm nicht schon wieder unangebracht gegenübertreten. Die beiden Männer durchquerten die Eingangshalle. Die Stimmen wurden wieder leiser. Ida hörte, wie die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters geschlossen wurde. Dann war es still. Schnell eilte sie die Treppe hinunter und stahl sich in den Nebentrakt, der zur geräumigen Küche führte.

Als sie die Küchentür hinter sich schloss, atmete sie auf.

„Ida, ich habe mich schon gewundert, wo du bleibst. Du musst ja schon ganz verhungert sein.“

Die runde und gutmütige Köchin hielt immer etwas für Ida bereit. Dass sie Ida bei ihrem Vornamen ansprach, wurde von Baron von Straulitz gebilligt. Idas Mutter sollte das besser nicht wissen.

„Aber lass im Bauch noch etwas Platz für heute Abend übrig. Wir sind bereits eifrig am Vorbereiten. Ihr habt ja anscheinend hohen Besuch heute Abend.“

Ida versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ach, wie viele Gänge wird es denn geben? Denkst du, ich muss ein Abendkleid tragen?“, fragte sie möglichst gleichgültig. “

„Albert musste für deinen Vater den Smoking aufbügeln. Also ist wohl ein langes Abendkleid gefragt.“

Während Ida im Essen stocherte, überlegte sie. Sie würde heute nicht lernen können. Erstens konnte sie sich im Moment ohnehin nicht konzentrieren. Und zweitens musste sie sich rechtzeitig für heute Abend fertigmachen. Sie dachte zuerst an das eisblaue Kleid mit dem angesetzten Tüllrock. Sie liebte dieses Kleid. Es ließ ihre blauen Augen strahlen und ihr blondes Haar leuchten. Allerdings hatte es einen sehr tiefen Rückenausschnitt. Vielleicht war es zu verführerisch.

Ferdinand sollte nichts von ihren Gefühlen merken. Oder sollte er es merken? Sollte sie ihm zu verstehen geben, wie sehr er sie durcheinanderbrachte? Nein, es war besser, zurückhaltend zu sein. Das schwarze Kleid, das an der Brust mit den vielen kleinen glitzernden Kristallen bestickt war, stand ihr auch hervorragend. Es war zwar hochgeschlossen, aber umspielte ihren Körper vielsagend. Ida stieß die Luft aus.

„Na Mädchen, was schnaubst du denn wie dein Lieblingspferd?“, fragte die Köchin mütterlich. „Du hast ja gar nichts gegessen. Würstchen mit Kartoffelstampf gehört doch zu deinen Lieblingsmahlzeiten. Du wirst doch wohl nicht krank?“

„Ach, nein, ich muss nur gerade so viel nachdenken. Ich danke dir trotzdem sehr für das leckere Essen. Heute Abend gleiche ich das wieder aus.“ Ida versuchte ein Lächeln. „Das ist recht, wir braten schließlich zwei Fasane“, lachte die Köchin.



***



Nervös betrachtete sie sich immer wieder in ihrem ausladenden Standspiegel. Ida drehte und besah sich von allen Seiten. Sie hatte am Nachmittag tatsächlich nicht für ihr Studium gelernt, sondern immer wieder überlegt, wie sie sich für den Abend zurechtmachen sollte.

Von Ferdinand hatte sie nichts mehr gesehen oder gehört. Lediglich die Dienstboten waren den ganzen Tag über besonders geschäftig herumgeeilt. Ida hatte einen ihrer massiven Schränke geöffnet und mehrere Abendkleider auf dem Bett und über die Stühle ausgebreitet. Letztendlich hatte sie sich für das schwarze Abendkleid entschieden. Es war zurückhaltender. Sie wollte sich Ferdinand schließlich nicht an den Hals werfen.

Ihr Kammermädchen hatte ihr die langen blonden Haare in Wellen gelegt und eine rote Seidenrose eingeflochten. Das Kleid war raffiniert. Während des Aperitifs würden sie stehen und das Kleid würde leicht und unaufdringlich fallen. Doch sobald sie sich bewegte, legte sich der schimmernde Stoff eng um ihren Körper. Dann konnte man ahnen, was sich unter dem kostbaren Stoff verbarg.

