Beam Shop
Meuterei auf Norderney
Ein Nordsee Krimi
Sturmwarnung und Fehl-Alarm halten die Inselcops auf Trab, doch dann ist plötzlich die Bank von Norderney ausgeräumt, als einziger Inhalt bleibt der tote Bankdirektor zurück …
Der fünfte Fall in der humorvolle Krimi-Reihe auf der Nordsee-Insel
Mit dem einkehrenden Frühling wird Norderney von einem starken Sturm bedroht, der die Insel drei Tage vom Festland abschneidet. Während die Insulaner die nötigen Vorkehrungen treffen, werfen einige seltsame Ereignisse ihre Schatten voraus. Als dann während des aufziehenden Sturms die Bank überfallen und der Bankdirektor tot im Tresorraum aufgefunden wird, ist das Chaos endgültig zurück auf Norderney. Matthis und Georg ist klar, dass die Täter auf dem Eiland festsitzen müssen – aber nur noch wenige Tage. Die beiden erfahrenen Ermittler müssen alle Hebel in Bewegung setzen, um den Fall unter den besonderen Umständen und innerhalb kürzester Zeit zu lösen, bevor sich die Täter mit ihrer Beute für immer absetzen können …
Erste Leser:innenstimmen
„Die atmosphärische Nordseeinsel-Kulisse , gepaart mit skurrilem Humor und einer Prise Chaos machen den Krimi zu einer echten Wohlfühllektüre.“
„Besonders gelungen ist die Dynamik zwischen den beiden ungleichen Ermittlern – sie sorgt immer wieder für laute Lacher und unerwartete Ermittlungserfolge.“
„Die Mischung aus skurrilen Charakteren, pointierten Dialogen und charmantem Nordseeflair sorgt für ein kurzweiliges Lesevergnügen.“
„Die Cosy Crime-Fans, die neben dem Kriminalfall auch richtig auflachen möchten, sind mit diesem Küstenkrimi bestens bedient.“
Prolog
»Ganz schön voll heute Abend«, sagte Heiko Gerdes und bezog sich dabei auf die anderen Insulaner um ihn herum. Es war, als wären alle ein und demselben Ruf gefolgt, der sie nun im Hafenpub zusammenkommen ließ. Auch wenn alle Tische belegt waren, lag eine gewisse Schwere in der Luft, denn das, was auf die Insel zukommen sollte, sprach sich herum wie ein Lauffeuer.
»Du, ich möchte gleich auf den Punkt kommen«, sagte Kurt Wessels und sah von den Händen auf, die auf dem Tisch ruhten. »Ich habe die Schnauze voll, und zwar von allem. Egal, ob es diese ständigen schlechten Nachrichten sind, die andauernden Kriege in der Welt oder nun meine Tochter, die so einen dahergelaufenen Taugenichts angeschleppt hat. Der hängt gefühlt den ganzen Tag am Laptop und bringt dabei nichts Zählbares zustande. Ich verstehe nicht, was sie mit so einem will. Ich glaube, der geht sogar irgendwo putzen, und das als Kerl.«
»Oh, ich höre es schon«, erwiderte Heiko, »du brauchst einfach mal wieder deinen besten Freund.«
Kurt stöhnte auf. »Den brauche ich wirklich, aber für mehr als nur ein Gespräch«, antwortete er und kratzte sich dabei so fest an seiner Wange, dass der Dreitagebart, den er sich neuerdings stehen ließ, regelrecht knisterte.
Auch wenn Kurt in jenem Moment äußerst unsicher wirkte, hatte er sich die folgenden Worte doch gut überlegt, und trotzdem fühlte er sich wieder irgendwie verloren. Er hatte das, was er sagen wollte, in seinen Gedanken um die Tausende Male vorformuliert, verworfen und wieder neu aufgelegt, und trotzdem wusste er nicht, wie er es sagen sollte. Seine Lippen bebten und ihm klebte die Zunge regelrecht am Gaumen, und das, obwohl er nur in das Gesicht seines besten Freundes sah.
Ein groß gewachsener, stämmiger Mann trat zu ihnen an den Tisch heran. Als Kurt den Schatten wahrnahm, erschrak er angesichts der bedrohlichen Statur. Für einen Augenblick hatte er doch wirklich vergessen, dass sie bei dem Barmann bereits die Getränke bestellt hatten. Es waren zwei Norderneyer Pils wie immer. Sie hätten auf keinen Fall später kommen dürfen, denn ansonsten wäre ihm seine Bitte wohl nie über die ausgetrockneten Lippen gekommen.
Kurt trank einen zügigen Schluck. Anschließend strich er sich mit dem Handrücken den kitzelnden Schaum aus dem Mundwinkel.
»Üble Sache mit diesem Sturmtief«, meinte Heiko Gerdes, »hast du Haus und Grund schon weitestgehend abgesichert?«
Kurt winkte ab. »Dieser ganze Klimawahn geht mir genauso auf den Senkel. Früher gab es hier auf Norderney auch schon Stürme, und wenn sie kamen, dann passte man eben etwas mehr auf.« Er verdrehte die Augen. »Aber heute ist immer alles gleich eine nie dagewesene Katastrophe biblischen Ausmaßes.«
»Das ist schön, wenn du so darüber denkst, aber früher hatten wir einfach noch nicht die Technik, um wirklich rechtzeitig vor solch einem Unwetter gewarnt zu sein.«
»Es kann ja jeder mit solchen Meldungen umgehen, wie er das möchte, aber ich finde es eben viel zu übertrieben.«
»Übertrieben hin oder her, die stellen die Schifffahrtsrouten für drei Tage ein. Das hat mit Glauben oder Überzeugung wenig zu tun. Ich war heute im Eduka-Markt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es da schon wieder rund ging. Also, wenn du wenig Klopapier im Haus hast, wird deine Chance auf Nachschub schwindend gering sein.« Ein verschmitztes Lächeln schlich sich dabei in Heikos Gesicht.
»Das kann ich mir vorstellen. Bei uns hat auch die Zentrale vorgesorgt, das ist auch der Grund, weshalb ich unbedingt mit dir sprechen muss. Ich sehe da eine Chance, noch mal gewisse Dinge anders zu erleben, und ich hätte dich dabei einfach gerne an meiner Seite.«
»Mei, Indiana Jones is scho megageil«, plärrte irgendwer von der Bar aus durch den düsteren Gastraum.
Kurt zuckte wieder für einen Augenblick zusammen.
»Und wie der die Atombombe im Kühlschrank überlebt hat … Sagenhaft, mei, da muas ma a erst mal draufkommen … Woas? … Ja, i nehm noch oinen!«
Kurt sammelte sich. Dieser Typ hatte wirklich eine aufdringliche Stimme. Diese hatte ihn vollkommen aus dem Konzept gebracht. Er wollte sich zwar nicht umdrehen, konnte sich jedoch gut vorstellen, zu wem dieser mittlerweile doch stadtbekannte Dialekt gehörte.
»Was wolltest du eben sagen?«, fragte Heiko Gerdes, nachdem auch er einen tiefen, erfrischenden Schluck zu sich genommen hatte.
Kurt ließ die Schultern mit der ausgestoßenen Atemluft nach unten sinken. »Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, direkt zur Sache zu kommen. Ich habe die Schnauze voll und brauche einen guten Freund. Jemanden, dem ich blind vertrauen kann, und ich weiß, du bist so jemand.«
»Dafür, dass du nicht um den heißen Brei herumlabern möchtest, tust du das aber doch ganz gut«, sagte Heiko Gerdes und faltete dabei die Hände vor dem Kinn zu einer Art Pyramide. »Um was geht es denn? Du stotterst hier herum, als wolltest du die Bank ausrauben.«
Kurt verschluckte sich bei dem Versuch, mit dem Pils seine Lippen zu befeuchten, und schenkte seinem Freund einen Blick, der mehr aussagte als seine ziellosen Worte.
