Im Takt des Glücks
Sabrina - Band 24
Leonie Berger ist Uhrmacherin mit Leib und Seele. Als sie den Auftrag erhält, eine kostbare Standuhr in einem abgelegenen englischen Herrenhaus zu reparieren, zögert sie nicht lange. Doch schon bei ihrer Ankunft spürt sie, dass etwas nicht stimmt.
Der Auftraggeber, ein geheimnisvoller Lord, wirkt auffallend desinteressiert an der Instandsetzung des Erbstücks. Stattdessen scheint er etwas ganz anderes zu verbergen. Und dann ist da noch sein Bruder, charismatisch, faszinierend und gefährlich anziehend. Zwischen ihm und Leonie entsteht eine Spannung, der sie sich kaum entziehen kann.
Während sie tiefer in die Mechanik der Uhr und die verschlossenen Räume des Anwesens eintaucht, stößt Leonie auf ein Familiengeheimnis, das weit in die Vergangenheit reicht. Und je mehr sie herausfindet, desto deutlicher wird: Nicht nur die Uhr ist aus dem Takt geraten.
Für Leonie beginnt eine Zeit voller Zweifel, verborgener Wahrheiten und einer Liebe, die ihr Herz bedroht. Wird sie am Ende ihr Glück finden?
Das Taxi rollte langsam vom Flughafengelände hinaus auf schmale Straßen, die sich wie helle Bänder durch das satte Grün zogen. Leonie saß auf der Rückbank, die Hände um ihre Tasche geschlossen und versuchte, die Nervosität in sich zu ordnen.
Der Lord hatte den Wagen geschickt. Das allein hatte etwas Feierliches.
Und doch war alles an dieser Anfrage merkwürdig gewesen.
Sie sah die Mail noch einmal vor sich: Kein Baujahr. Kein Hersteller. Keine Beschreibung des Uhrwerks. Mit verwackelten Fotos der Standuhr, unscharf, als hätte jemand mit zitternden Händen abgedrückt, mit Gewichten, die in der Luft hingen. Darunter fast flehend: Kommen Sie dringend.
Für jemanden mit Titel, Vermögen und einem riesigen Anwesen war das ungewöhnlich. Normalerweise kamen ihre Aufträge nüchtern, präzise, fast technisch. Maße. Alter. Schäden. Erwartungen. Aber hier war nichts, nur Dringlichkeit. Und der Name: Lord Ascombe.
Sie hatte ihn mehrmals gelesen, als würde er sich erklären, wenn man lange genug hinsah.
Vielleicht machte sie das alles nervöser, als es sein musste, vielleicht war da gar nichts Konkretes, vielleicht war sie einfach empfindlicher geworden.
Seitdem.
Seitdem sie so Schreckliches erlebt hatte, dass es ihr manchmal noch immer unwirklich vorkam. Als hätte jemand ihr Leben kurz angehalten, eine Seite herausgerissen und nicht wieder eingesetzt.
Trauer war kein lauter Zustand.
Sie war leise, beharrlich, und sie suchte sich seltsame Momente.
Sie wusste nur, wenn sie wieder nach Hause kam, würde sie ausräumen müssen.
Seine Sachen, Abschied in Kartons verpacken.
Der Gedanke lag wie ein Damoklesschwert über allem.
Die Jacke im Flur, die Zigaretten auf dem Küchentisch, die Werkzeuge in der Schublade. Noch so, wie er sie hinterlassen hatte.
Sie würde entscheiden müssen, was blieb und was ging.
Welches Hemd nach ihm roch und deshalb unmöglich wegzuwerfen war.
Welche Papiere nur Papier waren, welche Dinge Erinnerungen waren und welche nur Ballast.
Abschiede in kleinen Portionen. Nicht ein großer Schnitt, sondern viele kleine.
Vielleicht war dies das Schwerste.
Ein Druck legte sich auf ihre Brust. Nicht stechend, eher wie eine Hand, die kurz zu fest zudrückte.
Sie schloss die Augen und atmete ein.
Langsam zählte sie innerlich und atmete wieder aus.
Die Luft hier roch anders als zu Hause. Salziger, würziger.
Sie sah zum Fenster hinaus. Die Landschaft öffnete sich wie ein Gemälde. Sanfte Hügel rollten ineinander über, als hätte jemand grünen Samt über die Erde gelegt. Hecken zogen sich wie natürliche Mauern durch die Felder, dazwischen alte Steinmauern, überwachsen von Moos und kleinen gelben Blumen. Schmale Bäume neigten sich über die Straße, ihre Zweige filterten das Licht in weiche Streifen.
