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Wer die Schatten jagt . . .

Die Schattenjäger - Band 1

Wer die Schatten jagt . . .
NEU
Seit einer Explosion in einem Forschungslabor häufen sich Vorkommnisse, die mit normalem Verstand nicht zu erklären sind. Hauptkommissar Fabian Mahler erhält von einer geheimen Regierungsstelle den Auftrag, diese Fälle zu untersuchen, denn sie haben ihren Ursprung in der Schattenwelt, aus der immer mehr Verbrecher in die Welt der Menschen kommen und die aufgehalten werden müssen. Doch das ist nicht so einfach, denn wer die Schattenwesen jagt, braucht besondere Fähigkeiten. Außerdem haben die Schatten etwas dagegen, wenn Menschen sie zu stoppen versuchen... Wer die Schatten jagt . . . ist der Auftaktband zu der großartigen neuen Horror /... alles anzeigen expand_more

Seit einer Explosion in einem Forschungslabor häufen sich Vorkommnisse, die mit normalem Verstand nicht zu erklären sind. Hauptkommissar Fabian Mahler erhält von einer geheimen Regierungsstelle den Auftrag, diese Fälle zu untersuchen, denn sie haben ihren Ursprung in der Schattenwelt, aus der immer mehr Verbrecher in die Welt der Menschen kommen und die aufgehalten werden müssen. Doch das ist nicht so einfach, denn wer die Schattenwesen jagt, braucht besondere Fähigkeiten. Außerdem haben die Schatten etwas dagegen, wenn Menschen sie zu stoppen versuchen...



Wer die Schatten jagt . . . ist der Auftaktband zu der großartigen neuen Horror / Grusel / Mystery-Serie DIE SCHATTENJÄGER - Kampf gegen die Dunkelheit, der von der bekannten Autorin MARA LAUE geschrieben wurde.



Forschungslabor „Station 2“, Industriepark Frankfurt-Höchst

12. November 1999



Amira Sayyed blickte in die Runde. Spannung lag in der Luft des gesamten Labors. Bange Erwartung, Vorfreude und hier und da auch so etwas wie Skepsis. Letzteres war verständlich. Schließlich hatte noch niemand auf der ganzen Welt das Experiment durchgeführt oder auch nur gewagt, das Amiras Team heute ausführen würde: Partikel sollten im Teilchenbeschleuniger auf Überlichtgeschwindigkeit gebracht werden. Falls das funktionierte, wäre das eine Sensation, die Geschichte schreiben würde, denn bisher war knappe Unterlichtgeschwindigkeit das Limit, das im Beschleuniger erreicht worden war.

Aber Amiras Team hatte eine Methode entwickelt, mit der man dieses Limit knacken konnte – ohne dass die betreffenden Teilchen sich dadurch in reine Energie verwandelten oder andere ungeplante Dinge taten. Jetzt musste das Ganze nur noch so ablaufen, wie sie es berechnet hatten.

Station 2 war ein ultrageheimes Forschungslabor, das sich offiziell als Entwicklungslabor des international tätigen Pharmakonzerns Avuyaina Chemicals tarnte. „Oben“, das hieß in den oberirdischen Bereichen des Gebäudekomplexes, in denen der Schein der pharmakologischen Forschung gewahrt wurde, beschäftigte man sich tatsächlich zu diesem Zweck mit einschlägigen Experimenten. Im Keller dagegen fanden die geheimen Arbeiten statt. Die waren sogar so geheim, dass selbst die Mitarbeitenden nicht wussten, welchem Zweck ihre Forschungen dienten. Die Bosse – niemand wusste, wer die waren, zumindest nicht als Personen – meldeten an, was sie wünschten, wonach geforscht wurde, welche Versuche durchgeführt werden sollten, aber was im Anschluss mit den Ergebnissen geschah, blieb deren Geheimnis.

Amira kümmerte das nicht. Sie lebte für die Wissenschaft, und die Grenzen des Machbaren auszutesten, war eine immer wieder spannende Herausforderung. Die fürstlich bezahlt wurde. Natürlich nicht nur, weil die Arbeit anspruchsvoll war, sondern die Bosse kauften damit auch die Verschwiegenheit ihrer Angestellten. Amira hatte damit kein Problem, denn alle ihre Forschungen besaßen bisher nicht das Potenzial, als Waffen verwendet zu werden. Und dort zog sie eine eiserne Grenze.

