Die Goldenen Zwanziger und das Danach - ein stimmungsvoller Roman

Wir haben es hier mit keiner Biografie zu tun. Charlotte Roth hält sich nah an die bekannten Teile von Nehers Biografie, schmückt diese aber breit aus. Wie immer geht es ihr nicht darum Fakten, sondern auch Stimmungen zu vermitteln. Mit Carola Neher greift sie ein Thema auf, dass sich in vielen ihrer historischen Romane findet: „[...] Kind einer neuen Zeit zu sein und Wege zu gehen, die erst ins Dickicht geschlagen werden mussten und die vor ihr noch niemand gegangen war.“ (Auszug aus: Charlotte Roth, Die Königin von Berlin. Sie war die Muse von Bertolt Brecht. E-Book-Ausgabe)

Obwohl Carola Neher doch eine eigenständige Figur sein soll, haften ihr viele Merkmale an, die auch die weiblichen Hauptfiguren in Roths anderen Romanen haben: die Fröhlichkeit und Lebenslust, der unbedingte Wunsch, Ziele zu erreichen und der gewisse Hauch von Egoismus, der für dafür notwendig ist, ein ausgeprägter Lebenswille.

Und trotzdem schafft es auch dieser Roman wieder, mich zu packen. Es gibt ein Dreiecksverhältnis und eine unglaublich traurige Geschichte, bei der Brecht übrigens nur noch eine Nebenrolle spielt. Und schließlich bedingen die historischen Rahmenbedingungen einen Bruch in Nehers Biografie:

„Für euch Nachgeborene ist das nicht leicht zu begreifen«, sagte sie. »Eure Lebensgeschichten sind glatt, man kann sie heruntererzählen, ohne Luft zu holen.“ (Auszug aus: Charlotte Roth, Die Königin von Berlin. Sie war die Muse von Bertolt Brecht. E-Book-Ausgabe)

Es ist nicht nur spannend, Carola Nehers Aufstieg als Schauspielerin zu verfolgen, sondern auch mit ihr durch die Goldenen Zwanziger zu gehen, eine Zeit, in der alles möglich scheint. Umso epochaler wirkt der plötzliche Umbruch mit der Machtergreifung von Hitler. Auch hier schafft Roth es wieder überaus gekonnt allein durch die Stimmung, die sie in ihrem Roman aufbaut, dieses Umbruchsgefühl zu vermitteln. Von Lebenslust und Freude, von dem Goldenen Jahrzehnt, bleiben am Ende nur gebrochene Biografien.

Verglichen mit Charlotte Roths bisherigen Romanen steht „Die Königin von Berlin“ für mich nicht an der Spitze. Dazu sind zu viele Elemente und Stilmittel in diesem Roman einfach schon zu oft in anderen Geschichten angewendet und konnten mich nicht mehr überraschen. Trotz allem bleibt „Die Königin von Berlin“ ein Buch mit stimmungsvoller Atmosphäre, das ich in einer Top-Ten über historischen Romane über die Goldenen Zwanziger weit oben ansiedeln würde.

 

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