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Kann es nach Srebrenica noch Poesie geben?
Essay
Wie lässt sich dichten, wenn die Sprache zerrüttet und korrumpiert, das Grauen unaussprechlich ist, Intellektualität die Barbarei nicht nur nicht verhindert, sondern befördert hat und die Realität die Angriffe der Avantgarden auf die Dichtkunst eingeholt hat? Wenn ihre Versuche, Werte und Konventionen künstlerisch zu zerstückeln, die Dichtung zu entmystifizieren, sie mit Humor, Ironie und Sprachspiel, Traumstrukturen oder Sinnbefreiung vom Thron des Göttlichen zu stürzen und vom hehren Ton zu lösen, von massenweise Ermordeten und Traumatisierten heimgesucht werden? Kurz: ‚Kann es nach Srebrenica noch Poesie geben?‘
Dreißig Jahre nach dem Völkermord an den Bosniak:innen, den bosnischen Muslim:innen, im Zuge der jugoslawischen Kriege stellt der Autor und Literaturkritiker Mirnes Sokolović im Anschluss an Adornos wohl meistzitierte Zeile ‚nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch‘ erneut die Frage nach den ethisch-ästhetischen Zusammenhängen von Dichtung – diesfalls der bosnischen/kroatischen/montenegrinischen/serbischen, deren Paradigmen er von den Avantgarden der Zwanzigerjahre bis in die zeitgenössische Lyrik skizziert und mit gesamteuropäischen Antworten nach 1945 in Beziehung setzt: Angesichts des Unsäglichen und Unvorstellbaren blieb als poetische Strategie zunächst nur Schweigen und Stammeln, Atmen und Japsen – oder das Absurde, wobei die Frage nach Ethik und Ästhetik, Sinn und Sinnlosigkeit, Geschichtsvergessenheit und Geschichtsbewusstsein auf je spezifische Weise wiederkehrt.
Diesen verzweigten Schreibansätzen, Überlegungen und Überlagerungen folgt Sokolović in seinem Essay auf beherzte Art und beleuchtet dabei sowohl den in Srebrenica kulminierenden Genozid im Jahr 1995 als auch die jugoslawische und postjugoslawische Literaturgeschichte, was in dieser Edition durch Textbeispiele veranschaulicht wird, die hier zum Teil erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen.
»Es wurde bereits gesagt, dass nach Auschwitz in der Poesie kein Glück mehr möglich ist, ebenso wenig wieErlösung im Leiden. Unser einziger Gott hat uns verlassen, sagt Imre Kertész, unsere Mythen haben uns verlassen und auch die universelle Wahrheit hat uns verlassen. Die europäische Kultur – getroffen vom größten Trauma nach Christus– sollte sich selbst wieder aufbauen, mit jedem Tag, woraus letzten Endes nichts wurde. Srebrenica würde, in unserer Sprache, noch wie ein unterdrückter Refrain auftauchen, wie ein in das Auge des Eingelulltseins gestoßenes Bajonett, wie ein durch die mürbe Menschlichkeit wühlender Bagger, und zeigen, dass sich einige Dinge unwiderruflich geändert hatten und es kein Zurück mehr gab. Trost und Erlösung waren schließlich nicht mehr möglich.«
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- Artikel-Nr.: SW9783903284746458270
- Artikelnummer SW9783903284746458270
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Autor
Mirnes Sokolović
- Mit Silvia Stecher, Dijana Simić
- Verlag Verlag Klingenberg
- Seitenzahl 68
- Barrierefreiheit
- Barrierefrei nach: WCAG Level AA
- Barrierefrei nach: WCAG v2.1
- ISBN 9783903284746
- Mit Silvia Stecher, Dijana Simić