„Doktor Sayyed, wir sind so weit“, riss die Stimme ihres Assistenten Jonas Krüger sie aus ihren Gedanken.

Amira nickte und trat ans Kontrollpult.

„Alle Bereiche normal“, meldete Marie Troger, der die Überwachung der Anlage oblag. Sie blickte Amira an und lächelte.

Trotz Maries Versicherung prüfte Amira selbst noch einmal alles und fand deren Angabe bestätigt. „Dann wollen wir mal.“

Sie schaltete den Teilchenbeschleuniger ein. Das Gerät erwachte zum Leben und nahm seine Arbeit auf. Die Spannung wuchs. Amira atmete tief durch und initiierte die vorprogrammierte Sequenz. Die „Teilchen“, auf denen die ganzen Hoffnungen ruhten, wurden in das Vakuum des Beschleunigers entlassen und rasten los. Die Instrumente zeigten die Geschwindigkeit an.

„Hunderttausend Meter pro Sekunde“, gab Marie bekannt. „Zweihunderttausend...“

„Wir können lesen, was auf der Anzeige steht“, rügte Amira und biss sich auf die Unterlippe. Sie sollte ihre Nervosität nicht an Marie auslassen.

Die Geschwindigkeit stieg weiter. Als sie 299.382.121 Meter pro Sekunde erreichte, hielten alle Anwesenden den Atem an, denn das war die bisher größte hier erreichte Geschwindigkeit. Amira drückte den Knopf für den „Turbo Boost“, wie ihre Leute das Programm zur ultimativen Beschleunigung genannt hatten, in Anlehnung an die uralte Fernsehserie „Knight Rider“.

Die Geschwindigkeit stieg ...

„299.792.458 Meter pro Sekunde!“, jubelte Marie. „Lichtgeschwindigkeit! Echte, wahrhaftige Lichtgeschwindigkeit!“

Schon das war ein Erfolg, den alle mit Jubelrufen und Beifallklatschen begrüßten.

„Geschwindigkeit steigt weiter!“ Maries Stimme überschlug sich fast. „Wir haben’s geschafft!“

Eine Alarmsirene heulte los. Der Beschleuniger wurde automatisch abgeschaltet.

„Was ...“ Amira kam nicht mehr dazu, ihre Frage zu vollenden.

Ein gewaltiges Krachen ließ ihre Trommelfelle platzen und sie das Gleichgewicht verlieren. Sie stürzte. Das Letzte, was sie wahrnahm, war ein gewaltiger Sog, der ihren Körper mitten in die Trümmer und Glassplitter riss, die in das nun nicht mehr vorhandene Vakuum des aufgerissenen Teilchenbeschleunigers geschleudert wurden.



*



Burghart Seger legte den Bericht über den Vorfall – die Katastrophe in Station 2 in die Mappe zurück. Was immer dort passiert war, hatte siebzehn Tote und zweiunddreißig teils schwer Verletzte zurückgelassen. Was genau sich ereignet hatte, ließ sich noch nicht sagen, denn die Untersuchungen waren noch nicht abgeschlossen. Sicher war bisher nur, dass der Teilchenbeschleuniger durch irgendetwas implodiert war und alles in seiner direkten Umgebung eingerissen hatte. Einschließlich einiger Mitarbeitenden, deren Leichen teilweise nur noch in Einzelstücken geborgen werden konnten und teilweise so zerstört waren, dass nichts mehr von ihnen übrig bleib, das man hätte bergen können.

