Arbeit an der Erfahrung

Zum deutschen Weg aus der kriegsgesellschaftlichen Moderne 1943–1949

Anders als in Frankreich oder England, wo der Erste Weltkrieg die entscheidende Zäsur für die zivilgesellschaftliche Transformation darstellt, ist es in Deutschland der Zweite Weltkrieg, der zu einem grundlegenden Struktur- und Mentalitätswandel führt. Erst an seinem Ende bricht die deutsche Gesellschaft mit den Mobilisierungssystemen des Heroismus und Bellizismus und durch seinen Ausgang beginnt erst die deutsche Gesellschaft, jenes Selbstverständnis zu entwickeln, das uneingeschränkt auf Zivilität, Integration und Kooperation ausgerichtet ist. Die vorliegende Untersuchung rekonstruiert, wie es der von Kriegs- und Gewalterfahrungen geprägten... alles anzeigen expand_more

Anders als in Frankreich oder England, wo der Erste Weltkrieg die entscheidende Zäsur für die zivilgesellschaftliche Transformation darstellt, ist es in Deutschland der Zweite Weltkrieg, der zu einem grundlegenden Struktur- und Mentalitätswandel führt. Erst an seinem Ende bricht die deutsche Gesellschaft mit den Mobilisierungssystemen des Heroismus und Bellizismus und durch seinen Ausgang beginnt erst die deutsche Gesellschaft, jenes Selbstverständnis zu entwickeln, das uneingeschränkt auf Zivilität, Integration und Kooperation ausgerichtet ist.

Die vorliegende Untersuchung rekonstruiert, wie es der von Kriegs- und Gewalterfahrungen geprägten deutschen Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist kein statisch fixierter Wendepunkt in der Geschichte des modernen Deutschlands, sondern eine eigenständige Übergangsphase, in der die deutsche Gesellschaft sich sukzessiv von den Erfahrungen des Krieges löst und ihr ziviles Selbstverständnis zu entwickeln beginnt.

Methodisch-konzeptionell operiert die Untersuchung mit einem erweiterten Erfahrungsverständnis, das darin nicht nur das Abbild subjektiver Wirklichkeit sieht, sondern Erfahrung als eine Wissenskategorie behandelt, die sich in Abhängigkeit zu ihrer soziokulturellen Umgebung auch ändern oder anpassen kann. Mit diesem erfahrungstheoretischen Zugriff gelingt es dem Autor aufzuzeigen, dass die Kriegs- und Gewalterfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg weniger verdrängt als vielmehr diskursiv neu gerahmt und auf diesem Weg bewältigt wurden. Das für die kriegsgesellschaftliche Moderne charakteristische Bild von der sakrifiziellen Aufopferung verschwindet hierbei, während sich ein viktimes Sinnsystem zu entwickeln beginnt. Letzteres ermöglicht die narrative Bewältigung der Kriegsgewalt, entzieht dem Krieg aber ebenso die kulturelle Grundlage.



Leonhard Birnbacher ist Politikwissenschaftler und forscht am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Er hat in Berlin, Regensburg und München studiert und war Mitarbeiter der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Staats- und Demokratietheorie, der Gewaltforschung und der historischen Bildungsforschung.



Inhaltsverzeichnis



I. Einführung . . . . . . . . . . . . . . . .7



II. Theoretische Grundlagen des Strukturbruchs . 25

II.1. Zur Typologie moderner Gesellschaften oder:

Was ist eine Kriegsgesellschaft? . . . . . . . . 25

II.2. Der Begriff der Erfahrung . . . . . . . . .35

II.2.1. Konstitution von Erfahrung:

Erfahrung zwischen Subjekt und Struktur . . 39

II.2.2. Erfahrung und Zeit:

Die temporale Struktur von Erfahrung . . . 53

II.2.3. Erfahrung, Erzählung, Politik:

Die narrative Dimension von Erfahrung . . . 66



III. Das moderne Deutschland und seine großen Kriege . . . . 76

III.1. Das Erbe des 19. Jahrhunderts und die Grundlagen der deutschen Militärgesellschaft . . . .76

III.2. Der Erste Weltkrieg und die Vergesellschaftung

kriegerischer Gewalt . . . . . . . . . . . . 95

III.2.1. Mensch und Material: Die Eskalation

kriegerischer Gewalt nach 1914 . . . . . . . 95

III.2.2. Vom Nationenkrieg zum Bürgerkrieg:

Das fragmentierte Ende des Ersten Weltkrieges 114

III.2.3. Die Weimarer Gesellschaft und der Mythos vom Kriegserlebnis . . . . . . . 125

III.3. "Volksgemeinschaft" und Zweiter Weltkrieg:

Die nationalsozialistische Kriegsgesellschaft . . . .137

III.3.1. Der systematische Ausbau der Gewaltfähigkeit: Aufrüstung und Mobilisierung nach 1933. . . . . . . . 37

III.3.2. Der Zweite Weltkrieg und die Eskalation der Gewalt . . . . . . . . 155



IV. Der Zweite Weltkrieg und das Ende der kriegsgesellschaftlichen Moderne . . . . . . .194

IV.1. Krieg und Krise . . . . . . . . . . . . 194

IV.1.1. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen . . . 194

IV.1.2. Eskalation und Zerstörung: Der Erfahrungsbruch des Zweiten Weltkrieges . . .205



IV.2. Erfahrungsarbeit und Viktimität . . . . . . . . . 216

IV.2.1. Auf der Suche nach der verlorenen Erfahrung:

Das personale Erzählen vom Vernichtungskrieg . 216

IV.2.2. Das Abtrennen der Täter: Vom Nutzen der Kriegsverbrecherprozesse . . . . . . . .237

IV.2.3. Von Narrationen zum Narrativ: Die Formierung des kollektiven Opferselbstbildes nach 1945 . . . . . . . 245



V. Moderne, Gesellschaft und Krieg: Der deutsche Weg . . . 283



Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . .296

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . 334

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