»Du willst mich verscheißern, das ist nicht dein Ernst.«
»Was, wenn es so wäre?«, fragte Kurt. »Ich hätte die Möglichkeit dazu, und es kommt wegen dem Sturm wirklich eine Menge Geld hier auf die Insel. Allein schon die neue Bürgermeisterin hat die Anweisung rausgegeben, dass die Bargeldversorgung in dieser Zeit gewährleistet sein muss.«
Heiko Gerdes blieb stumm.
»Was ist? Bist du dabei? Ich kann es schließlich nicht allein machen.«
»Du meinst das also wirklich ernst?«
Kurt nickte. »Todernst. Es ist wie gesagt eine Menge Holz, die wir hier frei Haus vor die Tür geliefert bekommen. Ich weiß, wie ich mich verhalten muss, es waschen kann und wie ich mich am besten und schnellsten ins Ausland absetzen kann. Ich brauche nur jemanden, der für mich hineingeht, den Gauner spielt und innerhalb weniger Minuten wieder verschwindet.«
Heiko atmete tief durch. »Das wäre schon eine wirklich schöne Idee. Du weißt, ich habe mein Leben lang immer gekämpft, um über die Runden zu kommen. Wenn ich nicht hier auf Norderney aufgewachsen wäre und das Haus meiner Eltern geerbt hätte, hätte ich mir ein Leben hier niemals leisten können.« Heiko trank einen weiteren kräftigen Schluck. »Ich war oft genug im Leben so verzweifelt, dass ich es selbst schon in Erwägung gezogen habe. Allein schon wegen deiner Stellung, aber ich kam immer zum selben Schluss: Man würde uns definitiv erwischen.«
»Wer? Die zwei Polizisten, die hier die Wache leiten? War das nicht vorhin einer der Bullen, der schon mit einem Kasten Bier in den Händen den Pub betrat? Also, die zwei sind doch selbst zu voll für einen Alkoholtest. Hör doch mal hin, sitzen sie noch da vorne an der Bar?«
Heiko konzentrierte sich auf die Stimmen, aber nur eine war laut genug, um bis zu ihm heranzukommen. »A geh, i nehm noch oinen … Naa, Matthis, mia gehen noch net hoam. Oinen nehm i noch. Denn so jung kommen mia nimmer zusammen … A geh, Schmarrn, i hab doch an Ruhepuls einer bayerischen Milchkuh … Naa, mein Arzt hat des gesagt, guat, i woaß aber net, ob des guat oder schlecht ist.«
»Vielleicht hast du recht«, sagte Heiko, warf seinem Jugendfreund ein einseitiges Lächeln zu, ehe er das Geschehen um die Bar wieder ins Auge fasste.
Ein Aufschrei durchzog den Hafenpub.
»Was war das denn eben?«, fragte Kurt Wessels. Er traute sich immer noch nicht, sich in Richtung Bar umzudrehen, da er nicht wollte, dass einer der beiden Polizisten sein Gesicht zu sehen bekam.
Heiko schmunzelte. »Unsere bayerische Milchkuh hat sich gerade das, was immer er da gerade trinkt, über sich geleert.«
»Siehst du, vor wem sollten wir uns fürchten? Seit die Polizeiarbeit umgestellt wurde und diese zwei Pfeifen hier das Sagen haben, macht doch gefühlt jeder, was er will. Die sind doch viel zu überfordert, um sich um alles auf einmal zu kümmern.«
Heiko schnappte nach Luft und unterbrach seine geplante Antwort umgehend. Der stämmige Polizist wankte an ihrem Tisch vorbei und steuerte zielstrebig auf die Toilettenanlage zu. Erst als er außer Hörweite war, unternahm Heiko einen neuen Anlauf. »Wenn ich allein an die letzten Zeitungsartikel denke, gebe ich dir vollkommen recht«, sagte er und schmunzelte, während seine Gedanken kreisten. Hatte es nicht sogar vor ein paar Wochen dieses Problem mit der Hehlerei auf Norderney gegeben? Gut, diese Täter waren zwar überführt worden, aber warum? Sie hatten offensichtlich schwere Fehler begangen. Solche würden sie sicherlich nicht machen.
»Was ist nun?«, fragte Kurt. »Bist du dabei oder muss ich mir jemand anderen suchen?«
Heiko verfiel erneut in seine Gedanken. Es war eine schwere Entscheidung, die ihm sein bester Freund abverlangte. Natürlich wäre es schön, mit all dem Geld neu anzufangen. Aktuell war er allein. Er hatte keine Familie, um die er sich kümmern musste, und sein Haus würde auf dem überlaufenen Immobilienmarkt sicherlich ebenfalls ein nettes Sümmchen erzielen. Da war außerdem dieser Investor, der gefühlt alle Grundstücke und Häuser auf der Insel aufkaufen wollte. Mit diesem angebotenen Geld und dem, was der Banküberfall einbringen würde, wäre er sicherlich für die nächsten Jahre in einem neuen Land sorgenfrei. Und dabei wäre er nicht wie immer auf sich allein gestellt, da er seinen besten Freund mit an seiner Seite hätte. Also was hatte er denn wirklich schon groß zu verlieren, dachte er, während der dicke Polizist vor seinen Augen zurück an den Tresen wankte, eine Rolle Küchenpapier forderte und wieder in Richtung der Sanitäranlage verschwand.
Heiko nahm wie ferngesteuert einen letzten Schluck seines Pils zu sich, blies die Kohlensäure aus dem rechten Mundwinkel und suchte den Blickkontakt seines Freundes. »In Ordnung. Vielleicht sollten wir diese Chance wirklich in Betracht ziehen.«
Kurts ernstes Mienenspiel wich erleichterten Zügen. »Dann ist es eine entschiedene Sache?«
Heiko nickte. »Tun wir es!«
1
Schwerfällig und vom Wehleid geplagt schlurfte der Kommissar über den unebenen Holzboden der kleinen Inselwache. Sein Teint war blass und mit einer Hand streichelte er seinen wohlgenährten Bauch.
Endlich hatte er sein Ziel vor Augen. Doch bevor er die letzten Meter bis zu seinem Schreibtisch in der hintersten Ecke in Angriff nehmen konnte, benötigte er noch mal eine Pause. Lautstark blies er den säuerlichen Atem aus seinen Wangen. Nahezu Hilfe suchend erwiderte er den Blick seines Vorgesetzten.
Dieser schüttelte mal wieder nur den Kopf. »Ich will nichts hören«, sagte Matthis. »Du gehst mir allmählich wirklich auf die Nerven damit.«
»Mei, woas kann i dafür«, krächzte der Kommissar mit belegter Stimme. »Wenn i halt gewisse Kapazitäten net nutzen kann, dann schaltet mein Körper die eben ab.«
»Heißt im Klartext, der Kommissar stirbt, wenn er nicht bald sein mentales Problem behoben bekommt?«
Georgs stämmigen Körper durchfuhr ein leichtes Zittern. »Du siehst es doch selbst. Wenn i nix zu tun hab, geht es mir einfach net guat. I brauch mei Aufgabe, man sagt net ohne Grund, dass man vor Langeweile stirbt.«
Matthis beugte sich leicht auf seinem Schreibtischstuhl nach vorne. »Wir haben zu tun. Das sage ich dir aktuell jeden Tag. Der Winter ist vorbei, der Frühling angebrochen, das bedeutet, die Saison läuft an, deshalb müssen wir auch wieder verstärkt Präsenz zeigen. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?«
»A geh, aber des is doch nix Gescheides. Nix zum Anpacken.« Georg breitete die Arme aus. »Mei, letztens hat mich oiner als Politesse bezeichnet. Woaßt, kummt da von hinten angerauscht, will mich von seinem Auto wegschubsen …«
»Dann geh halt mal zum Friseur, deine imitierte Dauerwellenfrisur kann halt auch einmal zu Missverständnissen führen.«
»Woas? … Naa und woas is dann mit meinem Vollbart? Sagt der nix aus?«
Matthis schüttelte erneut den Kopf und widmete sich dem geöffneten Formular auf seinem Monitor. Dass Georg hinter ihm sogar noch etwas buckliger an den Schreibtisch zurückschwankte, bekam er nicht mit. Als Leiter des Pilotprojekts Inselwache hatte er schließlich wesentlich mehr zu tun. Es hatte durchaus seinen Grund, weshalb er, der Jüngere von beiden, diese Aufgabe zugespielt bekommen hatte. Matthis Jüllich übermittelte auf den ersten Blick eben alles, was man sich von einem modernen Polizisten wünschte: Er war schlank, groß gewachsen, sportlich, klug, besonnen, verfügte über ein gepflegtes Erscheinungsbild, trug kurze dunkelblonde Haare und verstand es, jegliche heiklen Situationen mit seinem weißen Zahnpastalächeln zu entspannen. Ihn könnte das Polizeipräsidium gut und gerne für eine Werbekampagne in den Ring schicken. Anders sah es da mit dem Mann aus, den sie mehr oder weniger aus Bayern fortgescheucht hatten. Georgs Erscheinungsbild hatte zwar einen hohen Wiedererkennungswert, allein durch die lange braun gelockte Dauerwelle, aber das waren wohl alle Vorteile, die der selbst gewählte Look des altbackenen Bajuwaren bot. Georg war trotz seiner ein Meter achtzig immer noch ein Kopf kleiner als Matthis und mit seinen rund einhundertzwanzig Kilo auf den Rippen deutlich schwerer. Zudem war er mit seinen Anfang dreißig wesentlich unsportlicher, unkonzentrierter und oftmals viel zu grantig für eine moderne Marketingmaßnahme. Seine Stärken waren definitiv in anderen Bereichen beheimatet.
