Ihr letzter Anruf | Der fesselnde Psychothriller mit unerwarteten Twists

Ihr letzter Anruf | Der fesselnde Psychothriller mit unerwarteten Twists
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Jemand beobachtet ihn. Jemand, der alles weiß. Und jemand, der bereit ist, jeden Beweis zu fälschen, um ihn für einen Mord bezahlen zu lassen, den er nicht begangen hat. Ich weiß alles über dich. Deinen Namen. Deinen Geburtstag. Die Namen deiner Kinder. Wo du lebst, wo du arbeitest. Ich weiß, wann du die große Beförderung bekommst oder wann du dich mit deinem Ehepartner streitest. Doch jemand da draußen weiß auch alles über mich. Jemand, der meine dunkelsten Geheimnisse kennt … und sie gegen mich einsetzt. Jemand, der mich in eine Falle treiben will. Die Polizei glaubt, ich hätte Emily Parker... alles anzeigen expand_more

Jemand beobachtet ihn. Jemand, der alles weiß. Und jemand, der bereit ist, jeden Beweis zu fälschen, um ihn für einen Mord bezahlen zu lassen, den er nicht begangen hat.



Ich weiß alles über dich.
Deinen Namen. Deinen Geburtstag. Die Namen deiner Kinder. Wo du lebst, wo du arbeitest. Ich weiß, wann du die große Beförderung bekommst oder wann du dich mit deinem Ehepartner streitest.



Doch jemand da draußen weiß auch alles über mich. Jemand, der meine dunkelsten Geheimnisse kennt … und sie gegen mich einsetzt. Jemand, der mich in eine Falle treiben will.



Die Polizei glaubt, ich hätte Emily Parker ermordet. Wenn ich meine Unschuld beweisen will, bleibt mir nur ein Weg:



Ich muss den wahren Täter finden.



Ich muss ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Ein packender Mystery Thriller über Mord, heimliche Affären und manipulierte Beweise. Ein aufregendes Katz-und-Maus-Spiel für alle, die düstere, intelligente Thriller mit atemloser Spannung und überraschenden Wendungen suchen.



Erste Leser:innenstimmen
„Ein atemloser Thriller, der mich von der ersten Seite an gepackt hat. Die Wendungen sind brillant gesetzt, und die digitale Manipulation wirkt erschreckend real.“
„Clay Davis ist eine faszinierende Figur, und der Gegenspieler gehört zu den raffiniertesten Psychopathen, die ich seit Langem gelesen habe.“
„Spannend, clever und beklemmend. Der Psychothriller zeigt, wie verletzlich wir in einer vernetzten Welt wirklich sind. Absolut empfehlenswert.“
„Ein Domestic Thriller, der nicht nur unterhält, sondern auch nervenzerreißend spannend bleibt. Jede Seite hat mich tiefer in den Strudel aus Lügen und Überwachung gezogen.“





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Mein Handy pingt mit einer Textnachricht.



Ich werde nicht darauf antworten. Nicht mal einen Blick darauf werfen.



Wenn man von einem Detective über den Flur einer Polizeiwache geführt wird, um vernommen zu werden, ist dies nicht der richtige Zeitpunkt, um auf eine Nachricht zu antworten, in der dich vermutlich dein Chef bittet, morgen früh zwanzig Minuten früher zu kommen.



Am Ende des Flurs zeigt Detective Mendez auf eine offene Tür und ich trete ein.



Die Betonziegelwände sind getüncht. Auch der Boden ist aus Beton.



Mitten im Raum steht ein Stahltisch mit Metallstühlen an beiden Seiten. In der Ecke des Tischs liegt eine Akte.



„Nochmals vielen Dank, dass Sie hergekommen sind und sich zu einer Befragung bereit erklärt haben“, sagt Detective Mendez, während er mir in den Raum folgt. „Nehmen Sie doch bitte Platz.“



Er deutet auf den Stuhl auf der gegenüberliegenden Tischseite mit der Akte.



„Gerne“, erwidere ich aufrichtig verwirrt und sinke auf den Stuhl.



Er nimmt gelassen auf dem Stuhl gegenüber Platz.



„Ich werde versuchen, die Sache so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Wir haben nur ein paar Fragen, damit wir uns einen Überblick verschaffen können.“



Ich nicke. „Okay. Ähm, worum geht es eigentlich?“



Er beugt sich vor, stützt die Ellbogen auf den Tisch und verschränkt die Finger.



„Wie gut kennen Sie Emily Parker?“



Wie gut kenne ich Emily Parker?



Ich weiß alles über sie, so wie ich über viele andere Leute alles weiß. Ich kenne ihre Namen, ihre Geburtsdaten, die Namen ihrer Kinder, wo sie wohnen, in welcher Firma sie arbeiten. Ich weiß, wenn sie befördert werden. Ich kenne ihre Gefühle für die attraktive Kollegin, die sie ihrer Frau gegenüber nie erwähnen. Ich weiß, wenn der Haussegen schiefhängt. Scheiße, ich weiß sogar, wenn sie Antibiotika nehmen. All das weiß ich, weil sie es mir erzählen; von sich aus, weil sie alle meine Kumpels sein wollen, auch wenn sie nichts über mich wissen.



Sie erzählen mir das alles, weil ich ihr Barkeeper bin.



Was Emily Parker betrifft, ist die Sache natürlich ein bisschen komplizierter, aber irgendwie wusste ich, dass es um sie geht.



Meine Kollegin Katie wurde nämlich heute früh von Detective Mendez befragt, und während ich auf den Parkplatz der Polizeiwache einbog, bekam ich von ihr eine Textnachricht, in der sie mich informierte, dass man ihr Fragen über Emily gestellt hatte. Sie schrieb, dass sie zwar nicht wisse, warum sie nach Emily gefragt wurde, aber dass sie mich aus der Sache rausgehalten hatte, was ich sehr zu schätzen weiß.



„Mr. Davis?“, fragt Detective Mendez von der anderen Seite des Tisches aus.



Es gibt da ein paar Dinge über Emily und mich, über die ich lieber nicht sprechen möchte, und ich weiß, dass sie genauso denkt. Ich brauche ein wenig Zeit, um herauszufinden, was los ist, und um vorher noch mit Emily zu reden.



Zum Glück bin ich darin geschult, falls nötig den ganzen Tag Quatsch zu faseln.



„Nennen Sie mich doch bitte Clay.“



„In Ihrem Ausweis steht Franklin Davis.“



„Ja, aber alle nennen mich Clay. In meinem Geschäft bekommt man mit einem coolen Namen viel mehr Trinkgeld. Das habe ich gemerkt, als ich in einer dieser großen Firmenketten gearbeitet habe, wo man Namensschilder und so eine Art Button mit einem witzigen Spruch tragen muss, Sie wissen schon. Na ja, eines Tages habe ich mein Namensschild vergessen und musste ein Ersatzschild aus dem Büro tragen. Eine Schicht lang hieß ich ‚Clay‘, und Sie können sich nicht vorstellen, wie viel mehr Trinkgeld ich an diesem Tag verdient habe. Also habe ich beschlossen, den Namen zu behalten.“



„Das ist wirklich interessant“, sagt Detective Mendez trocken und macht sich eine Notiz.



„Danke.“



Ich kann nicht sagen, ob er es sarkastisch meint oder nicht. Er hat einen vollkommen neutralen Gesichtsausdruck, wie eine Bulldogge, und auch wenn Bulldoggen etwas blöde wirken, können sie einem mit ziemlicher Sicherheit den Arm abreißen, wenn ihnen danach ist.



„Machen Sie das öfter?“, fragt er.



„Was denn?“



„Na, andere anlügen.“



Meint er das ernst? Was läuft hier gerade ab?



„Es ist bloß bei der Arbeit.“ Ich zucke mit den Schultern.



Er macht sich noch eine Notiz und blickt dann von seinem Block auf.



„Also, Mr. Davis … sorry, Clay“, sagt Detective Mendez anscheinend aufrichtig. „Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet.“



„Tut mir leid. Wie lautet die Frage noch mal?“



„Woher kannten Sie Emily Parker?“



„Na ja, sie ist ein Stammgast unserer Bar. Sie kommt ab und zu herein. Tatsächlich gehört sie zu unseren besten Stammgästen … Moment mal … Was meinen Sie mit ‚Woher kannte ich Emily Parker?‘?“



Detective Mendez verzieht fast unmerklich schmerzhaft das Gesicht und blickt unwillkürlich auf die Akte, die auf dem Tisch liegt.



„Mr. Davis, wir wollen nur ein paar Fragen klären und uns ist bekannt, dass sie vorgestern Abend in der Bar war“, sagt er, um mich zu beruhigen.



„Nein. Was wollten Sie damit sagen?“ Ich kann die Besorgnis in meiner Stimme nicht unterdrücken. „Ist ihr denn etwas zugestoßen?“



„Mr. Davis, ich bin nicht sicher, ob dies der richtige Zeitpunkt ist –“



„Bitte. Sagen Sie mir: Ist ihr was zugestoßen?“



Detective Mendez seufzt und greift nach der Akte. Er schlägt sie auf, nimmt ein Foto heraus und schiebt es mir zu. Und dann noch eins. Und noch eins.



Anfangs kann ich das, was ich sehe, nicht verarbeiten. Doch dann begreife ich. Ich werde von Horror gepackt und mir steigt Galle hoch.



Das kann nicht sein. Es kann nicht wahr sein, aber es ist wahr.



Oh Gott.



Auf meiner Stirn bilden sich kalte Schweißperlen. Mein Herz hämmert gegen meine Brust.



Detective Mendez beugt sich noch weiter vor.



„Mr. Davis … Clay … Woher kannten Sie Emily Parker?“





***





Lasst mich zu jenem Abend zurückgehen.



„Einen Goose-Martini. Bitte Filthy. Mit einer Olive!“, ruft mir Mr. Collins über den Lärm der Menge hinweg zu.



„Geht klar.“



Gut. Er ist aufgekratzt. Anscheinend läuft es zu Hause wieder besser.



Mr. Collins, der pensionierter Luft- und Raumfahrtingenieur Mitte Fünfzig ist, kommt seit Jahren ins Gryphon. Ein Filthy Goose Martini ist sein Standardgetränk, das ich immer gleich gemixt habe, sobald er zur Tür hereinkam. Doch in den letzten Wochen trank er billigen Scotch pur. Er und seine Frau haben Eheprobleme. Das hat er mir zwar nie direkt gesagt, aber es ist offensichtlich. Er wirkt meistens niedergeschlagen, ist still und geht in letzter Zeit jedes Mal nach draußen vors Lokal, sobald er einen Anruf bekommt. Er möchte nicht, dass andere das Telefonat mithören, was man eben tut, wenn es ein persönliches Gespräch ist. An ruhigen Abenden habe ich ihn durchs Fenster beobachtet, während er telefonierte. Seine Körpersprache, die flehende Haltung – all das deutet auf Probleme zu Hause hin. Solche Dinge fallen einem auf, wenn man hinter der Bar steht; Dinge, die man als Gast nicht bemerkt, die aber der Barkeeper alle mitbekommt. Und wenn Mr. Collins wieder seinen Lieblingsdrink bestellt, dann bedeutet das, dass er happy ist, was auch mich happy macht, denn dann wird sein Trinkgeld großzügig ausfallen.