Das Morgenlicht war mild, golden, fast schüchtern. Kein hartes Strahlen, sondern ein Leuchten, das die Welt streichelte.
In der Ferne standen vereinzelte Cottages mit schiefen Schornsteinen, Rauchfäden stiegen träge auf. Schafe bewegten sich wie helle Tupfer über die Wiesen.
Alles wirkte ruhig. Zeitlos.
So gar nicht wie das Klischee vom grauen Regenland.
Im Gegenteil, es hatte etwas Märchenhaftes, als könnte hinter jeder Kurve ein altes Herrenhaus auftauchen oder ein Geheimnis.
Leonie spürte, wie sich ihre Schultern entspannten. Vielleicht passte dieses Land gerade deshalb so gut zu ihrer Stimmung.
Wehmütig, aber sanft. Still, aber voller Leben.
Sie ließ die merkwürdige Mail los. Für den Moment zumindest. Jetzt war sie hier.
Auf dem Weg zu einer Uhr, die offenbar so wichtig war, dass jemand sie ohne Details herbeirief. Und die mysteriös war, zumindest mysteriös stehen geblieben war, was sie die ganze Zeit auf dem Flug dazu veranlasst hatte, darüber nachzudenken.
Das Taxi bog in eine noch schmalere Allee ein, von hohen Bäumen gesäumt.
Leonie richtete sich unwillkürlich auf.
Ein großes Anwesen aus hellem Stein, mit Türmen, Erkern, hohen Fenstern. Alt, würdevoll, voller Vergangenheit erschein. Es war eingebettet in alte Bäume, als hätte die Landschaft es beschützt.
Offensichtlich ein Haus, das Geschichten kannte.
Leonie hielt den Atem an.
„Wir sind da“, sagte der Fahrer und stoppte den Wagen mit einem leichten Ruck.
Sie blinzelte und griff nach ihrer Tasche und suchte nach dem Geldbeutel.
„Moment, ich bezahle noch.“
Der Fahrer lächelte im Rückspiegel. „Ist schon erledigt. Vom Lord.“
Natürlich, hatte sie etwas anderes erwartet von einem Lord?
Der Fahrer stieg aus, ging um den Wagen herum und ließ dann sie aussteigen.
Dann ging er zum Kofferraum und packte ihr Gepäck aus und stellte es neben sie.
„Willkommen in Ascombe Hall.“
Willkommen. Das Wort klang nach Anfang.
Leonie sah hinauf zu den Fenstern des Hauses. Irgendwo dort drinnen wartete eine Uhr, die nicht mehr lief. Und ein Mann, der offenbar nichts dem Zufall überließ.
Sie dankte dem Taxifahrer, nahm ihren Koffer, schulterte den Werkzeugrucksack und ging zur großen Eingangstür.
Als sie nähertrat, blickte sie sich um. Seitlich am Gemäuer stand ein Gerüst, nicht hoch, aber breit genug, um an die Fensterläden im ersten Stock zu gelangen. Zwei Leitern lehnten an der Fassade. Auf dem Kiesweg standen mehrere Farbeimer, einige geöffnet, auf deren Rand getrocknete Tropfen in milchigem Weiß und gedecktem Grün erstarrt waren. Ein Pinsel lag achtlos auf einer Plane, daneben ein Farbroller, noch feucht.
Oben auf dem Gerüst arbeitete ein Handwerker.
Er trug eine alte, farbbesprenkelte Jacke, die Ärmel hochgeschoben, den Blick konzentriert auf den Fensterrahmen gerichtet. Mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen strich er die Farbe auf das Holz, setzte sauber an, zog den Pinsel sorgfältig entlang der Kanten. Hin und wieder lehnte er sich zurück, musterte sein Werk, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und tauchte den Pinsel erneut in den Eimer.
Der Duft von frischer Farbe mischte sich mit der kühlen Landluft.
Ascombe Hall war kein stilles Museum.
Es wurde gearbeitet.
Mittlerweile war sie am Eingang angekommen.
Die schwere Holztür ragte dunkel vor ihr auf, das Messingschild daneben blank poliert. Für einen Moment zögerte sie, strich unbewusst eine Falte aus ihrem Mantel und sah sich nach der Klingel um. Sie war kleiner, als sie erwartet hatte, ein unscheinbarer Knopf im Rahmen.