Wie das hatte passieren können, lag völlig im Dunkeln; man wusste noch nicht einmal, was genau „das“ eigentlich gewesen war. Avuyaina Chemicals hatte evakuiert werden müssen, weil die Stabilität des ganzen Gebäudekomplexes in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Und natürlich war die Presse auf den Vorfall aufmerksam geworden. Dr. Yrsa Lange, die CEO von Avuyaina, hatte ein offizielles Statement abgegeben, das die Sache herunterspielte und die Bevölkerung beruhigen sollte, dass der Vorfall keine Gefahr für sie darstellte. Dass erst recht keine Strahlung ausgetreten war oder Chemikalien dem Gebäude entfleucht waren und die Umgebung vergiftet hatten. Die reine Wahrheit. Aber es hätte durchaus eine Gefahr für die Bevölkerung werden können, wenn sich „das“ nicht rein zufällig auf das Untergeschoss des Avuyaina-Gebäudes beschränkt und nichts anderes aus der Umgebung in Mitleidenschaft gezogen hätte.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein!“

Herein kam Dr. Lange und ihre ernste Miene verhieß nichts Gutes.

Burghart stand auf, ging zu ihr und reichte ihr die Hand. „Doktor Lange, schön, dass Sie Zeit haben. Bitte setzen Sie sich.“ Er deutete auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. „Etwas zu trinken?“

„Nein, danke.“

Sie setzte sich, und er nahm ebenfalls wieder Platz.

„Wir haben ein Problem“, teilte sie ihm mit.

Burghart hätte beinahe gelacht, weil die Behauptung im Angesicht der Katastrophe klang, als sei Langes Anliegen eine bedeutungslose Unannehmlichkeit. „Noch eins?“, vergewisserte er sich und konnte nicht verhindern, dass sein Tonfall einen Hauch von Sarkasmus enthielt. „Oder beziehen Sie sich auf eins der uns schon bekannten?“

„Noch eins, fürchte ich.“ Falls sie an seinem Sarkasmus Anstoß nahm, ließ sie das nicht erkennen.

Sie sah ihn in einer Weise an, die er bei ihr noch nie erlebt hatte. Und sie kannten sich immerhin schon seit fünfzehn Jahren, hatten die geheime Abteilung von Avuyaina gemeinsam aufgebaut, verfolgten die gleichen Ziele und konnten sich hundertprozentig aufeinander verlassen. Vertrauten einander.

„Ich höre.“

Sie wiegte den Kopf. „Wie Sie wissen, bin ich gebürtige Isländerin.“

Er nickte und fragte sich, was ihre Herkunft mit irgendeinem Problem zu tun haben könnte.

Sie atmete tief durch. „Island ist das Land der Wesen aus der Anderswelt. Elfen, Trolle und so weiter. Wir haben sogar Elfenbeauftragte, die von diesen Wesen die Genehmigung einholen, wo in ihrem Gebiet Straßen und Gebäude erreichtet werden dürfen oder wo eben nicht.“

Burghart nickte. Allerdings hielt er diesen Aberglauben für Humbug und fragte sich, wie vernunftbegabte Menschen ernsthaft an solchen Quatsch glauben konnten und dann auch noch ihre Handlungen davon abhängig machten. Aber er respektierte Yrsa Lange zu sehr, um das durchblicken zu lassen, geschweige denn ihr das ins Gesicht zu sagen.

„Was hat das mit dem – Problem zu tun?“, wollte er wissen, als sie schwieg und offenbar nach Worten suchte.

Erneut atmete sie tief durch. „Wir Íslendingar haben ein Gespür für diese Wesen. Zumindest einige von uns. In meiner Familie ist diese Gabe seit Generationen besonders stark. Das bedeutet, ich habe sie auch.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Ich war im Gebäude von Avuyaina, um mir persönlich ein Bild zu machen.“ Wieder machte sie eine Pause und sah Burghart an, als wollte sie sich vergewissern, dass er ihr glaubte.

Er nickte, obwohl er ahnte, worauf sie hinaus wollte und ihn das tatsächlich zum Lachen reizte. Yrsa Lange war Wissenschaftlerin mit Leib und Seele. Wie konnte sie nur trotzdem an solche irrationalen Dinge glauben?

„Ich habe etwas – gefühlt.“

Burghart beugte sich leicht vor und verkniff sich gewaltsam die Frage, ob ihr ein Troll begegnet war.