Ich gehe zur Bar und fange an, seinen Martini zu mixen.



Meine Partnerin und Komplizin Katie Watson, die eine der Hauptattraktionen im Gryphon ist, regiert über das Ende der Bar. Sie bringt mir jede Menge Bestellungen ein und ich bin dann derjenige, der die Drinks mixt. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein gut aussehender Typ. Ich habe einen dichten, gepflegten Vollbart, tätowierte Arme, gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und mein scharfer Verstand hat mir meine eigene kleine Schar von Bewunderern eingebracht. Aber Katie sieht aus, als wäre sie einem Pin-up-Kalender der 1950er-Jahre entsprungen, und sie trägt ein schwarzes Lederkorsett, das ihre Brüste kaum in Schach halten kann.



Damit kann ich nicht mithalten und versuche es auch gar nicht erst. Genau das macht uns zu einem perfekten Team.



„Kommt sofort!“, ruft Katie jemandem zu und geht zu den Zapfhähnen des Fassbiers hinter mir. „Clay!“, ruft sie beim Näherkommen. „Machst du mir ein Bullet Rye Old Fashioned, während du am Zapfhahn bist?“



„Klar.“



„Danke“, sagt sie und gibt mir im Vorbeigehen einen Klaps auf den Hintern.



Ich rate davon ab, so etwas am Arbeitsplatz zu machen, aber es ist keine sexuelle Belästigung. Ich werde es nicht der Personalabteilung melden. Es gehört zum Alltag eines Barkeepers. Wenn man mit Kollegen hinter der Bar steht, hat man viel Körperkontakt, sehr viel Körperkontakt. Man drückt sich aneinander vorbei und stößt auch mal gegen den anderen, während man versucht, an ihm vorbeizukommen. Man kommt automatisch seinen Kollegen sehr schnell körperlich näher. Katie und ich haben diese Hürde schon vor langer Zeit überwunden. Wir arbeiten seit Jahren zusammen und machen das so gut, dass die Leute uns „Das Dreamteam“ nennen. Wir haben einen Rhythmus entwickelt, der uns verrät, wann wir uns gegenseitig helfen müssen, ohne den anderen darum zu bitten. Wir einigen uns stillschweigend darauf, wer welche Gäste bedient, wir merken, wenn der andere einen schlechten Tag hat, und aus dieser Arbeitsbeziehung heraus sind wir enge Freunde geworden.



Die Gruppe von Typen, die in der Nähe der Bar stehen, starrt mich so bewundernd an, als würden sie mir High-Fives geben.



„Du hast den besten Job der Welt“, sagt einer von ihnen.



„Absolut“, erwidere ich.



Er ist wirklich toll.



Das Gryphon befindet sich nur einen Block vom Meer entfernt in der Kleinstadt Avalon, die etwa auf halber Strecke zwischen San Francisco und Monterey liegt. Ich habe diesen Ort buchstäblich ausgewählt, indem ich einen Dartpfeil auf eine Landkarte geworfen habe. Ohne Witz. Ich hatte es satt, in Los Angeles zu leben und zu arbeiten. Die unzähligen Barkeeper, die alle nur darauf warteten, von einem Casting-Agenten entdeckt zu werden, gingen mir auf den Keks. Also heftete ich mir eine Karte der USA an die Wand, trat ein paar Schritte zurück und warf den Dartpfeil. Mir war klar, dass ich in Kalifornien bleiben wollte, daher zielte ich grob in diese Richtung. Die Stadt, die am dichtesten an dem Punkt lag, war Avalon. Das war‘s. Ich machte mir keine Sorgen darum, ob ich Arbeit finden würde. Meine Erfahrung war, dass ich in jeder Bar, die Personal suchte, einen Job bekam, und schließlich trinken die Leute überall. Sie trinken in guten und in schlechten Zeiten. Barkeeper ist der einzige absolut sichere Job.



Also packte ich meine Sachen, zog nach Avalon und landete meinen jetzigen Job: im Gryphon.



Die Stadt ist eine Mischung aus allem Möglichen, und sobald ich durch die Tür des Gryphon trat, wusste ich, dass ich etwas Besonderes gefunden hatte. Nirgendwo am Gebäude steht „The Gryphon“. Dafür ist es viel zu hip. Stattdessen klebt über dem Eingang ein cooles Neonschild in Form eines Greifens. Ich arbeite seit fünf Jahren hier und es ist mit Abstand der beste Job, den ich je hatte. Das Lokal hat den coolen Vibe einer Bibliothek mit einem Hauch von Steampunk. Hier trifft man alle möglichen Leute, vom Einheimischen zum Surfer, vom Hipster zum Yuppie, Geschäftsleute – einfach alles.



So ist das Leben an der Zentralküste Kaliforniens.



Das Gryphon ist keine billige Kaschemme, daher muss ich mich nicht mit Pennern oder zwielichtigen Gestalten herumschlagen. Und es ist auch keine Kette, also brauche ich mir keine Sorgen um lächerliche Kontrollen, Firmenmantras oder Testkäufer zu machen, die überwachen, ob ich auch wirklich die Specials anpreise. Für die leichte Arbeit verdiene ich wirklich gut. Natürlich will ich nicht ewig hinter der Bar stehen, aber im Moment bin ich mit meinem Job völlig zufrieden.



Ich setze den Shaker auf den Becher mit Mr. Collins’ Martini, hebe ihn über meinen Kopf und fange an zu schütteln. Das klappernde Eis lässt ihn wie Maracas klingen.



Bevor ich mit dem Old Fashioned anfange, werfe ich einen Blick auf den schlanken Mann mit der drahtigen roten Haarmähne, der langen, dünnen Nase und der Schildpattbrille, der an der Bar sitzt und in sein Notizbüchlein schreibt.



„Alles okay, Mr. Loomis?“, erkundige ich mich.



Er nickt, ohne aufzusehen.



Sydney Loomis ist ein komischer Typ.



Er kam schon ins Gryphon, als ich noch nicht hier gearbeitet habe. Er tritt immer ein, setzt sich auf denselben Stuhl, bestellt innerhalb weniger Stunden drei Gin on the rocks mit Zitrone, beobachtet still alles und jeden, ohne ein Wort zu sagen, schreibt nur in sein Notizbuch und geht dann wieder. Obwohl er hier überhaupt nicht reinpasst, gehört er zum Gryphon dazu. An dem einen Abend in der Woche, an dem wir geschlossen haben, besucht er eine andere Bar ein paar Häuser weiter. Er gibt zwar kein großes Trinkgeld, aber irgendwas lässt er immer da, und jeder Barkeeper wird euch sagen, dass genau diese Leute die Miete bezahlen. Man sorgt immer dafür, dass sie happy sind, und da Mr. Loomis happy ist, kann die Show beginnen.



Mit meiner freien Hand beginne ich, den Old Fashioned zu mixen. Ich werfe einen Blick zur linken Seite der Bar, um mich zu vergewissern, dass eine bestimmte Person mir zusieht.



Sie tut es.



Emily Parker.



Sie ist in ihren Vierzigern und unglaublich sexy. Sie hat blondes, gewelltes Haar und einen Körper, der von Yoga und morgendlichem Joggen am Strand geprägt ist. Emily beobachtet mich mit anerkennendem Blick, während sie einen Schluck von ihrem fast leeren Wodka-Tonic nimmt.



Ich stelle den Martini ab, schlage den Shaker gegen die Barwand, wodurch der Stahlbehälter herunterspringt, und gieße den Martini in das gekühlte Glas. Dann greife ich nach einer Kirsche und werfe sie über dem Old Fashioned in die Höhe. Rasch kippe ich den Shaker neben mir in die Spüle, schnappe mir eine Olive und lasse sie in den Martini fallen, genau in dem Moment, als die Kirsche mit einem leisen Plopp in den Old Fashioned fällt.



Die Gäste um mich herum klatschen und ich verbeuge mich.



Katie schenkt das restliche Bier ein und stimmt mit einem lauten „Wupps“ in den Applaus ein. Mit der freien Hand klatscht sie mir wieder auf den Hintern und greift um meine Hüfte, um den Old Fashioned zu holen.



„Danke, Clay!“, sagt sie.



„Kannst du Mr. Collins den Martini bringen?“, frage ich.



„Klar“, antwortet sie und stellt den Martini vorsichtig auf das Tablett mit den Gläsern, das sie trägt. „Ach, übrigens, könnten wir heute die Feierabendzeiten tauschen?“



„Heute Abend?“



„Ja. Ich will früher Schluss machen.“



„Du willst früher gehen, aber du gehst nicht nach Hause“, sage ich mit gespielter Missbilligung.



„Geht dich eigentlich nichts an, aber du schuldest mir was für all die Male, als ich mit dir getauscht habe, damit du früher gehen konntest, ohne nach Hause zu gehen.“



Verdammt.



Ich schulde ihr tatsächlich was für die vielen Abende, als sie mit mir getauscht hat, damit ich früher gehen konnte.



Ich verdrehe die Augen. „Ja. Okay. Also gut.“



„Danke“, sagt sie, küsst mich auf die Wange und trägt die Getränke weg.



Zeit, um schlechte Nachrichten loszuwerden.



Ich weiche den vielen ausgestreckten Händen und Bestellungen aus und gleite an der Bar entlang bis zu Emily.



Die Person, der ich bewusst aus dem Weg gehe, ist die Kundin, die ich „Die Blonde“ nenne. Sie kommt seit ein paar Monaten von Zeit zu Zeit herein, immer allein. Im Gegensatz zu fast alle anderen Gästen weiß ich nicht, wer sie ist oder was sie macht. Sie hält sich nie an der Bar auf und hat auch noch nie ein Gespräch mit mir angefangen. Sie hält sich zurück, was ich total respektieren würde, wäre sie nicht so fordernd, dass es schon fast unhöflich ist, wenn sie nicht sofort bedient wird, selbst wenn an der Bar viel los ist. Außerdem gibt sie nie Trinkgeld und wirkt ziemlich arrogant. Einmal hatte ich ihrer Meinung nach zu lange gebraucht, um ihr einen Cape Cod zu bringen, und prompt beschwerte sie sich bei unserem Manager Alex über meinen schlechten Service. Mit Katie springt sie genauso um. Unser Verhältnis ist also nicht optimal. Ihren Namen kenne ich immer noch nicht. Ist mir im Grunde auch egal, aber leider habe ich sie aus Versehen angesehen, während sie sich mit den Ellbogen ihren Weg zur Bar bahnt.



„Kann ich ein Stella haben?“, fragt sie.



„Ja sicher!“, antworte ich und gehe weiter.



Ich habe nicht die Absicht, ihr Bier einzuschenken. Katie kann sich um sie kümmern, aber nur, falls Katie es will, was ich bezweifle. Wenn sie versucht, Katies Aufmerksamkeit zu erregen, sind genug Leute da, sodass Katie so tun kann, als hätte sie sie nicht gehört. Das machen wir Barkeeper ständig mit Gästen, die wir nicht mögen.