Ida schaute zur imposanten Standuhr in der Ecke – ungefähr zum fünfzigsten Mal. In Gedanken übte sie ein wenig Konversation. Gerade überlegte sie, ob sie, um sich abzulenken, doch noch einmal in ihre Lehrbücher sehen sollte. Da ertönte der schwere Messinggong, der aus der Eingangshalle heraus wohlklingend alle Zimmer im Haus erreichte. Vor Schreck hätte sie sich fast verschluckt. Sie blickte ein letztes Mal in den Spiegel, richtete sich gerade auf und atmete tief ein. Sie war bereit.

Unten schritt sie auf den Großen Salon zu. Die mächtige Doppeltür war mit Glasfenstern aus dem 17. Jahrhundert versehen. Schon von weitem sah sie den Kerzenschein und das festliche Strahlen der kristallenen Kronleuchter durch die Fenster hindurch schimmern. Als sie sich näherte, öffnete der Diener die Flügel und angeregtes Geplauder drang auf den Korridor. Ida hörte sofort Ferdinands dunkle und sonore Stimme heraus. Ihre Aufregung wuchs.

Als sie den Salon betrat, verstummten die Gespräche für einen Moment. Alle drehten die Köpfe und sahen ihr entgegen. Sie bemühte sich, aufrecht zu gehen und mit selbstsicheren, gemessenen Schritten auf die Gruppe zuzugehen. Man sollte ihr ihre Aufregung nicht anmerken.

Sie bemerkte, wie ihre strenge Mutter einen zufriedenen Gesichtsausdruck annahm. Das gab ihr Mut. Nur eine Person hatte ihr Eintreten nicht bemerkt. Laut gestikulierend plapperte sie weiter in die Runde. Idas Vater kam auf sie zu.

„Ida, meine schöne Tochter“, sagte er sichtlich stolz, „ich glaube, du hast Graf Geberow schon kennengelernt.“

„Wir sind bereits beim ‚Du‘.“ Ferdinand lächelte. „Ida, du siehst bezaubernd aus.“

Nun hatte auch die junge Frau ihr lautes Plappern eingestellt und sich umgedreht. Ihr fransiger Kurzhaarschnitt umrahmte ihr stark geschminktes Gesicht. Sie trug einen Hosenanzug, der mit pinken Pailletten übersät war. Sie wirkte, als käme sie direkt von einer Filmpremiere in Los Angeles.

„Darf ich dir Brihana Miller vorstellen, Ferdinands Verlobte?“ Ida erstarrte.

Brihana musterte sie von oben bis unten mit eisigen Augen. Für einen Moment brach Idas Welt zusammen. Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Doch nach einem kurzen Moment fing sie sich wieder. Sie hoffte inständig, dass niemand ihre große Enttäuschung bemerkt hatte.

„Sehr erfreut, Brihana. Ich darf Sie doch so nennen?“ Ida reichte der jungen Frau die Hand. Brihana umgab eine geradezu erschreckende Kühle, ihre Hand war kalt und feucht.

„Aber natürlich, Fräulein von Straulitz.“ Brihana betonte das ‚Fräulein‘ und deutete einen Knicks an.

„Bitte, bitte Brihana, nennen Sie meine Tochter doch Ida“, warf Idas Mutter hastig ein.

„Ach, Ida, was für ein reizender Name! Wie in diesen kleinen schwedischen Kindergeschichten.“

Idas Vater runzelte irritiert die Stirn. Ferdinand dreht sich verlegen zur Seite. Idas Mutter versuchte, die Situation zu retten. „Ida, was möchtest du zum Aperitif trinken? Wir haben alle bereits unsere Wahl getroffen.“ Ida entschied sich nach kurzem Überlegen für einen Martini auf Eis. Als sie die Gläser in der Runde auf einen angenehmen Abend erhoben, sah sie Ferdinand direkt in seine dunklen Augen. Sein Blick hatte sich verändert. Wirkte er am Morgen noch weltmännisch und selbstsicher, schien er jetzt berührt und verletzt. Idas Herz durchzog ein Stich.

„Brihana, wie haben Sie sich eingelebt?“ Idas Mutter versuchte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

„Oh, Europa!“ Brihana sprach ein wenig zu laut. „Wissen Sie, Baronin von Straulitz, für uns Amerikaner ist Europa immer ein wenig – wie sagt man – niedlich. Es ist alles so nah beieinander. Die Straßen sind so furchtbar eng und die Häuser so winzig. Ich habe immer das Gefühl, ich müsste mich ganz klein zusammenfalten.“

Brihanas lautes Lachen klang ein wenig meckernd.

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