Wir kommen aus Sowjetrussland

Als Bernhard Kellermann 1948 Moskau und Leningrad besucht, erlebt er ein Land im Aufbruch: Aus den Trümmern des Krieges erhebt sich ein neues Russland, geprägt von Wiederaufbau, technischem Fortschritt und einem tiefen gesellschaftlichen Wandel. Mit neugierigem Blick und literarischer Präzision schildert er Begegnungen mit Schriftstellern, Arbeitern und Ingenieuren, beschreibt den monumentalen Ausbau der Städte und entdeckt eine Gesellschaft, die sich selbst neu erfindet. Dieser Reisebericht ist nicht nur ein literarisches Zeitzeugnis, sondern auch ein faszinierender Einblick in das Selbstverständnis der jungen Sowjetunion kurz nach dem Krieg –... alles anzeigen expand_more

Als Bernhard Kellermann 1948 Moskau und Leningrad besucht, erlebt er ein Land im Aufbruch: Aus den Trümmern des Krieges erhebt sich ein neues Russland, geprägt von Wiederaufbau, technischem Fortschritt und einem tiefen gesellschaftlichen Wandel. Mit neugierigem Blick und literarischer Präzision schildert er Begegnungen mit Schriftstellern, Arbeitern und Ingenieuren, beschreibt den monumentalen Ausbau der Städte und entdeckt eine Gesellschaft, die sich selbst neu erfindet.

Dieser Reisebericht ist nicht nur ein literarisches Zeitzeugnis, sondern auch ein faszinierender Einblick in das Selbstverständnis der jungen Sowjetunion kurz nach dem Krieg – zwischen Stolz, Fortschrittsglaube und sozialistischem Idealismus.



Wir kommen aus Sowjetrussland

Das neue Russland

Moskau 1907–1928–1948

Ein Palast der Pioniere

Der neue russische Mensch



Einen der stärksten Eindrücke haben auf mich in Russland die sogenannten Paläste der Pioniere gemacht.

Was aber ist ein Palast der Pioniere?

Jeder Russe, dem diese Einrichtung von Kindheit an vertraut ist, wird uns ohne Zögern erklären, dass es sich dabei keineswegs um Pioniere oder Soldaten irgendeiner Art handelt, sondern um Erziehungsinstitute für Jugendliche, wie es deren in jeder kleineren und größeren Stadt Russlands gibt. Leningrad besitzt davon acht, und in Moskau befindet sich in jedem Stadtviertel ein solcher Palast der Pioniere, sie sind über das ganze Land verbreitet. Diese Institute haben die Aufgabe, die eigentliche Schule zu ergänzen und junge Menschen, Knaben und Mädchen im Alter von acht bis vierzehn Jahren, in die verschiedensten Berufe einzuführen, sie mit ihnen vertraut zu machen, bis zu dem Grade, wo die fachliche und berufsmäßige Ausbildung beginnt.

Ich habe in Leningrad viele Stunden lang einen Palast der Pioniere besichtigt, der etwa 30 Säle und Unterrichtsräume enthält und in einem ehemaligen Palais des Zaren oder eines Großfürsten untergebracht ist.

Es gibt dort Tischlerwerkstätten mit einigen Dutzenden von Hobelbänken, Schlossereien mit einer Reihe von Drehbänken und allen erforderlichen Werkzeugen, mustergültige Werkstätten für Fotografie. Die Wände des Lehrsaals für Fotografie waren mit entsprechenden Aufnahmen der Schüler geschmückt, Dunkelkammern mit Reihen von Spülbecken zeigten an, dass die Schüler in allen Einzelheiten der Fotografie ausgebildet werden. In einem Saal war eine komplette elektrische Bahn aufgebaut, mit Stellwerken und allen Signalen. Die Schüler konnten die Bahn selbst bedienen und sich einen Einblick in den Betrieb und die Sicherheiten des Bahnverkehrs verschaffen.

Ein Saal war dem Flugzeug gewidmet, verbunden mit einem Raum für den Bau von Flugzeugmodellen. Hier war das von den Schülern konstruierte Modell eines Doppeldeckers zu sehen, das, mit einem Miniaturmotor versehen, den Rekord im Weitflug hält, 200 Kilometer. Gewiss eine beachtliche Leistung!

Hier gab es Säle und Unterrichtsräume für Schiffsbau, Bauwesen, Motoren- und Automobilbau, mit auseinandergenommenen Motoren, für Zeichnen und Malerei, Bildhauerei, für Musikausbildung und Schauspielkunst, für Geografie und Astronomie, für Radio und Telegrafie, wo die Schüler sich mit Telegrafenämtern in Verbindung setzen können – kurz, Säle und Unterrichtsräume für alle nur erdenklichen Berufszweige.



Bernhard Friedrich Wilhelm Kellermann (*4. März 1879 in Fürth; †17. Oktober 1951 in Klein Glienicke bei Potsdam) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Abgeordneter. Sein bekanntestes Werk ist der Roman Der Tunnel (1913), ein internationaler Bestseller, der millionenfach verkauft, in 25 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurde.

Kellermann studierte zunächst an der Technischen Hochschule München, später Germanistik und Malerei. Schon mit seinen frühen Romanen Yester und Li (1904) und Ingeborg (1906) gelang ihm der Durchbruch. Es folgten Reiseberichte aus den USA und Japan, die seine Beobachtungsgabe und literarische Vielfalt unter Beweis stellten.

Der Erste Weltkrieg prägte ihn tief: Als Kriegsberichterstatter veröffentlichte er Reportagen vom Frontgeschehen. Mit seinem gesellschaftskritischen Roman Der 9. November (1920), der den Umbruch am Ende des Krieges thematisiert, zog er sich den Hass der Nationalsozialisten zu – das Buch wurde 1933 verboten und verbrannt, Kellermann aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen.

Nach 1945 engagierte er sich in der jungen DDR stark für kulturelle und politische Fragen. Gemeinsam mit Johannes R. Becher gründete er den Kulturbund, wurde Abgeordneter der Volkskammer und Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Für seinen Roman Totentanz erhielt er 1949 den Nationalpreis der DDR. In Westdeutschland hingegen geriet sein Name durch Boykottaktionen weitgehend in Vergessenheit.

Kellermann war zweimal verheiratet: 1915 mit der US-Amerikanerin Mabel Giberson (†1926) und ab 1939 mit Else „Ellen“ Michaelis, die nach seinem Tod seine Werke herausgab.

Bernhard Kellermann hinterließ ein vielseitiges Werk aus Romanen, Erzählungen, Reisebüchern und Reportagen. Er ruht auf dem Neuen Friedhof in Potsdam.

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Ein Blick ins Buch

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  • Artikelnummer SW9783689126056458270.1
  • Autor find_in_page Bernhard Kellermann
  • Verlag find_in_page EDITION digital
  • Veröffentlichung 14.10.2025
  • Barrierefreiheit
    • Barrierefrei nach: EPUB Accessibility Spec 1.1
    • Aussehen von Textinhalten kann angepasst werden
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  • ISBN 9783689126056

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