„Alles okay hier?“, frage ich und stelle mich Emily gegenüber an die Bar.



„Alles bestens, Mister Angeber.“



„Ich muss ihnen zeigen, was sie sehen wollen.“



„Ich beschwere mich nicht.“ Sie wirft mir einen verführerischen Blick zu und nimmt den letzten Schluck von ihrem Drink.



„Noch einen?“



Sie betrachtet das halbgeschmolzene Eis in ihrem Glas. „Nee. Ich möchte zahlen.“



Sie greift in ihre elegante, teure Handtasche, zieht zwei Zwanziger heraus und reicht sie mir.



Ich strecke die Hand nach dem Geld aus. „Hör mal, ich werde heute Abend etwas später fertig. Ich muss bis zum Schluss bleiben.“



Sie zieht die Geldscheine zurück. „Ich dachte, du kannst heute als Erster gehen.“



„Das hätte ich auch gekonnt, aber ich bin es Katie für unser letztes Mal schuldig … und für das Mal davor.“



Emilys Blick wird verträumt. „Ich kann mich noch gut daran erinnern.“



„Tut mir leid. Du weißt doch, dass ich alles dafür tun würde –“



„Schon gut“, seufzt sie. „Vielleicht fange ich ohne dich an.“ „Ich verspreche dir, ich werde dich nicht warten lassen.“



„Das solltest du auch lieber nicht.“ Sie gibt mir das Geld. „Ich bin gleich wieder da“, sage ich mit einem verschmitzten Lächeln.



Nachdem ich ihre Rechnung an der Kasse beglichen habe, stecke ich das Wechselgeld und den Beleg in eine Kunstlederhülle, auf der das Gryphon-Logo eingeprägt ist. Auch wenn sie nichts unterschreiben muss, füge ich einen Stift dazu und lege ihr die Hülle hin.



„Einen schönen Abend noch.“



„Das hoffe ich doch“, erwidert sie.



Wir halten Blickkontakt, bis sich die Getränkebestellungen zu sehr ansammeln.



Ich wende mich der durstigen Meute zu und fange an, die Bestellungen abzuarbeiten, indem ich drei gleichzeitig aufnehme und mir die Reihenfolge merke, um meine Zeit optimal zu nutzen. Ich lege mich ins Zeug und tue das, was ich am besten kann: Getränke mixen.



Hin und wieder werfe ich einen verstohlenen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob Emily mich beobachtet. Aber als ich mich schließlich nach einem Schnelldurchlauf der eingeschenkten Biere und gemixten Cocktails umdrehe, ist sie verschwunden.



Jetzt beginnt der Countdown zum Zapfenstreich …





***





Am Ende des Abends herrscht ein gleichmäßiges Summen im Lokal.



Katie nutzt die Verschnaufpause und fängt an, die leeren Pintkrüge ​​und Longdrinkgläser von der Bar zu räumen. Sie greift nach der Rechnungshülle, die Emily an ihrem Platz liegengelassen hat. „Nein, nein! Die nehme ich. Sie ist für mich!“, rufe ich hastig und gehe schnell auf sie zu.



Sie hebt die Hülle hoch und dreht sich zu mir um.



„Ihr zwei benehmt euch echt lächerlich. Das weißt du, oder?“



„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest“, entgegne ich gespielt eingeschnappt.



„Hör auf mit dem Quatsch, Clay. Du weißt genau, was ich meine.“



Natürlich tue ich das. Andere hegen vielleicht einen Verdacht, aber Katie ist die Einzige, die mit Sicherheit weiß, was zwischen Emily und mir läuft.



„Okay, gut. Du findest uns also lächerlich?“, frage ich.



Sie nickt energisch.



„Zwei Wörter, Katie: Nick McDermitt.“



Ihre Wangen werden vor Zorn rot.



Nick McDermitt ist ein ehemaliger Baseballspieler der Giants. Früher kamen er und seine Frau ab und zu ins Gryphon, bis Mrs. McDermitt eines Abends ihren Mann mit Katie auf dem Parkplatz erwischte, wo die beiden ein wenig zu heftig flirteten. Na ja, in Wahrheit flirteten sie extrem krass. Danach haben wir die McDermitts nie wiedergesehen.



Unser Manager Alex, der gerade im Büro ist, hatte dann eine Unterredung mit Katie. Feuern wollte er sie nicht. Dafür bringt sie zu viel Umsatz, aber die Geschichte schadete dem Image der Bar. Seitdem gilt die inoffizielle Regel: „Bitte nicht die Ehepartner unserer Kunden bumsen.“



Katie drückt mir die Rechnungshülle an die Brust.



„Sei halt vorsichtig, okay?“



„Wenn du mit ‚vorsichtig sein‘ keinen Sex auf dem Parkplatz meinst, dann kriege ich das wohl hin.“



Sie stöhnt und geht weg, ohne zu vergessen, mir vorher noch über die Schulter den Mittelfinger zu zeigen.



Lachend öffne ich die Hülle.



Emily hat das gesamte Wechselgeld dagelassen, was bei einer Rechnung von fünfunddreißig Dollar genau fünf Dollar Trinkgeld bedeutet. Ich werfe das Geld in die Trinkgelddose, um es mit Katie zu teilen. Was mich interessiert, ist die Quittung, und ich werde nicht enttäuscht.



Auf dem Kassenbon hat sie mit dem Stift, den ich hineingesteckt hatte, geschrieben:





Seaside Motel. Zimmer Nr. 37. Lass mich nicht warten. Du hast es versprochen.





Während ich den Zettel in meine Brieftasche stecke, blicke ich auf und sehe, wie Katie missbilligend den Kopf schüttelt.



Ich bekreuzige mich und falte die Hände, als wollte ich um Verzeihung bitten.



Sie schüttelt noch einmal den Kopf und fährt damit fort, die Flaschen zu säubern.





***





Es ist fünf nach Mitternacht. Ich wische die Bar ab, während Katie ihre Kreditkarten-Trinkgelder in die Kasse eingibt. Wir nehmen keine Bestellungen mehr entgegen und die wenigen übriggebliebenen Gäste leeren ihre Getränke. Die Musik ist aus und das Licht ist an – das universelle Zeichen, dass alle Gäste gehen sollen.



Alex kommt aus dem Büro.



„Okay, wer geht als Erster?“



Katie hebt die Hand. „Ich.“



Alex öffnet Katies Kasse und lässt sich ihre Einnahmen auflisten.



Sie verschwinden im Büro, um Katies Abrechnung zu erledigen. Ein paar Minuten später kommt sie wieder heraus, ihre Rechnungshülle in der Hand, und zählt ihre Trinkgelder per Kreditkarte. Dann gibt sie Tommy, unserem Barhelfer, der gerade den Boden wischt, seinen Anteil am Trinkgeld und kommt an die Bar.



„Reichst du mir bitte den Trinkgeldbecher rüber?“, fragt sie und setzt sich auf einen Barhocker.



Anstatt ihr den Becher zu reichen, hole ich das Geld heraus und lege die Scheine vor ihr auf die Bar.



„Behalte es. Es ist deins.“



„Im Ernst?“



„Ja. Ich schulde dir immer noch was.“ Ich drehe den Becher auf der Hand um. Ein Haufen Münzen gleitet auf meine Handfläche und ich stecke sie in meine Hosentasche. „Das Wechselgeld behalte ich.“



Ich schulde ihr wirklich einiges und bekomme ja auch noch mein Kreditkarten-Trinkgeld für heute Abend. Außerdem mag ich das Wechselgeld. Ich bewahre es in einem Glas auf meiner Kommode auf und löse es ungefähr einmal im Monat ein. Meistens sind es ein paar Hundert Dollar, die ich wie den Zehn-Dollar-Schein benutze, den man Anfang Herbst in seiner Jackentasche entdeckt. Damit leiste ich mir ein Steakessen oder mache einen Tagesausflug nach Napa.



„Danke“, sagt sie und steckt die Scheine in ihre Rechnungshülle, die schon mit Zetteln vollgestopft ist.



„Wie viele Nummern hast du da drin gesammelt?“, frage ich.



Jeder von uns hat seine eigene Rechnungshülle, in der wir Wechselgeld, Kreditkartenbelege, Bargeld und Bestellblock aufbewahren. Ein Barkeeper lässt seine Rechnungshülle lieber nie zurück. Darin heben wir auch die Telefonnummern auf, die uns die Kunden zustecken. Katie und ich liefern uns ständig einen kleinen Wettkampf. Wir nennen ihn „Nummern sammeln“. Am Ende des Abends vergleichen wir, wer die meisten Telefonnummern gesammelt hat. Das ist immer Katie, sodass mein Handicap bei zehn Nummern liegt.



„Das willst du nicht wissen“, antwortet sie selbstbewusst.



„Ich würde gern wissen, mit wem du heute Abend heißen Sex haben wirst.“



Sie schüttelt den Kopf und nimmt meine Hand. „Sieh an, Clay. Bist du etwa eifersüchtig?“



„Hey, mach dir um mich keine Sorgen. Ich werde Spaß haben.“



„Ich weiß“, sagt sie traurig. „Aber nicht mit mir, stimmt’s?“



Schnell ziehe ich meine Hand weg, als hätte ich mich verbrannt. „Ich hasse dich.“



„Nein, tust du nicht.“ Sie lacht und zwinkert mir vielsagend zu.



„Dann verschwinde, bevor ich dich doch hasse.“



Sie springt vom Barhocker und geht zur Tür. „Gute Nacht, Tommy!“



„Gute Nacht, Katie!“, erwidert er, über den Wischmopp gebeugt.



„Gute Nacht, Clay!“



„Gute Nacht, du schrecklichster Mensch der Welt!“



In der Tür bleibt sie stehen, dreht sich um und wirft mir einen Kuss zu. Widerwillig erwidere ich die Geste. Sie „fängt“ ihn auf, klatscht ihn sich auf den Hintern und tritt hinaus auf die Straße.



„Ihr zwei wartet nur darauf, verklagt zu werden.“



Ich drehe mich um und erblicke Alex, der am Ende der Bar steht.



„Bist du soweit?“, fragt er.



„Ja.“



„Also los“, sagt er, öffnet meine Schublade und startet die Auflistung meiner Umsätze. Ich nehme die Schublade und folge ihm ins Büro.



Alex setzt sich an seinen Computer und arbeitet an der Inventur, während ich den Inhalt meiner Schublade zähle.



Rasch überzeuge ich mich davon, dass der Betrag in der Kasse mit dem zu Schichtanfang übereinstimmt, abzüglich meiner Einnahmen und Kreditkarten-Trinkgelder.



„Ich ziehe 412,62 Dollar ab und meine Kreditkarten-Trinkgelder betragen 274,80“, verkünde ich dann und halte Alex die Schublade hin.



„Gib mir eine Sekunde“, sagt er und tippt langsam auf der Tastatur weiter.