Aktuell breitete sich bei Georg die andauernde Unzufriedenheit wieder aus. Angefangen hatte alles irgendwann im Winter, als er zur Ruhe kam und ihn dieser gewisse Blues erwischte. Auf der einen Seite war er glücklich mit dem, was er hier auf der Insel hatte, und auf der anderen Seite wuchs wieder dieser Ruf nach seiner Heimat. Auf Norderney konnten die Tage kurz und die Stunden, in denen er seinen Routinearbeiten folgte, lang werden. In diesen zahlreichen Stunden, in denen er in seinen Augen Belanglosigkeiten nachging, fühlte er sich irgendwie nicht ernst genommen, da ihm die meisten Aufgaben lächerlich erschienen.
Womöglich war das auch der Grund, weshalb er gestern Abend bei seinem Besuch im Hafenpub etwas über die Stränge geschlagen und viel mehr getrunken hatte, als er es sich vorgenommen hatte.
»Mei, is mir schlecht«, jammerte der Kommissar und verdrehte dabei so komisch die Augen. Immer wieder blickte er dabei zu seinem Vorgesetzten. Der hing anscheinend ebenfalls in den Seilen, dachte Georg. Es ging wohl bestimmt wieder etwas rum. Oder weshalb hatte Matthis sonst sein Ohr stützend auf die Hand gelegt? Dabei zitterte sein Kopf, als kämpfte er ebenfalls gegen die Müdigkeit oder andere wirkende Kräfte an.
»Mei, is mir schlecht«, jammerte der Kommissar etwas lauter, ehe er Würgereize imitierte und seine Worte noch lauter wiederholte.
»Ja … Ja … ist notiert«, sagte Matthis, legte auf und drehte sich zu Georg um. Als er dabei einen Atemzug nahm, konnte der Kommissar bis nach hinten hören.
Georg presste die Vorderzähne aufeinander und riss die Augen auf. »Ach, du hattest telefoniert?«
»Sag, was stimmt denn momentan mit dir nicht? Erst jammerst du wochenlang etwas vom Winterblues und jetzt haben wir Frühling, die Saison fängt an und du bist auch nur am Jammern und benimmst dich hinter mir wie der letzte …«
»Wenn es mia halt net so guat geht.«
»Davon habe ich gestern im Hafenpub nichts mitbekommen. Ich habe dir gesagt, du sollst nicht so überdrehen und den Laden allein unterhalten, aber nein, der feine Herr musste ja immer weitermachen.«
»Es war doch a schöner Abend und wer woaß, wann mia den nächsten dieser Art haben.«
»Und trotzdem haben wir eine Verantwortung gegenüber der Insel und können uns nicht so abschießen. Wie viele hattest du denn gestern? Ich hab ab dem achten aufgehört mitzuzählen.«
Georgs Kinn wanderte auf sein Brustbein hinab. »Kann schon sein, dass i da gestern einen zu viel hatte.«
»Wie viele waren es denn?«, fragte Matthis, bevor er aufstand.
»Ja, um die zwölf werden’s schon gewesen sein.«
»Bist du verrückt? Es ist unter der Woche und du hast dir zwölf Cola-Mix am Abend reingezogen …«
»Spezi«, murmelte Georg.
»Mhm?«
»In Bayern sagen mia dazu Spezi.«
»Ist mir egal, wie ihr das nennt. Fakt ist, du hattest sechs Liter davon. Sechs Liter …« Matthis streckte die Arme aus, als wäre er ein Prediger.
»Net ganz an halben Liter hab i mia doch über die Uniform geleert.«
»Das ist auch so was. Warum musstest du mit deiner offiziellen Arbeitsuniform am Tresen sitzen? Wir waren zwischendurch zu Hause in der WG. Ich habe mich schließlich auch umgezogen.«
»Mei, wenn sie halt mittlerweile gut eingetragen ist, dann zieh i mi halt nimmer um.«
»Und jetzt sitzt du hier mit deinen Freizeitklamotten in der Wache herum, weil die Ersatzuniform auch nicht gewaschen ist.«
Georg zog die Augenbrauen an. »Naa, die passt net mehr. Die spannt so, is wirklich nimmer eingetragen.«
»Toll, und wir haben jetzt einen Einsatz. Wie soll ich dich da jetzt mitnehmen? Das sieht doch alles andere als hochprofessionell aus. Soll ich etwa sagen: ›Entschuldigen Sie bitte, aber mein Kollege hatte gestern Abend einen Zuckerschock und trägt deshalb heute lieber schwarz.‹?«
»Ah, geh fort, des war doch koin Zuckerschock«, sagte Georg und winkte ab.
Matthis nahm die Arme zu Hilfe und ruderte im Takt seiner Worte. »Ich hab es doch gesehen, du hast doch vor lauter Zittern die Lippe nicht getroffen.«
»Des war doch eher, weil i … ähh … Kannst du des net allein machen? I bin wirklich net so fit gerade.«
»Das wundert mich nicht, bei dem Koffein- und Zuckerspiegel in deiner Blutbahn.«
»Mei, i hab a so schlecht geschlafen und als i endlich eingeschlafen war, da hat’s mia einen Scheiß geträumt. Woaßt, i war festgesteckt in einem Fensterrahmen und mia ham a saubre Zombieapokalypse gehabt und dann kam da unsere Vermieterin als Untote.«
»Frau Rumskob?«
»Ja, genau, und sie hatte ihr Gebiss net drin, weshalb sie mir nur am Arsch nuckelte …«
»Stopp, mehr will ich nicht hören«, sagte Matthis und holte sich seine Jacke vom Kleiderhaken. »Ich muss diesbezüglich an unser Image denken, das wir hier aufbauen sollen. Das hat heute keinen Sinn mit dir. Ich werde mich allein um diese Angelegenheit kümmern.«
»Woas ist denn überhaupt passiert?«, fragte der Kommissar wissbegierig.
»Ein Angestellter von Frieseneis hat Falschgeld in seinen Tageseinnahmen entdeckt. Mehr weiß ich auch noch nicht, da jemand hinter mir mit seinen imitierten Würgereizen das Gespräch überlagerte.« Matthis’ Blick lehrte Georg das Fürchten.
Der Kommissar stockte. Für einen Moment stand sein Mund weiter offen als seine Augen. Erst als Matthis seinen Blick von ihm abwandte, wusste der Kommissar wieder, was er sagen wollte.