Leonie drückte.
Ein schrilles Läuten durchschnitt die Stille hinter der Tür. Kein sanftes, elegantes Klingeln, sondern ein heller, beinahe aufdringlicher Ton, der durch das alte Haus zu schneiden schien.
Sie wartete einen Atemzug. Zwei. Dann klickte das Schloss. Die Klinke wurde heruntergedrückt, die Tür ging auf.
Eine Frau stand im Türrahmen.
Sie war schlank, fast dürr, das silbergraue Haar streng nach hinten gesteckt. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze. Alles sah makellos glatt aus.
„Miss Leonie Berger?“
Ihre Stimme war ruhig, kontrolliert, weich gefärbt vom Englischen, aber ohne Wärme.
„Willkommen in Ascombe Hall. Ich bin Mrs. Hawthorne. Ich bin die Haushälterin.“
Sie trat zur Seite, ließ Leonie eintreten.
„Bitte.“
Drinnen empfing sie kühle, ehrwürdige Luft.
Die Eingangshalle war hoch, mit geschwungener Treppe, schweren Teppichen und hohen Fenstern.
An den Wänden hingen Porträts.
Männer.
Frauen.
Besonders fiel ihr Blick auf das Bild mit den Hunden.
Schlanke, hochgewachsene Tiere, Greyhounds.
In Schwarz-weiß, aufgenommen in einer anderen Zeit, eingefasst von einem antiken, leicht vergoldeten Rahmen. Die Tiere standen nebeneinander, aufmerksam, elegant, mit dieser stillen Würde, die nur Windhunde besitzen. Ihre Körper wirkten fast wie gezeichnet, lange Linien, gespannte Muskeln, schmale Köpfe.
Leonie blieb unwillkürlich stehen.
Sie freute sich. Also doch.
Sie war in einem tierfreundlichen Haushalt gelandet.
Ein kleines, warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, völlig unverhältnismäßig vielleicht, aber ehrlich. Ihr Vater hatte immer gesagt: Da, wo Tiere sind, sind die Menschen besonders freundlich.
Er hatte es mit einer Selbstverständlichkeit ausgesprochen, als wäre es ein Naturgesetz. Und meistens hatte er recht gehabt. In Werkstätten mit Hunden unter der Werkbank wurde weniger gestritten. In Häusern mit Katzen auf Fensterbänken wurde mehr gelacht.
Leonie wurde innerlich wärmer. So machte ihr der etwas unterkühlte Ton der Haushälterin schon etwas weniger aus.
„Kommen Sie“, riss sie Mrs. Hawthorne aus ihren Gedanken.
Leonie lächelte.
Sie griff nach ihrem Gepäck, aber die Haushälterin war schneller und nahm ihr den Koffer ab.
„Kommen Sie“, riss sie Mrs. Hawthorne aus ihren Gedanken und schritt voran.
Leonie folgte ihr.
Der Flur war länger, als sie erwartet hatte. Die Decke hoch, die Wände mit weiteren gerahmten Fotografien und Ölgemälden gesäumt. Ihre Schritte hallten gedämpft auf dem alten Holzboden, der trotz seines Alters makellos gepflegt wirkte. Ein schmaler Läufer zog sich wie eine ruhige Linie durch die Mitte in gedeckten Farben, die schon viele Jahre gesehen haben mussten.
Sie gingen an geschlossenen Türen vorbei. Eine nach der anderen. Alle in gleichmäßigem Abstand. Alles wirkte geordnet. Bewahrt. Unverändert.
Kein Staub, kein Geruch von Verfall.
Eher der Eindruck, als sei hier die Zeit nicht stehen geblieben, sondern bewusst angehalten worden.
Am Ende des Flures führte eine breite Treppe nach oben. Das Geländer glänzte dunkel, vom Gebrauch poliert. Leonie strich im Vorbeigehen mit den Fingern darüber und spürte die Kühle des Holzes.
Ihre Schritte klangen nun etwas heller auf den Stufen. Das Haus schien jedes Geräusch aufzunehmen und weiterzutragen. Kein Knarren, kein loses Brett — nur dieses gleichmäßige Echo, das sie daran erinnerte, dass sie hier nicht unbemerkt war.
Im ersten Stock setzte sich der Flur fort, nur schmaler, etwas privater. Licht fiel durch hohe Fenster am Ende des Ganges und zog lange Streifen über den Teppichboden. Staubkörner tanzten im Gegenlicht.