Wortlos halte ich ihm die Kassenschublade direkt vors Gesicht. Irgendwann kann er sie nicht länger ignorieren und sieht mich an. „Hast du was vor?“



„Kann sein. Und sie mag es nicht, wenn man sie warten lässt.“



Er reißt mir die Schublade aus der Hand. „Das will ich gar nicht wissen.“



Er überprüft meine Beträge und zählt das Geld.



„Wie immer perfekt“, sagt er und unterschreibt meinen Einzahlungsschein. „Verschwinde und tu, was du tun musst.“



Ich springe von meinem Stuhl hoch und steuere die Tür an. Eigentlich sollte ich es lassen, aber ich kann der Versuchung, ihm noch einen letzten Seitenhieb zu verpassen, bevor ich gehe, nicht widerstehen.



„Ich werde ihr einen Gruß von dir ausrichten.“



Er drückt sich die Fingerspitzen in die Ohren. „La-la-la-la-ich-kann-nicht-hören-was-du-sagst-la-la-la-will-es-gar-nicht-wissen-la-la-la.“



„Einen schönen Abend noch!“, rufe ich beim Verlassen des Büros.





***





Ein paar Minuten später passiere ich den Pavillon auf dem Marktplatz, der mit Lichtern geschmückt ist, und fahre weiter in Richtung Meer. Ich freue mich schon auf den Sex, von dem ich nur noch wenige Minuten entfernt bin.



Emily und ich treffen uns seit Monaten heimlich und unsere Affäre hat noch nichts von ihrem Reiz verloren. Sie macht Spaß, ist aufregend und bietet ihre ganz eigene Herausforderung. Sie ist fast ausschließlich körperlich. Das heißt aber nicht, dass Emily mir egal ist. Das ist sie nicht, aber wir haben offen darüber geredet und das Wort „Liebe“ kam dabei nicht vor. Das ist für uns völlig in Ordnung.



Beim ersten Mal wusste ich noch gar nicht, dass sie verheiratet ist. Sie vergaß praktischerweise, es zu erwähnen. Damals kam sie allein in die Bar, wir flirteten den ganzen Abend über und landeten schließlich im Bett. Es machte Spaß und ich hielt es für einen lockeren One-Night-Stand.



Ein paar Abende später brachte sie ihren Mann mit ins Gryphon.



Sie passen null zusammen. Emily ist umwerfend, sinnlich. Er ist klein, schmächtig, mit angehender Glatze. Außerdem benahm er sich arrogant, fordernd und wollte sie unbedingt vorführen. In anderen Worten: Er ist der typische kleinwüchsige, total unheimlich unsichere Mann voller Minderwertigkeitskomplexe. Doch als Hedgefonds-Manager besitzt er das eine Kapital, das ihm sämtliche Türen öffnet: Geld. Emily hingegen langweilt sich in ihrer Ehe.



Ich war sprachlos.



Wir wechselten immer wieder Blicke, während er zu laut über seine Geschäftsabschlüsse redete, beim Versuch, die Gäste um ihn herum zu beeindrucken. Doch viele von ihnen waren ebenfalls Millionäre und mochten seine Angeberei nicht.



Irgendwann verkündete er theatralisch, kurz nach draußen zu gehen, um einen Anruf wegen eines „Milliarden-Dollar-Projekts“ entgegenzunehmen. Nachdem Emily und ich Blicke ausgetauscht hatten, nutzte ich die Gelegenheit, mich ihr zu nähern.



„Wer genau ist das?“, fragte ich.



„Mein Mann“, erwiderte sie beiläufig.



„Du hast mir gar nicht gesagt, dass du verheiratet bist.“



„Du hast mich nicht gefragt.“ Sie lächelte. „Keine Angst. Du läufst nicht Gefahr, eine glückliche Familie zu zerstören oder so was. Wir haben keine Kinder. Wir sind nur in rechtlicher Hinsicht verheiratet.“



„Ist das nicht die einzige Hinsicht, die zählt?“



„Bereust du neulich Nacht?“



Mein Zögern reichte ihr als Antwort.



„Gut“, sagte sie mit einem Blick, der verriet, dass wir gerade erst am Anfang standen.



Ihr Spielchen gefiel mir. Ihr Selbstbewusstsein gefiel mir. Sie gefiel mir.



In diesem Moment kam ihr Mann mit einem so schwungvollen Gang und einer so selbstzufriedenen Miene zurück, dass es schon fast komisch war. Er bestellte eine Runde Schnäpse für alle an der Bar, um den gerade abgeschlossenen Deal zu feiern. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass er log, aber er beglich die horrende Rechnung und bestand darauf, dass Katie und ich mit ihm einen Shot tranken. Dieser Aufforderung kamen wir nur zu gerne nach. Emily und ich sahen uns tief in die Augen, während wir unsere Schnapsgläser leerten.



In diesem Moment wusste ich, dass das, was ich für einen One-Night-Stand gehalten hatte, noch lange nicht vorbei war.



Als sie bezahlten, bedankte ich mich und sagte, dass ich hoffte, sie würden bald wiederkommen, während ich die ganze Zeit über nur sie ansah.





***





Eine Woche später kam sie tatsächlich zurück – ohne Mann.



„Kein Date heute Abend?“, fragte ich, als sie sich an der Bar niederließ, und war überrascht darüber, wie sehr ich mich freute, sie wiederzusehen.



„Nö.“



„Das ist aber schade.“



„Nicht wahr? Ich bin völlig am Boden zerstört. Ich werde mich total einsam fühlen.“



„Echt tragisch.“ Ich nickte. „Na ja, ich könnte dir Gesellschaft leisten, wenn es dir nichts ausmacht, dass ich noch ein bisschen arbeiten muss.“



Sie verschlang mich mit ihrem hungrigen Blick. „Ganz und gar nicht.“



Den ganzen Abend über setzten wir unsere Wortgefechte und zweideutigen Andeutungen fort.



Als ich Feierabend hatte, gingen wir zu ihr. Ihr Mann war auf einer Konferenz in San Francisco, und so hatten wir auf seinem geliebten Billardtisch Sex. Ich selbst hatte nur milde Entzugserscheinungen, aber unsere beiden Zusammenkünfte zeigten mir deutlich, dass sie schon lange sexuell ausgehungert war.



Seitdem nutzen wir jede Gelegenheit, die sich bietet.





***





Ich biege rechts auf die Kensington Street ab, die am Strand entlangführt und mich direkt zum Seaside Motel bringt. Wäre ich geradeaus weitergefahren, anstatt abzubiegen, wäre ich irgendwann vor dem Haus der Parkers angekommen.



Als wir anfingen, miteinander zu schlafen, hatte ich diesen Weg genommen, aber jetzt nicht mehr. Wir treffen uns nicht länger dort. Während der Abwesenheit ihres Mannes hatten wir uns auf die Mission begeben, jedes Zimmer des Hauses zu nutzen. Es war fantastisch. Wir hatten Sex und anschließend trat ich nackt aus ihrem Schlafzimmer auf den riesigen Balkon, der übers Meer hinausragte, und bewunderte die Aussicht. Dann ging ich wieder hinein und wir liebten uns in einem anderen Zimmer. Ich blieb die ganze Nacht über dort. Gegen acht Uhr morgens schliefen wir ein. Nachmittags wachte ich auf und ging mit geröteten Wangen zur Arbeit, wo ich verächtliche Blicke von Katie und Alex erntete. Alex weiß, dass ich mich mit jemandem treffe, aber nicht, mit wem. Katie hat es von selbst herausgefunden, weil sie uns so oft in der Bar beim Flirten beobachtet hat.



Emily gefällt es nicht, die Trophäe ihres Mannes zu sein. Im Gegenteil, sie hasst es und mag ihren Mann ganz und gar nicht. Sie hat darüber gesprochen, sich von ihm zu trennen, aber sie liebt die finanziellen Vorteile und hat es nicht eilig, sie aufzugeben. Irgendwann begann sie, zwischen der paranoiden Angst, erwischt zu werden, und Waghalsigkeit hin und her zu schwanken. Manchmal machte sie sich übertriebene Sorgen, dass jemand es herausfinden könnte; dann sagte sie unsere Verabredung in letzter Minute ab. Ein anderes Mal faselte sie, wie egal es ihr sei, und dann sind wir absurde Risiken eingegangen, wie zum Beispiel, als wir es während einer meiner Arbeitspausen auf der Motorhaube eines Autos in einer Seitenstraße hinter dem Gryphon trieben. Und dann gab es auch die Male, an denen wir einfach zu ihr nach Hause gegangen sind.



Aber wir waren unvorsichtig und wären in ihrem Haus beinahe erwischt worden.



Danach beschloss sie, dass wir uns nur noch in Motels treffen würden, und zwar nicht in teuren. Ich finde es albern, doch nach einer Welt voller edler ägyptischer Bettwäsche, Marmorböden und einem privaten Weinkeller erregt es sie anscheinend, sich in solchen heruntergekommenen Absteigen zu treffen. Was soll’s. Ich lasse mir die Gelegenheit, sie zu sehen, nicht entgehen.



Deshalb stelle ich mir schon lebhaft vor, was mich in Zimmer Nr. 37 erwartet, als ich auf den Parkplatz des Seaside Motel fahre. Es ist ein L-förmiges, einstöckiges Gebäude, das für immer in den 1960er-Jahren stehengeblieben ist, aber nicht ohne Charme. Der Retro-Look wurde ganz bewusst erhalten und man hat einen atemberaubenden Blick auf das Meer auf der anderen Straßenseite. Solche Orte findet man in Avalon überall.



Ich stelle den Wagen auf einem der zahlreichen freien Plätze ab. Die Luft ist schwer und schmeckt nach Meersalz, das von der Ebbe aufgewirbelt wurde. Mir fällt auf, dass ein zweiter silbergrauer Honda Civic – genau wie mein Auto – in der Nähe des Büros parkt. Ihren Wagen sehe ich nicht, was mich auch nicht wundert. Wie gesagt, seit wir beinahe erwischt worden wären, ist sie weitaus paranoider geworden. Jetzt zahlt sie im Gryphon immer bar. Sie hat sich auch ein Prepaid-Handy angeschafft, damit wir uns Textnachrichten schicken können. Sie lässt sich von Uber- und Lyft-Fahrern, die Cash nehmen, zu unseren Treffen bringen. Vor dem Gryphon warten immer ein paar von ihnen, die ihre Einnahmen nicht mit dem Fahrdienst teilen möchten. Auch wollen sie keine Steuern darauf zahlen, und ihre Fahrgäste wollen vermeiden, dass etwas auf ihren Kreditkartenabrechnungen auftaucht, das ihre Partner entdecken könnten. Emily hat außerdem herausgefunden, dass Motels wie das Seaside oft keinen Ausweis sehen wollen oder den Aufenthalt nicht dokumentieren, wenn man den doppelten Zimmerpreis bar bezahlt. Mittlerweile hat sie es drauf, dafür zu sorgen, dass der Assistent ihres Mannes nichts Verdächtiges auf ihren Kreditkarten findet, für die ihr Mann aufkommt, und dass er nichts in ihren Konten findet, die ihr Mann überwacht.