»Das is koa große Sache. Des is guat, dann brauch i koa schlechtes Gewissen haben. Also für ’nen Toten hätt i mi zusammengerissen, aber des bisserl Falschgeld bekommst du besser ohne mi hin, aber so a Eis könntest du …«
»Ja, genau, ich bring dir noch mehr Zucker. Vielleicht haut es dich ja dann endgültig aus den Socken.«
»Hast recht, lassen mia das, morgen is a noch a Tag und vielleicht halten die Ermittlungen ja an.«
»Ich habe jetzt keine Zeit mehr und muss los. Aber wenn ich zurückkomme, sitzt du entweder wie es sich gehört mit einer Arbeitsuniform in der Wache oder du meldest dich offiziell krank. Ich kann hierfür keine Verantwortung übernehmen. Du weißt, dass wir in wenigen Monaten die Hälfte unserer Projektzeit erreicht haben, es könnte also jederzeit jemand vom Polizeipräsidium hier aufschlagen.«
»Solange hier in den nächsten Minuten koiner auftaucht, wär es mia recht, denn i hab scho wieder so an komischen Druck auf dem Bauch.«
Matthis strafte Georg mit einem noch finsteren Blick.
»Mei und danach fahr i hoam und hol mei Uniform. I hab sie glei heut Morgen nach dem Waschen zum Trocknen auf die Heizung im Bad gehängt.«
»Klasse Idee, nur leider ist sie aus«, rief Matthis zurück zu seinem Kollegen, während er die Wache verließ.
2
Matthis steuerte mit versteinerter Miene den kleinen, ramponierten E-Caddy, der sich einst im Bestand eines Golfplatzes befand, über die Bülowallee. Sein Einsatzfahrzeug sah aus, als wäre es seiner Zeit voraus, denn im Gegensatz zu der ostfriesischen Insel schien es, als hätte es den aufziehenden Sturm bereits erlebt. Nicht einmal die ringsum aufgeklebten Polizeibanner konnten von all den Schrammen, Dellen und Kratzern ablenken, die sich seit einem Vorfall aus der Weihnachtszeit nun auch über den Unterboden verteilten. Immerhin war die herausgefallene Plexiglasfrontscheibe endlich ausgeliefert und eingebaut worden. Fortan wären die Einsatzfahrten wieder wesentlich entspannter, wenn da nicht das Blaulicht gewesen wäre, das Georg zerstört und das sich irrtümlicherweise an einer anderen Stelle befunden hatte. Dieses war zwar mittlerweile ausgetauscht und wie sein Vorgänger fachmännisch mit doppelseitigem Klebeband auf dem weißen Dach montiert worden. Im Gegensatz dazu konnte der Fehler in der Elektrik, durch den das Martinshorn hin und wieder im Betrieb aussetzte, jedoch noch nicht repariert werden. Die Experten, einschließlich Georg, gingen dabei von einem Wackelkontakt aus. Gefunden hatten sie ihn jedoch noch nicht.
Der junge Revierleiter hatte sein Ziel fast erreicht. Bevor er nach rechts und damit von der Straße abbog, warf er noch einen flüchtigen Blick zu den städtischen Arbeitern, die gerade dabei waren, die Außenaufbauten der Open-Air-Bühne, die Konzertmuschel, sturmsicher zu machen. Es war schon eine komische Stimmung hier auf dem Eiland, seit gestern Morgen die amtliche Sturmwarnung bekannt gegeben worden war. Die Werte, vor denen die Experten warnten, sollten so einige Stürme der letzten Jahre in den Schatten stellen.
Der junge Revierleiter setzte den Blinker und bog in die Einfahrt der Eisdiele ein. Der Kies knisterte unter seinen Reifen.
Für den Moment herrschte kein reger Betrieb um das kleine weiße Häuschen mit seinen zwei großen, quadratischen Fenstern, die zur Vorderseite ausgerichtet waren. Das konnte sich jedoch jederzeit wieder ändern, denn diese Eisdiele hatte einen regelrechten Kultstatus erlangt. Dieser war bis weit über die Insel hinaus bekannt. Die Betreiber des Lokals mussten sich im Gegensatz zu Matthis keine Gedanken über die Außendarstellung ihrer Arbeitsweise machen. Dieses Thema lag ihm aktuell wirklich schwer im Magen. Es war ja nicht so, als hätte er die Aufgaben, die in seiner Verantwortung lagen, nicht im Griff. Auch alle schweren Verbrechen, die Norderney in der letzten Zeit erschüttert hatten, waren restlos aufgeklärt. Das alles sollte ihnen erst einmal jemand so nachmachen, dachte er. Und trotzdem gab es da dieses schlechte Gefühl, das ihn von innen heraus auffraß. Begonnen hatte das alles vor rund einer Woche, als sich ein Herr Schmitz aus dem Polizeipräsidium Niedersachsen bei ihm gemeldet hatte. Der Mann sprach sehr schnell und ließ Matthis kaum Lücken, um in das Telefonat einzusteigen. Er sagte, dass die Hälfte der Projektzeit bald abgelaufen sei und aus seiner Sicht einige Versäumnisse seitens seiner Vorgängerin erfolgt seien. Gerade im Hinblick auf das Pilotprojekt wolle er diesbezüglich einiges nachholen und so ordentlich Hand anlegen.
Was er damit genau meinte, konnte Matthis nicht mehr nachfragen, bevor der Mann sagte: »Aber das alles werden wir in Kürze persönlich besprechen« und einfach auflegte.
Was hatte das nur zu bedeuten? War das Pilotprojekt Inselwache wieder einmal in Schieflage geraten?
Matthis stieg aus dem Caddy aus und ging die wenigen Meter zur Eisdiele. Dabei ließen ihn seine kreisenden Gedanken nach wie vor nicht in Ruhe. Was stimmte denn mit ihren fantastischen Ermittlungsergebnissen nicht, fragte er sich erneut. Klar, die Art und Weise, wie sie zustande kamen, war jetzt nicht so, wie man es in ein Schulbuch schreiben würde, aber die Ergebnisse kamen zustande und das allein sollte zählen. Dies müsste seiner Meinung nach doch honoriert werden und sollte nicht ihre fantastische Ermittlungsarbeit aufgrund jedes noch so kleinen Missgeschicks seines Kollegen schmälern.
Medial betrachtet war Georg für die Lokalzeitung ein gefundenes Fressen. Sie stellten ihn in kein gutes Licht. Machten sich über den selbst ernannten bayerischen Inselkommissar, aber auch über die Wache insgesamt lustig, was selbstredend dazu führte, dass ihre Anerkennung aus der Bevölkerung immer mehr litt.
Matthis zweifelte keinesfalls an sich oder seinem Führungsstil, aber bei seinem Kollegen sah die Sache natürlich etwas anders aus. Er hatte mittlerweile viel mit ihm erlebt, hatte sich an ihn gewöhnt und irgendwie würde es ihm wohl doch leidtun, sollte er aufgrund seiner zahlreichen Verfehlungen nun doch aus dem Polizeidienst ausscheiden. Der Revierleiter sah es als seine Pflicht an, Georg vor so etwas zu schützen. Deshalb hatte er auch entschieden, ihn aus der Schusslinie zu nehmen und ihm noch nichts über die anstehende mögliche Neuordnung des Projektes Inselwache zu erzählen. Vielleicht war das ein Fehler, aber Matthis kannte Georg. Wenn es überhaupt noch eine Chance für ihn gab, im Dienst zu bleiben, dann musste er ihn in Bestform bringen und durfte nicht zulassen, dass ihn seine Gedanken, Ängste und Selbstzweifel kontrollierten. Es reichte schließlich, dass Matthis diese Rolle zuteilwurde.
Er betrat den Gastraum der Eisdiele. Das Glöckchen an der Tür kündigte sein Erscheinen an. Hinter der Theke war kein Angestellter zu sehen. Seine Gedanken übernahmen noch einmal für einen kurzen Augenblick die Kontrolle. Er ärgerte sich, dass er gestern Abend nicht energischer auf Georg geachtet hatte. Denn sein aktueller Zustand hätte durchaus vermieden werden können. Was sollte er diesem Herrn Schmitz erzählen, wenn der heute vorbeikam und feststellte, dass Matthis allein im Einsatz war, während sein Kollege möglicherweise mit geschlossenen Augen die Rückenlehne seines Stuhles einer anstrengenden Belastungsprobe unterzog. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass Georg um diese Tageszeit rein akustisch an den Balken sägte.