Lange nahm die Geste als Ermutigung fortzufahren. „Ich habe die Anderswelt nahe gefühlt. Verstehen Sie? Was immer da unten passiert ist, hat etwas – bewirkt, wodurch die beiden Welten, unsere und die andere, sich überlappen. Dass die Wesen von dort wie in Island problemlos in unsere eintreten können, sobald sie dieses – Tor entdecken.“

„Aha.“ Burghart hoffte, dass das neutral genug klang, sodass sie sich nicht ausgelacht fühlte. Sie glaubte offensichtlich an diese Dinge, und das war ihr gutes Recht. „Wo sehen Sie da ein Problem? Wenn meine Informationen korrekt sind, lebt man in Island mit solchen – Wesen in Frieden und Einklang. Falls also das, was Sie gefühlt haben, tatsächlich... Wie soll ich sagen? Also, falls dadurch tatsächlich solche Wesen in diese Welt kommen könnten“, er räusperte sich, um das Lachen zu kaschieren, das mit Macht aus ihm herausplatzen wollte, „dann sehe ich nicht, wo das Problem liegen sollte.“

Sie nickte. „Das Problem liegt darin, dass hier nicht Island ist. In meiner Heimat haben wir es überwiegend mit den friedlichen, harmlosen Wesen zu tun. Selbst die Trolle sind nicht die tumben und gemeinen Biester, als die sie in manchen Büchern und Filmen dargestellt werden. Aber diese gemeinen und deshalb gefährlichen Wesen gibt es auch. Und in anderen Teilen der Welt kennt man sich leider bestens mit diesen negativen Vertretern ihrer jeweiligen Art aus.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Was ich sagen will, ist, dass wir keine Garantie haben, dass durch dieses – Loch in der Dimension nicht diese anderen Wesen kommen. Und Sie können sich vorstellen, was das für Folgen hätte.“

Burghart nickte. Falls man geneigt wäre, an die Existenz solcher Fabelwesen zu glauben, brauchte man dazu nicht allzu viel Fantasie. Aber: „Haben Sie dieses – Loch, oder was immer da ist, gesehen?“

Sie seufzte. „Nein. In der Regel kann man solche Tore nicht sehen. Ich habe es nur gefühlt. Aber das sehr intensiv.“ Sie blickte ihm wieder eindringlich in die Augen. „Was also gedenken Sie tun?“

„Die Trümmer beseitigen lassen, das Gebäude renovieren, sofern die Substanz noch zu retten ist und das Untergeschoss versiegeln. Das dürfte Ihr – Problem lösen. Und dank Ihres Statements für die Presse wird niemand je von Station Zwei und unseren geheimen Forschungen erfahren.“ Er seufzte. „Wie es aussieht, ist es an der Zeit für die Inbetriebnahme von Station Drei.“

Lange sah ihn perplex an. „Verdammt, es hat siebzehn Tote gegeben! Und Sie wollen einfach zur Tagesordnung übergehen und weitermachen wie bisher? Was für ein Mensch sind Sie eigentlich?“

„Wir machen natürlich nicht weiter wie bisher.“ Burghart blieb gelassen. „Wir halten erst mal die Füße still, bis Gras über die Sache gewachsen ist.“

Lange schüttelte den Kopf. „Und Sie glauben, das funktioniert? Sie glauben ernsthaft, dass Sie den Vorfall unter den Teppich kehren und auf ewig dort lassen können? Was ist mit den Verletzten? Die waren dabei und wissen ganz genau, was passiert ist. Wenn einer von denen redet...“

„Das wird keiner wagen, dem sein Geld und seine Reputation etwas wert sind“, unterbrach Burghart sie. „Alle unsere Angestellten von Station Zwei haben eine sehr restriktive – nein, extreme Verschwiegenheitsklausel in ihrem Vertrag. Sie flüstern auch nur eine einzige Silbe über den Vorfall an die beste Freundin, Ehefrau, den besten Freund unter dem Siegel der Verschwiegenheit, und wir verklagen sie, dass ihnen nicht nur Hören und Sehen vergeht, sondern dass sie alles verlieren. Wirklich alles. Einschließlich ihrer Glaubwürdigkeit.“ Er machte eine wegwischende Handbewegung. „Die halten den Mund, und wir kommen für alles auf: alle Schäden, alle Behandlungskosten, eventuelle Berufsunfähigkeit et cetera. Und wir zahlen ihnen einen fürstlichen Betrag als Schmerzensgeld.“ Er lächelte. „Außerdem befinden sich alle in einer Klinik, die von unseren Leuten geleitet wird. Die werden, wenn nötig, der Öffentlichkeit Sand in die Augen streuen und notfalls die Krankenakten frisieren. Wie also sollte die Wahrheit über den Vorfall an die Öffentlichkeit dringen?“