Ich gehe an den Reihen nummerierter Zimmertüren vorbei. Neben jeder Tür befindet sich ein großes Fenster. An manchen sind die Vorhänge zugezogen und sie werden vom gedämpften, flackernden Schein eines Fernsehers erhellt, doch um diese Uhrzeit sind die meisten dunkel.



Dann komme ich vor Nummer 37 an.



Drinnen brennt Licht.



Hinter dieser Tür werde ich sie nackt auf dem Bett, auf der Seite liegend und den Kopf in die Hand gestützt, vorfinden. Sie wird fragen: „Warum kommst du so spät?“ Das wird unsere gesamte Unterhaltung sein. Ich freue mich schon auf ihre gierigen Berührungen, ihr Können, und darauf, in der Hingabe zu baden, die entsteht, wenn zwei Menschen einander bewusst für die körperliche Lust benutzen.



Ich drücke gegen die Tür, aber sie gibt nicht nach. Normalerweise lässt sie sie einen Spaltbreit offen, damit sie nicht aufstehen muss, um mich reinzulassen, aber heute gibt es ein Problem: Der Riegel ist zugezogen.



Was zum Teufel?



Ich schaue noch einmal prüfend auf die Nummer an der Tür.



Ja, das hier ist Zimmer 37.



Ich klopfe leise.



„Emily?“



Keine Antwort.



Vielleicht ist sie eingeschlafen.



Ich klopfe erneut. Keine Antwort.



Ich hole mein Handy heraus, wähle ihre Prepaid-Nummer und drücke mein Ohr ans Türblatt. Drinnen klingelt ein Handy. Wenn sie eingeschlafen ist, wird sie der Anruf hoffentlich wecken, obwohl sie eigentlich schon vom Klopfen hätte aufwachen sollen.



Die automatische Mailbox schaltet sich ein.



Ich schaue mich um. Alles ist still im Seaside Motel. Nur das leise Summen der Parkplatzlichter und das Rauschen der Wellen von der anderen Straßenseite sind zu hören.



Gerade will ich erneut klopfen, als mein Handy mit einer Textnachricht pingt.





Heute Abend habe ich keine Lust.





Verdammt.





Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber es muss doch nicht unseren ganzen Abend ruinieren,





schreibe ich zurück und drücke auf Senden.





Ich bin zu müde,





antwortet sie.



Meine Daumen fliegen über das Display.





Okay, aber kannst du bitte die Tür aufmachen?





Es entsteht eine lange Pause, dann pingt mein Handy wieder.





Nein. Lass mich in Ruhe.





Na toll. Sie hat mal wieder einen dieser Abende, aber selbst dann, wenn sie bisher mal spontan ein Treffen abgesagt hat, haben wir uns wenigstens kurz miteinander unterhalten.



Es ist sinnlos, zu versuchen, sie umzustimmen. Ihre Entscheidung steht fest.



Der Abend ist also gelaufen. Es ist ein bisschen merkwürdig, aber ich werde keine weitere Zeit darauf verschwenden. Wenn es nicht stattfindet, dann findet es eben nicht statt.





Gute Nacht,





schreibe ich.



Sie antwortet nicht.





***





Sobald ich in meiner Wohnung angekommen bin, gehe ich direkt ins Badezimmer. Ich stelle mich unter die Dusche, schrubbe mich gründlich, trockne mich ab und steige ziemlich frustriert ins Bett.



In ein paar Wochen wird sie wieder in der Bar auftauchen und wir werden da weitermachen, wo wir aufgehört haben.



Trotzdem war das Ganze komisch.



Sie hat zwar schon manchmal von heiß auf kalt gewechselt, aber das heute Abend fühlte sich irgendwie anders an.



Was soll’s?



Während ich einschlafe, denke ich darüber nach, was hinter der Tür auf mich gewartet hat …





***





Jetzt, da ich Detective Mendez gegenübersitze und auf die Fotos starre, weiß ich es.



Obwohl ein Post-it-Zettel einen Teil des Bildes verdeckt, kann ich Emilys Gesicht sehen.



Mechanisch und völlig geschockt greife ich nach dem Foto.



„Mr. Davis, es tut mir leid, aber Sie dürfen nicht –“



Ich reiße den Post-it-Zettel ab.



Emily liegt genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, nackt auf dem Bett, aber ihre Kehle ist mit einem brutalen Schnitt durch die Luftröhre aufgeschlitzt. Ihre leblosen Augen starren an die Decke. Die Matratze ist blutgetränkt.



„Mr. Davis!“



Er entreißt mir das Foto, aber das Bild brennt sich in mein Gedächtnis ein.



„Es – es tut mir leid. Ich wollte nicht –“, stammle ich. „Ich hab nicht nachgedacht.“



„Es ist meine Schuld“, sagt Detective Mendez und legt das Foto in den Ordner zurück. „Ich hätte es Ihnen nicht zeigen sollen.“



Während er sich sammelt, starre ich auf die anderen Fotos, die den Rest des Motelzimmers dokumentieren: Ihre Kleidung ist ordentlich auf einem Stuhl abgelegt, ihre Handtasche, die Schlüssel und das Handy liegen auf dem Tisch.



Zwar kann ich den Brechreiz, der in meiner Kehle aufsteigt, unterdrücken, aber nicht das Zittern meiner Hände. Die Schweißperlen, die sich auf meiner Stirn gebildet haben, rinnen mir in die Augen. Inmitten all des Chaos beschleicht mich der seltsame Gedanke, dass etwas mit den Fotos nicht stimmt, und zwar noch etwas anderes als die Frau, mit der ich regelmäßig geschlafen habe, die nackt und mit aufgeschnittener Kehle auf dem Bett liegt. Irgendetwas fehlt.



„Mr. Davis? … Clay?“, fragt Detective Mendez.



Natürlich werde ich es ihm sagen. Ich werde ihm alles erzählen: die Affäre, unsere heimlichen Treffen, die Motels, alles. Aber nach dem, was in den letzten dreißig Sekunden passiert ist, habe ich das Sprechen verlernt.



Moment mal. Jetzt weiß ich, was auf dem Foto fehlt: Emilys Prepaid-Handy.



Um sicherzugehen, sehe ich mir die Bilder noch einmal an. Es ist nirgendwo zu sehen.



Das bedeutet, dass wer auch immer sie getötet hat, es mitgenommen und …



Plötzlich erinnere ich mich an die Textnachricht, die auf meinem Handy gepingt hat, als ich den Flur entlang zu diesem Raum ging.



Wie im Autopilotmodus greife ich nach meinem Handy in meiner Tasche.



„Clay?“



„Entschuldigung, Detective. Ich muss nur kurz etwas nachsehen …“



Detective Mendez könnte genauso gut am anderen Ende der Welt sein, und es ist gut, dass mein Gesichtsausdruck schon maximal verwirrt ist, denn die Nachricht, die von Emilys Prepaid-Handy gesendet wurde, hat die surreale Situation in einen Albtraum verwandelt.





Halte den Mund, sonst erzähle ich ihnen von dem Blut in deinem Auto, MEIN SÜSSER KLEINER CUPCAKE.





Das hier passiert jetzt nicht wirklich.



Und noch etwas lässt mir das Herz in die Hose fallen: Als ich gestern Nacht vor der Tür von Zimmer Nummer 37 des Seaside Motels stand, war es nicht Emily, mit der ich getextet habe. Es war dieser Typ. Er weiß, wer ich bin. Er kennt meine Nummer … und er weiß Bescheid über „meinen süßen kleinen Cupcake“.



Das ist doch unmöglich! Das muss ein Witz sein!



„Clay? Ist alles in Ordnung?“



Plötzlich werden meine Gedanken glasklar.



Wer auch immer dahintersteckt, kann die Polizei leicht dazu bringen zu denken, ich hätte Emily getötet. Ich habe es zwar nicht getan, aber wie soll ich das Detective Mendez erklären? Ja, wir hatten eine Affäre. Ja, ich war im Seaside Motel und ja, meine Fingerabdrücke sind an der Tür, aber ich habe sie nicht umgebracht. Aber wenn ich ihm diese Nachricht zeige und Blut in meinem Auto ist, wie soll ich das erklären? Selbst wenn da kein Blut ist, wird er fragen, was „mein süßer kleiner Cupcake“ zu bedeuten hat, und wenn ich es ihm sage, ist es aus. Dann werden sie mich in eine Zelle sperren und wer auch immer Emily das angetan hat, wird mit Mord davonkommen.



„Mr. Davis?“



Dies löst eine Art von Überlebensinstinkt in mir aus. Das Chaos in meinem Kopf verfliegt und ich kann meine Lage klar erkennen. Wenn ich versuche, ihm alles zu erklären, und ihm die Textnachricht zeige, werden sie denken, ich hätte es getan. Dann werde ich eingesperrt. Dann wird mir keiner je glauben und dieser Kerl, wer auch immer er ist, kommt ungeschoren davon.



Ich kann nicht fassen, was ich gleich tun werde, aber ich sehe keinen anderen Ausweg.



Ich muss lügen.



Ich blinzle und schüttle den Kopf, um mich zu konzentrieren.



„Es tut mir leid, Detective Mendez. Ich – ich kann es einfach nicht glauben.“



„Schon gut.“ Detective Mendez hebt die restlichen Fotos vom Tisch auf und legt sie zurück in den Aktenordner. „Ich weiß, es ist ein Schock, aber ich muss von Ihnen wissen, woher Sie Emily Parker gekannt haben?“



„Sie, ähm, sie war Stammgast in der Bar.“



„Da haben Sie sich kennengelernt?“



„Ja …“



Ich kann nicht mehr tun, als die Panik zu unterdrücken. Wer auch immer dieser Typ ist, kennt mich. Er weiß Dinge über mich und Emily, die niemand sonst wissen kann.



„Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“



„Ähm … vorgestern Abend, als sie in die Bar kam.“



„Haben Sie mit ihr gesprochen?“



„Ja. Ich habe ihr ein paar Drinks serviert.“



„Wie viele Drinks?“



„Ein paar Wodka-Tonics.“



„Wie viele?“



„Ungefähr vier.“



„Kam Ihnen ihr Verhalten merkwürdig vor?“



„Nein.“



„Hat sie gesagt, ob sie sich mit jemandem trifft?“



„Nein.“



Er nickt und macht sich auf seinem Schreibblock eine Notiz.



„Wer hat Ihnen eine Textnachricht geschickt?“



„Das war wegen der Arbeit.“



Er nickt erneut, ohne aufzusehen.



Ich verberge meine zitternden Hände unter dem Tisch, damit er sie nicht sieht. Ich weiß nicht, ob er mir glaubt. Ist er immer so oder spielt er mir nur etwas vor, um mich zum Reden zu bringen?



„Also hatten Sie eine … freundschaftliche Beziehung?“



„Ich bin Barkeeper. Ich habe zu jedem eine freundschaftliche Beziehung. Das ist mein Job.“



Irgendetwas an seiner Frage lässt mich aufhorchen.



