Der neue Trend zum Arztroman: Die Hafenschwester

Arztromane sind momentan beliebt. Zuletzt hat es Helene Sommerfelds Trilogie Die Ärztin von Rowohlt bis in die Taschenbuch-Bestsellerlisten geschafft. Nun zieht der Diana Verlag mit einer Serie nach, die im Hamburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt.

Bisher war das Thema Medizin eher in historischen Romanen des Mittelalters präsent. Hier sind Frauen meist selbstbewusste Heilerinnen, die mit Kräutersuden und Salben Verletzungen heilen und damit die Männerwelt gegen sich aufbringen. Seit 2018 gibt es aber auch einen deutlichen Trend zu Romanen mit medizinischem Hintergrund, die im ausgehenden 19. und im frühen 20. Jahrhundert spielen und von der Entwicklung moderner Medizin erzählen.

Nach der Trilogie Die Ärztin (Berlin, 1876 bis ca. 1915), der Serie Die Charité (Berlin, 19. Jahrhundert) und der Hebammen-Saga von Linda Winterberg (Berlin, frühes 20. Jahrhundert) ist mit Der Hafenschwester endlich auch einmal eine andere Stadt als Berlin Schauplatz der Handlung.

Beruhend auf einem historischen Ereignis erzählt Melanie Metzenthin vom Ausbruch der Cholera 1892 in Hamburg, der zugleich der letzte große Cholera-Ausbruch in Deutschland war. Herbeigeführt durch unhygienische Zustände in der Stadt bewirkte dieser schließlich ein Umdenken, unter Anderem einen Ausbau von hygienischer Wasserversorgung und eine Optimierung der Abfallbeseitigung.

Die vierzehnjährige Martha, die in bitterarmen Verhältnissen lebt, verliert durch die Cholera Mutter und Schwester. Da ihr Vater den Verlust nicht verkraftet und zum Alkoholiker wird, muss sie die Familie ernähren. Ihren Traum von der Schneiderlehre muss sie damit aufgeben, durch die Epidemie werden am Krankenhaus aber händeringend Lehrschwestern gesucht.

Wie bei so vielen Romanen dieses Genres ist Martha aufgeweckt und bringt ein medizinisches Grundverständnis mit, sodass sie den Ärzten positiv auffällt und es bis zur Krankenschwester schafft, obwohl sie auf der gesellschaftlich untersten Stufe steht. Dabei hat sie aber nicht nur Unterstützer, sondern gerät auch an feine Damen, die nichts für den wissbegierigen Emporkömmling überhaben.

Auch wenn der Titel des Romans etwas reißerisch wirkt und das Cover sich doch sehr stark an schon erschienenen Büchern desselben Genres orientiert, ist die Hafenschwester nicht eine bloße Kopie erfolgreicher Vorgänger. Metzenthin schafft es durchaus - und das gibt es nicht oft in historischen Romanen - die Beschreibungen der damaligen Gegebenheiten plastisch, aber nicht zu langatmig werden zu lassen. Es ist spannend, über die Medizin der damaligen Zeit zu lesen - und das in einem sehr flüssigen, unterhaltsamen Erzählton ohne große Längen.

Dies gilt allerdings leider nur für die erste Hälfte des Buches, die mit die Krankenschwester überschrieben ist. Im zweiten Buchabschnitt, die Sozialdemokratin, verwendet Metzenthin wieder einen historischen Stoff: den Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97.

Was dieses Mal erzählt wird, ist aber deutlich belangloser. Auch die Reden und Versammlungen der Arbeiter dehnen die Erzählung nur unnötig in die Länge. Fasst man diesen Teil zusammen, so ist Marthas medizinische Arbeit nur noch ein Nebenschauplatz, was man bei Titel und Aufmachung nun wirklich so nicht erwarten würde.

In noch einen weiteren Punkt scheint Die Hafenschwester aber etwas befremdlich: Die Sprache der Protagonisten wirkt, als würde der Roman in Süddeutschland spielen. Wörter wie „Bub“, „schnackseln“ und „Mannsbild“ werden verwendet, genauso wie die Verwendung von Artikeln vor Namen wie etwa bei „die Mutter“ und „der Moritz“. Dass die süddeutsche Sprachfärbung scheinbar auch dem Lektorat nicht aufgefallen oder kein Anlass zur Korrektur war, ist erstaunlich.

Insgesamt ist die Hafenschwester ein solider historischer Roman für alle, die ganz besondere dokumentarische Romane lieben, die auf Fakten basierend die damalige Zeit einfangen. Man merkt, dass Metzenthin recherchiert hat und mit viel Herzblut versucht, die damalige Zeit darzustellen. Verglichen mit medizinhistorischen Romanen ist die Hafenschwester allerdings trotzdem enttäuschend. Hier würde ein Titel wie die hamburger Krankenschwester und die großen Hafenstreiks den Inhalt wohl besser treffen.

 


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