»He, Wachtmeister, schön, dass Sie so schnell kommen konnten«, sagte der Angestellte der Eisdiele, als er zurück an die Theke trat und Matthis endlich aus seiner Versenkung befreite.
»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte der Revierleiter.
»Nicht, wenn man allen Gerüchten Glauben schenkt«, sagte der Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem gezwirbelten Schnurrbart. »Es heißt, unsere neuen Polizisten kämen nicht mehr für alles angefahren.«
»Das ist ein verbreiteter Irrglaube«, entgegnete Matthis bestimmt, ehe er seinen harten Tonfall milderte. »Sie haben am Telefon etwas von Falschgeld gesprochen?«
»Ja, in der Tat. Es ist zwar nur eine Lappalie, aber ich befürchte, dass so etwas nur der Anfang ist, und es sollte schnellstmöglich im Keim erstickt werden.«
»Von was genau reden Sie hier eigentlich?«
»Folgen Sie mir am besten nach hinten. Ich zeige es Ihnen«, antwortete der Eisverkäufer und ging voraus.
Zum Glück war Matthis allein zu der Eisdiele gefahren, dachte sich Georg. Denn das war schon ein gewaltiger Druck, mit dem sich sein Körper von all dem Zucker und Koffein befreite. Das alles hätte ihn zu einer Situation führen können, die durchaus das Potenzial hatte, mehr als nur peinlich zu enden.
Der Kommissar tupfte sich den Schweiß von der Stirn, als ein Alarm aus seiner unmittelbaren Nähe das Hafenviertel beschallte. Zuerst klang der Alarm in seinen Ohren dumpf aufgrund der blauen Plastikwände des Dixiklos um ihn herum und der körperlichen Anstrengung, der er im Moment ausgesetzt war. Doch dann intensivierte sich der Alarmton, und es schien, als käme er aus der direkten Nachbarschaft. Aber wer sollte über solch ein Alarmsystem verfügen, fragte sich der Kommissar. Das Fischgeschäft in ihrer Nachbarschaft hatte zwar einen neuen Besitzer bekommen, aber warum sollte er so ein Alarmsystem einbauen? Wovor sollte es den Laden schützen? Zumal Georg einen Einbruch ausschließen konnte, da der Laden um diese Uhrzeit normal geöffnet hatte. Nein, das konnte nicht sein. Was gab es noch in der Nachbarschaft? Das Café konnte er ebenfalls ausschließen. Die alte verlassene Lagerhalle dahinter hatte zwar ein Alarmsystem, aber wer hätte das denn aktivieren sollen? Zumal das Anwesen aktuell keinen Besitzer hatte und folglich nicht einmal mit dem Stromnetz verbunden war. Also nein, das war auch keine Option.
Es schien, als wäre der Alarm noch einmal lauter und schriller geworden. Oder lag es daran, dass er nicht mehr so stark presste? Georg schüttelte den Kopf. Das war es nicht. Der Alarm musste einen anderen Ursprung haben. Welche Arten von Alarmsystemen gab es denn?
Der Kommissar seufzte. Gab es etwa irgendwo ein Feuer und war das der Feuerwehralarm?
Georg kraulte sich das bärtige Kinn. Wäre das eine Option?, fragte er sich, ehe er daran dachte, wo sich die Feuerwehrwache überhaupt befand. Nein, diese lag in einem ganz anderen Stadtteil, das konnte er hier nicht hören. Oder doch? Vielleicht hörte er so gut, dass nur er in der Lage war, den Alarm zu hören. Super, Georg, eben.
»He, mach mal das Scheißding aus«, schrie jemand von der Straße aus.
Gut, das war hiermit ausgeschlossen. War es vielleicht ein städtischer Alarm? Vielleicht, weil es wirklich irgendwo brannte? Oder war es der Fliegeralarm? Gab es etwa schon wieder Krieg? Nein, das war es auch nicht. Dann ereilte Georg die Erkenntnis. Er schlug sich auf den blanken Oberschenkel. Dieser Alarm musste dem aufziehenden Sturm geschuldet sein. Vielleicht war er schneller im Anmarsch, als die Meteorologen ursprünglich angenommen hatten. Eventuell hatten die ersten Ausläufer bereits Land erreicht, weshalb die Leute zurück in ihre Wohnungen sollten.
Georgs Lächeln gefror. Moment, nein, das ergab auch keinen Sinn. Er befand sich immerhin draußen vor der Wache in einem Dixiklo. Wenn der Sturm bereits im vollen Gange wäre, müsste er hier drin doch etwas bemerken. Beim letzten Sturm hatte es das kleine blaue Klohäuschen regelrecht umgeschmissen. Gut, mittlerweile war es besser befestigt, aber nicht so, dass es jeden Sturm ohne zu wackeln überstehen würde. Nein, das konnte es also auch nicht sein.
Der Kommissar schüttelte den Kopf. Außerdem waren die städtischen Alarmsysteme viel voluminöser und zudem ein Stück von der Wache entfernt. Dieser Alarm war viel zu nah.
Es blieb ihm nur eine Möglichkeit übrig, um Gewissheit zu erlangen: Er musste nachsehen. Aber vorerst schlich sich da ein anderes brummendes Problem in den Vordergrund.
Matthis schüttelte in dem kleinen Hinterzimmer den Kopf. »Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber auf dieser Grundlage sehe ich noch keinen Anhaltspunkt für eine aufkeimende Verschwörung.«
»Das habe ich eigentlich nicht anders erwartet«, sagte der Eisverkäufer. »Deshalb habe ich Ihnen am Telefon nicht die exakte Summe meines Fundes genannt. Und was mache ich jetzt Ihrer Meinung nach damit? Oder was soll ich der Geschäftsleitung diesbezüglich erzählen?«
»Wir sollten aus dieser Angelegenheit nicht mehr machen, als sie schlussendlich ist. Sie haben in Ihrer Kasse eine gefälschte Zwei-Euro-Münze gefunden, das ist natürlich ärgerlich, aber glücklicherweise ist das kein allzu großer finanzieller Schaden.«
Der Eisverkäufer stemmte die Arme in die Hüften. »Also gedenken Sie, in dieser Angelegenheit nichts weiter zu unternehmen? Das könnte immerhin ein Testlauf gewesen sein und wenn wir uns nicht rechtzeitig darum kümmern, könnten die Fälscher etliche dieser Münzen in den Umlauf bringen.«
Matthis lockerte seine angespannte Körperhaltung. »Nein, ich habe nicht gesagt, dass ich diesbezüglich überhaupt nichts unternehmen werde. Ich muss selbstverständlich die Münze aus dem Umlauf nehmen und sie als Beweisstück sicherstellen. Dann wird die Münze an die Falschgeldstelle der Deutschen Bundesbank übergeben, die die Überprüfung, Verwahrung und Vernichtung vornimmt.«
Matthis warf einen erneuten Blick auf die Münze, die der Verkäufer auf dem Schreibtisch isoliert von all dem anderen Geld aus den Tageseinnahmen unter dem Schein einer Schreibtischlampe aufgebahrt hatte. »Ihnen steht es natürlich frei, eine Anzeige gegen unbekannt zu stellen. Jedoch sind die Erfolgsaussichten diesbezüglich äußerst gering. Schon allein der Tatsache geschuldet, dass der finanzielle Schaden mit zwei Euro als geringfügig anzusehen ist. Oder hatten Sie weitere solcher Münzen in Ihren Tageseinnahmen entdeckt?«
»Nein, ich habe tatsächlich alle Münzen vom gestrigen Umsatz sowie den Wechselgeldbestand der Tageskasse überprüft. Ich habe keine weitere dieser Münzen gefunden.«
»Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen«, erwiderte Matthis und nickte. »Und einen Verdacht, wer Ihnen diese Münze untergejubelt haben könnte, haben Sie wirklich nicht?«
»Nein, so genau kann ich oftmals nicht hinsehen. Es gibt Stunden, da haben wir, wenn es hochkommt, fünf Kunden, und dann haben wir wieder Stoßzeiten, in denen über hundert Kunden in der Schlange stehen. Da muss es schnell gehen, ansonsten brechen die meisten ab und wir bleiben auf unserem Eis sitzen.«
»Verstehe, aber ist es nachvollziehbar, wann diese Münze in Ihren Besitz kam?«
Der Mann nickte. »Sie befand sich in dem Tagesumsatz von gestern. Mir ist sie jedoch erst aufgefallen, als ich vorhin die Bankeinzahlung vorbereitet habe.«
»In Ordnung«, sagte Matthis und nahm die Münze an sich. Sie sah täuschend echt aus, jedoch verriet ihr zu geringes Gewicht sie prompt.