Was darf ich Ihnen bringen?



Es ist die alte Frage eines jeden Barkeepers. Ich weiß, es klingt unterwürfig, wenn ich das frage, aber deine Antwort, deine Bestellung, deine Körpersprache, dein Tonfall verraten mir alles, was ich wissen muss. Bist du glücklich? Traurig? Hast du Geld? Willst du mit jemandem reden oder lieber in Ruhe gelassen werden? Du verrätst mir alles über dich und ich werde es nutzen, um das zu bekommen, was ich will: ein dickes Trinkgeld. Doch jetzt, während ich Detective Mendez ansehe, denke ich: Was darf ich Ihnen bringen? Was soll ich Ihnen geben, um das zu bekommen, was ich will, nämlich aus diesem Raum herauszukommen?



Sein Verhalten ist zum Verzweifeln. Er stellt keine intensiven Fragen. Er bohrt nicht zu tief. Er will nur ein paar Antworten. Er wirkt wie ein Einzelgänger, jemand ohne starke soziale Kompetenzen; der Typ Sydney Loomis. Ich muss mich locker geben. Ihn seine Unsicherheit im Umgang mit anderen vergessen lassen.



„Ist sie jemals mit anderen Leuten in Ihre Bar gekommen?“, fragt er.



Da ist sie. Genau das ist mein „Ausweg“.



Ich versuche, mich zu entspannen oder zumindest so zu wirken, denn unter den gegebenen Umständen ist es unmöglich, sich zu entspannen, und tue so, als sei der Tisch zwischen uns die Bar. Ich schlüpfe in meine Rolle als Barkeeper, was mich selber anwidert, aber ich muss hier raus.



„Ja“, sage ich und verdrehe leicht die Augen. „Mit ihrem Mann. Haben Sie den Kerl schon kennengelernt?“



Sein Verhalten ändert sich sofort. Er wird lockerer.



„Ja“, sagt er und verdreht wie ich die Augen. Seine Lippen verziehen sich zu etwas, das fast wie ein Lächeln aussieht.



Meine Taktik hat funktioniert. Jetzt sind wir nur zwei Männer unter sich.



„Er ist ein komischer Typ.“



„Mhm-mhm“, macht er, während er wieder etwas auf seinen Notizblock kritzelt. „Wie haben die beiden auf Sie gewirkt?“



Ich verlagere unbehaglich das Gewicht.



„Schon okay“, sagt er. „Ich frage Sie bloß nach Ihrer Meinung.“



„Na ja, sie waren … nicht gerade sehr überzeugend.“



„Im Ernst?“



„Ja, schon, aber nicht so was“, füge ich hastig hinzu und deute auf die Akte. Womöglich habe ich es etwas übertrieben. Ich wollte mich bei Detective Mendez einschmeicheln, damit er lockerer wird und ich von hier wegkomme, aber ich möchte nicht andeuten, dass irgendein anderer Unschuldiger den Mord an Emily begangen hat.



„Verstehe“, sagt er und macht sich weitere Notizen. Er wirkt jetzt viel entspannter. „Aber vorgestern Abend ist sie allein in die Bar gekommen?“



„Ja.“



„Und wohin sind Sie nach der Arbeit gegangen?“



„Nach Hause.“



„Kann jemand das bezeugen?“



„Ich bin der ewige Junggeselle“, antworte ich achselzuckend und grinse verlegen.



Er macht sich eine Notiz. „Gut. Das wäre für den Augenblick alles.“ Er holt etwas aus seiner Tasche und schiebt es über den Tisch. „Hier ist meine Karte. Falls Ihnen noch etwas einfällt, lassen Sie es mich bitte wissen.“



Es gibt tausend Dinge, die ich ihm jetzt erzählen könnte, tausend Dinge, die ich ihm gerne sagen würde, weil ich will, dass er denjenigen fasst, der Emily das angetan hat. Aber wenn ihr Blut in meinem Auto ist, wird er mir nie glauben. Keiner wird es glauben.



„Okay.“ Ich stecke das Kärtchen in meine Hosentasche und versuche, nicht zu hastig aufzustehen. Ich muss unbedingt mit Katie reden. Ich muss wissen, was sie sie gefragt haben. Warum hat mir Detective Mendez diese Fotos gezeigt? Katie hat er sie bestimmt nicht gezeigt, denn sonst hätte sie etwas gesagt. Warum also mir?



Detective Mendez erhebt sich. „Und geben Sie mir Bescheid, falls Sie demnächst vorhaben, zu verreisen, okay?“



„Klar doch.“



„Danke, Mr. Davis“, sagt er und reicht mir die Hand. „Ach, entschuldigen Sie, ich meine ‚Clay‘.“



„Kein Problem“, erwidere ich und schüttle seine Hand. Er hat einen festen Händedruck.



Ich gehe zur Tür.



„Tut mir leid, Clay. Eine letzte Frage noch.“



Jetzt kommt’s.



Er hat es getan. Er hat einen Riss in meiner Geschichte entdeckt. Er spielt mit mir. Ich weiß nicht, wie die Frage lautet, aber ich bin mir sicher, dass er mich damit gegen die Wand drücken und mir Handschellen anlegen wird.



„Ja?“



„Ihre Bar, das Gryphon. Taugt sie was?“



Im Ernst jetzt?



„… ja.“



„Was macht sie zu einer guten Bar?“



„Ich.“



Er lacht und beweist damit, dass es die perfekte Antwort war.



„Welchen Drink mixen Sie am liebsten?“, fragt er.



Barkeeper hassen diese Frage. Es ist so, wie wenn dich jemand fragt, welchen Verkaufsbericht du am liebsten erstellst. Bei manchen Drinks wissen wir, dass wir sie gut mixen können, aber das ist was anderes als der Drink, den wir am liebsten zubereiten. Ich antworte immer trocken: „Eine Flasche Bud Light“, aber diesmal bin ich froh, von jemandem danach gefragt zu werden. Der Typ sucht einen Freund.



„Meine Margarita ist legendär.“



„Tatsächlich? Nun, dann muss ich wohl mal vorbeikommen und prüfen, ob Sie die Wahrheit sagen.“



Der letzte Teil über die Wahrheit lässt mich erneut im Unklaren darüber, ob er mit mir spielt, aber jetzt muss ich liefern.



„Die erste geht auf mich.“



Er lächelt. „Also gut. Danke fürs Kommen und denken Sie dran: Sollte Ihnen noch was einfallen, dann rufen Sie mich an. Das meine ich ernst.“



„Mach ich, und die Margarita meine ich auch ernst.“



Er nickt und ich gehe zur Tür hinaus.





***





Ich starre meinen Civic an, als wäre er radioaktiv verseucht. Mein erster Impuls war, sofort im Wageninneren nachzusehen, aber das würde mitten auf dem Parkplatz der Polizeiwache ziemlich verdächtig wirken. Daher werfe ich nur einen kurzen Blick durch die Scheiben auf den Rücksitz. Ich sehe nichts, aber es könnten ja auch nur irgendwo ein paar Tropfen sein. Vielleicht ist auch gar kein Blut vorhanden.



Beim Herfahren habe ich nichts bemerkt, aber ich habe auch nicht wirklich danach gesucht –



Wieder pingt mein Handy.



Es ist eine weitere Textnachricht von Emilys Prepaid-Handy. Noch vor wenigen Minuten wäre ich davon ausgegangen, dass es eine Flirtnachricht ist, in der sie schreibt, dass sie es gar nicht erwarten kann, mich wiederzusehen, und dann hätte ich versucht, mich so schnell wie möglich mit ihr zu verabreden.



So eine Nachricht werde ich nie wieder von ihr bekommen.



Stattdessen steht in dieser:





447 Sweetgrass Road. Evergreen Terrace Apartments. Nr. 208. In der Wohnung findest du was, das dir weiterhelfen wird. Es ist blau. Wenn du es siehst, wirst du es gleich erkennen. Der Wohnungsschlüssel liegt unter der Matte.





Ich werfe noch einen Blick auf den Park gegenüber, wo es von Menschen wimmelt, und die unzähligen Cafés und Restaurantterrassen, die sich bis in die Ferne erstrecken. Er ist hier. Er muss hier sein, nicht wahr? Er muss mich beobachtet haben, als ich die Polizeiwache betrat. Daher wusste er, wann er die erste Nachricht zu schicken hatte. Wie sonst –



Ich empfange eine weitere Textnachricht, die meine Frage beantwortet.





Du siehst nervös aus. Reg dich ab. Es ist Zeit für unser Spiel.





2



„Was machst du da? Was machst du da? Was machst du da bloß?“, stammle ich panisch zum ungefähr siebzigsten Mal.



Was soll ich denn sonst machen? Mir schwirrt immer noch der Kopf. Ich kann nicht zulassen, dass dieser Kerl der Polizei von „meinem süßen kleinen Cupcake“ oder dem Blut in meinem Auto erzählt. Ich muss Zeit gewinnen, bis ich mir überlegt habe, was ich tun soll, und das kann ich nur, wenn ich fürs Erste sein Spielchen mitspiele. Das mag dumm sein, aber im Moment habe ich keine andere Wahl.



Von meinem Blickpunkt auf dem Parkplatz gegenüber aus wirken die Evergreen Terrace Apartments unauffällig. Es ist nur ein weiteres gesichtsloses Wohnhaus mit Innenhof, dessen größter Vorteil die Lage am Ortsrand von Avalon ist, von wo aus man in gewisser Weise das Meer sehen kann. Das Banner vor dem Gebäude verkündet, dass eine Wohnung frei ist. Die Luftballon-Trauben am Eingangsgeländer schaukeln in der sonnigen Brise und prallen voneinander ab.



Die Glastüren führen in die Lobby, die nur ein Raum mit ein paar älteren Sofas ist. In die Seitenwand sind die Briefkästen der Wohnungen eingelassen. Durch eine zweite Glastür komme ich in den offenen Innenhof. Auf der linken Seite befindet sich das Vermietungsbüro. Ein kleiner Pool nimmt den Großteil des Hofes ein. Zwei Kinder planschen im Wasser, während ihre Mütter auf Gartenstühlen sitzen und sich unterhalten. Als sie mich erblicken, lächle ich sie an und versuche, cool zu wirken, aber ich befürchte, sie merken, dass ich mich kaum noch zusammenreißen kann.



Nachdem ich den Hof überquert habe, steige ich die Treppe in den ersten Stock hinauf.



Nummer 208 befindet sich in der Ecke. Auf der roten Fußmatte steht „Willkommen!“. Ich blicke mich verstohlen um. Außer den Kindern und Müttern am Pool ist weit und breit kein Anzeichen von Leben. Hastig beuge ich mich hinunter und hebe eine Ecke der Fußmatte hoch. Und tatsächlich liegt ein glänzender Metallschlüssel darunter. Ich greife danach, stecke ihn ins Schloss und drehe ihn. Der Riegel springt zurück und ich kann die Tür aufdrücken.