Yrsa ersparte sich den Hinweis, dass solche Vorkommnisse früher oder später immer ans Tageslicht kamen, egal wie sehr man versuchte, sie unter Verschluss zu halten. Sie konnte nur hoffen, dass die Folgen dann nicht noch schlimmer wurden als das Ereignis selbst.

„Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Doktor Lange. Das Versiegeln des Untergeschosses löst doch Ihr Problem mit den – Dingern aus der anderen Welt, oder?“

Sein Tonfall und dass er einen Film- und Buchtitel leicht abgewandelt benutzte, zeigte ihr, dass er die Sache nicht ernst genug oder überhaupt nicht nahm. „Ich weiß es nicht. Möglicherweise. Aber solche Tore wandern manchmal. Und wir wissen nicht, was das Experiment noch alles ausgelöst hat.“ Sie stand auf. „Ich kündige hiermit.“

Burkhart starrte sie perplex an, dann lachte er. „Das können sie nicht!“

„Ich kann. Und ich tue das. Selbstverständlich bekommen Sie das morgen schriftlich und fristgerecht, aber ich kündige.“ Sie hob die Hand, bevor er etwas sagen konnte. „Ja, ich weiß: Auch in meinem Vertrag steht eine – wie nannten Sie das? – extreme Verschwiegenheitsklausel. Keine Sorge, ich werde mich akribisch daran halten. Aber ich mache nicht mehr mit. Wir sind zu weit gegangen, viel zu weit und haben jetzt ein Dimensionstor, dessen Folgen uns gewaltig auf die Füße fallen können. Und Sie planen, mit Station Drei einfach weiterzumachen, als sei nichts passiert. Und dabei mache ich nicht mit.“

Burghart schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich habe Sie nicht für ein solches Weichei gehalten, dass Sie sich von alten Mythen ins Bockshorn jagen lassen. Ich dachte, Sie stehen voll hinter unseren Zielen, die schließlich dem Wohl der gesamten Menschheit dienen sollen und werden.“

Lange nickte. „Das tue ich. Vielmehr tat ich das. Erklären Sie mir bitte, wie die Beschleunigung von Teilchen auf Überlichtgeschwindigkeit der Menschheit dienen soll. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Raumfahrt und der Erforschung des Weltalls. Wir haben auf unserer Welt noch genug zu erforschen. Aber Ihnen ist sicherlich ebenso bewusst wie mir, dass man das Projekt, wenn es denn wie geplant funktioniert hätte, auch als Waffe verwenden könnte. Und das dient garantiert nicht der Menschheit. Im Gegenteil. – Ich erwarte, dass Sie meine Kündigung akzeptieren, ohne querzuschießen. Leben Sie wohl.“

Sie drehte sich um und verließ den Raum.

Burkhart starrte auf die geschlossene Tür. Yrsa Lange hatte ja durchaus Recht. Und vielleicht sollte die Firma einige Projekte wirklich dauerhaft auf Eis legen. Aber erst einmal musste der Schaden begrenzt werden, den die Katastrophe von Station 2 verursacht hatte. Danach würde man weitersehen.

Allerdings beschlich ihn doch ein leicht mulmiges Gefühl. Was, wenn Lange auch Recht hätte mit ihrem „Problem“? Er lachte und schüttelte den Kopf. Blödsinn! Was immer sie gefühlt haben mochte, lag garantiert an dem Anblick der Zerstörung, der sich ihr vor Ort geboten hatte, sicherlich inklusive von Leichenteilen hier und da. Da sah man schon mal Gespenster. Aber es konnte nicht schaden, wenn er sich davon überzeugte, dass Langes Gespenster tatsächlich – selbstverständlich nicht real waren.