Der Eisverkäufer kratzte sich an der Schläfe. »Bevor Sie gehen: Ich kann mich da wirklich nur noch einmal wiederholen. Bitte nehmen Sie das nicht auf die zu leichte Schulter. Wenn die Fälscher merken, dass sie bei uns auf keinerlei Widerstand stoßen, kann es für viele Unternehmen wirklich eng werden.«
»Ich verstehe natürlich Ihre Angst. Wir leben in ziemlich unsicheren Zeiten, und doch haben wir hiermit noch keinen Anhaltspunkt, dass Norderney ins Visier einer Geldfälscherbande geraten ist. Die Münze kann auch einfach einem Ihrer Kunden auf dem Festland untergekommen sein. Sie sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich. Es kann also auch ein reiner Zufall gewesen sein, dass die Münze in Ihrer Kasse gelandet ist.«
Matthis trat aus dem kleinen Hinterzimmer und wollte sich schon wieder auf den Rückweg zur Wache machen, doch der Eisverkäufer mit dem gezwirbelten Bart ließ nicht locker. »Es kann aber genauso gut eine zielgerichtete Tat gewesen sein.«
Bei Georg hatte sich mittlerweile auch das letzte Härchen im Nacken aufgestellt. In dem kleinen, engen Raum herrschte ein Duft, der so manchen das Fürchten gelehrt hätte. Dazu kam dieser Lärm, der unentwegt an seiner Psyche nagte.
Der Alarm aus der Nachbarschaft beschallte zu seinem Bedauern immer noch das gesamte Hafenviertel. Was auch immer der Grund dafür war, er musste Schaulustige angezogen haben, denn der Kommissar hörte deutlich das Grummeln und Murren, das sich von der Hauptstraße aus zu ihm heranzog.
Er musste sich eingestehen, dass es ihm nun bedeutend besser ging. Womöglich hatte Matthis recht und er sollte in gewissen Situationen wirklich mehr auf ihn hören. Aber jetzt war der bayerische Polizist erst einmal sehr gespannt, welches Schauspiel ihn nun erwartete.
Als Georg die Tür aufriss, blieb er wie versteinert stehen, als er in die zahlreichen gespannten Gesichter auf dem Bürgersteig sah. Alle erwiderten stumm seinen Blick. Doch worauf sahen sie?, fragte sich der Kommissar und folgte zögerlich ihren Blicken.
»Mei, woas is jetzt des?«, grummelte der Kommissar und drehte den Kopf ganz langsam, als wäre er leicht zerbrechlich, zurück zur Menschenmenge. Keiner sagte etwas. Georg musterte die kleine Inselwache erneut. Hätte sie wenigstens in Flammen gestanden, so hätte er gewusst, was er nun zu tun hätte, aber so blieb ihm nichts anderes übrig, als zum dritten Mal analytisch die wild blinkende Wache ins Auge zu fassen.
»Hat jemand was gesehen?«, rief Georg. »Oder brennt’s? Riecht wer an Rauch?«
»Musst du doch wissen, was das bedeutet«, rief jemand aus der Menschenansammlung zurück. Jemand anderes fragte derweil lautstark, wer denn hier von der Polizei sei, während von irgendwo anders deutlich das Wörtchen Schwachkopf heranflog. Georg entschied sich, dieses Missverständnis zu beenden und in der Wache nach dem Ursprung des Alarmes zu suchen.
Vorsichtig schob der Kommissar die Schiebetür auf, die zu dem länglichen Pausenraum der L-förmigen Wache führte.
Beobachtet von zahlreichen Insulanern trat er über die Schwelle. Dort blieb er wie angewurzelt stehen, schnüffelte und bewegte den Kopf dabei energisch in alle erdenklichen Richtungen wie ein suchendes Trüffelschwein.
Georgs Blick fiel auf die beiden kleinen Verwahrungszellen. Dort gab es nichts, was die Störung verursacht haben könnte.
Behäbig setzte der Kommissar seine Suche fort. Als Nächstes stand der große, quadratische Hauptraum an. Nach wenigen Schritten stoppte er. In seinen Fokus rückte die kleine, sporadisch genutzte Verhörecke. Auch wenn er dort weder einen Brandherd noch eine sonstige Gefahrenquelle lokalisieren konnte, rückte der Bereich, der mit gräulichen Raumtrennern abgetrennt war, für einen Augenblick in den Mittelpunkt seiner Suche. Auch hier streckte er sein feines Näschen in die Höhe und schnüffelte. Selbstverständlich gründlich.
Doch es gab auch hier wie angenommen nichts Außergewöhnliches. Georg musste weiter. Zwei Schritte vor sich bekam er eine uneingeschränkte Sicht auf den kleinen Eingangsbereich. Auch dort konnte er nichts entdecken.
Georg inspizierte aus der Ferne die beiden Arbeitsplätze. Dabei entdeckte er, dass Matthis’ Monitor rot aufblitzte, ebenso wie eine kleine Deckenleuchte, die sich schräg versetzt über seinem Arbeitsbereich befand. Doch das war nicht alles. Sein hinterer Schreibtisch entpuppte sich als ein wahres Epizentrum von all dem Chaos um ihn herum, denn auch sein Monitor blinkte feuerrot.
Georg pirschte sich an seinen Bildschirm heran, als wollte er ihn in den nächsten Minuten erlegen. Als er sein Ziel erreicht hatte, rüttelte er an seiner Maus. Auf dem Bildschirm entdeckte er, dass ein Sicherheitsprogramm aufgeploppt war.
Georg las die Meldung: Alarm 004 – Jann-Berghaus-Straße. Was folgte, war eine Hausnummer, die ihm nichts sagte.
Was hatte das alles zu bedeuten?, fragte sich der Kommissar und klickte auf die einzige Schaltfläche, die er betätigen konnte. Der Alarm verstummte. Was immer ihn verursacht hatte, musste also an jener Adresse zu finden sein, schlussfolgerte der Kommissar, zückte sein Diensthandy und suchte nach der besagten Adresse.
Die klärende Erkenntnis ereilte ihn schneller als manch ein Donnerschlag. Er riss die Augen weit auf, sprang von seinem Schreibtischstuhl auf, hastete auf den Ausgang der Wache zu, ehe er kehrtmachte. Schwer polternd ging er zurück. Er holte seine Pistole aus der Schreibtischschublade und stürmte aus der Wache.
»Mei, der Caddy!«, rief er inbrünstig, vor den Augen der noch immer zahlreich anwesenden Insulaner.
Georg drehte um, eilte zurück in die Wache, legte seinen dicken schwarzen Wollschal um, zog einen Fahrradhelm auf und stürmte anschließend auf den Pausenraum zu. In einer der hinteren Verwahrungszellen hatten sie ihr Ersatzgefährt zum Aufladen angeschlossen. Der Kommissar zog den Stecker und schwang sich auf den Sattel seines E-Bikes.
Es schepperte ordentlich, als Georg beim Wenden in der Wache einen der Stühle ihres Pausentischs erfasste und dabei umwarf.