Ich erwarte alles Mögliche: eine Folterkammer, jemanden, der eine Pistole auf mein Gesicht richtet, oder sogar die Polizei. Genau das, was ich nicht erwarte, finde ich vor: ein nichtssagendes Appartement. Von der Tür aus kann ich fast die ganze Wohnung überblicken. Die Einrichtung ist spartanisch. Im Wohnzimmer stehen eine Couch und ein Zweisitzer vor einem Fernseher. In der Küche ist ein Esstisch mit Stühlen. Hinter der Küche führt ein kurzer Flur zu einem Schlafzimmer.



„Hallo?“, rufe ich, bevor ich einen Fuß in die Wohnung setze, was natürlich dumm ist, wenn der Mörder irgendwo da drinnen auf mich wartet. Aber ich spüre schon, dass seit einiger Zeit niemand mehr hier war.



Ein kurzer Gang durch die Wohnung bestätigt meinen Verdacht.



Im Schlafzimmer steht ein großes Doppelbett. Die Kleiderschränke sind leer. Im kleinen Badezimmer befinden sich nur ein paar Toilettenartikel und zwei Zahnbürsten in einem Becher neben dem Waschbecken. Zwei Handtücher hängen am Handtuchhalter. Ich gehe zurück in die Küche, die fast leer ist. In den Schränken stehen ein paar Teller und in einer Schublade liegt etwas Besteck. Der Kühlschrank ist leer. Die Speisekammer auch.



Ich sehe nichts, was mir „weiterhelfen“ könnte, geschweige denn irgendwas Blaues.



Im Wohnzimmer suche ich unter den Sofakissen und hinter dem Fernseher. Nichts. Zumindest nichts, was ich „gleich erkenne, wenn ich es sehe“.



Wovon redet der Typ bloß?



Ich öffne alle Schränke und Schubladen in der Küche. Ich suche die Unterseiten der Regale in der Speisekammer nach einem geschriebenen Hinweis oder Zettel mit einer Anweisung ab. Im Schlafzimmer reiße ich die Decke und Laken vom Bett. Nichts. An den Wänden hängt auch nichts. Es ist die spartanischste Wohnung, die man sich vorstellen kann. Ich gehe zurück ins Badezimmer und suche unter dem Waschbecken, in der Badewanne und im Medizinschrank hinter dem Spiegel. Sogar im Spülkasten sehe ich nach. Da ist nichts.



Nach meiner erfolglosen Suche lande ich wieder im Wohnzimmer. Frustriert schreibe ich eine Textnachricht an Emilys Prepaid-Handy:





Wonach suche ich eigentlich?





Ich drücke auf Senden und warte … und warte …





Hallo?,





tippe ich und drücke auf Senden.



Die überreizten Nerven in meinem Magen verhärten sich zu einem Knoten, der sich zu böser Vorahnung steigert, die mir in die Glieder fährt. Erneut durchsuche ich die Wohnung, während ich auf eine Antwort warte, obwohl ich sicher bin, dass sie nicht kommen wird.



„Das hier ist Zeitverschwendung“, sage ich laut, während ich wieder sämtliche Schränke und Schubladen in der Küche aufmache. Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass hierherzukommen ein schrecklicher Fehler war.



Auch eine weitere Durchsuchung des Kleiderschranks im Schlafzimmer bringt nichts.



Ich stehe im Schlafzimmer und mustere prüfend die leeren Wände.



Verdammt noch mal!



Ich hole mein Handy heraus und schreibe noch eine Nachricht.





Wonach suche ich eigentlich?





Ich drücke auf Senden und warte.



Der Cursor blinkt.



Das unheimliche Gefühl schlägt in Wut um.



Der Typ verarscht mich.



Hier ist nichts und in meinem Auto ist wahrscheinlich auch nichts. Ich habe ihm einfach abgenommen, dass er Blut im Innenraum verteilt hat, und sein Wissen über „meinen süßen kleinen Cupcake“ hat mich in Panik versetzt und dazu gebracht, Detective Mendez anzulügen, anstatt reinen Tisch zu machen.



Ich weiß, wie ich das wieder in Ordnung bringen kann.



Es gibt einen einfachen Weg, zu beweisen, dass die Behauptungen dieses Kerls nur heiße Luft sind. Und wenn ich diesen Beweis habe, werde ich direkt zu Detective Mendez gehen. Mir ist egal, woher dieser Kerl von „meinem süßen kleinen Cupcake“ weiß. Es war bloß ein Witz. Der Detective wird es verstehen.



Ich werde das ein für alle Mal regeln.





***





Ich trete aus der Lobby in die Sonne Avalons und steuere zielstrebig meinen Civic auf der anderen Straßenseite an.



In meinem Auto ist kein Blut. Sobald ich das bewiesen habe, werde ich Detective Mendez unsere Affäre gestehen. Sie macht mich noch nicht zu einem Mörder. Ja, ich war im Seaside Motel, aber ich habe sie nicht umgebracht. Ich werde ihm die Textnachrichten zeigen. Nein, ich weiß nicht, von wem sie sind, und nein, ich weiß auch nicht, wo das Handy jetzt ist, und ja, ich habe bisher gelogen, aber er wird es verstehen. Ich werde ihm von „meinem kleinen Cupcake“ erzählen, was mir schwerfallen wird, aber mir bleibt nichts anderes übrig. Dieser Typ hat behauptet, er hätte Emilys Blut in mein Auto getan. Ich werde es Detective Mendez zeigen und er wird sehen, dass kein Blut drin ist. Klar wird er anfangs skeptisch sein, und es gibt Vieles zu erklären, aber am Ende wird er mir glauben. Er wird verstehen, warum ich gelogen habe, und ich werde zugeben, dass es ein schrecklicher Fehler war.



Ich entsperre die Wagentüren und öffne sie alle. Dann fange ich damit an, jeden Zentimeter des Innenraums akribisch zu untersuchen. Mein Auto ist ziemlich sauber und jeder Blutfleck würde auf den Stoffsitzen sofort ins Auge fallen. Wenn ich nichts finde, werde ich direkt zu Detective Mendez fahren.



Auf dem Armaturenbrett befindet sich kein Blut. Auf den Sitzen auch nicht. Auch auf dem Boden ist kein Blut, nur ein paar verstreute Fünf-Cent-Stücke und zwei Kugelschreiber, die ich aus dem Gryphon habe mitgehen lassen. Diese Flecken hier? Die stammen von neulich, als ich ein paar Tropfen Energydrink verschüttet habe.



Mit jeder Minute, in der ich nichts entdecke, wird mein Selbstvertrauen stärker.



Ich beende die Untersuchung des Bodens der Rückbank, richte mich auf, gehe zur Fahrerseite und ziehe am Griff, um den Kofferraum zu öffnen.



Dabei überlege ich mir schon, was ich Detective Mendez sagen werde.



„Zuerst einmal, Detective, muss ich mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe Sie angelogen, aber ich hoffe, Sie können es verstehen. Wissen Sie, Emily Parker und ich hatten zwar eine Affäre, aber ich habe sie nicht umgebracht. Es war jemand anderes, der jetzt unsere Beziehung benutzt, um mir was anzuhängen. Er hat mir geschrieben, ich solle schweigen, sonst würde er Ihnen von dem Blut in meinem Auto erzählen, aber wie Sie sehen können –“



Ich öffne den Kofferraum.



Mir stockt der Atem.



Es entsteht ein Moment des Schocks und Entsetzens. Dann schlage ich die Haube zu, starre aber weiter auf den geschlossenen Kofferraum.



Ich kann nicht zu Detective Mendez zurückkehren. Nicht jetzt. Niemals.



Der Kofferraum meines Autos ist blutdurchtränkt.



3



Zwei Sekunden lang reagiert keiner auf mein Klopfen, also klopfe ich erneut an die Tür.



„Katie? Katie, ich bin’s.“ Ich versuche, so leise zu rufen, dass sie mich hört, ohne dass die Nachbarn alarmiert werden.



Ich klopfe noch einmal an die Tür.



„Komm schon, Katie. Mach auf.“



Sie ist zu Hause. Ich bin mir sicher. Heute ist der einzige Abend in der Woche, an dem das Gryphon geschlossen ist, und auf dem Parkplatz vor ihrer Wohnung steht ein Auto.



„Katie, bitte, mach auf –“



Die Tür wird aufgerissen. Katie starrt mich mit weit aufgerissenen, wütenden Augen und bebenden Nasenflügeln an.



„Was zum Teufel machst du hier?“, fragt sie außer Atem.



„Ich muss mit dir reden. Kann ich reinkommen?“



„Es passt gerade überhaupt nicht.“



„Hör zu, ich muss wissen: Welche Fragen hat die Polizei dir über Emily und mich gestellt?“



„Clay“, sagt sie und wirft einen hastigen Blick über die Schulter. „Es ist nicht der richtige –“



„Bitte. Es ist wichtig.“



„Sie haben mich nach neulich Abend in der Bar gefragt und ich habe gesagt, dass ich nicht mit ihr gesprochen habe und dass du sie bedient hast.“



„Hast du ihnen gesagt, dass wir … na ja, du weißt schon?“



„Miteinander schlaft? Nein, habe ich nicht. Können wir nicht später darüber reden?“



„Haben sie dir die Fotos gezeigt?“



„Welche Fotos? Wovon redest du?“



„Katie, Emily Parker ist tot.“



Sie erstarrt mit offenem Mund.



„Jemand hat sie in dem Motel umgebracht, wo wir uns treffen wollten, und als ich heute von der Polizei befragt wurde, habe ich ihnen nichts von uns erzählt.“



Endlich findet Katie ihre Stimme wieder. „Du musst sofort noch mal hingehen und es ihnen sagen.“



„Ich kann nicht. Es ist was passiert, weswegen ich es nicht kann.“



„Was meinst du mit ‚du kannst es nicht‘? Clay –“



„Katie, bitte hör mir zu. Ich weiß, ich habe Mist gebaut, wirklich, aber falls die Polizei noch einmal mit dir reden will, brauche ich deine Hilfe.“



Sie schüttelt den Kopf. „Clay, hör auf damit.“



„Bitte, bitte, erzähl ihnen oder sonst jemandem nichts von Emily und mir.“



„Sei jetzt still!“



„Katie, bitte hör mir zu; ich hatte damit nichts zu tun. Ich schwöre es dir, aber es ist was passiert und ich brauche ein wenig Zeit, um mir Klarheit zu verschaffen. Ich bitte dich nur, niemandem von mir und Emily zu erzählen.“



„Clay, hör auf!“, zischt sie mit zusammengebissenen Zähnen.



„Katie? Alles okay da draußen?“, fragt eine Stimme aus ihrer verdunkelten Wohnung.



Zum ersten Mal fällt mir auf, was Katie trägt: nur ein langes T-Shirt und offensichtlich sonst nichts. Ihr Haar ist zerzaust und ihre Wangen sind gerötet. Außerdem ist der Wagen auf ihrem Parkplatz nicht ihr Auto.



Hinter ihrer Schulter taucht ein Mann aus dem Schlafzimmer auf. Er hat scharf geschnittene Gesichtszüge, eine muskulöse, behaarte Brust und trägt Jeans. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, sie zuzuknöpfen.