Obwohl er sich einen Narren schalt, der sich von einer abergläubischen Isländerin beeinflussen ließ, fuhr er zum Avuyaina-Gebäude und rechtfertigte das damit, dass er als oberster Verantwortlicher sich persönlich ein Bild vom Ausmaß der Schäden machen sollte. Die betriebseigene Feuerwehr war immer noch dabei, das Gebäude zu stabilisieren und die Trümmer zu beseitigen.

Burghart zeigte seinen Firmenausweis vor, dessen goldene Farbe allen hier sagte, dass er zur obersten Führungsebene gehörte, deshalb das Sagen hatte und berechtigt war, das Gebäude zu inspizieren. Asya Demirel, die Leiterin der Truppe, stattete ihn mit Helm und Schutzkleidung aus und ließ sich nicht nehmen, ihn zu begleiten.

Das Ausmaß der Zerstörung war wirklich verheerend. Dass das ganze Gebäude überhaupt noch stand, war lediglich dem Umstand geschuldet, dass das geheime Kellergeschoss erheblich tiefer als normale Kellergeschosse gebaut worden war und dreihundert Meter unter der Erdoberfläche lag, gesichert mit den dicksten und stabilsten Stahlbetonwänden und -decken, die Geld hatte kaufen können. Trotzdem war das Untergeschoss nahezu zerstört. Und es grenzte an ein Wunder, dass überhaupt jemand hier unten überlebt hatte.

Burghart stieg über die Trümmer und blieb hier und da stehen, wobei er sich den Anschein gab, den Anblick intensiv in sich aufzunehmen. In Wahrheit versuchte er zu erspüren, was Dr. Lange vielleicht bemerkt hatte. Aber außer einem bedrückenden Gefühl, verursacht durch das Bewusstsein, wie viele Mitarbeitende von Station 2 hier ihr Leben verloren hatten, verletzt worden waren und vielleicht für den Rest ihrer Tage mehr oder weniger schwer behindert bleiben würden, nahm er nichts weiter wahr. Natürlich nicht, denn Wesen aus einer anderen Welt gab es nicht. Schon gar nicht hier.

„Halten Sie sich nicht mit Aufräumarbeiten auf“, wies er Demirel an. „Verfüllen Sie den gesamten unterirdischen Komplex mit Beton. Oder was auch immer für ein Material am besten geeignet ist, um es vollständig zuzuschütten und zu versiegeln.“

Sie sah ihn skeptisch an. „Das wird aber eine verdammt große Menge an – Füllmaterial erfordern. Mit entsprechenden Kosten.“

„Egal. Tun Sie es.“

„Sie sind der Boss“, stimmte sie zu.

Und ob er der war. Er drehte sich um, um dieses Trümmerfeld zu verlassen. Ein Schatten floh vor dem Strahl seiner Stirnlampe und hinterließ aufgewirbelten Staub. Burghart zuckte zusammen. Blickte genauer hin und sah...

„Haben Sie das auch gesehen?“, fragte er Demirel.

„Was denn?“

Er deutete auf die Ecke, in der er den Schatten gesehen zu haben glaubte. Aber da war niemand. „Das sah aus, als wenn sich dort etwas – bewegt hätte“, sah er sich gezwungen zu erklären.

Sie zuckte mit den Schultern. „Die Staubwolke? Die Dinger wirbeln wir hier ständig auf.“ Sie lächelte flüchtig. „Ich versichere Ihnen, dass sich hier keine Geister herumtreiben.“

Er lächelte ebenfalls, aber ein unangenehmer Schauder rann über seinen Rücken. Staubwolke. Natürlich hatte er nur die gesehen und der Schatten war dem begrenzten Licht der Stirnlampe geschuldet. Denn dadurch „tanzten“ hier überall Schatten. Trotzdem beeilte er sich, das Gebäude zu verlassen und atmete auf, als er wieder im Freien stand.

„Arbeiten Sie so schnell wie möglich“, wies er Demirel an.

„Selbstverständlich, Herr Seger.“

Er warf noch einen letzten Blick auf das Gebäude. Von irgendwelchen Schatten – Staubwolken oder nicht – war nichts zu sehen. Erleichtert fuhr er ins Büro zurück.

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