»Woas a Gelumpes«, war der nächste Aufruf, der den wartenden Insulanern zu Ohren kam. Direkt darauf folgte auch schon der nächste Schlag. Da hatte der Kommissar doch im Eifer des Gefechts vergessen, dass er die Schiebetür zur Terrasse hin nicht vollständig geöffnet hatte, ansonsten hätte es wohl kaum für diese lautstarke Kollision mit dem Holzrahmen gereicht.
Georg musste absteigen, durchatmen. Das alles war wirklich eine blöde Idee gewesen. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn er mit dem E-Bike aus der Wache geschossen wäre. Womöglich hätte der Höhenunterschied zum Rasen hin als eine Art Rampe fungiert. Was dann wohl wieder in der Tageszeitung gestanden hätte? »Kommissar stürzt mit Fahrrad auf dem Rasen vor der Wache, während die Holzbankfiliale überfallen wird«? Beginnen könnte solch ein Artikel dann mit Worten wie »Weit hatte er es nicht geschafft, während von den Tätern jede Spur fehlte«. Nein, so weit durfte es nicht kommen. Er musste sich besinnen und einen klaren Gedanken fassen.
Der Kommissar schob die Schiebetür auf.
Zahlreiche Blicke ruhten auf seinen Handlungen. »Es is ois in Ordnung. Hier gibt es nix zu sehen«, rief der Kommissar seinem Publikum zu, hob das Fahrrad über den Terrassenvorsprung, stieg auf und radelte davon.
3
»So an Scheiß«, grummelte der Kommissar, als er den kalten Wind auf der Haut spürte. Das war doch alles in der Planung von ihren Vorgesetzten so nicht ganz durchdacht. So wie es Politik eben meistens war. Welchen Sinn hatte es, zwei Polizisten mit nur zwei so unterschiedlichen Einsatzfahrzeugen auszustatten? Was erwarteten diese Herrschaften aus dem Polizeipräsidium denn, was sie damit im Ernstfall reißen könnten? Der Kommissar hatte seit Januar schon einen ganz rauen Hals, dank dieser beiden Fahrzeuge. Bei jedem Einsatz mussten sie raus, sich dem eisigen Fahrtwind stellen, um zu den teilweise doch sehr weit entfernten Einsatzorten zu gelangen. Das konnte so doch nicht weitergehen. Irgendetwas musste er sich einfallen lassen. Es konnte doch nicht angehen, dass er nach einer wilden Schießerei erst einmal ein Salbeibonbon lutschen musste, um überhaupt wieder eine Stimme zu bekommen.
Georg folgte dem Radweg an der Strandpromenade entlang. Erst jetzt bemerkte er, dass er sich vorhin wohl eher auf seinen biologischen Fluchtinstinkt verlassen hatte, um so niemanden aus der Menschentraube zur Seite bitten zu müssen. Objektiv betrachtet konnte dieser Radweg allerdings doch niemals die schnellste Route sein. Aber welche Option blieb ihm jetzt noch offen? Sollte er zurückfahren, womöglich wieder an der Menschenansammlung vorbei? Nein, die dachten doch sicherlich jetzt schon nichts Gutes über ihn. Diese Option war also raus aus der Verlosung.
Der Kommissar musste es anders lösen, dann musste er eben seinen Fehler über die Geschwindigkeit wieder ausbaden.
Obwohl er eifrig in die Pedale trat, dauerte es gefühlt eine Ewigkeit, bis sich überhaupt das Stadtgebiet zu seiner Rechten erstreckte.
Zum Glück kannte sich der Kommissar ein wenig in seiner neuen Heimat aus. Dem Wegweiser vor ihm musste er somit keine Beachtung schenken. Er wusste, dass der dort für das Museum stand. Hier wollte er noch nicht in das Stadtgebiet einbiegen.
Er fuhr weiter, trat dabei ordentlich in die Pedale, um sein Tempo zu erhöhen. Die Restaurants, Cafés und die unzähligen Strandkörbe flogen an ihm vorbei. Hier und da wich er Spaziergängern aus. Es gab einige erschrockene Rufe, aber die waren dem maskierten Kommissar im Einsatz so was von egal.
War das da gerade eben das historische Gebäude der Seenotrettung?, fragte er sich, als er daran vorbeischoss. Jetzt hatte er den Überblick verloren. War die Abzweigung zur Stadtmitte vor oder nach diesem Gebäude? Viel Zeit zum Sinnieren hatte er nicht, zumal sein Tacho fünfunddreißig Kilometer pro Stunde anzeigte. Das war deutlich mehr Speed, als der E-Caddy auf die Straße brachte. Dies war ein reiner Geschwindigkeitsrausch, in dem sich der bayerische Starermittler befand, und trotzdem erahnte er es. Er musste falschliegen. Die Abzweigung hätte wirklich längst kommen sollen. Und schon wieder stand für den Kommissar fest: Umkehren war keine Option. Denn es galt nach wie vor, dass er keine Zeit verlieren durfte. Er musste schnellstmöglich runter von dieser Promenade und zurück auf die Straße.
Er warf einen Blick hinüber, erkannte in der Ferne den Damenpfad an der Kreuzung zur Kirchstraße. Das wäre doch eigentlich gut, dachte er. Wenn er bereits dort drüben wäre, hätte er die Strecke doch schon fast geschafft.
Es gab also nur noch eine Lösung. Offroad. Er musste runter von dem Rad- und Fußweg, um den direkten Weg einzuschlagen. Der Kommissar reduzierte sein Tempo und steuerte vor den Augen zahlreicher Passanten auf die Wiese zu. Diese war von all dem Regen der letzten Tage weicher als angenommen. Der Dreck spritzte ihm von hinten gegen den Buckel. Ein ekliges, kühlendes Gefühl mit dem eisigen Wind des Meeres im Rücken.
Seine Räder versanken immer mehr in der Wiese. Er verlor dramatisch an Geschwindigkeit, bis er abrutschte und zur Seite umkippte.
Zum Glück war ihm dabei nichts passiert. Es galt die Devise: Mund abputzen, weitermachen. Georg schob sein Rad ein paar Meter, bis der Untergrund seiner Meinung nach wieder befahrbar war, dann schwang er sich hinauf und radelte weiter, bis das rote Straßenpflaster nur noch wenige Meter entfernt war.
Vollbremsung. Das ging gerade noch mal gut. Um ein Haar hätte er diesen hüfthohen Holzzaun übersehen. Wäre er morsch genug gewesen, wäre er einfach hindurchgebrettert oder hätte fliegen gelernt. Wir werden es wohl leider nie erfahren.
Aber wie sollte er nun das nächste Hindernis aus dem Weg räumen? Von beiden Seiten wucherte das frisch ausgetriebene Gestrüpp. Es gab also wieder nur eine Möglichkeit in seinen Augen. Er stieg ab, wuchtete sein Gefährt darüber, beobachtete, wie es schwer klappernd umfiel, ehe er selbst ein Bein über den Zaun schwang. Der Kommissar schimpfte. Hatte er wirklich gedacht, das Rad würde von allein stehen bleiben? Gut, für solche Fälle gab es einen Ständer, doch diesen hätte er eben ausklappen müssen und selbst dann wäre das Thema mit dem Fingerspitzengefühl wohl noch einmal heiß geworden, denn so wuchtig bearbeitet man eher Baumstämme, wenn man sie aus dem Boden reißen wollte, aber doch kein Fahrrad.
Egal, als Georg die Hürde überstanden hatte, hob er es auf, trat in die Pedale und versuchte, ein angemessenes Tempo aufzubauen. Was ihm gerade in der Fußgängerzone schwerfiel. Die Zurufe, die ihm dort zu Ohren kamen, waren alles andere als Anfeuerungsrufe, und trotzdem hatte er keine Zeit, sich zu erklären. Er musste weiter. Immerhin brauchte er sich keine Gedanken zu machen, dass irgendjemand ihn in seinem Aufzug erkannte. Die Polizeibeschriftung auf seinem E-Bike war wegen des Matsches und des Drecks nicht mehr zu erkennen, und er trug weder seine Uniform noch sonst eines seiner charakteristischen Merkmale offen. Sein langes, voluminöses Haar verbarg er unter seinem dunklen Fahrradhelm. Der braune, dichte Vollbart war gut eingepackt unter dem dicken schwarzen Wollschal, den er bis weit über die Nasenspitze gezogen hatte. Seine dunkle Jacke war wie alles an ihm schmutzig und nass. Aber das war schließlich nicht sein Problem, denn auf ihn warteten wichtigere Angelegenheiten. Und diese befanden sich nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Auf die besagte Jann-Berghaus-Straße war er eben eingebogen.