Katie schließt die Augen und lässt resigniert den Kopf hängen. „Alles okay. Ich komme gleich wieder.“



Der Mann und ich sehen uns an.



O je, echt dumm gelaufen.



„Hallo, Mr. McDermitt“, sage ich leise in einer Mischung aus Panik und Verlegenheit.



„Clay“, erwidert er. In diesem Moment ist er offensichtlich nicht unbedingt ein Fan von mir.



Ich wollte mit Katie reden, damit niemand von Emily und mir erfährt. Stattdessen habe ich noch jemanden hineingezogen.



Er dreht sich um und geht zurück ins Schlafzimmer.



„Echt jetzt?“, frage ich Katie.



„Ich hab dir doch gesagt, dass der Zeitpunkt ungünstig ist.“



„Ist das sein Auto auf deinem Parkplatz?“



„Ja. Meins ist in der Werkstatt. Seitdem fährt Nick mich zur Arbeit und wieder nach Hause. Deshalb wollte ich vorgestern die Zeiten tauschen. Er hat mich auch heute Vormittag zur Polizeiwache gefahren und dann sind wir wieder hierher zurückgekommen.“



„Und was hält Mrs. McDermitt davon?“



Katie verschränkt die Arme.



„Das weiß ich nicht, weil sich die beiden letzten Monat getrennt haben. Willst du mir jetzt echt eine Predigt über dieses Thema halten?“



Ich hole tief Luft. „Tut mir leid. Ich bin ein Arsch.“



Auch sie wird etwas zugänglicher.



„Willst du mir sagen, was passiert ist?“, fragt sie.



Wenn ich ihr von den Textnachrichten und dem Blut in meinem Auto erzähle, wird sie die Polizei rufen, was ich ihr nicht einmal verdenken könnte.



„Ich kann jetzt nicht darüber reden.“



„Clay –“



„Ich kann es nicht, aber du sollst wissen, dass ich sie nicht getötet habe, okay? Dir ist doch klar, dass ich das niemals tun könnte, oder?“



„Natürlich ist mir das klar.“ Sie seufzt. „Aber du weißt etwas, nicht wahr?“



„Nicht ich, aber jemand anderes.“



„Wer?“



„Keine Ahnung.“



„Dann verstehe ich es nicht. Warum gehst du nicht zur Polizei?“



„Weil ich es nicht kann.“



„Warum nicht?“



„Weil ich es wirklich nicht kann.“



Unbefriedigt schüttelt sie den Kopf, aber ihr ist klar, dass sie nicht mehr erfahren wird. „Na gut … Aber sag mir eines: Ist mit dir alles in Ordnung?“



Ich bin nicht sicher, was ich darauf antworten soll, beschließe jedoch, ehrlich zu sein. „Ich weiß nicht, aber bitte versprich mir, Katie, dass du keinem was von Emily und mir sagst.“



Sie senkt den Blick und starrt auf den Boden.



„Katie?“



Sie sieht mich an. Ihr Blick ist nicht nur besorgt, sondern auch verletzt. „Clay, wenn die Polizei mich fragt, werde ich sie nicht anlügen … und ich kann nicht glauben, dass du mich jetzt, da sie tot ist, darum bittest.“



„Bitte, Katie, es ist wirklich –“



„Ich werde die Bullen nicht anlügen“, sagt sie leise, aber bestimmt.



Sie hat Recht. Ich kann eine meiner besten Freundinnen nicht darum bitten, mir zuliebe zu riskieren, Probleme mit der Polizei zu bekommen. Rasch fällt mir ein Kompromiss ein.



„Es tut mir leid. Es war falsch von mir, dich zu bitten, die Polizei anzulügen.“



Sie weicht meinem Blick aus.



„Katie, bitte sieh mich an.“



Sie tut es widerwillig.



„Du glaubst mir doch, wenn ich dir sage, dass ich Emily nicht getötet habe, oder?“



„Ja, natürlich glaube ich dir.“



„Gut. Wie wäre es, wenn du nicht lügst, falls sie dich nach uns fragen? Aber versprich mir bitte, nichts zu sagen, solange sie dich nicht fragen. Ist das fair?“



Es ist zwar Haarspalterei, aber ich hoffe trotzdem, dass sie mir wegen unserer Freundschaft einen Vertrauensvorschuss gewährt.



Sie denkt darüber nach. „… okay.“



„Ja?“



Sie zuckt mit den Schultern. „Also gut.“



„Danke.“



„Was wirst du jetzt tun?“



„Das kann ich dir nicht sagen.“



„Warum nicht?“



„Weil ich nicht will, dass du noch was weißt, worüber du nicht lügen willst.“



Es entsteht eine lange, unangenehme Stille. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich nichts weiter sagen will und sie mir nichts mehr versprechen will.



„Ich, äh, ich lass dich dann mal … weitermachen“, sage ich und deute mit einer Handbewegung auf die Schlafzimmertür.



Katie schüttelt ungläubig den Kopf.



„Also dann bis morgen auf der Arbeit“, erwidert sie und schlägt mir die Tür vor der Nase zu.





***





Meine Wohnung hat sich noch nie so klein angefühlt. So klaustrophobisch.



Ich ziehe an allen Fenstern die Jalousien herunter, aber ich werde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.



Mein Abendessen besteht aus aufgewärmten Resten und einer Dose Bier, aber ich rühre beides kaum an, während ich wie besessen die Nachrichten im Fernsehen und auf meinem Handy verfolge. Ich finde nichts über Emilys Mord, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Die Frau eines Millionärs wird nackt und mit aufgeschnittener Kehle in einem billigen Motel aufgefunden? Das ist der wahrgewordene Traum eines jeden True-Crime-Podcasters.



Um Mitternacht bin ich immer noch hellwach und versuche mir vorzustellen, wie ein Gespräch mit Detective Mendez wohl verlaufen würde, wenn ich ihm jetzt die Wahrheit sagen würde.



Das eine oder andere könnte ich vielleicht vom Tisch räumen, aber es gibt so vieles, was ich erklären müsste. Selbst wenn ich ihn beschwören würde, mir zu glauben, dass Emily mir wichtig war, würde es verrückt klingen, vor allem, wenn ich das Blut im Kofferraum und „meinen süßen kleinen Cupcake“ erwähnen würde.



Der Zug, Detective Mendez alles zu sagen, ist längst abgefahren.



Ich gehe ins Badezimmer und dusche. Davor öffne ich das kleine Fenster zur dunklen Gasse hinter meinem Wohnhaus, damit der Dampf entweichen kann.



Während ich unter dem heißen Wasser stehe und nach einem Ausweg suche, wird mir klar, dass mir selbst die Textnachrichten nicht wirklich helfen. Wie kann ich beweisen, dass sie von ihrem Handy abgeschickt wurden? Schließlich ist es ein Prepaid-Handy, von dem niemand sonst wusste. Und wo ist es überhaupt? Wenn ich zugebe, dass ich an jenem Abend im Motel war, würde Detective Mendez doch sicher annehmen, dass ich es mitgenommen habe, oder? Und dass ich die Nachrichten womöglich an mich selbst geschickt habe, um ihn durch diese lahme Tour von meiner Spur abzubringen?



Es gibt keinen Ausweg.



Dieser Typ hat mich in die Falle gelockt und es gibt kein Entrinnen.



Ich lege mich ins Bett und mache das Licht aus, aber an Schlaf ist nicht zu denken.



Im Liegen halte ich das Handy in der Hand und scrolle durch die Textnachrichten. Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Panikattacke. Ich bekomme keine Luft mehr. Meine Brust schmerzt und mein Magen brennt. Grübelnd liege ich im Bett, drehe mich ständig im Kreis und habe keine Ahnung, was ich als Nächstes tun soll. Ich möchte jemandem alles sagen, aber wem? Auf keinen Fall rede ich mit Detective Mendez. Ich habe versucht, mit Katie zu reden, aber das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Es gibt niemanden, mit dem ich –



Stimmt nicht. Es gibt doch jemanden, mit dem ich reden kann.



Hastig tippe ich Wörter in mein Handy ein. Die Buchstaben erscheinen unter meiner letzten Nachricht an Emilys Prepaid-Handy.





Was sollte ich in der Wohnung?





Senden.



Ich starre auf den Cursor und fange an, weiterzuschreiben.





Warum wolltest du, dass ich da hingehe?





Senden.



Ich halte inne … und beginne dann, wie wild zu tippen.





Warum hast du sie umgebracht?





Senden.





Warum tust du das?





Senden.





Was willst du von mir?





Senden.





WER BIST DU?!!





Senden.



Obwohl ich im Bett liege, bin ich völlig außer Atem und umklammere das Handy so fest, dass ich fast erwarte, es zu zerbrechen. Unter der Kette von Textnachrichten wartet der blinkende Cursor geduldig auf weitere wirre Fragen.



Minuten vergehen.



Schließlich schaltet sich das Display in den Ruhemodus und es wird dunkel im Zimmer.



Eine Welle der Erschöpfung überkommt mich. Ich lege das Handy auf den Nachttisch, ziehe die Decke bis zum Kinn hoch und drehe mich auf die Seite. Mein Körper ist völlig fertig, aber meine Gedanken kreisen immer noch wild.



Meine Augenlider werden schwer. Ich will nur noch schlafen, dem Ganzen für ein Weilchen entflieh-



Ping.



Sofort bin ich hellwach. Ich drehe mich um, greife nach dem Handy und entsperre den Startbildschirm.



Ich habe eine neue Nachricht von Emilys Wegwerfhandy.



Die Antwort besteht aus einem einzigen Emoji …



????





Ich weiß alles über dich.
Deinen Namen. Deinen Geburtstag. Die Namen deiner Kinder. Wo du lebst, wo du arbeitest. Ich weiß, wann du die große Beförderung bekommst oder wann du dich mit deinem Ehepartner streitest.



Doch jemand da draußen weiß auch alles über mich. Jemand, der meine dunkelsten Geheimnisse kennt … und sie gegen mich einsetzt. Jemand, der mich in eine Falle treiben will.



Die Polizei glaubt, ich hätte Emily Parker ermordet. Wenn ich meine Unschuld beweisen will, bleibt mir nur ein Weg:



Ich muss den wahren Täter finden.



Ich muss ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Ein packender Mystery Thriller über Mord, heimliche Affären und manipulierte Beweise. Ein aufregendes Katz-und-Maus-Spiel für alle, die düstere, intelligente Thriller mit atemloser Spannung und überraschenden Wendungen suchen.

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Weiterführende Links zu "Ihr letzter Anruf | Der fesselnde Psychothriller mit unerwarteten Twists"

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  • Artikelnummer SW9783690905183458270
  • Autor find_in_page Steve Frech
  • Mit find_in_page Johanna Ellsworth
  • Autoreninformationen Steve Frech lebt in Los Angeles. Neben dem Schreiben produziert… open_in_new Mehr erfahren
  • Verlag find_in_page dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
  • Veröffentlichung 26.03.2026
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  • ISBN 9783690905183

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