„Der Lord wird Sie heute Nachmittag gegen fünfzehn Uhr empfangen“, sagte Mrs. Hawthorne, ohne sich umzudrehen.
Empfangen.
Das Wort klang offiziell. Fast förmlich.
Leonie verzog unwillkürlich den Mund. Sie hatte gehofft, sofort die Uhr sehen zu dürfen. Sich in die Mechanik zu vertiefen, bevor Gedanken oder Erwartungen sie einholten.
„Die Vormittage sind ihm wichtig für Ruhe“, fügte Mrs. Hawthorne hinzu.
Vor einer hell gestrichenen Tür blieb die Haushälterin stehen. Im Gegensatz zu den dunkleren Türen im Erdgeschoss wirkte sie freundlicher, fast moderner.
„Ihr Zimmer.“
Sie öffnete und setzte den Koffer ab.
„Leider ist es schon nach Mittagsessenzeit. Aber wenn Sie wünschen, können Sie in ein paar Minuten in die Küche kommen. Ich bereite Ihnen einen kleinen Imbiss nach der langen Reise zu. Die Küche finden Sie unten am Ende des Flures.“
Der Tonfall war korrekt. Neutral. Mehr Pflicht als Einladung.
„Danke“, sagte Leonie leise.
Mrs. Hawthorne nickte knapp. Keine weiteren Worte. Dann zog sie die Tür hinter sich zu.
Für einen Moment blieb Leonie einfach stehen und sah sich im Zimmer um.
Der Raum war groß. Die Decke hoch, mit feinen Stuckverzierungen, die im gedämpften Licht kaum auffielen. Zwei hohe Fenster reichten beinahe bis zum Boden. Die Vorhänge waren aus schwerem, cremefarbenem Stoff, leicht verblichen, aber sorgfältig gepflegt.
Sie stellte ihren Koffer und ihren Werkzeugrucksack ab und ging langsam durch den Raum, als betrete sie nicht nur ein Zimmer, sondern eine Stimmung.
Das Bett stand mittig an der Wand gegenüber den Fenstern. Kein modernes Gestell, sondern dunkles Holz mit dezent geschnitztem Kopfteil. Die Tagesdecke war weiß, schlicht, ordentlich gespannt, zwei Kissen lagen exakt nebeneinander, beinahe militärisch ausgerichtet.
Links vom Bett stand ein kleiner Nachttisch mit einer messingfarbenen Lampe. Kein Kabel war sichtbar. Alles wirkte aufgeräumt, zurückhaltend. Der Schreibtisch unter dem Fenster war alt, vielleicht Eiche, die Oberfläche glatt vom Gebrauch vergangener Jahrzehnte. Kein Computer, keine Broschüren. Nur ein Tintenfass, leer, und ein schlichter Brieföffner.
Leonie trat ans Fenster. Von hier aus sah sie über die Wiesen hinweg bis zum Meer. Es lag wie eine metallene Linie am Horizont, schwer und unbewegt. Der Wind strich über das Gras, und die Bewegung wirkte wie ein Atemzug. Sie atmete mit.
Rechts vom Kleiderschrank befand sich eine weitere Tür. Leonie öffnete sie.
Das Bad überraschte sie. Es war modernisiert, aber behutsam. Weiße Fliesen, nicht glänzend, sondern matt. Eine frei stehende Badewanne mit geschwungenen Füßen, als hätte man sie aus einer anderen Zeit gerettet. Ein Waschbecken aus Porzellan, darüber ein ovaler Spiegel mit feinem Goldrahmen. Die Armaturen waren aus dunklem Messing, leicht angelaufen, aber sauber.
Ein kleines Fenster stand gekippt. Kühle Luft wehte herein und brachte den Duft von feuchtem Stein und Salz mit sich.
Handtücher lagen ordentlich gefaltet bereit. Dick. Schwer. Weiß. Alles hier war vorbereitet.
Sie schloss die Badezimmertür wieder und kehrte ins Schlafzimmer zurück.
Zunächst würde sie sich einrichten.
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- Artikel-Nr.: SW9783961274673458270
- Artikelnummer SW9783961274673458270
-
Autor
Lizzy von Bidchof
- Verlag vss-verlag
- Veröffentlichung 11.04.2026
- Barrierefreiheit
- ISBN 9783961274673
- Verlag vss-verlag