Ein ungutes Gefühl überkam ihn, als er sein Fahrrad an die Hauswand des hohen roten Backsteinhauses warf. War es der Stress, der ihm gerade auf den Magen schlug, oder waren die Spuren des letzten Abends doch noch nicht vollkommen beseitigt?
Er wollte nicht warten, nicht dass es noch schlimmer wurde und der Druck zurückkam, den er vor etwa einer Stunde erstmals in der Magengegend gespürt hatte. Denn eines stand für ihn fest: Wenn er schießen musste, dann aus seiner Heckler & Koch und nicht hinten raus.
Doch um auch in dieser Hinsicht auf Nummer sicher zu gehen, waren Eile und Arschbackenzusammenkneifen die beiden obersten Gebote, auch um den Tätern, die sich in der Bank bereits im Vorteil befanden, keine Möglichkeit für eine Geiselnahme zu bieten. Nur ein schnelles und sauberes Eingreifen konnte seiner Meinung nach die Täter irritieren und zur Aufgabe zwingen.
Georg nahm seine Pistole in die Hand, stürmte auf die Glasschiebetür zu, stolperte über den etwas unebenen Türabsatz und rumpelte schwungvoll in den Kundenempfangsbereich der Filiale. Er verlor einen Augenblick die Kontrolle, riss seine Hand nach oben. Ein Schuss löste sich. Die Patrone ging kerzengerade nach oben, schlug in der Decke ein, während Georg erschrocken entschied, sein Eintreffen den Tätern unverzüglich mitteilen zu müssen. Der gewiefte Kommissar entschied im Bruchteil einer Sekunde, den erstbesten Gedanken, der durch sein Sprachzentrum wanderte, in die Freiheit zu entlassen. »Alles fallen lassen!«, schrie er inbrünstig und gab alles mit einer rauen und vom Wind geplagten Stimme.
Die Lage war schlimmer eskaliert, als er es für möglich gehalten hätte. Alle um ihn herum, egal ob Angestellte oder Kunden, lagen – teilweise wimmernd – auf dem Boden. Was hatten sie nur mitansehen müssen? Die Armen. Immerhin wusste der Kommissar somit, dass er nicht zu spät war und die Täter noch immer vor Ort sein mussten.
»Wo san sie hi?«, brüllte der vermummte Mann zu den angstvoll am Boden kauernden Personen. Niemand traute sich, auch nur ein Wort zu sagen. Der Kommissar wiederholte sein dumpfes bayerisches Kauderwelsch. Mit dem exakt selben Tempo seines Herzschlages gelang es ihm, die kurzen vier Worte wie nahezu eines auszusprechen.
Ein Mann hinter dem Bankschalter lugte hinter seiner Deckung hervor. »Sie können alles haben«, rief er ihm zu, »aber bitte nehmen Sie die Waffe runter!«
»Wo san sie hi?«, erwiderte der Kommissar erneut und suchte systematisch die Kundenhalle ab. Irgendwo mussten sich diese Mistkerle doch versteckt haben. Womöglich lauerten sie ebenfalls auf den richtigen Moment, um das Feuer zu eröffnen. Georg konzentrierte sich, die Augen verformten sich dabei zu nicht mehr als zwei dünnen Schlitzen. Mit dem Schal bis weit über die Nasenspitze gezogen, musste er unberechenbar aussehen. Und ganz ehrlich, genau dieses Gefühl wollte er den Tätern auch vermitteln.
»Wer ist denn wo?«, rief ihm der Mann hinter dem Bankschalter zu.
»Mei, die Räuber! Wo haben sie sich verkrochen?«
Der Mann hinter dem Bankschalter traute sich ein Stück weiter über seine Deckung hinaus. »Sie scheinen der Erste zu sein. Ihre Komplizen sind noch nicht im Haus!«
»Woas? Naa, i doch net … I bin doch die Polizei! Ihr habt’s doch den Alarm gedrückt.«
Georg nahm die Waffe runter, lichtete seinen Schal und sah auf die immer noch am Boden kauernden Kunden.
»Was soll das denn für ein Alarm gewesen sein?«, fragte der Mann hinter dem Bankschalter. »Mein Name ist übrigens Kurt Wessels. Ich bin der Filialleiter. Von uns hat sicherlich niemand grundlos solch einen Alarm ausgelöst. Aber kommen Sie herum, wir sehen uns das genauer an.«
In Georgs Rücken kämpften sich die anwesenden Kunden zurück auf die Beine. Ein stetiges Murren entwickelte sich. Hätte Georg auf die Worte um ihn herum geachtet, wäre es ihm wohl ganz anders zumute geworden.
»Das ist seltsam«, sagte der Bankdirektor. »Sie scheinen recht zu haben. Bei uns wurde anscheinend wirklich ein stummer Alarm ausgelöst. Aber nicht über einen der Knöpfe an den Bankschaltern, sondern …«
Der Bankdirektor verstummte und schlug den Weg zu den hinteren Räumlichkeiten ein. Georg folgte ihm. Er sah dem drahtigen Mann zu, wie er hinter seinem Schreibtisch vor einem Monitor Platz nahm und etwas überprüfte.
Er nickte. »Der Alarm stammt wirklich aus meiner Filiale.« Kurt Wessels sah auf. »Sie müssen wissen, ein Alarm kann nicht einfach grundlos ausgelöst werden. Und doch scheint genau das hier vorgefallen zu sein.«
»Zeichnet das System net auf, über welchen Sensor oder Knopf der Alarm aktiviert wurde?«
»Doch, das tut es.«
»Ja, und?«
»Der Alarm wurde von meinem Computer aus ausgelöst, aber ich war in den letzten Stunden nicht hier hinten im Büro.«
»Mei, dann war des einer Ihrer Angestellten.«
Kurt Wessels schüttelte den Kopf. »Nein, so einfach ist das nicht. Mein Computer ist mit einem Code geschützt. Niemand meiner Angestellten kennt meinen ID-Code. Nicht einmal mein Stellvertreter.«
Georg sah die Möglichkeit, seinen Fehler auszubügeln. »Mei, Sie wissen schon, dass es a Straftat is, grundlos die Polizei zu verständigen?«
Kurt Wessels’ Blick verhärtete sich. »Bewaffnet und vermummt in eine Bankfiliale zu stürmen und dabei in die Decke zu schießen, zählt garantiert auch nicht zu den Kernkompetenzen eines Polizeibeamten, nicht wahr?«
»Mei, und jetzt?«, fragte der Kommissar.
»Ich würde vorschlagen, dass wir diesen Vorfall wohl besser unter uns behalten!«
Mit dem einkehrenden Frühling wird Norderney von einem starken Sturm bedroht, der die Insel drei Tage vom Festland abschneidet. Während die Insulaner die nötigen Vorkehrungen treffen, werfen einige seltsame Ereignisse ihre Schatten voraus. Als dann während des aufziehenden Sturms die Bank überfallen und der Bankdirektor tot im Tresorraum aufgefunden wird, ist das Chaos endgültig zurück auf Norderney. Matthis und Georg ist klar, dass die Täter auf dem Eiland festsitzen müssen – aber nur noch wenige Tage. Die beiden erfahrenen Ermittler müssen alle Hebel in Bewegung setzen, um den Fall unter den besonderen Umständen und innerhalb kürzester Zeit zu lösen, bevor sich die Täter mit ihrer Beute für immer absetzen können …
weniger anzeigen expand_lessVersandkostenfreie Lieferung! (eBook-Download)
Als Sofort-Download verfügbar
- Artikel-Nr.: SW9783690909709458270
- Artikelnummer SW9783690909709458270
-
Verlag
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
- ISBN 9783690909709